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Veranstaltungen: Dokumentation

21.10.2003 | Von:
Peter Brandt

Inflation? Wer weiß schon, was das ist?

Peter Brandt, Autor von "hanisauland.de", über Inflation, Hass-Hasen und Bärbel Breitfuß, Kanzlerin von Hanisauland

Nach dem Umzug öffnete die Bundeszentrale für politische Bildung nun ihre Türen. Am 17. Oktober konnten unsere neuen Räumlichkeiten von allen bewundert werden. Im Rahmen dieses Events führten wir einige Interviews, die Sie hier finden.

bpb: Was ist Hanisauland?

Brandt: Hanisauland ist ein Land im Internet, dessen Geschichte nach einem bewaffneten Konflikt beginnt. Die wenigen, die überleben, beschließen, eine Demokratie aufzubauen. Weil sie das noch nicht so richtig können, ergibt sich eine Menge Konfliktstoff. Sie probieren es aber tapfer.

bpb: Haben Sie eine Figur wie Bärbel Breitfuß von Anfang an im Kopf?

Brandt: Grundsätzlich legt man solche Figuren natürlich an. Die Bärbel hat diesen oder jenen Charakter. Das ist ja auch bedingt durch ihr Wesen als Nilpferd. Und dann schaut man, was der Zeichner daraus macht. Wie muss eine Figur heute sein? Die muss natürlich ein bisschen frech sein, nicht nur lieb. Die darf ruhig Ecken und Kanten haben. Sonst kommt sie bei den Kindern – und auch bei den Erwachsenen – nicht an. Im Laufe der Zeit, ich schreibe jetzt seit anderthalb Jahren an Hanisauland, bekommen die Figuren einen eigenen Charakter. Beim Schreiben merkt man, was man mit einer Figur tun kann und mit einer anderen eben nicht. Als Autor muss man ein Gefühl für die Figuren entwickeln.

bpb: Wie demokratisch sind die Bewohner von Hanisauland?

Brandt: Die sind so demokratisch, wie Demokratie eben sein kann. Sie versuchen es, und sie machen natürlich Fehler. Eine Demokratie besteht ja gerade darin, dass Fehler zugelassen werden und man aus den Fehlern Rückschlüsse zieht, sie verbessert und dadurch zwangsläufig neue Fehler auftreten. Da hat nicht einer – etwa ein König oder eine Königin – das Sagen. Nein, da kommen die wildesten Sachen: Drei Alte fangen an, Geld zu drucken, und man steuert mitten in eine Inflation. Da wird der Außenminister von einer radikalen Gruppierung der Hasen gefangen genommen. Da können auch Kinder festgenommen werden. Denn Gesetze gelten für alle, und es gibt noch kein Jugendschutzgesetz. Und so versuchen wir zu erklären, was Demokratie eigentlich bedeutet, was eine Regierung ist – mit all der Vielschichtigkeit, die dazu gehört.

bpb: Was wollen Sie den Kindern mit Ihren Geschichten vermitteln?

Brandt: Unsere Aufgabenstellung war: Macht den Kindern klar, warum gewählt werden muss und was eine demokratische Wahl ist. Daher haben wir parallel zur Bundestagswahl vor einem Jahr auch eine Wahl im Internet gemacht. Damals hatten wir natürlich noch nicht so viele Besucher auf "hanisauland.de". Aber es hat funktioniert, und wir waren gar nicht überrascht, dass Bärbel zur Kanzlerin gewählt wurde. Das lag wohl am Parteiprogramm. Und dann kamen andere Fragen: Was können wir gegen eine frühe Radikalisierung unternehmen? Wir müssen eine Gruppierung erfinden, die sich lächerlich macht, die aufgrund ihrer Radikalität nach außen lächerlich wirkt, schon für Kinder, für Heranwachsende. Wenn die Kinder dann solche Sprüche hören – das sind ja immer die gleichen bei solchen Gruppierungen – , dann wissen sie, da kommt nicht viel heraus, das ist einfach nur zum Lachen. Nun gibt es eben den Geheimbund der Hass-Hasen, die Tunnel bauen und von unten Möhren klauen, um das Land durch eine Hungersnot zu zwingen, die Demokratie wieder aufzugeben. Das sind sehr skurrile Sachen. Aber wenn man sich anschaut, was Terrorismus heute anrichtet, dann sind wir harmlos.

bpb: Hanisauland soll Kindern Politik erklären. Gibt es da ein Rezept?

Brandt: Ich schreibe seit sehr vielen Jahren Kinder- und Drehbücher, ich habe am "Käpt´n Blaubär" mitgearbeitet und ein bisschen an der "Sendung mit der Maus". Nun sollte ich also ein Lexikon für politische Bildung erstellen, das Kinder lesen können. Mein erster Eindruck war: Das wird nicht funktionieren. Schließlich habe ich vorgeschlagen, einen Comic zu machen. Kinder mögen Comics, und auch Erwachsene mögen Comics, und wir lassen darin einfach Begriffe wie Demokratie oder Anarchie oder Monarchie oder was auch immer auftauchen. Und diese Wörter werden wir unterlegen, und wer will, kann diesen Begriff anklicken und landet in einem Lexikon, das diese Begriffe erklärt. Ich kann mir vorstellen, dass auch ein Erwachsener sich fragt, was denn eigentlich Inflation ist. Wer weiß das schon?

bpb: Kriegen Sie Feedback von den Kindern? Verstehen Ihre Leser immer, was Sie schreiben?

Brandt: Die Kinder können für das Lexikon auch eigene Begriffe vorschlagen. Diese nehmen wir dann auf. Die Tendenz ist steigend. Und das sind komplizierte Fragen.

bpb: Zum Beispiel?

Brandt: Was ist Krieg oder warum gibt es Krieg? Du liebe Zeit. Wie soll man das einem Kind erklären? Wir haben solche Fragen mal durchgespielt. Aber das ist nicht zu beantworten. Wenn wir das wüssten, würde es ja vielleicht keinen Krieg mehr geben. Man kann nur bis zu einem gewissen Maße vereinfachen. Es ist eben nicht alles einfach.

bpb: Wieso treten gerade die Hasen als radikalisierte Gruppe auf?

Brandt: Es sind ja nicht alle Hasen radikal. Es gibt diese Gruppierung innerhalb der Hasen, die Hass-Hasen. Vielleicht liegt es daran, dass die Hasen mit "h" anfangen und ich das Wort "Hass" drinhaben wollte. Man hätte auch Neid-Nilos nehmen können, vielleicht kommen die auch noch mal, oder die wilden Wildschweine. Das ist Zufall, das kommt beim Schreiben. Und dann habe ich gesagt, die brauchen ein Erkennungszeichen. Nun hat diese Gruppe einen Knoten im Ohr – das geht bei Hasen eben besser als bei den anderen Tieren.

bpb: Bleibt Bärbel Breitfuß unbestrittene Kanzlerin?

Brandt: Wir lassen in drei Jahren neu wählen.

bpb: Auf jeden Fall sind Sie sehr fortschrittlich mit einer Frau als Kanzlerin.

Brandt: Ja. Als wir anfingen, stand das schon nicht mehr zur Debatte. Ich muss ja auch bei Angeboten für Kinder beide Geschlechter gleich behandeln, sonst kann ich heute keine Serie mehr verkaufen – und das ist mit Fug und Recht so. Das wird irgendwann zur Gewohnheit. Also gut, habe ich gesagt, wenn die drei Hauptpersonen zwei Jungs und ein Mädchen sind, dann lassen wir wenigstens das Mädchen die Kanzlerin spielen.

bpb: Und Sie sind sehr modern, denn Bärbel ist alleinstehend.

Brandt: Sie hat keinen Mann, das wäre zu viel Personal, das würde verwirren. Wenn ich für Bärbel einen Mann schreibe, muss der auch in jeder Folge vorbeikommen. Ich kann den aber gar nicht gebrauchen. Jetzt hat sie einen Neffen und eine Nichte, Hippel und Hippa, das ist eine kleine Anleihe bei einem großen Kollegen [Walt Disney]. Auch Tick, Trick und Track haben keine Mutter, die sind einfach da. Es war ein Wunsch der bpb, dass wir auch Kinder drin haben. Wenn ich aber Kinder in ein Kinder-Comic aufnehme, müssen sie auch erheblich zur Lösung von Problemen beitragen und eine gewisse Vorbildfunktion haben. Deswegen gibt es Hippel und Hippa.

bpb: Wie geht es weiter in Hanisauland?

Brandt: Finster, finster. Der Außenminister wird wahrscheinlich im Ausland eingesperrt, weil er was mit der Prinzessin angefangen hat. Die beiden Kleinen, Hippel und Hippa, entkommen nur mit knapper Not dem Gefängnis, in das Polizeichef Schlotter sie eingesperrt hat, weil sie ihn an einen Fesselballon gebunden und über die Stadt geflogen haben. Bärbel muss ihr Inflations-Gesetz zurücknehmen. Und ich weiß nicht, ob die neue Währung wirklich funktionieren wird. Ich als Autor sehe da sehr, sehr schwarz.

Interview: Sonja Ernst und Nicole Maschler


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