Grußwort Peter Conradi
Präsident der Bundesarchitektenkammer
Zum ersten Mal treten die Bundeszentrale für politische Bildung und die Bundesarchitektenkammer heute gemeinsam auf. Ich freue mich, dass die Bundeszentrale Themen "des Urbanen und des Politischen" in den Blick nimmt. Und ich freue mich, dass Frau Dr. Wokalek von der Bundeszentrale auf die Bundesarchitektenkammer zugekommen ist. Ihr und dem Team von der Bundesarchitektenkammer um Herrn Dr. Münzer, insbesondere Frau Dr. Schwalfenberg möchte ich für die Vorbereitung dieses Abends herzlich danken.
Kulturstaatsministerin Christina Weiss hat auf die große Bedeutung von Architektur und Kunst für die Kultur unseres Zusammenlebens hingewiesen. In ihrem Buch "Stadt als Bühne" schreibt sie mit Bezug auf den amerikanischen Soziologen Richard Sennett: "Die Wende von der Stadt als Raum der Ängste und der leeren Betriebsamkeit zur Stadt als Ort der Begegnung, in den sich das Subjekt voller Neugierde hineinbegibt, um Anstöße durch die Gegenwart von fremden Eindrücken und Wahrnehmungen zu erhalten, muss durch die urbane Gestaltung und die Künste provoziert werden."
Christina Weiss traut Architektur und Kunst viel zu. Gemeinsam sollen sie eine neue Erfahrung von Stadt ermöglichen. Doch in welchem Verhältnis stehen Architektur und Kunst, was kann Architektur, was kann Kunst für eine positive Erfahrung von Stadt bewirken?
Das Zusammenspiel von Architektur und Kunst ist selbst nicht spannungsfrei, ein wechselseitiges Geben und Nehmen bleibt häufig Utopie. Ein viel zitiertes und oft gescholtenes Beispiel für mangelnde Integration ist die "Kunst am Bau". Die Vorwürfe sind: Künstler werden zu spät in die Bauplanungen einbezogen, Architekten beharren auf der Reinheit ihres Gestaltungskonzepts und im Ergebnis entstehen gelegentlich Applikationen, die sich wie Fremdkörper zum Bauwerk verhalten.
Ursachen für vertane Chancen sind sicher nicht nur persönliche Eitelkeiten. Architektur und Kunst unterliegen auch unterschiedlichen Gesetzen. Architektur ist immer an einen Zweck gebunden und muss unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen. Die Gestaltung ist ein Aspekt. Genauso wichtig sind zum Beispiel technische, wirtschaftliche und ökologische Anforderungen. Anders formuliert: Der Architekt muss Toiletten einbauen, der Künstler nicht. Architektur ist auf Dauer angelegt. Gerade künstlerische Interventionen, wie wir sie heute betrachten wollen, leben oft von zeitlicher Begrenzung.
Die Frage ist auch, ob Architektur und Kunst überhaupt dieselbe Rolle übernehmen sollen. Künstlerische Interventionen stellen, ich zitiere jetzt aus der Einladung, auf "eine kritische Einmischung in das städtische Gefüge" und "die verstörende Hinterfragung eingefahrener Strukturen" ab. Anders formuliert: Künstlerische Interventionen sollen Unruhe stiften. Ständige Reizüberflutung erzeugt bei vielen Stadtbewohnern jedoch einen entgegengesetzten Hunger, eine Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit.
Ich will jetzt keinen Dualismus aufbauen wie Architektur gleich Dauer und Ruhe contra Kunst gleich Augenblick und Unruhe. Die Übergänge sind fließend und der Kunsthistoriker Florian Matzner hat darauf hingewiesen, dass die Künstlergeneration der heute 30- bis 40jährigen bestrebt ist, "den Tagesfluss ihrer Zielgruppe gleichsam zu verlangsamen". Ich will aber dafür werben, die spezifischen Besonderheiten von Architektur und Kunst wahrzunehmen. Nur wenn Architekten Kunst und Künstler Architektur verstehen, können sie gemeinsam etwas zur positiven Erfahrung von Stadt herbeiführen. Deshalb freue ich mich über die Veranstaltung mit der Bundeszentrale für politische Bildung.
Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort.
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