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Veranstaltungen: Dokumentation

14.7.2004 | Von:
Prof. Dr. Hansjörg Küster

Manipulierte Natur - humanisierte Natur

Thesen von Prof. Dr. Hansjörg Küster

In seinen Thesen zum Streitgespräch "Manipulierte Natur - humanisierte Natur" erläutert Prof. Dr. Hansjörg Küster, warum Landschaftsplanung auch immer die gute Kenntnis des Ökosystems in einem Raum voraussetzt.

Als Biologe beschäftige ich mich mit der Landschaft, in der die Tiere und Pflanzen leben, die vom Menschen gestaltet wird und in der aber weiterhin natürliche Prozesse ablaufen. Natur ist immer ein Prozess der Veränderung: Lebewesen entstehen, wachsen, vergehen; neue Arten von Lebewesen entwickeln sich, einige verdrängen andere, einige werden seltener, einige sterben aus.

Diese Vorgänge beobachtet man, indem man sich ganz im Sinne der "Landschafter", der Künstler des 18. Jahrhunderts, Bilder von der Natur macht, die Momentaufnahmen sind - diese Momentaufnahmen sind die Landschaften, die im Kopf weiter verarbeitet werden. Wir brauchen diese Momentaufnahmen, um Natur erklären zu können. Wir entwickeln daher ein "zeitloses Bild von Natur" als Basis der Beschreibung. Wir müssen uns dabei aber im Klaren darüber sein, dass Natur in Wirklichkeit nicht zeitlos ist. Natur, Ökologie und Ökosystem haben immer eine zeitliche Dimension. Wir können nichts festhalten, alles ist in Bewegung. Stabil bleiben nur unsere Wunschvorstellungen von Landschaft, die in unserem Kopf vorhanden ist – oder auf eine Leinwand gemalt werden können.

Landschaft und Natur müssen unablässig beobachtet werden, um den Wandel richtig zu erfassen. Erst in zweiter Linie kann es notwendig sein, Landschaft zu planen. Natur dagegen lässt sich nicht planen. Sie läuft ab, ob wir die damit zusammenhängenden Entwicklungen nun beeinflussen oder nicht. Beobachtung kommt in unserem heutigen Umgang mit Natur und Landschaft ganz weitgehend zu kurz; vielmehr fangen wir häufig sofort mit der Planung an, ohne genau zu wissen, in welchem Raum wir planen – oder Kunst entwerfen.

Wenn die Entwicklung der Natur in einem Raum gut bekannt ist, kann mit der Planung begonnen werden. Dabei lassen sich alle natürlichen Entwicklungen nicht planen. Die Natur lässt sich auch nicht schützen – oder nur dann, wenn wir sie kompromisslos gewähren lassen. Dies ist aber nicht im Sinne sehr vieler Menschen. Ihnen kommt es viel stärker darauf an, dass ein Zustand erhalten bleibt, der als schützenswert erkannt wurde. Als Zustand lässt sich die Landschaft schützen, aber nicht die Natur. Daher ist der Ausdruck Naturschutz falsch gewählt; dabei kommt es meistens nicht darauf an, den natürlichen Wandel zu ermöglichen, sondern das zeitlose Bild von Natur, die Landschaft oder eigentlich die Illusion, zu schützen.

Dieser Schutz erfordert Einsatz des Menschen. Der Mensch muss nämlich, um eine Landschaft als Zustand zu schützen, gegen die Veränderungen der Natur vorgehen. Bäume und Gras müssen geschnitten werden, oder man muss Tiere "einsetzen", damit eine Landschaft regelmäßig beweidet wird. Der Schutz der Landschaft besteht auch nicht im objektiven Sinne; vielmehr kommt es darauf an, möglichst viele Menschen zusammenzubringen, die etwas über Natur und Landschaft eines Gebietes wissen. Diese Menschen sollten sich darüber verständigen, welche Landschaft geschützt werden sollte und wie dies am besten zu machen ist.

Auf diese Weise, durch einen kulturellen Kompromiss, ist Nachhaltigkeit in einer Landschaft zu verwirklichen. Denn in den kulturellen Kompromiss gehen ökologische, ökonomische und soziale Interessen ein; Nachhaltigkeit ist damit ein kulturelles Ziel, keine mathematisch oder andersartig vorgegebene naturwissenschaftliche Funktion. Das Prinzip der Nachhaltigkeit war einmal aus wirtschaftlichem Interesse formuliert worden. Hannß Carl von Carlowitz formulierte dieses "Credo" der deutschen Forstwissenschaft in seiner 1713 erschienenen Sylvicultura oeconomica als den Grundsatz, dass einem Wald nur so viel Holz entnommen werden darf, wie zur gleichen Zeit nachwächst.

Der Wunsch, Nachhaltigkeit zu wahren, kann heute aber auch aus anderen Gründen bestehen: Aus kulturellen Gründen ist es vielen Menschen wichtig, dass eine Landschaft so erhalten bleibt, wie sie diese einmal kennen gelernt haben; in dieser Form hat sie einen Wiedererkennungswert für sie, trägt zu ihrer Identifikation bei.

Mein persönlicher Zugang zu Landschaft geht von der Beschreibung der Landschaftsgeschichte aus. Ich habe Ablagerungen von Pollen (Blütenstaub) in Mooren untersucht. In den Mooren bildet sich jedes Jahr ein wenig Sediment, ein wenig Torf. Blütenstaubkörner, die aus der Umgebung eines Moores in das Moor hineingeweht werden, bleiben im wachsenden Torf über Jahrtausende erhalten. Untersucht man die Pollenkörner Schicht für Schicht, kann man den allmählichen Wandel der Landschaft durch natürliche Veränderungen erfassen. Man kann aber auf diese Weise auch erfahren, wie lange bereits Ackerbauern in einer bestimmten Gegend tätig sind; Ablagerungen von Getreide-Pollenkörnern verraten einem dieses.

Ich habe einige Bücher geschrieben, in denen die Erkenntnisse aus diesen und anderen landschaftsgeschichtlichen Untersuchungen zusammengefasst sind, darunter "Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa", erschienen beim Beck Verlag in München (mittlerweile in der 3. Auflage). Verfasst habe ich auch eine "Geschichte des Waldes", erschienen ebenfalls bei Beck in München, nun in der 2. Auflage. Mein Buch "Die Ostsee" ist im Juli 2004 in der 2. Auflage erschienen (auch bei Beck). Ferner habe ich mit meinem Bruder Ulf Küster (er ist Kunsthistoriker) ein Buch mit Texten zu Natur und Landschaft im 18. Jahrhundert in der "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" herausgegeben; es hat den Titel "Garten und Wildnis".

Meine Untersuchungen gehen in aktuelle Forschungen und den Unterricht an der Hochschule ein; ich bin Professor für Pflanzenökologie an der Universität Hannover. Eine wichtige Grundlage für meine Ökologie-Vorlesungen ist die Erkenntnis, dass sich Ökosysteme beständig wandeln. In unseren wissenschaftlichen Traditionen haben wir aber die statischen Modelle, die Natur, Ökosysteme und Landschaften erklären. Wichtige Vorbilder für diese Modelle, die wir bis heute als Argumentationsunterlagen für Forschung und Lehre einsetzen, stammen aus dem 19. Jahrhundert. Alexander von Humboldt und andere entwickelten sehr wichtige Grundlagen für diese Modelle, die zeitlosen Bilder von Natur.


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