Politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen muslimischer Herkunft in Deutschland
Valerija Manjuk, Dr. Eduardo-J. Vior
Im Auftrag des BMI erstellte eine Forschungsgruppe am IPW-Magdeburg zwischen September 2002 und Januar 2003 eine "Bestandsaufnahme demokratischer Initiativen in der politischen Bildungsarbeit mit muslimischen Jugendlichen in Deutschland". Die Studie suchte Initiativen, die demokratische, d.h. integrationsfördernde Tendenzen unter Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund stärken. Aufgrund der unterschiedlichen Migrations-, Lebens- und Religionserfahrungen der Heranwachsenden mit Migrationshintergrund und der in Deutschland bis 1998 vorherrschenden Verdrängung der Zuwanderung im öffentlichen Diskurs gibt es das Subjekt "muslimische Jugendliche" nicht, sondern nur eine Vielzahl von Gruppen, die politisch, administrativ und rechtlich als "fremd" behandelt werden.
Unsere erste Hypothese lautet also: Diese Konstruktion von Fremdheit soll durch Abgrenzung die Homogenität der Mehrheitsgesellschaft auf der symbolischen Ebene absichern. Die Jugendlichen aus dem Migrationsmilieu werden mit dieser Konstruktion hauptsächlich durch die Schule und die Polizei konfrontiert, da diese zwei staatlichen Institutionen am unmittelbarsten die politische Subjektwerdung dieser jungen Menschen beeinflussen. Die Homogenisierungsprinzipien der schulischen Organisation verstärken z.B. die Diskriminierung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund (s. u.a. Gomolla/ Radtke, Institutionelle Diskriminierung, 2002).
Diese Gruppe von Jugendlichen kann demzufolge nur durch die Effekte der auf sie gerichteten Haltungen und Praktiken definiert werden. Koopmans (2001) zufolge besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen den geltenden Staatsbürgerschaftsvorstellungen und der politischen Partizipation von Menschen aus dem Migrationsmilieu.
Eine zentrale Hypothese dieser Untersuchung ist, dass erst das Angebot an selbstständigen politischen Beteiligungsmöglichkeiten durch den Staat und die Mehrheitsgesellschaft ein demokratisches politisches Subjekt "Jugendliche mit muslimischem Hintergrund" hervorbringen kann, das als menschenrechtsorientierter politischer Akteur auftritt.
Wegen der relativ kurzen verfügbaren Zeit haben wir uns drei Beispiele für die in Westeuropa bestehenden "Modelle" im politischen Umgang mit Migration (Koopmans 2001: 63-99) ausgesucht:
- das "französische Modell", das die Gleichheit aller Staatsbürger/innen über ihre Herkunft stellt und auf die Assimilation in die nationale Gemeinschaft abzielt,
- das "britisch-niederländische Modell", das die Gleichwertigkeit aller, den demokratischen Staat tragenden ethnokulturellen Gruppen anerkennt und ihre selbstständige Entwicklung sogar durch die Übertragung von Staatsbefugnissen fördert und
- das bis 1998 geltende "deutsche Modell", das Migranten mit sozialpolitischen Instrumenten begegnet.
- Eine Selbstorganisation von Migranten in Berlin (Vergessene Jugend Berlin e.V., VJB), die - teilweise dem "französischen Modell" ähnlich - über Abstammung und Konfession hinweg die Jugendlichen im Migrantenbereich auf ihr Ankommen in der Mehrheitsgesellschaft vorzubereiten versucht.
- Ein Projekt für muslimische Frauen und Mädchen in Köln (die Bildungs- und Begegnungsstätte für muslimische Frauen, BFMF), das sie - in etwa dem "niederländischen Modell" folgend - durch ihren befristeten Rückzug in ein geschütztes kulturelles Milieu für ihre Entfaltung in der Mehrheitsgesellschaft aufbaut.
- Eine Bremer Initiative (Die Beratungsstelle zur Qualifizierung ausländischer Nachwuchskräfte, BQN), die - in der Tradition der deutschen Wohlfahrtsverbände - Jugendliche aus dem Migrantenmilieu zur Aufnahme und Durchführung einer Berufsausbildung zu motivieren versucht.
Wir konnten nur die Arbeitsunterlagen der Initiativen auswerten und in einem bzw. zwei Besuchen ausführliche Gespräche mit den Mitarbeiter/innen und den Jugendlichen führen. Für die Gespräche haben wir den folgenden qualitativen Fragenkatalog als Leitfaden benutzt:
- welche Diskriminierungserfahrungen haben die Jugendlichen gemacht?
- wie intensiv sind ihre Kontakte zur deutschen Mehrheitsgesellschaft?
- wie bewerten die Projektbeteiligten das Schulversagen der Jugendlichen?
- welche Motivationsprobleme haben die Jugendlichen in Schule und Ausbildung?
- verändert die Betreuung der untersuchten Initiativen die Leistungen der Jugendlichen?
- wie viele Jugendliche haben dank der Betreuung einen Schulabschluss erreicht bzw. eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz erhalten?
- wie fördern die drei Initiativen die Vernetzung zwischen Mehrheitsgesellschaft und den Jugendlichen mit Migrationshintergrund?
Die uns gestellte Aufgabe, "demokratische Initiativen in der politischen Bildungsarbeit mit muslimischen Jugendlichen" zu untersuchen, bedeutet aus der Menschenrechtsperspektive, die Fähigkeit der bestehenden Initiativen zu prüfen, diesen Jugendlichen zur selbstständigen politischen Artikulation gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und dem deutschen Staat zu verhelfen. Hauptziel dieses Prozesses sollte die Verwirklichung der Rechte auf Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Ausübung des religiösen Glaubens, Staatsangehörigkeit, Arbeit, soziale Betreuung und Bildung sein, weil diese die politische Subjektwerdung unserer Gruppe unmittelbar betreffen.
Feststellung: Auf den ersten Blick konnten in Deutschland keine selbstständige demokratische Artikulation von politischen Forderungen der hier untersuchten Gruppe festgestellt werden. Dieses Ausbleiben lässt sich durch die hier geltende Staatsbürgerschaftsauffassung und die staatlichen Organisationsprinzipien erklären.
These: Erst die Reform der Institutionen (v.a. Schule und Polizei), die unmittelbar die politische Subjektwerdung der Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund beeinflussen, - mit dem Ziel, sie gegenüber ethnokulturellen Differenzen zu öffnen - kann die Entstehung selbstständiger politischer Subjekte in dieser Gruppe ermöglichen.
Möglicherweise liegt der richtige Ansatz für die demokratische politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund in einer flexiblen Kombination der drei bislang angewandten Modelle miteinander: das der "intermediären Organisationen" mit dem sozialpolitischen und dem Differenzansatz. Da einer von ihnen (das "deutsche Modell") jahrzehntelang eine faktische Monopolstellung besaß, kann diese Verbindung nur durch eine unverhältnismäßige Förderung der zwei anderen erfolgen.
Für die Fortsetzung dieser Untersuchung stellen wir folgende Empfehlungen zur Diskussion:
a) Sämtliche Initiativen der gesellschaftspolitischen Bildungsarbeit mit Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund in Deutschland zu erfassen und zu klassifizieren, eine Analyse ihres Bedarfs nach der hier vorgeschlagenen politischen Bildung zu erstellen, einen Aktionsplan für die Ausbildung von Multiplikatoren zu erarbeiten und diese drei Jahre lang wissenschaftlich zu begleiten.
b) Den Bedarf an integrationsfördernder (sprich differenzorientierter) Aus- und Weiterbildung von Schulpersonal sowie von Polizist/innen und anderen Staatsbediensteten zu ermitteln, die direkten Umgang mit unserer Zielgruppe haben, dafür einen Maßnahmenkatalog zu erarbeiten und seine Anwendung wissenschaftlich zu betreuen.
c) Regionale und lokale multisektorielle Dialogforen über die hier anvisierte politische Bildungsarbeit auch mit allen friedlichen Initiativen im muslimisch geprägten Milieu einzurichten.
d) Förderung der Forschung über die für eine intensivere Partizipation der Zielgruppe notwendigen Reformen, speziell in den sich damit befassenden Behörden.
Wir werden die Workshop-Sitzung in zwei Abschnitten durchführen:
In einer ersten Phase werden wir über unsere theoretischen und empirischen Recherchen und den Stand der Forschung berichten; in einer zweiten die von uns untersuchten Initiativen vorstellen.
Ziel des Workshops sollte es unseren Vorstellungen nach sein, die oben gemachten Empfehlungen zusammen zu vervollständigen und zu ergänzen. Für eine aktive Gestaltung der Veranstaltung sind wir auf Ihre Zusammenarbeit angewiesen. Bitte richten Sie eventuelle Empfehlungen und Anfragen an:
E-Mail: valerija@manjuk.de
E-Mail: Eduardo-J.Vior@gmx.de
Einführende Literatur
Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen (BBA) 2002 - Jahresbericht 2001, Berlin.
Goldberg, Andreas / Halm, Dirk / Sauer, Martina (Hrsg.) 2001: Migrationsbericht des Zentrums für Türkeistudien 2002, Münster.
Gomolla, Mechtild / Radtke, Frank-Olaf 2002 - Institutionelle Diskriminierung - Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule, Opladen.
Koopmans, Ruud 2001: "Partizipation der Migranten, Staatsbürgerschaft und Demokratie: nationale und lokale Perspektiven", in: Pröhl, Marga/ Hartmann, Hauke (Hrsg.), Strategien der Integration - Handlungsempfehlungen für eine interkulturelle Stadtpolitik, Berlin, S. 103-111.
Koopmans, Ruud / Statham, Paul 2001: "How national citizenship shapes transnationalism. A comparative analysis of migrant claims-making in Germany, Great Britain and the Netherlands" in: REMI 2001 (17) 2, S. 63-100.
Schiffauer, Werner 2001: "Staat - Schule - Ethnizität", in: Gesemann, Frank (Hrsg.) Migration und Integration in Berlin, Opladen.
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