Veranstaltungen: Dokumentation

Zielgruppe Jugend: mehr differenzieren

Der Medienwissenschaftler Michael Haller über die Jugendangebote der Zeitungen in einer sich wandelnden Kommunikationskultur


4.2.2004
Der Medienwissenschaftler Michael Haller sieht einen Graben zwischen den Interessen, die Jugendliche in der Pubertät haben und den Themen, die Zeitungen behandeln. Dieser sei durch den Wandel der Kommunikationskultur noch größer geworden.

bpb: Herr Haller, warum finden Jugendliche es langweilig, Zeitung zu lesen?

Haller: Sehen Sie sich die Zeitungen an: die Texte sind lang, die Sprache häufig abstrakt, die Fotos wirken gestellt. Die Zeitung wirkt auf Jugendliche so, wie die Erwachsenen insgesamt: – distanziert.

bpb: War das schon immer so?

Haller: Es gibt einen Graben zwischen den Interessen, die Jugendliche in der Pubertät haben und den Themen, die Zeitungen behandeln. Dieser Graben ist fast natürlich. Aber er ist in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen. Das hat verschiedene Gründe. Ein wichtiger ist, dass sich unsere Kommunikationskultur stark verändert hat. Als ich jung war, haben wir die Zeitung gelesen, weil wir wissen wollten, was los ist. Zeitung lesen war wie eine Eintrittskarte in die Welt. Heute stehen jungen Menschen ganz andere Medien zur Verfügung. Sie haben "crossmedia" im Kopf – und greifen nicht zur Zeitung.

bpb: Was machen Zeitungen falsch beim Versuch, Kinder und Jugendliche zu erreichen?

Haller: Der größte Fehler, den Zeitungen machen, ist der, dass sie unzureichend bescheid wissen über diese Zielgruppe. Redakteure haben selten eine Ahnung, was Kinder und Jugendliche bewegt, welche Interessen und Bedürfnisse sie haben. Sie differenzieren zu wenig zwischen den Interessen eines 12-Jährigen und einer 16-Jährigen. In der Konsequenz werfen sie alle in einen Topf und wundern sich, dass eine Seite, die für Kinder und Jugendliche von 10 bis 19 Jahre gedacht ist, am Ende keinen in dieser Altersklasse anspricht.

bpb: Das hieße, dass die Zeitung in Zukunft Angebote für Kinder, Angebote für Teenager in und nach der Pubertät sowie Angebote für junge Erwachsene machen müsste. Das klingt nach der viel zitierten "eierlegenden Wollmilchsau". Ist das zu schaffen?

Haller: Ja, im Prinzip schon. Ich denke aber nicht allein an das Konzept der Kinder- und Jugendseite. Es gibt noch andere Wege, junge Menschen mit der Zeitung vertraut zu machen. Die wurden in Deutschland bislang allerdings noch nicht oft beschritten. Ich denke zum Beispiel das in angelsächsischen Ländern anzutreffende Konzept der Kindernachrichten. Da werden in der ganzen Zeitung Artikel für Kinder platziert, die Nachrichten in einfacher Sprache für Kinder "erzählen", nicht berichten. Gerade für Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahre ist das eine gute Idee, denn in dem Alter sind sie noch extrem neugierig auf die Welt der Erwachsenen.

bpb: Gibt es noch weitere Konzepte?

Haller: Ja, eine Idee geht in die Richtung Mediendidaktik. Bislang gibt man nur gelegentlich aktuelle Zeitungsausgaben in die Schulen. Dies sollte intensiviert werden. Zudem könnte mir vorstellen, das Zeitungslayout im Unterricht einzusetzen. Kein anderes Medium kann komplexe Informationen so übersichtlich und anschaulich übersetzen wie die Zeitung. Warum also nicht das Thema Politik und unsere Regionalgeschichte in Form von Zeitungen aufbereiten? Die Schüler würden doppelt lernen: den Lehrstoff und den Umgang mit dem Medium Zeitung.

Interview: Sandra Schmid
Foto: Moritz Remig


 

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