Veranstaltungen: Dokumentation

Frauen im Spannungsfeld zwischen medizinischer Inanspruchnahme und selbstbestimmtem Handeln


29.7.2003
Die Thesen von Dr. Ingrid Schneider zum Thema "Frauen und die Herausforderungen der Reproduktionsmedizin wurden zum Kongress "Gute Gene, schlechte Gene" aufgestellt.

Frauen und die Herausforderungen der Reproduktionsmedizin

- Die Forderung nach weiblicher Selbstbestimmung hat die Diskussion um den §218 geprägt und war vor allem als Abwehrrecht gegenüber einer Pflicht zum Austragen einer ungewollten Schwangerschaft gefasst. Inzwischen wird Selbstbestimmung auch als individuelles Verfügungsrecht über den eigenen Körper und als Kontrolle über den Nachwuchs interpretiert.

- Die Bioethik-Debatte kreist vor allem um die Schutzwürdigkeit und den moralischen Status des Embryos. Dabei gerät allzu leicht die zentrale Rolle von Frauen aus dem Blickfeld. Frauen sind widersprüchlich positioniert: Einerseits verheißen Reproduktionstechniken Hilfe bei unerfülltem Kinderwunsch, andererseits wird damit Fortpflanzung technisiert, von der Intimität der sexuellen Zeugung abgetrennt und in neue institutionelle Gefüge eingebettet.

- Während technikzentrierte "Lösungen" für soziale Probleme in unserer Gesellschaft dominieren, geraten die Schattenseiten kaum ins Blickfeld: Dazu zählen die niedrigen Erfolgsraten (10-16% "Baby take home-Rate") der In-vitro-Befruchtung und ihre Risiken für Frauen und Kindern (u.a. durch häufige Mehrlingsschwangerschaften).

- Pränataldiagnostik eröffnet schwangeren Frauen Wissen über mögliche Krankheiten und Behinderungen ihres Fötus, stellt sie aber auch vor die Entscheidung, eine – in der Regel erwünschte – Schwangerschaft abzubrechen. Schwangere Frauen würden, so die US- Medizinethnologin Rayna Rapp, zu "ethischen Torhüterinnen" erklärt, die "über Standards für den Eintritt in die menschliche Gemeinschaft" befinden müssten. Es bleibt die Frage, ob und wie Frauen diese neue Rollen-Zuschreibung annehmen wollen.

- Pränataldiagnostik kann – in wenigen Fällen – zur frühzeitigen Behandlung eines kranken Fötus dienen. Die flächendeckende Pränataldiagnostik – inkl. Ultraschall-Frühscreening - führt zu "Schwangerschaften auf Probe" und dazu, dass die "Zeit der guten Hoffnung" mit statistischen Risikokalkulationen und Ängsten belastet wird. Frauen, die Pränataldiagnostik nicht in Anspruch nehmen, müssen sich dafür rechtfertigen und ihnen wird Verantwortung (wenn nicht gar "Schuld") für die Geburt eines behinderten Kindes auferlegt. Pränataldiagnostik kann aber je nach individuellem und gesellschaftlichem Kontext auch dazu eingesetzt werden, sich als Paar auf das Leben mit einem behinderten oder anderweitig besonders bedürftigen Kind vorzubereiten.

- Die – bislang in Deutschland verbotene – Präimplantationsdiagnostik verbindet Gentests und In-vitro-Befruchtung und verlegt die Selektion von Embryonen ins Reagenzglas. Es werden mehrere Embryonen gezielt unter Vorbehalt erzeugt und es kann eine "positive" und "negative" Auswahl unter ihnen getroffen werden.

- Für die Stammzellenforschung und das sog. "therapeutische" Klonen sind Eizellen und Embryonen zu begehrten und knappen Ressourcen geworden. Frauen werden dabei zu Rohstofflieferantinnen erklärt und fremdnützige Interessen halten Einzug in die Reproduktionsmedizin.

- Frauen haben sich gegen staatlichen und medizinischen Paternalismus in der Vergangenheit erfolgreich zur Wehr gesetzt. Es bleibt aber zu diskutieren, ob nicht heute der Selbstbestimmungsbegriff von medizinischen Technik- und Leistungs-Anbietern sowie Forschern in den Dienst genommen wird, nicht zuletzt, um eigene partikulare Interessen zu kaschieren.

- Wohin führt die Individualisierung und technische Erweiterung von Fortpflanzungsentscheidungen, welche Widersprüche und Ambivalenzen birgt die Suggestion von Entscheidungsfreiheit über die "Qualität" sowie die vermeintliche "Machbarkeit" und "Optimierbarkeit" von Kindern? Kann durch sie eine Entsolidarisierung gegenüber Behinderten entstehen und Frauen sich zu einer "eliminierenden Fürsorge" (Lisbeth Trallori) veranlasst sehen? Welche Beziehungen bestehen zwischen gesellschaftlichen Norm-Erwartungen und sozialen Versäumnissen hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Geschlechter, guter Kinderbetreuung und sozialer Entlastung für alle, die für kranke oder behinderte Menschen sorgen? Wie könnten frauengerechtere Lösungsansätze aussehen?

Ausgewählte Veröffentlichungen der Autorin zum Thema

- Schneider, Ingrid/ Graumann, Sigrid (Hg.): Verkörperte Technik – entkörperte Frau. Biopolitik und Geschlecht. Frankfurt/M. Campus 2003 (Im Erscheinen)

- Gesundheit und Selbstbestimmung aus frauenpolitischer Perspektive, in: Schücking, Beate A. (Hg.): Selbstbestimmung der Frau in Gynäkologie und Geburtshilfe.Göttingen V& R unipress, S. 69-92.

- "Reproduktives" und "therapeutisches" Klonen, in: Düwell, Markus/Steigleder, Klaus (Hg.) 2003: Bioethik. Eine Einführung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 267-275

- Embryonen zwischen Virtualisierung und Materialisierung – Kontroll- und Gestaltungswünsche an die technisierte Reproduktion, in: Technikfolgenabschätzung. Theorie und Praxis, Nr.2, 11.Jg., Juli 2002, S. 45-55, http://www.itas.fzk.de/tatup/022/schn02a.htm:

- Von "anderen Umständen" zur Embryonenforschung: veränderte Blicke auf Schwangerschaft und Geburt, in: epd-Dokumentation, (Evang. Pressedienst), Nr. 15, 9.4. 2001, S. 25-46.



 

Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops. Weiter... 

Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft. Weiter... 

TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung. Weiter... 

Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers. Weiter... 

Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden. Weiter... 

Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln. Weiter... 

bpb-magazin Cover-Bildbpb:magazin

bpb:magazin 2/2015

Die neue Ausgabe des bpb:magazins ist dem Thema Flucht gewidmet. In Reportagen, einem Glossar und Berichten werden zentrale Aspekte der Debatte aufgegriffen. Außerdem bietet das Heft Beiträge zum Arabischen Frühling, dem Thema Mediennutzung und Datensicherheit sowie zahlreiche Hinweise aus bpb-Angebote und eine umfangreiche Backlist. Weiter... 

Coverbild Didaktik der inklusiven politischen BildungSchriftenreihe (Bd. 1617)

Didaktik der inklusiven politischen Bildung

Die Publikation geht der Frage nach, wie durch politische Bildung, inklusiv geplant und gestaltet, die politische Teilhabe aller ermöglicht werden kann. Denn Inklusion ist ein Menschenrecht, eine Aufgabe für alle. Der Fokus liegt auf der Förderung der Politikkompetenz von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Weiter... 

Coverbild FlüchtlingeThemenblätter im Unterricht (Nr. 109)

Flüchtlinge

Die öffentliche Diskussion wird derzeit beherrscht von der wachsenden Zahl an Flüchtlingen in Deutschland – und nicht selten auch von Angst. Um Ängsten zu begegnen, braucht es vor allem eins: Information! Woher kommen Flüchtlinge, wohin fliehen sie, und warum? Und was hat das alles mit der Stadt Dublin zu tun? Weiter... 

Bundeskongress Politische Bildung, EröffnungBlog

Bundeskongress Politische Bildung

Mehr als 900 Teilnehmer diskutierten auf dem Bundeskongress Politische Bildung (21.-23.5) über das Zeitalter der Partizipation. Impressionen, Interviews und Artikel zu den einzelnen Veranstaltungen finden Sie im Blog zum Bundeskongress. Weiter...