Erst war die Arbeit und dann – Engagement als Brücke ins Gemeinwesen?
Dipl. phil. Peter Wetzel
Die Tätigkeitsbereiche Erwerbsarbeit und bürgerschaftliches Engagement korrespondieren nur unzureichend miteinander und werden im Alltag stets nebeneinander gestellt. Die Rollen der Individuen in diesem komplexen Prozess werden in ihrer Wechselwirkung kaum thematisiert. Unternehmerische Verantwortung wird zu oft auf Sponsoring-Verantwortung bzw. Know how-Transfer (kurzfristige Mitwirkung von Experten im Engagementbereich) reduziert Betriebliche Weiterbildungsangebote blenden die gesellschaftlich gewollten bzw. gewünschten Doppelrollen von Beschäftigten (Erwerbspersonen und Engagierte im Gemeinwesen) überwiegend aus. Der Kompetenzgewinn durch beide Rollen für beide Tätigkeitsbereiche muss durch Bildung besser vermittelt werden.
Vor dem Hintergrund der demographischen Veränderung in der Gesellschaft muss besonders in der letzten Phase der Erwerbstätigkeit (ab 50), in allen ihren Beschäftigungsformen (1. und 2. Arbeitsmarkt, Fort- und Weiterbildung), die Kompetenz entwickelnde Funktion von Bürgerarbeit/Engagement/Ehrenamt/ Freiwilligenarbeit vermittelt werden. Hier hat die Erwachsenenbildung zunehmend Bedeutung für die Motivation, Orientierung, Begleitung und Vernetzung.
Die besondere Situation auf dem Arbeitsmarkt unseres Bundeslandes hatte dazu geführt, dass sich viele ältere Frauen und Männer (ab 50) in Wechselkarrieren von 2. Arbeitsmarkt/ Erwerbslosigkeit/Ehrenamt befanden bzw. befinden. Neben den aufgetretenen negative Begleiterscheinungen (beschädigtes Selbstwertgefühl, wirtschaftliche Einbußen, Konkurrenz für Bereiche bürgerschaftlichen Engagements) waren diese biographischen Brüche der Beschäftigten auch ein wichtige Chance für neue Bildungsinhalte und -erfahrungen.
Im Prozess dieser Umstrukturierung der ostdeutschen Industrie konnte die Phase der geförderten Beschäftigung (249 h und SAM) in unserer Region (Leuna-Merseburg-Schkopau) so für die Herausbildung eines regionalen Praxis- und Bildungsnetzwerkes für Ältere genutzt werden. Partner waren Unternehmen, Verwaltungen, Gewerkschaften, Medien sowie die Fachhochschule Merseburg.
Die Projektinhalte und -ziele zur Umgestaltung der kommunalen Infrastruktur (Bereiche Soziales, Kultur, Ökologie, Tourismus/Fremdenverkehr) führten dabei auch zu einer neuen Kultur der Identifikation mit dem Gemeinwesen und dem eigenen Altern. Vorhandenes Erfahrungswissen Älterer und das Interesse an nacherwerblicher Mitgestaltung erwies sich oft als der Ausgangspunkt für das Interesse und die engagierte Beteiligung an Lernprozessen und Formen der Selbstorganisation außerhalb des Beschäftigungsverhältnisses. Selbstverwirklichung durch die soziale Einbindung in lebensweltnahe Projektzusammenhänge hat die Lerninhalte und –methoden verändert. Im Unterschied zum "Lernen in der Arbeit" fördert das "Lernen im sozialen Umfeld" besonders die sozialen und kommunikativen Kompetenzen dieser Personengruppe.
Diese ehemaligen Beschäftigten und heute frühverrenteten Älteren nehmen in ihrem Lebensalltags, bei der Ausübung unterschiedlicher Tätigkeiten bürgerschaftlichen Engagements und auch in nacherwerblichen Bildungsprozessen eine spürbar emanzipierte Rolle ein. Als Moderatoren, Mentoren oder Multiplikatoren gestalten sie immer kreativer und auch bewusster die Rahmenbedingungen mit, in denen sie (bürgerschaftlich) am Gemeinwesen partizipieren wollen.
Im Ergebnis dieses historischen Zeitraums der Wende entstanden mit dem Verein Vorruhestand der Chemieregion e.V., der Landesarbeitschaft (LAG) "Aktiv im Vorruhestand" Sachsen-Anhalt e.V., dem Regionalen Bildungszentrum Rossmarkt und dem Senioren-Kolleg Merseburg nachhaltige Engagement- und Bildungsstrukturen für einen Kompetenztransfer aus dem Erwerbsleben in die Phase aktive Bürgerschaft im Ruhestand.
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