Veranstaltungen: Dokumentation

Journalist oder Kumpel? Zwischen Livemomenten und Reflexion

Ein Gespräch über Berichterstattung und Bilderflut
im Irak-Krieg

24.4.2003
Im Irak-Krieg konnte das Fernsehpublikum mit den "embedded journalists" am Bildschirm mitfiebern. Diesmal war es kein chirurgisch-klinischer Krieg, der uns medial vermittelt wurde. Vielmehr ein Krieg mit Livemomenten und einer schieren Bilderflut. Ein Krieg, der von langer Hand vorbereitet wurde. Der Journalist Markus Deggerich von Spiegel Online über den Krieg und sein Berufsverständnis.

bpb: Neben der Politik-PR gibt es auch eine Kriegs-PR. Im Rückblick auf den Irak-Krieg: Welche PR-Strategien lassen sich seitens der USA erkennen? Und wie erfolgreich waren sie?

Deggerich: Das Konzept der "embedded journalists" ist sehr gut aufgegangen. Unter der Vorgabe einer Pseudo-Unabhängigkeit hat man es trotzdem geschafft, die Journalisten für sich einzunehmen. Was überwiegend von den "embedded journalists" an Informationen kam, war schon dienlich für die USA. Noch nicht einmal im Sinne einer Propaganda, sondern vielmehr, dass ständig über sie berichtet wurde. Damit waren die USA in den Medien immer sehr präsent.

Dieser Golfkrieg war aber weniger ein Krieg an Informationen, sondern ein Krieg der Bilder. Mir sind wenige Einzelaufnahmen in Erinnerung, die für mich sozusagen das Geschehen selbst symbolisieren. Vielmehr ist eine Flut an Bildern entstanden, die letztlich doch nicht ein Mehr an Informationen transportieren konnte. Man sieht mehr, weiß weniger. Das Programm der "embedded journalists" ist aber nicht grundsätzlich als Propaganda zu titulieren. Dann dürfte auch kein Bundeskanzler mehr Journalisten auf Dienstreise nach China mitnehmen. Das folgt einem ähnlichen Prinzip. In Kriegssituationen kommt jedoch eine psychologische Seite hinzu. Als "embedded journalist" bist du an der Seite der Soldaten, die dich im Zweifelsfall beschützen und mit denen du das Essen und den Schlafsack teilst. Ich hatte den Eindruck, dass es nicht mehr allen gelingt, noch zu unterscheiden zwischen ihrer Rolle als Journalist und als Kumpel.

bpb: Die Strategie der "embedded journalists" war also erfolgreich. Müssen wir bald mit dem Typus eines "heldenhalften Journalisten" rechnen?

Deggerich: Dafür waren es viel zu viele. Keiner hat sich so richtig herausschälen können. Weil sie im Grunde alle dasselbe gesagt haben, aber nicht wirklich etwas sagen konnten. Es gab zwar ein paar "Livemomente", wie zum Beispiel ein CNN-Mann, der auf dem Panzer durch die Wüste rollte. An seinem Bericht konnte man merken: Der ist begeistert, der findet das geil. Aber das ist ja keine journalistische Großtat. Die, die Helden wurden, waren eher diejenigen, die während des Bombardements in Bagdad blieben. Denn man wusste nicht genau, was in Bagdad passieren würde, wenn das Regime zusammen bricht. Diese Journalisten haben zwar unter objektiven journalistischen Gesichtspunkten keine Großtaten erfüllen können, weil man sie nicht ließ. Aber die Großtat war in meinen Augen der Mut, dort zu bleiben. Ich weiß, wie die Arbeitsbedingungen dort waren und dass die journalistischen Bedingungen äußerst schwierig waren. Aber ich finde es wichtig, dass sie dort waren, und sei es nur als Augenzeuge. Ihre Berichte wird man gebrauchen, um diesen Krieg aufzuarbeiten. Dieser Krieg brauchte dringend Augenzeugen und unabhängige Beobachter.

bpb: Die Berichterstattung während des Irak-Krieges ließ teilweise eine Art von "Militainment" erkennen. Die Panzertypen wurden benannt und anhand von Landkarten wurden die Marschwege nachgezeichnet. Es wurde von Schlachtfeldern und von brutalen Schlachten gesprochen.

Deggerich: Die Sprache ist nicht zu verhindern, denn es waren Schlachtfelder. Es war ein Krieg und es war mörderisch. Da wäre es notwendiger, die Sprache in anderen Bereichen abzurüsten. Damit Sprache dort, wo sie wirklich hingehört und auch treffend ist, entsprechend ihre Wirkung entfalten kann. Die Sprache war angemessen. Nur diese manchmal nicht mehr zu unterdrückende Begeisterung mancher Journalisten, die gehörte da nicht hin. Andere Journalisten haben da bessere Arbeit geleistet. Ich denke da zum Beispiel an Ulrich Tilgner vom ZDF. Der war sehr ruhig und besonnen. Man konnte zwar Sympathien in seiner Berichterstattung erkennen, aber das ist mehr als verständlich in dieser Situation. Aber er hat nie seine Rolle als Beobachter verlassen. Auch wenn er nicht viel sagen konnte, hatte man das Gefühl bei ihm ist man gut aufgehoben. Der Chef von CNN [Jim Walton] hingegen, hat die Videophone-Berichterstattung schon jetzt als Zukunft des Fernsehens gefeiert. Er betrachtet diese Art der Übertragung - alles live, alles ungeschnitten und unreflektiert - als Zukunft des Fernsehens. Wenn das eintreten sollte, dann hat Fernsehen nicht mehr viel mit Journalismus zu tun.

bpb: Während des Krieges lieferten die Medien ihre Informationen versehen mit einem Warnhinweis: In Zeiten des Krieges ist die Quellenlage oft unklar, für die Richtigkeit der Informationen können wir nicht garantieren. Wieso war das in diesem Krieg so präsent? Und werden uns diese Hinweise auch im nächsten Krieg begleiten?

Deggerich: Es ist jetzt passiert, weil es in der jüngeren Vergangenheit keinen Krieg gab, der medial so gut vorbereitet war wie dieser. Dieser ist wirklich von langer Hand geplant worden. Die Öffentlichkeit ist mehr und mehr sozusagen dorthin geschoben worden, um zu verstehen, warum man den Irak angreifen soll. Diese mediale Vorbereitung haben auch die Journalisten gespürt. Und das wollten sie auch weitergeben: Wir müssen jetzt unseren Lesern sagen, dass das alles Propaganda ist. Aber wir müssen es sagen, weil wir keine anderen Informationen haben. Ich finde es wichtig, das zu sagen. Aber es hat Überhand genommen. Auf mich würde es ehrlich wirken, wenn ich solche Reflexionen über die eigene Rolle und die Informationspolitik von Mächtigen auch in ganz normalen, ruhigen innenpolitischen Zeiten thematisieren würde. Wenn man in solchen Momenten mal beschreiben würde, wie eigentlich Informationen in Berlin gehandelt werden. Dann hätte ich auch kein Problem damit, dass wir uns in Kriegszeiten noch mehr geißeln.

bpb: Sie haben die Bilderflut im Verlauf des Irak- Krieges angesprochen. Wie können die Medien mit dieser Menge an Bildern umgehen. Was sollen sie zeigen und was nicht, wie können sie eine "Kriegspornographie" umgehen? Gibt es einen Mittelweg?

Deggerich: Live ist live. Da gibt es keinen Zwischenweg. Der Informationskanal ist offen oder geschlossen. Aber ich weiß nicht, ob es wirklich live sein muss. Ich hatte selten Informationsgewinn durch die Liveübertragungen. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, die Ereignisse seien authentischer. Deswegen finde ich, dass die klassischen journalistischen Aufgaben, nämlich selektieren und bewerten wieder zum Zuge kommen müssen. Journalisten können Material sammeln und auch alles mitfilmen. Aber dann sollten sie sich in den Schnittraum oder an den Schreibtisch setzen und sortieren und reflektieren, bevor sie ihre Beiträge veröffentlichen.

bpb: Die Medien ließen sich diesmal schon im Vorfeld des Irak-Krieges von der Kriegs-PR einspannen. Fast schon herrschte eine Kriegsdynamik. Es gibt ja diesen Ausspruch: Das erste, was im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Ist die Wahrheit diesmal schon viel früher gestorben?

Deggerich: Ja. Wir sind schon lange nicht mehr so auf einen Krieg innerlich vorbereitet worden wie auf diesen. Wahrheit? Das Problem an diesem Krieg oder an der Berichterstattung über diesen Krieg war, dass die Politik versucht hat, schwarzweiß zu malen. Dabei gab es so viele Schattierungen. Man machte sich ja schon verdächtig, wenn man gegen diesen Krieg war. Dann wurde man als Saddam-Unterstützer diffamiert. Umgekehrt hieß es, wer Bush kritisiert, ist zugleich ein Anti-Amerikaner. Beide Gleichsetzungen sind falsch. Aber alle Zwischentöne waren verschwunden. Es ging nur noch um die Frage: Krieg oder Frieden, gut oder böse, Christ oder Moslem. Das hat mit Wahrheit nichts zu tun. Die Wahrheit besteht aus ganz vielen verschiedenen Farben und das war oft nur noch schwarz und weiß.

bpb: Während des Krieges gelang es einzelnen Personen, Informationen per E-Mailnachricht aus Bagdad herauszubringen. Welche Rolle kann das Internet in solchen Situationen künftig spielen?

Deggerich: Im Grunde genommen, war das nichts anderes als das Videophone der "embedded journalists". Nur das hier kein Journalist die Kamera gehalten hat, sondern dass die Leute sozusagen ihre O-Töne unzensiert und unredigiert abgeben konnten. Das Internet war hierbei genau die gleiche "unbeholfene Krücke" wie das Videophone der "embedded journalists". Andererseits sind diese Informationen im Internet weiterhin dokumentiert. Das Internet hat einfach mehr Möglichkeiten als das Fernsehen. Im Fernsehen sind die Informationen gesendet und versendet. Im Internet können Informationen aber noch "nachhallen". Man kann sie sich wieder aufrufen. In der Aufbereitung des Krieges wird das Internet noch sehr hilfreich sein. Nämlich wenn es darum geht, nachzuvollziehen, wann, welcher Schritt getan wurde und warum. Solche O-Töne, die durch das Internet vermittelt werden, die aber nicht wahr sein müssen und natürlich auch sehr subjektiv sind, halte ich für wichtig. Aber das ist kein Journalismus. Das ist lediglich eine Zusatzfarbe, die helfen kann, ein Gesamtbild zu erstellen.

bpb: Der Informationsaustausch gewinnt beständig an Geschwindigkeit. Das Internet steht hierbei unter einem besonderen Druck der Aktualität, was das Medium zugleich auszeichnet. Aber was bedeutet diese Beschleunigung der Informationen für das Internet?

Deggerich: Ich halte es für einen grundsätzlichen Irrtum zu behaupten, dass das Internet das schnellste Medium ist. Oder dass das Internet dafür verantwortlich ist, dass sich der Informationsaustausch beschleunigt. Im Gegenteil, ich glaube, dass das Internet ein großes, lebendiges und vitales Archiv ist. Nachrichten werden nicht auf die Seite gestellt und verschwinden dann wieder. Sie sind nicht verschwunden, sie sind lediglich nicht mehr auf der Homepage. Das Internet ist wie eine Fortschreibung der Geschichte in kleinen Aufnahmen.

Das Internet kann Nachrichten auf Abruf liefern. Das heißt, ich kann nachvollziehen, was an einem Tag vor zwei Wochen in Bagdad geschehen ist. Das kann ich in den Tageszeitungen, im Fernsehen oder im Rundfunk nicht. Ich glaube nicht, dass das Internet den Informationsaustausch beschleunigt. Der erste Eindruck ist so, weil man mit der Veröffentlichung einer Information der schnellste sein kann, wenn man will. Wenn man das Internet jedoch richtig "macht", trägt es eher dazu bei, Informationen breiter und vollständiger darzustellen. Aber sie auch besser zu reflektieren. Denn, sobald ich die Information aufbereitet habe, ist sie ständig verfügbar. Ich kann einen Artikel von vor zwei Wochen lesen und der kann plötzlich wieder aktuell sein. Das ist die Stärke des Internets. Und das ist schon eher die Zukunft des Journalismus als diejenige, die gerade von CNN gefeiert wird.

Interview: Sonja Ernst



 

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