Veranstaltungen: Dokumentation

Argumentationstraining gegen Stammtischparolen

Dr. Klaus-Peter Hufer

10.3.2004
Wie reagiert man auf Stammtischparolen? Ein Beitrag zur Konferenz "Zukunftsverantwortung".

Eine Pädagogik der Belehrung verfehlt beim Thema "Fremdenfeindlichkeit" weitgehend ihre Wirkung. Denn einmal kommen die, "um die es geht", sowieso nicht. Und zum anderen wollen diejenigen, die sich im Alltag gegen Rechtspopulismus engagieren möchten, vor allem wirkungsvolle Verhaltensweisen lernen. Darüber hinaus besteht bei der Erforschung von Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus u. ä. weitgehend Übereinstimmung darin, dass diese "aus der Mitte der Gesellschaft" heraus kommen.

Von diesen grundlegenden Erfahrungen und Erkenntnissen geht das Argumentationstraining gegen Stammtischparolen aus. Bei ihm werden populistische politische Äußerungen, Schlagwörter und Parolen auf ihre emotionale Wirkung, ihren inhaltlichen Kern, die Gründe ihres Aufkommens, ihre politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen sowie eventuelle Gegenstrategien hin überprüft. Geübt wird, die eigene Position argumentativ – auch gegen Widerstände – zu vertreten.

Thema des Seminars sind "Stammtischparolen", das ist ein Stellvertreterbegriff für im Alltag aufkommende aggressive, zugespitzte, ausgrenzende und diskriminierende sowie schlagwortartig vorgebrachte Äußerungen. Im Kern drehen sie sich um die Themen Ausländer/Einwanderung, Asylpolitik, Arbeitslosigkeit, NS-Vergangenheit, Antisemitismus, Sexismus. In Rollenspielen werden die Parolen diskutiert, die am meisten herausfordern und provozieren. Anschließend wird die Gespräche ausgewertet, und es werden wirkungsvolle Handlungsmöglichkeiten und Reaktionsweisen sowie argumentative und inhaltliche Gegenpositionen gesucht bzw. ausprobiert.

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben Gelegenheit, gemeinsam ihre politischen Deutungen auszutauschen, erlebte Provokationen mitzuteilen, vielfach gehörte politische Erklärungsmuster zu erörtern und auf ihre Problematik und Gefahr hin zu bedenken. Geklärt werden die Psychologie von Vorurteilen, Gründe füraggressives Verhalten und Autoritarismus sowie die Nähe der Parolen zum Rechtsextremismus.

Das Argumentationstraining gegen Stammtischparolen arbeitet im Vor- und Umfeld des Rechtsextremismus. Es ist ein von den Teilnehmenden weitestgehend selbstbestimmtes Seminar, bei dem der Leiter/die Leiterin in erster Linie moderierend, aber auch bedarfsweise informierend und erklärend wirkt. Trotz der dezidierten und unmissverständlichen Zielrichtung des Trainings gibt es keine inhaltlichen und handlungsanleitenden Vorgaben durch die Seminarleitung. Es ist eine Lernform politischer Bildung, die teilnehmer- und nicht kursleiterzentriert angelegt ist.

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sollen ermuntert werden zu intervenieren und bei öffentlich und lautstark geäußerten populistischen Parolen ihren Widerspruch zu artikulieren. Das Argumentationstraining ist eine Veranstaltung, die Partei ergreift (für Zivilität und Humanität, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus).

Am Ende eines Trainings haben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen gemeinsam eine Reihe von Gegenstrategien beim Aufkommen von Stammtischparolen erarbeitet und erprobt. Sie haben dann erfahren, dass es eine plausible Erklärung gibt, warum Stammtischparolen geäußert werden. Diese "objektiven" Gründe entlasten von einem individuell zugewiesenen Versagen und erleichtern daher die Intervention im Alltag.

Das Argumentationstraining gegen Stammtischparolen ist vielfach eingesetzt und erprobt worden: in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung in unterschiedlicher Trägerschaft, in diversen NGO-Gruppen, der Lehrerfortbildung, Polizeiakademien und in der betrieblichen Ausbildung. Dieses nachgefragte Seminar leistet sicherlich auch einen wichtigen Beitrag zur Förderung einer konfliktfreien interkulturellen Kommunikation in Wirtschaftsunternehmen.

Literatur

Hufer, Klaus-Peter: Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Materialien und Anleitungen für Bildungsarbeit und Selbstlernen, Schwalbach/Ts, 200, 4. Aufl. 2001

Hufer, Klaus-Peter: Argumentationstraining gegen Stammtischparolen, in: Klaus Ahlheim (Hrsg.): Intervenieren, nicht resignieren. Rechtsextremismus als Herausforderung für Bildung und Erziehung, Schwalbach/Ts. 2003, S. 133 – 141.

Hufer, Klaus-Peter: Politische Bildung gegen Populismus, in: Außerschulische Bildung 2/2003, S. 152 – 158.


 

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