Stolpersteine im Dialog der Kulturen
Von Projektionen und (Wunsch-)Vorstellungen im Dialog zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Frauen
Die Begegnung mit "Anderen" und vor allem die Bewertung dieser Begegnung hat wesentlich mit dem eigenen Selbstverständnis und zuweilen auch mit Selbstvergewisserung zu tun. Die Aufgeregtheit, durch die diese Begegnungen häufig gekennzeichnet sind, zeugt hiervon. Die Präsenz von Musliminnen und Muslimen (hier besonders derer, die als solche erkennbar und identifizierbar sind durch Vollzug von Riten oder Habitus) wird oft als Provokation verstanden. Dies vor dem Hintergrund, dass öffentlicher Ausdruck von Religiösität deplaziert wirkt, nahm man doch an, derlei Glaubensbezeugungen und -bezeigungen hätten sich in der Postmoderne überlebt oder seien wenigstens dem privaten Raum vorbehalten. Diese Annahme muss nun zumindest teilweise revidiert werden, da offenkundig die Frage nach Kontingenzbewältigung pluraler beantwortet wird, aber dadurch nicht verschwindet.
Ähnliches gilt für die Konstruktion des Geschlechterverhältnisses und die Frage nach Emanzipation. Bei der teilweise sehr hitzig geführten "Diskussion um das Kopftuch" treffen wir immer wieder auf dieselbe Dichotomie, nämlich auf der einen Seite steht die westlich emanzipierte Frau und auf der anderen die islamisch unterdrückte. Frauen werden hier zu Symbolen kultureller Grenzziehungen und in ihnen verdichtet sich sowohl das Fremdstereotyp wie auch die Eigenstereotypisierung. Damit werden die Kulturen nicht nur polarisiert und hierarchisiert, sondern beide, und damit auch die eigene Kultur in dem Sinne homogenisiert, dass "die westliche Frau" umstandslos als emanzipiert gilt (vgl. hierzu geschlechtsspezifische Einkommenshöhe bei gleichem Bildungsabschluss und der in den letzten Jahrzehnten nahezu unverändert gebliebene Segregationsindex). Noch nicht geklärte Fragen (oder deren keineswegs einhellige Beantwortung) des "westlichen" Gleichberechtigungsmodells, wie beispielsweise die Verortung im Spannungsbogen zwischen Gleichheit und Differenz werden in der Begegnung mit Musliminnen und Muslimen nicht artikuliert. Dies gilt ebenso für unreflektierte Dichotomien, die von Musliminnen und Muslimen konstruiert werden (z.B. "die muslimische Frau" als "ehrbare Frau" aufgrund ihrer Kleidung; hierbei handelt es sich um eine tendenziöse Deutung von Qur'an und Sunna). Interessanterweise lässt sich gerade in der BRD beobachten, dass die durch die Mehrheitsgesellschaft projizierte verzerrte überdimensionale Wichtigkeit des Kopftuches, ja stellenweise die Reduktion des Islams auf eben Selbiges teilweise durch Musliminnen und Muslime rezipiert wird – so dass auch innerislamisch die Bekleidung der Muslimin eine Bedeutung gewinnt, die ihr weder zusteht noch durch muslimische außereuropäische Gemeinschaften geteilt wird.
"Die Präsenz des Islam als Religion und Lebenswelt hat eine eigenartige Wirkung auf die Europäer. Sie werden sich langsam ihrer eigenen sozialen und kulturellen – oft unbewussten und unbewiesenen – Annahmen bewusst. Diese dogmatisieren sie entweder, indem sie sie verabsolutieren, oder aber sie anerkennen ihren relativen Charakter". Die Präsenz des Islam kann zu einer heilsamen Überprüfung der eigenen Annahmen und Voraussetzungen führen, auch auf Seiten der muslimischen Minderheiten.
Hauptsächlich in der Handhabung und ungeheuren Macht dieser Dichotomien liegt auch begründet, dass nichtmuslimische und muslimische Frauen, speziell in der Genderforschung tätige Nichtmusliminnen und Musliminnen noch zu wenig Synergien in ihren Ansätzen erkennen bzw. Solidargemeinschaften bilden können – da die jeweilig "Andere" gleichsam per definitionem bereits als Bündnispartnerin ausgeschlossen ist.
Bei dem Versuch eines interkulturellen Vergleichs der Geschlechterverhältnisse tut sich eine epistomologische Schwierigkeit auf, die übrigens auch analog bei dem Säkularisierungstheorem zu finden ist (dies sind übrigens die beiden Themen – Gleichberechtigung/ Emanzipation und Säkularisierung/ Status von Religion – mit dem offenkundig größten Diskussionsbedarf): Bislang sind zwei Ansätze üblich, die allerdings beide gewisse Nachteile bergen.
Zum einen ist das der universalistische Ansatz, welcher impliziert, dass es so etwas wie universal gültige Kriterien der Emanzipation gäbe. Dieser Ansatz ist sehr anfällig für kulturelle Vereinnahmungsversuche. Hierbei muss nicht nur eine saubere Begriffsbestimmung durchgeführt werden (was ist Emanzipation?), sondern vielmehr auch gefragt werden, wer die Definitionsmacht besitzt (hierbei spielt auch das Kompetenzgefälle im interkulturellen Dialog eine Rolle).
Der zweite Ansatz ist die kontextuelle Erschließung des zu untersuchenden Gegenstandes, die ganz wesentlich von der (unversöhnlichen) Differenz beider Kulturen ausgeht. Dieses Modell brachte der Orient-Forschung dann auch den zumindest teilweise nicht ganz von der Hand zu weisenden Vorwurf ein, den "Orient erst zu orientalisieren".
Ein neuerer noch im Entstehen begriffener Ansatz einer "analogen Hermeneutik" besteht in der Forderung nach einer neuen erkenntnistheoretischen Perspektive, die präzise gleich weit entfernt vom Pol des radikalen Universalismus einerseits und dem des Kontextualismus andererseits angesiedelt ist. (Vgl. B. J. Trautner, Uni Bremen, Projekt islamische politische Theologie.)
Es ist anzunehmen, dass eine "analoge Hermeneutik" innovative Ergebnisse in der Frage des interkulturell vergleichenden Geschlechterverhältnisses zu Tage fördern wird – dies umso mehr als dieser Ansatz – dies wäre jedenfalls zu wünschen - von Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Kulturen erarbeitet und angewendet wird.
Literaturhinweise
- Birgit Rommelspacher, Der Islam eine Provokation für das westliche Selbstbild aus "Muslime im säkularen Rechtsstaat", Thomas Hartmann/Margret Krannich (Hrsg.), 2001.
- Jaques Waardenburg, Dokumentation einer Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Katholischen Akademie Berlin zum Thema "Muslime in Europa - Ein Ländervergleich", 9. und 10. Februar 2001.
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