Veranstaltungen: Dokumentation

14.5.2004

Bericht von der Konferenz "Zukunftsverantwortung - Wirtschaft und politische Bildung im Dialog"

6. Mai 2004, Berlin, Rathaus Schöneberg

"Diese Veranstaltung hat Pilotcharakter", so eröffnete Thomas Krüger, Präsident der bpb, den eintägigen Dialog von Wirtschaft und politischer Bildung. Tatsächlich spricht die bpb mit dieser Veranstaltung zum ersten Mal unmittelbar Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft an.

"Diese Veranstaltung hat Pilotcharakter", mit diesen Worten eröffnete Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, den eintägigen Dialog von Wirtschaft und politischer Bildung. Tatsächlich spricht die bpb mit dieser Veranstaltung zum erstenmal unmittelbar Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft an, eine Zielgruppe also, die bislang nicht im Visier der politischen Bildner war. Das Ergebnis, so hofft Krüger, werde ein sich verstetigender Dialog sein. Bereits während der Vorbereitungsrunden der Konferenz sei den Vertreterinnen und Vertreter der Unternehmen, der bpb und der Arbeitsgemeinschaft für wirtschaftliche Verwaltung klar geworden, dass zwar einerseits Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Ansprüche an Bildungsinhalte auf der Hand liegen, andererseits aber bislang kaum Gespräche zwischen den Akteuren beider Seiten stattfinden. Dabei seien Fragen zu interkulturellem Lernen oder zum Umgang mit Rechtsextremismus Themen, die moderne Unternehmen genauso interessierten wie die Veranstalter politischer Bildung. Schließlich gewinne Bildung als Standortfaktor zunehmend an Bedeutung. Dies gelte mehr und mehr nicht nur für die Chefetagen, sondern auch für die gesamte Belegschaft eines Unternehmens, so Krüger. Wichtig sei es, im Blick zu behalten, dass politische Bildung nicht einfach Unternehmensinteressen dienen könne. Sie sei vielmehr dazu da, mündigen Bürgern die Kompetenz zu vermitteln, sich ein Urteil zu gesellschaftlichen Fragen bilden zu können. Bislang überwögen jedoch auf beiden Seiten die Vorurteile, sagte Krüger. Während in Unternehmerkreisen geargwöhnt werde, die politische Bildung sei Hort der Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, reduziere die politische Bildung die Wirtschaft häufig auf ihr Profitstreben. Das seien überkommene Vorurteile, meinte Krüger. Denn zunehmend würden sich Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewußt, was an der global geführten Diskussion um Corporate Citizenship und soziale Verantwortung von Unternehmen abzulesen sei.

Das dies eine immer wichtigere Rolle in der Unternehmenskultur spiele, das kann Dr. Winfreid Materna nur bestätigen. Er ist Präsident der IHK Dortmund und Präsident der mitveranstaltenden Arbeitsgemeinschaft für wirtschaftliche Verwaltung. Dabei reiche es für ein Unternehmen längst nicht mehr, nur das lokale Sportfest zu unterstützen, vielmehr sei Corporate Citizenship eine konkrete Wechselbeziehung zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Die würden umso wichtiger, so Materna, je mehr sich der Staat aus bestimmten Verpflichtungen zurückziehe. Gleichzeitig gelte es, die wichtigste Ressource des Wirtschaftsstandortes Deutschland zu stärken: Das ist der hohe Ausbildungsgrad der Beschäftigten, in dem allerdings die soft skills mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Aber wer kann den Mitarbeitenden Inhalte wie interkulturelles Lernen, Zivilcourage gegen Rechtsextremismus und Chancengleichheit für Frauen denn vermitteln? Materna gab selbst die Antwort: "Ich glaube, dies ist eine der künftigen Aufgaben einer neuen Ausrichtung der politischen Bildung."

"Was wir wirklich brauchen, ist wirtschaftliche Bildung in der Politik." Diesen Satz hörte Dominique Döttling, Unternehmensberaterin aus Uhingen in Baden-Württemberg, häufig bei ihrer Blitzumfrage in Firmen, die sie zur Vorbereitung auf die bpb-Konferenz befragte. Die Umfrage ergab, dass das Mißtrauen der Unternehmer gegenüber der politischen Bildung sehr groß ist. Denn die Wirtschaft fühlt sich in der Politik nicht ausreichend vertreten, so Döttling, trage aber gleichzeitig große Verantwortung. Umgekehrt argwöhne die politische Bildung, dass die Wirtschaft die politische Bildung den Gewerkschaften überlasse. Döttling schlug auf dem Eröffnungspodium daher vor, die Akteure beider Seiten über ihre jeweilige Arbeitswirklichkeit zu informieren. Zum Beispiel mit einem bereits existierenden Projekt, in dem mehrere Tage lang sowohl Abgeordnete Unternehmer begleiten, und umgekehrt.

Dass es mit der Gegenseitigkeit schwierig werden könne, zeige bereits die Zusammensetzung des Konferenzpublikums: 75 Prozent kommen aus der politischen Bildung, 25 Prozent aus der Wirtschaft, stellte in seinem Statement auf dem Eingangspodium der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Dr. h.c. Siegfried Schiele fest. Der stürmische Liebhaber sei also identifiziert, die umschwärmte Geliebte eindeutig die Wirtschaft. Schiele hält für ein harmonischeres Miteinander ein Fach Wirtschaft in der Schule, wie viele Unternehmer es fordern, für den falschen Weg. Vielmehr "müssen Wirtschaftsfragen in der Schule und im ausserschulischen Bereich zum Kernbereich politischer Bildung gehören", denn der Markt schaffe von sich aus keine Gerechtigkeit.

Um der ein Stück näher zu kommen, fordert Gisela Erler, Unternehmerin und Familienforscherin, in ihrem Podiumsstatement mehr Diversität und "Work-Life-Balance" in der Unternehmenskultur. Eine US-Studien zitierend, weist Erler darauf hin, dass Wachstumsregionen a la longue nur diejeingen Regionen blieben, die drei wichtige Faktoren aufweisen: modernste Technologie, hochkreative, engagierte Mitarbeitende und einen hohen Toleranzwert. "Stuttgart ist nach diesen Kriterien nicht wirklich zukunftsfähig", sagt Erler. Es werde künftig eben entscheidend, inwieweit eine Region, und damit ihre Unternehmen, in der Lage sind, hochqualifizierte Frauen, ausländische Mitarbeitende und Anderslebende zu integrieren. Kein anderes Industrieland leiste sich eine so hohe Hausfrauenquote, bzw. in keinem Industrieland blieben Akademikerinnen so oft kinderlos. Bereits jetzt leide Deutschland unter dem "Japansyndrom": Unternehmensvertretungen treten als reine Männerriegen auf, "das kommt international nicht mehr gut an". Neben der Genderfrage stelle auch der Komplex "Altern" die Unternehmer vor große Herausforderungen. "Unternehmen müssen offener werden", sagte Erler, "um die Begabungsreserven unserer Gesellschaft auszuschöpfen und wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben". Wichtig sei der Dialog von politischer Bildung und Wirtschaft. In diesen müssen, fordert Erler, die Unternehmer ihre Erfahrungen und Kompetenzen einbringen, um die Institutionen der Zivilgesellschaft wie Parteien, Schulen und Verbände zu informieren. So könnten zum Beispiel die Methoden, die Unternehmer hinsichtlich der "Diversity" entwickelten, Vorbild auch für ein besseres Miteinder der Generationen und Kulturen sein. Es ist bekannt, sagt Erler, "dass unsere Gesellschaft tiefe Veränderungsängste hat, aber damit sind wir nicht zukunftsfähig. Deswegen müssen die verschiedenen Akteure zusammengebracht werden, um gemeinsam nach neuen Wegen zu suchen.

Dieses Ziel will Frithjof Finkbeiner gleich im globalen Rahmen anstreben. Der Bau-Unternehmer, "der in die Zivilgesellschaft hineingegangen ist", ist Mitbegründer der Initiative für einen Globalen Marshallplan, die sich im Sommer 2003 in Frankfurt gründete. Mitglieder sind namhafte internationale Persönlichkeiten wie u.a. Susan George und Heiner Geißler. Ausgehend von der Annahme, dass sich die nationalen Wirtschaftssysteme mit der Globalisierung von den nationalen Rahmenbedingungen loslösen - und damit das Primat der Politik verloren geht, will Finkbeiner weltweit Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik für eine "neue Ära der Zusammenarbeit" gewinnen. Vorbild sei der Erfolg des US-Marshallplans nach dem Zweiten Weltkrieg. Ziel dieser Zusammenarbeit sei die Formulierung eines "global contract", also von Standards, die - weltweit angewandt - zur Sicherung von Frieden und Wohlstand für alle führen können. Es werde zunehmend problematisch, so Finkbeiner, dass die Wirtschaft zwar längst global agiere, sich die politischen Kernstrukturen jedoch nach wie vor auf Einzelstaaten beschränkten, daher sei eine Zusammenarbeit, unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft, zwischen Politik und Unternehmen unumgänglich. Wichtig sei, so Prof. Dr. Wolfgang Sander, Professor für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften in Gießen, dass es sich in der Diskussion um Unternehmen als "gute Bürger" nicht um moralische Apelle handele, sondern auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. "Nazis kosten Geld" schrieb das manager-magazin schon 1992 und brachte diesen neuen Zusammenhang von Wirtschaft und Gesellschaft auf den Punkt. Solinger Unternehmen mussten nach dem rechtsextremistischen Brandanschlag anschließend Auftragsstornierungen ihrer Kunden aus allen Weltteilen hinnehmen. Damit, so Sander, werde "das politische Engagement in einem global agierenden Unternehmen zu einer Frage der politischen Vernunft".

Adrienne Woltersdorf


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