Veranstaltungen: Dokumentation

"Der Mensch muss informiert sein, um leben zu können."

Die Leiterin der Journalistenschule Ruhr (JSR) über die Journalisten von Morgen und die Herausforderungen in der Ausbildung


15.5.2003
Informations-Broker, Content-Manager, Nachrichten-Organisator: Der Journalist von morgen navigiert gelassen durch die Informationsmassen und liefert Qualitäts-Nachrichten just in time für den Leser. Es sei denn, steigender Zeit- und Kostendruck treiben ihn in die Arme der PR. Gabriele Bartelt-Kircher, Leiterin der Journalistenschule Ruhr, im Gespräch über die Journalisten der Zukunft.

bpb: Frau Bartelt-Kircher, der Umbau des Kommunikationssektors schreitet voran, neue Techniken beschleunigen die Informationszirkulation und potenzieren das Maß an schnell verfügbarem Wissen. Als Leiterin der Journalistenschule Ruhr verantworten Sie die Ausbildung von Zeitungsredakteuren. Was bedeutet der mediale Wandel für den Journalistenberuf?

Bartelt-Kircher: Die so genannte Informationsgesellschaft bedeutet Öffnung und Zugänglichkeit aller Quellen für Jedermann. Insbesondere durch das Internet, aber auch durch die Vervielfältigung von Fernsehen, Hörfunk und Printmedien. Qualität misst sich daran, wie verlässlich die Informationen sind und wie sorgfältig die Auswahl der Nachrichten stattfindet. Journalisten müssen heute mehr als früher selektieren. Sie müssen sich fragen: Welche Nachrichten sind für diese Leserschaft wichtig?

bpb: Debatten über journalistische Qualität entzündeten sich früher nicht selten an zweifelhaften Praktiken der Boulevardpresse. Ein großes Echo hatte in den 70er Jahren Günter Wallraffs Reportage "Der Aufmacher" über die Redaktionsarbeit bei der Bild Zeitung. Diese Problematik spielt heute offensichtlich keine zentrale Rolle mehr.

Bartelt-Kircher: Qualität misst sich daran, wie verlässlich die Nachrichten sind. Und das kostet Geld. Genau das ist im Augenblick die Diskussion. Journalisten möchten natürlich gerne Qualität liefern können, aber Qualität bedeutet, dass ich Zeit haben muss, um zu recherchieren. Für die Leser ist Qualität immer das, was verlässlich ist und ihnen weiterhilft. Das bedeutet, dass ich als Journalist die Chance haben muss, die Dinge möglichst zu verifizieren, mindestens aber zu falsifizieren, wie es der Spiegel tut. Durch das Internet haben wir eine Fülle von Nachrichten, die nicht mehr überprüfbar sind. Der Vorzug der früheren journalistischen Arbeit war ja, dass ich im Prinzip die Quelle kannte.

bpb: Kann sich die Tageszeitung von der diffusen Informationsflut des Internet überzeugend abgrenzen?

Bartelt-Kircher: Regionale Tageszeitungen haben da einen Vorteil, den Umfragen unter Lesern belegen: Die Glaubwürdigkeit ist bei der lokalen Tageszeitung am höchsten. Das liegt daran, dass die Leute die Fakten nachprüfen können. Daher muss das Training von Lokalredakteuren sehr intensiv sein. Es ist etwas anderes, wenn ich Weltberichterstattung mache und sich der Leser sowieso in der Grauzone der elektronisch vermittelten Nachrichten bewegt. Schreibe ich einen Namen falsch im Lokalteil, habe ich sofort ein Imageproblem.

bpb: Auffällig ist die Tendenz zur Ökonomisierung des Journalismus. Ein Indiz hierfür sind die Berufsbezeichnungen: Man spricht heute gern von "Managing Editors" und "Content Managern". Wandelt sich das Berufsbild und das Selbstverständnis des Journalisten?

Bartelt-Kircher: Ja, der Wandel ist enorm. Der Journalist organisiert heute die Informationen für den Leser. Er spielt nicht wie früher den Gate-Keeper, der Informationen durchlässt oder nicht. In Zeiten des Internet hat man nicht mehr das Platzproblem. Informationsorganisatoren, Informationsbroker, in diese Richtung wird es gehen. Sie haben Wallraff angesprochen: Der Impetus der 70er Jahre war natürlich "Aufklärung". Man wollte das Publikum über die wahren Hintergründe schlau machen.

bpb: Ein Sendungsbewusstsein ...

Bartelt-Kircher: Genau, eine absolute Mission. Und das hat sich schon gewandelt. Man hat sich im Laufe der 80er und 90er Jahre doch zurückgenommen, und heute denken Journalisten – auch Umfragen bestätigen das –, dass sie dem Leser die Fakten zu liefern haben und mit dem Kommentar eine Chance zur Einordnung. Aber nicht mehr mit dem erhobenen Zeigefinger.

bpb: Wobei gerade bei regionalen Tageszeitungen immer wieder der Orientierungsaspekt hervorgehoben wird. Ist das kein Widerspruch?

Bartelt-Kircher: Nein. Der WAZ-Gründer Erich Brost hat mal einen sehr treffenden Satz geprägt: "Der Mensch muss doch informiert sein, um leben zu können." Genau das ist die Orientierung. Das heißt, ich muss morgens darüber Informationen auf dem Tisch haben, welche Straße heute gesperrt ist, welches Amt heute geöffnet hat, was sich in meiner Umwelt geändert hat. Und dieses Informieren – "was hat sich am Zustand der Welt seit gestern Abend geändert?" – diese Orientierung verlangen die Menschen natürlich.

bpb: Was ist dabei wichtiger: Ist das die Information an sich, oder ist das eher die Präsentation der Information?

Bartelt-Kircher: Die Präsentation wird immer wichtiger. Denn die Fakten werden ja vielfach geliefert. Wenn man alleine daran denkt, wie umständlich es früher war, von der Polizei Informationen zu bekommen. Heute ist die Polizei mit einem Sprecher ausgestattet und mit einem Behörden-Apparat, der uns permanent E-Mails schickt. Da wird es für Journalisten immer wichtiger, über die Hintergründe Bescheid zu wissen: Wie kommen diese Nachrichten zustande, wie arbeiten diese Organisationen, und wo muss ich ansetzen um zu recherchieren, was dahinter steckt?

bpb: Wie groß ist denn die Gefahr, dass Berichterstattung durch die PR Abteilungen von Behörden und Konzernen determiniert wird? Und wie bereiten sie kommende Redakteure darauf vor?

Bartelt-Kircher: Die Gefahr ist sehr groß. Wir machen Trainings zum Umgang mit Pressemitteilungen. Denn das ist genau der Punkt: Im Moment wird in Zeitungsverlagen sehr viel über Kosten diskutiert und die Gefahr liegt natürlich darin, dass man sich bequem darauf ausruht, dass immer mehr PR-Material kommt und man dieses ungeprüft ins Blatt nimmt. Das ist für die Journalisten die aktuelle Bedrohung. Die PR insgesamt hat enorm zugenommen. Das heißt für Journalisten, sie müssen umso wachsamer sein, und immer prüfen, was eigentlich dahintersteckt: Warum man ihnen dieses mitteilt und jenes nicht.

bpb: Umgekehrt gehen viele Journalisten in die PR, um überhaupt einen Job zu bekommen. Die Grenzen scheinen zusehends zu verschwimmen. Entwickeln sich Journalisten zu flexibel einsetzbaren Textproduzenten mit einer Art "Söldnermentalität"?

Bartelt-Kircher: Es gibt noch schlimmere Ausdrücke dafür, manche sprechen auch von Prostitution. Ich denke aber, wer saubere PR betreibt, macht deutlich, dass er hier versucht, Kontakte für eine Organisation, für ein Thema zur Öffentlichkeit zu knüpfen. Gleichzeitig sollte er Journalist genug sein, um kritische Distanz zu wahren. Was auf dem Berufsmarkt im Moment noch übrig ist, sind die PR-Stellen. So werden viele Journalisten ihre Fähigkeiten, die sie auf dem sprachlichen Gebiet, auf dem Präsentationsgebiet haben, und auch ihre Kenntnisse des Medienmarktes natürlich Unternehmen anbieten und anderen Interessenten. Daher sollten Journalisten noch besser Bescheid wissen, wie PR funktioniert.

bpb: Mit welchen Motiven gehen junge Menschen heute in den Journalismus?

Bartelt-Kircher: Die Generation in den 70ern, zu der ich mich zähle, hatte tatsächlich das Anliegen, die Leute aufzuklären, ihnen zu sagen: Ihr werdet nicht richtig bedient, ihr werdet nicht richtig informiert und das in einer bestimmten Absicht. Das ist heute weniger der Fall. Ich denke, Leute, die heute Journalist werden wollen, sind einfach neugierig, sie wollen das, was sie wissen, mitteilen. Diese absolute Neugier auf alles. Egal, um was es geht.

bpb: Wird denn aus der lifestyle-seligen "Generation Golf", die nun den Marsch durch die Institutionen angetreten hat, überhaupt eine anständige Journalistengeneration werden?

Bartelt-Kircher: Ich glaube, das ist gar nicht so viel Lifestyle, was die jungen Leute umtreibt. Das ist eher vordergründig. Ich glaube, dass diese Jugendlichen sehr ernsthaft mit den Dingen umgehen und sehr klug sehen, wie sich die Gesellschaft perspektivisch entwickelt. Sie leiden natürlich auch darunter. Sie registrieren sehr genau, was dieser Gesellschaft fehlt. Wir haben jetzt ein Existenzgründerseminar für angehende Journalisten durchgeführt und gefragt: Welche Themen würden sie jetzt auf dem freien Markt anbieten? Genannt wurde einmal Erfurt, der Jahrestag. Ein anderer hatte Kontakte zu einer jungen Frau, die abgetrieben hat und die bereit war, darüber zu sprechen - sehr ernsthafte, intensive Lebenserfahrungen und Krisenerfahrungen. Das heißt, dass es keine oberflächliche Generation ist, sondern dass sie nur auf eine andere Art und Weise die Themen sehr viel persönlicher und individueller sieht als ein Jugendlicher früher. Heute begreift sich der Einzelne wirklich als Einzelner – nicht als Gruppe, Klasse, Generation – und hat auch die Vorstellung, dass er ein Individuum und dessen Geschichte präsentieren möchte.

bpb: Die politische Berichterstattung in der Tageszeitung nimmt traditionell den größten Raum ein. Hat die Tageszeitung als Medium der politischen Partizipation eine Zukunft?

Bartelt-Kircher: Das kommt ganz auf die Darstellung an. Politik als solche abzubilden, ist für viele Menschen heute furchtbar langweilig. Die Sprechblasen kann man ja gedruckt kaum ertragen. Das schafft eine ungeheuere Distanz zur Politik. Die Chance des Print-Journalismus liegt darin, Politik spannend zu machen, indem er darstellt, wo Menschen sich beteiligen und Einfluss nehmen können. Die Regionalzeitung kann die Leute dabei begleiten, zum Beispiel bei Bürgerinitiativen. Wir haben in NRW 1999 das Problem gehabt, dass erstmals die Bürgermeister direkt gewählt werden konnten, aber die Wahlbeteiligung noch nie so niedrig war. Die Zeitungen haben es nicht geschafft zu transportieren, welche Chance darin liegt, die Stimme abzugeben. Wir in der JSR starten jetzt mit einem Workshop-Programm für Journalisten: Wie kann ich besser mit meiner Stimme darstellen, was eigentlich politisch möglich ist? Und wie kann ich die Parteien festnageln zu sagen, wen sie eigentlich repräsentieren? Das ist heute eine große Frage, gerade im Ruhrgebiet, wo mit der Auflösung der Großindustrie die traditionellen Zugehörigkeiten aufgehört haben. Die Menschen wollen wissen: Wen repräsentieren die Parteien eigentlich noch, warum maßen sie sich an, für uns Entscheidungen zu treffen? Diese Prozesse als Lokalzeitung zu begleiten ist eine Riesenchance, Partizipation wieder zu befördern.

Das Interview führte Klemens Vogel



 

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