Veranstaltungen: Dokumentation

Manipulierte Natur - humanisierte Natur

Einleitende Moderation von Eckhart Gillen

14.7.2004
In seiner Einführung umreißt Eckhart Gillen das Verhältnis von Mensch, Kunst und Natur am Beispiel verschiedener Landschaftsmaler aus dem 19. und 20. Jahrhundert und einiger ökologischer Debatten der jüngsten Zeit.

Das Problem der Umwandlung von Industriebrachen, Tagebaulandschaften und stillgelegter landwirtschaftlicher Nutzflächen (Freizeitpark Ostdeutschland) in Erholungsgebiete wird neuerdings erweitert um die Frage, wie wir mit dem Problem der "schrumpfenden Städte" in den neuen Bundesländern umgehen sollen. Ein Vorschlag zielt auf Abriss von Häuserblocks mit Leerstand und die Anlage von "Naturinseln" mitten in der Stadt.

So stellt sich immer wieder die Frage nach unserem Verhältnis zur Natur, die uns in Mitteleuropa stets als Kulturlandschaft, als von menschlicher Hand geformte und permanent veränderte Natur erscheint. Im 19. Jahrhundert sah man in der Überwindung roher Natur und in ihrer restlosen Zivilisierung und Industrialisierung das künftige irdische Paradies. Natur wurde seither bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nur noch als Rohstoff unter rein ökonomischen und gesundheitspolitischen Vorzeichen betrachtet.

In der DDR sah man im aufgeklärt-pädagogischen Gartenreich von Wörlitz, dem ersten englischen Park auf dem Kontinent, das historische Modell einer ökonomisierten Natur im Sinne der Planwirtschaft.

Heute dagegen wird im neuen Bundesnaturschutzgesetz der "Eigenwert" der Natur ausdrücklich anerkannt. Fast 90 Prozent der Deutschen sind überzeugt vom Lebensrecht der Pflanzen und Tiere. Zwei Drittel glauben, dass die Natur ohne den Menschen in Harmonie und Frieden existieren könnte. Diese romantisierende Sichtweise gilt als typisch deutsch. Nirgendwo sonst herrschte Anfang der 80er Jahre solche Panik angesichts des "Waldsterbens", das dagegen in Frankreich bis heute ein Fremdwort geblieben ist.

Die Ausstellung "Natur als Vision" mit Landschaftsmalerei der englischen Präraffaeliten, die Anlass für dieses Gespräch ist, zeigt den Abschied von der Visualisierung einer idealen, zeitlosen Natur in Gestalt der klassischen Landschaftsmalerei zu einer Sicht auf die Natur, die einer Momentaufnahme entspricht. John Ruskin, Kunstkritiker und Wissenschaftler gab den Präraffaeliten auf den Weg: "nichts ablehnen, nichts auswählen, nichts verachten". Die Idee der Natur als Schöpfung wurde durch Charles Darwins Evolutionstheorie ("Of the Origin of Species", 1859) hinfällig und ersetzt durch die Vorstellung jahrmillionenlanger Anpassungs- und Veränderungsprozesse, die nie wieder in ein abgeschlossenes, ewiges Bild der Natur münden werden.

Die Maler richten nun zusammen mit Geologen und Botanikern ihr Augenmerk auf die Erscheinungsformen der Gebirge und Pflanzen, die zum gegenseitigen Nutzen mit Äußerster Präzision beobachtet und penibel wiedergegeben werden.

In Deutschland fanden die künstlerischen und wissenschaftlichen Sichtweisen auf die Natur in der Person von Carl Gustav Carus, der als Maler, Arzt und Naturforscher tätig war, zusammen. In seinen "Neun Briefen über Landschaftsmalerei" (zwischen 1815 und 1824) propagierte er eine Erneuerung der Landschaftsmalerei durch die Bindung der Kunst an die Wissenschaft. Als Wissenschaftler und als Künstler war er wie Ruskin und die Präraffaeliten Empiriker, dem es um das exakte Beobachten und Erfassen aller Einzelheiten der Naturerscheinungen ging. Die Erfindung der Fotografie (William Henry Fox Talbot 1800-1877: "The Pencil of Nature") förderte diese Entdifferenzierung zwischen "wichtig" und "weniger wichtig", dieses unhierarchische Nebeneinander von Kathedrale und Sandkorn. Die Maler benutzten das neue Medium unbefangen als Studienmaterial.

Auch wenn Carus wie Ruskin ihre fragmentarischen Beobachtungen doch noch in ein neues kohärentes System zwingen wollten, in dem sich wieder eine die materiellen Dinge transzendierende ideale Natur herauskristallisieren sollte, zeugen Gemälde wie "Der Mönch am Meer" (1808-1810) von Caspar David Friedrich von einem Bewusstsein für die längst unüberbrückbar gewordene Kluft zwischen Mensch und Natur. Auf diesem bewusst nicht symmetrisch komponierten Gemälde beginnt sich das Ordnungslose als ein ästhetischer Wert an und für sich durchzusetzen. Der Blick des Betrachters findet nirgends einen Halt: kein Segelschiff, kein Mond, kein Morgenstern lenken ab von der unendlichen Leere und Einsamkeit, in der der Kapuzinermönch sich seiner Isolation angesichts einer fremd gewordenen Natur bewusst wird. Der Bühnenraum des konventionellen Strand- und Seestücks wird zur abstrakten Projektionsfläche (Sand, Wasser, Himmel). Die Natur ist hier nicht einladend, sie hält den Betrachter auf Distanz. Heinrich von Kleist empfindet in seinem Kommentar zum Bild schmerzhaft die Differenz, zwischen dem "Anspruch, den das Herz macht" und dem "Abbruch, [...] den einem die Natur tut". Die sentimentalen menschlichen Projektionen auf die Natur laufen ins Leere.

Auch Gerhard Richters nach Fotoreproduktionen entstandenen Gemälde wie "Seestück (Gegenlicht)" (1969) oder "Familie am Meer" (1964) sind entweder ein Ausschnitt einer See- oder Meereslandschaft, die als abstrakte Projektionsfläche beliebig einsetzbar ist als Fond für eine Produktwerbung oder das fotografierte Klischee einer glücklichen Familie vom Urlaub am Meer. Er bekennt sich konsequent zur Fotografie, die für ihn als Medium bereits die Botschaft ist, und die, ohne Stil, Komposition und Urteil, ihn "vom persönlichen Erleben" befreit. Seine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem "Wahrheitsgehalt" jeder malerischen Wiedergabe von Natur lässt ihn nach bereits vorhandenen fotografischen Reproduktionen von Natureindrücken greifen, die er abmalt. In sein Tagebuch notiert er 1986: "Meine Landschaften sind ja nicht nur [...] romantisch oder klassisch anmutend wie verlorene Paradiese, sondern vor allem 'verlogen' [...], und mit 'verlogen' meine ich die Verklärung, mit der wir die Natur ansehen, die Natur, die in all ihren Formen stets gegen uns ist, weil sie nicht Sinn, noch Gnade, noch Mitgefühl kennt, weil sie [...] absolut geistlos, das totale Gegenteil von uns ist, absolut unmenschlich ist. Jede Schönheit, die wir in der Landschaft sehen, [...] ist unsere Projektion [...]."

Richter polemisiert gegen die Vorstellung der Natur als ideale, heile Gegenwelt zur Zivilisation seit der Industrialisierung. "An der Brust der gewaltigen Natur" (Gottfried Keller) suchte man Trost angesichts rauchender Schlote. Typisch für die Deutschen ist ihre Sehnsucht nach einer geordneten, sauberen, schönen Natur. Der Präsident des Deutschen Naturschutzrings, Hubert Weinzierl, äußerte einmal verwundert, nirgendwo herrsche "eine penetrantere Ordnung in Wäldern und Flüssen", werde "die Gerade und die Sauberkeit so pervers zelebriert wie bei uns. Elias Canetti stellte in seiner Studie "Masse und Macht" fest: Die Deutschen lieben den Wald. Heer und Wald waren für sie auf jede Weise zusammengeflossen. "Das Schroffe und Gerade der Bäume nahm er sich selber zur Regel."

Im Nationalpark Bayerischer Wald wurde beispielsweise in den 80er Jahren erbittert darüber gestritten, ob ein durch Stürme, mehrere trockene Sommer und darauffolgenden Borkenkäferbefall verwüstetes Waldstück geräumt und neu angepflanzt werden oder, wie der frühere Leiter des Nationalparks, Hans Bibelriether, entschied, den Selbstheilungskräften der Natur überlassen werden soll. Während im toten Holz bereits Büsche, Gräser, winzige Ebereschen, Buchen und Fichten von der lichtüberfluteten freien Fläche profitierten, sprachen andere von "...kofaschismus", der eine "Kulturlandschaft" gewaltsam zu einem Urwald umbauen will, in dem man nicht mehr "die Seele baumeln lassen" könne.

Unser vertrauter Erfahrungshorizont ist nun einmal die "gepflegte Kulturlandschaft", eine von Menschen gestaltete ländliche Szenerie aus Feld, Wald und Wiesen. Diese kontrollierte Wildnis spiegele, laut Sigmund Freud, auch die Zähmung der inneren Triebhaftigkeit. Doch Natur, sagt Karl Friedrich Sinner, Bibelriethers Nachfolger als Nationalparkleiter, sei "ein wildes, nicht geplantes und nicht gepflegtes Wachsen", das weder für den Menschen gemacht noch auf ihn angewiesen ist. Der Mensch aber wünscht sich die aus Kindheit, Märchen und nicht zuletzt aus der Landschaftsmalerei vertrauten Naturbilder zurück und betreibt daher Naturschutz als Konservierung von Landschaftsbildern.


 

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