Veranstaltungen: Dokumentation

Der interreligiöse Dialog in Deutschland

18.2.2003
Dr. Wolfgang Gern über Identität und Nachbarschaft, Religion und Gesellschaft sowie Globalisierung und Weltethos.

Dr. Wolfgang Gern

I. Identität und Nachbarschaft

1. Interreligiöser Dialog nimmt ernst die Nachbarschaft zwischen Angehörigen verschiedener Religionsgemeinschaften und nimmt wahr die Bedeutung der Religion als prägende, jedoch weithin unbekannte Identität der Nachbarn. In der Religionszugehörigkeit offenbart sich das Anderssein des Anderen, seine Teilnahme an einer "anderen" Gemeinschaft; sie beeinflusst wesentlich die auf Kommunikation und Kooperation zielende Nachbarschaft und ist insofern ein abgrenzender Kontrapunkt.

2. Die Initiative, die Abgrenzung menschlich zu überwinden, muss von den alteingesessenen Nachbarn ausgehen – weg von der ignoranten Exklusivität hin zur neugierigen und einladenden Interaktion, getragen vom Respekt vor der Humanität und der Werteordnung der Andersgläubigen sowie von Toleranz gegenüber dem uns Fremden. Dabei zählen nicht Klischees und Bilder über die anderen als gesichtsloses Kollektiv. Erst die personhafte Kommunikation öffnet füreinander, "ohne Angst verschieden zu sein" (Theodor Adorno) und mit Freude das Gemeinsame zu entdecken. Die Achtung vor dem Anderen in Nächstenliebe und das Wissen darum, dass er anders ist, ja dass er ein Recht darauf hat, anders zu sein, bilden die Grundlage des interreligiösen Dialogs.

3. Gemeinsame Lebensfragen und die Unantastbarkeit der Menschenwürde werden Themen des Dialogs sein (Humanum), ebenso die Lebensweisen und die äußeren bzw. öffentlichen Symbole unserer Religionsgemeinschaften (Religion). Schließlich sind Teil des Gesprächs der Werteverfall in unserer Gesellschaft, die wachsende Individualisierung und die gemeinsame Gestaltung unserer pluralen Gesellschaft mit ihrer Rechtsordnung (Gesellschaft).

4. Der Erfolg jedes interreligiösen Dialogs steht und fällt mit dem Potential an glaubwürdiger Identität, aufrichtiger Hör- und Lernfähigkeit, Bereitschaft zur Infragestellung meiner selbst und ungeheuchelter Selbstkritik gegenüber der eigenen Glaubenstradition. Für Christen bedeutet es auch , die Perversion der eigenen Tradition zu erkennen: Aus dem Gott der Ausgestoßenen wird ein Kirchengott, der Grenzen zieht zwischen "Drinnen" und "Draußen". Die "Sünde des Nein zum Anderen" (Enrique Dussel) zieht sich wie ein roter Faden durch die Kirchengeschichte. Christen dürfen sich mit der Gewalttradition des Christentums nicht abfinden, sondern müssen die befreienden und lebensstiftenden Spuren ihrer Tradition immer wieder neu aufspüren; denn der Gott jüdisch-christlichen Glaubens verzichtet auf Allmachtsansprüche, übt in Selbstbegrenzung ein und will, dass verschiedene Traditionen sich als Bereicherung erfahren. Das heißt: Auch auf dem Territorium des Anderen ist gottgewollte Menschlichkeit.

II. Religion und Gesellschaft

5. Auch unsere Gesellschaft erlebt – zumal nach dem Ende des alles überlagernden Ost-West-Konfliktes – eine neue Aufmerksamkeit für Religion. International ist dies begründet in der Rückkehr der Religion als politischen Konfliktfaktor zwischen Identität und Abgrenzung (Dagestan, Indien, Indonesien, ehem. Jugoslawien, etc.). In Deutschland gibt es eine wachsende Pluralisierung einer bis in die 70er Jahre weitgehend homogenen Religionskultur: Christentum jenseits der Kirchen, neue religiöse Bewegungen, große islamisch geprägte Bevölkerungsteile und die Formierung von islamischen Milieus. Das widerspricht denjenigen, die der Säkularisierungsthese folgten und mit dem Bedeutungsverlust von Religion oder gar mit ihrem Verschwinden rechneten. Aber es macht auch diejenigen nachdenklich, die sich auf das gut funktionierende Staatskirchenrecht und dessen Konfliktprävention berufen haben.

6. Gesamtgesellschaftlich ist die religiöse Landkarte nicht nur pluraler geworden, sondern auch komplizierter: Im Christentum werden Staat und Religion getrennt, im Islam koexistent gedacht. Staatliche Selbstorganisation und Autonomie der Kirche prägen die neuzeitliche Verfassungstradition in Europa. In vielen islamischen Traditionen ist das identifikatorische Verhältnis zum Staat vorherrschend. Daher wird ein Thema des interreligiösen Dialogs in den kommenden Jahren sein, inwieweit Menschenwürde, Religionsfreiheit und Toleranz, wie sie im Grundgesetz verankert sind, auch in islamischen Gemeinschaften unterschiedlicher Prägung Anerkennung finden (Votum des Interkulturellen Rates von September 1999).

7. Unsere Demokratie steht heute vor der Frage, inwieweit sie den Dialog der unterschiedlichen Glaubenstraditionen und Lebenswelten zu nutzen weiß für ein gesellschaftliches Zugehörigkeitsgefühl. Wo gesellschaftliche Teilhabe verweigert oder Einbürgerung verwehrt wird, ist nicht zu erwarten, dass die bürgerlichen Tugenden einer zivilen Gesellschaft an Wert gewinnen. Ohnmachtsgefühle produzieren ganz andere Formen von Wir-Gefühlen – von vagabundierender Religiosität bis hin zu militanten Fundamentalismen. Unser Gemeinwesen hat selbstkritisch zu prüfen, inwieweit es soziale Ausgrenzungsprozesse fördert, die latent auf religiöse und kulturelle Motive zurückgehen.

III. Globalisierung und Weltethos

8. Dass Kinder alle Textil- und Schuhmarken samt Anschaffungspreis kennen, ist nicht nur ein Frankfurter, sondern ein globales Phänomen. Was die Coca-Colarisierung der Weltgesellschaft genannt worden ist, scheint normative Konflikte, Wertemuster und religiöse und kulturelle Unterschiede zu egalisieren. Damit wird vielleicht die westliche Industriekultur in alle Winkel der Welt transportiert, normative Konflikte werden damit nicht gelöst. Das heißt: Es ist an den Religionen selbst, die normativen Grundlagen des Lebens und unseres Zusammenlebens zum Thema zu machen und die ethische Orientierungen dialogisch aufeinander zu beziehen.

9. Leitprinzip des Parlaments der Weltreligionen zum Weltethos ist die "Goldene Regel": "Was dir die anderen nicht antun sollen, darfst auch du ihnen nicht antun" (Chicago 1993). Über die Menschenrechte geht die Erklärung durch Bezug auf Tierwelt und Natur hinaus und betont mit Rückbezug auf die Religionen Vergebungsbereitschaft und Solidarität. Die Europäische Ökumenische Versammlung in Graz 1997 forderte, der Globalisierung der Wirtschaft muss eine Globalisierung der interreligiösen Ökumene entsprechen.

10. Für den interreligiösen Dialog bedeutet es lokal wie global: In den ethischen Grundorientierungen wollen wir das jeweils Eigene nicht verstecken, aber das gemeinsam Mögliche entdecken lernen. "Weil wir sind, bin ich", lautet das afrikanische Lebensmodell zur Erfahrung des Anderen. Wo die Religionsgemeinschaften gemeinsame (Welt)Verantwortung wahrnehmen, werden sie unterhalb aller religiösen Wahrheitsansprüche praktische Entscheidungen treffen, die letztlich ein konfliktfreieres Begegnen und Zusammenleben von Glaubenswelten wachsen lassen.


 

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