Veranstaltungen: Dokumentation

Rede von Dr. Winfried Materna

Berlin, Rathaus Schöneberg

14.5.2004
Auch für die Arbeitsgemeinschaft für wirtschaftliche Verwaltung bedeutet diese Konferenz Neuland. Bisher hat sich die AWV über 75 Jahre als neutraler Partner an der Schnittstelle zwischen privater Wirtschaft und der öffentlichen Verwaltung bewährt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr geehrter Präsident Krüger,

auch ich heiße Sie herzlich zum Kongreß "Zukunftsverantwortung" willkommen. Ihnen, lieber Herr Krüger, herzlichen Dank für die Einleitung und die freundlichen Worte zur Kooperation zwischen der Bundeszentrale für politische Bildung und der AWV. Ich möchte Ihre Ausführungen noch um einige Aspekte aus Sicht der AWV und der Unternehmen ergänzen.

Auch für die Arbeitsgemeinschaft für wirtschaftliche Verwaltung bedeutet diese Konferenz Neuland: Bisher hat sich die AWV über 75 Jahre als neutraler Partner an der Schnittstelle zwischen privater Wirtschaft und der öffentlichen Verwaltung bewährt. Uns geht es in erster Linie um Rationalisierung , Entbürokratisierung und um die Einführung neuer Technologien.

Aber in der heutigen Zeit verschieben sich die Gewichte überall – auch bei der AWV. So beschäftigen wir uns seit einiger Zeit auch mit dem Thema "Dritter Sektor" und Bürgergesellschaft.

Herr Krüger hat das Stichwort Corporate Citizenship oder Engagement für die Bür-gergesellschaft bereits genannt – es ist heute wichtiger Bestandteil jeder Unternehmenskultur, das kann ich Ihnen auch als Präsident der IHK zu Dortmund ausdrücklich bestätigen.

Das darf sich jedoch nicht auf die Finanzierung von Sportereignissen, Straßenfesten oder Kulturveranstaltungen beschränken – so wichtig dies ist - denn Corporate Citizenship, das sind konkrete Wechselbeziehungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft.

Denn der Staat zieht sich allmählich aus vielen Verpflichtungen zurück, die von Einrichtungen des Dritten Sektors übernommen werden könnten, denen aber wiederum die finanziellen und sonstigen Ressourcen fehlen. Hier ist die Wirtschaft stärker gefragt denn je, und sie verschließt sich dieser Aufgabe nicht.

Meine Damen und Herren, man redet heute auch viel von der Globalisierung, und heute Nachmittag werden wir uns unter anderem mit den Folgen dieser Globalisierung für unsere Gesellschaft beschäftigen.

Fest steht: Eine unmittelbare Folge der Globalisierung ist zweifellos der verschärfte Wettbewerb. Die Standortwahl eines Unternehmens ist eben längst keine nationale oder regionale Angelegenheit mehr. Gleichzeitig beschleunigen und verstärken die Folgen der Globalisierung die Auswirkungen des technischen Fortschritts. Das bedeutet, das Potenzial an einfacher Arbeit wird weiter abnehmen, und zwar in der klassischen Fertigung und bei vielen Dienstleistungen. Im Gegenzug gewinnen höherwertige Tätigkeiten weiter an Bedeutung.

Für die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland wird es deshalb entscheidend sein, ob es gelingt, das wichtigste Gut, die wichtigste Ressource zu pflegen und zu stärken: das ist der hohe Ausbildungsstand der Beschäftigten.

Aber Ausbildung ist heute mehr als nur ein gewisser beruflicher Wissensstand. Sie muß auch dazu befähigen, sich mit den Veränderungen in der Welt – ob wirtschaftlich oder gesellschaftlich – positiv auseinanderzusetzen. Das aktuelle Stichwort heißt hierbei: "globales Lernen" – und zwar für Unternehmen und Menschen.

In Zukunft wird es also nicht mehr genügen, dass sich die Mitarbeiter nur mit der Werkbank, ihren Geräten, ihrem Computer auskennen und diese beherrschen. Sogenannte Soft Skills werden mehr und mehr an Bedeutung gewinnen, Kenntnisse und Fähigkeiten, die vor allem zu den sozialen Kompetenzen gehören.

Globales Lernen geht aber auch über die reine Vermittlung von Kenntnissen über andere Kulturen hinaus, wie sie bisher vor allem leitenden Mitarbeitern bei Auslandsaufenthalten oder internationalen Unternehmenszusammenschlüssen zugute kamen.

Globales Lernen soll dazu befähigen, in einer zusammenwachsenden Welt existieren zu können, indem lokales Handeln in Einklang mit globalen Erfordernissen gebracht wird. Und auch für globales Lernen gilt, dass es lebenslanges Lernen ist, aber vor allem, dass es nicht auf die Eliten in den Unternehmen beschränkt bleiben darf, sondern flächendeckend wirken soll.

Einige der Themen des globalen Lernens behandelt unser Kongreß: Neben dem Engagement für die Bürgergesellschaft sind dies Fragen der "Ethik in Wirtschaft und Gesellschaft" und der Gleichberechtigung von Frauen in Wirtschaft und Verwaltung, der nachhaltigen Entwicklung oder die Bedeutung des "Interkulturelles Lernens". Dazu kommt mit dem Rechtsextremismus eine Gefahr für unsere Gesellschaft, die auch die Position unserer Wirtschaft im internationalen Wettbewerb berührt.

Aber wer kann diese Themen und ihre Inhalte den Mitarbeitern in den Unternehmen glaubhaft vermitteln? Ich glaube, dies ist eine der künftigen Aufgaben einer neuen Ausrichtung der politischen Bildung.

Zugegeben, in der Vergangenheit ist von den Unternehmen die Rolle der politischen Bildung und die Bedeutung, die sie für die Wirtschaft haben kann, oft unterschätzt worden. Einer der Gründe lag sicherlich darin, dass die "andere Seite", nämlich die politischen Bildner, die Wirtschaft nicht als ihre Klientel erkannt hatten. Dies hat sich inzwischen grundlegend geändert, und wir begrüßen diese Annäherung. Mittlerweile erkennen beide Seiten, Politische Bildung und Wirtschaft, dass sie nicht nur gemein-same Interessen, sondern auch gemeinsame Verantwortung verbinden.

Aber sie brauchen eine Phase der Annäherung, um Verständnis für Inhalte und die Belange des jeweils anderen Partners zu gewinnen. Unser Kongreß dient also auch dem Zweck, diese Annäherung zu beschleunigen.

Meine Damen und Herren, Lee Iacocca hat einmal gesagt, dass die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes nicht in der Fabrik oder dem Labor beginnt, sondern im Klassenzimmer. Lassen Sie uns diesen Gedanken aktualisieren: Lebenslanges Lernen ist eine Grundvoraussetzung für unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit. Es dient sozusagen als verlängerte Werkbank, um sich erfolgreich den Herausforderungen der Globalisierten Arbeitswelt und Gesellschaft stellen zu können.

Dazu gehören unverzichtbar auch Lerninhalte der politischen Bildung - nämlich unter anderem die Themen, mit denen sich unsere heutige Konferenz beschäftigt. Insofern nimmt politische Bildung auch eine Schlüsselrolle für die Zukunft unseres Landes ein. Daher ist meines Erachtens auch künftig die Förderung politischer Bildung durch die öffentliche Hand nicht nur gerechtfertigt, sie ist notwendig und unverzichtbar.

Wir alle haben also genügend gemeinsame Interessen, um den Dialog zwischen Wirtschaft und Bildung fortzusetzen. Ich bin mir sicher, dass diese Konferenz der Bundeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit der AWV dazu beitragen wird, diesen Dialog zu vertiefen.

In diesem Sinne wünsche ich uns Allen am heutigen Tag wertvolle Informationen und fruchtbare Diskussionen.

Ich danke Ihnen!


 

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