Veranstaltungen: Dokumentation

Der Nahe Osten - Brennpunkt ethnischer, kultureller und politischer Konflikte

Berichterstattung für Sektion 1

10.3.2003
Der Nahe Osten - Brennpunkt ethnischer, kultureller und politischer Konflikte. Berichterstattung für Sektion 1.

In seinem Vortrag "Bereit für den Frieden? Chancen und Hindernisse für eine dauerhafte Friedensordnung im Nahen Osten" ging Prof. Dr. Moshe Zimmermann (Hebräische Universität Jerusalem) vorwiegend auf die Hindernisse ein. Diese ergeben sich nach Zimmermann zum einen aus der politischen "Großwetterlage" und zum anderen aus dem Aufeinanderprallen zweier Kulturen im Nahen Osten.

Die politische "Großwetterlage" werde durch das Ende des Kalten Krieges bestimmt. Die UdSSR als Erzfeind der USA gebe es nicht mehr. Daher habe die amerikanische Politik einen neuen Erzfeind gebraucht. Gefunden habe sie ihn im internationalen Terrorismus. In den letzten beiden Jahren habe sich ein radikaler Wandel in der amerikanischen Politik vollzogen: Ein Kampf zwischen zwei Kulturen - der christlichen und der moslemischen - habe begonnen.

In diesem Kampf der Kulturen nimmt die jüdische Welt nach Zimmermann einen neuen Platz ein. Denn seit dem elften September habe sich eine neue Polarität herausgebildet: Terror und Anti-Terror. Solange Israel zu den Bekämpfern des Terrors zähle, habe die palästinensische Sache wenig Chancen. Da Europa die Verantwortung scheue, akzeptiere es die Rolle der USA als einzige Supermacht im Nahen Osten und flüchte sich in angebliche Neutralität. Diese internationale Konstellation bedeuteten für die Kontrahenten im Nahost-Konflikt - Israelis und Palästinenser -, dass sie nur wenig Spielräume haben.

Neben der globalen Situation ließen sich weitere Hindernisse für eine dauerhafte Friedensordnung bei Israelis und Palästinensern selbst suchen. Vor allem stellt Zimmermann fest, dass sich beide Seiten immer stärker über die Religion definieren: Die neunziger Jahre hätten zu einer klaren Konfrontation zwischen Judentum und Islam geführt. Zudem spalte dieses Denken in religiösen Kategorien in einem bisher unbekannten Maß die israelische Gesellschaft selbst. Die israelischen Araber würden zunehmend aus ihr ausgeschlossen. Ein weiteres Friedenshindernis sei die Tatsache, dass Israelis und Palästinenser terrorisiert seien. Terrorisierte Gesellschaften aber suchten nicht nach Kompromissen.

Dr. Volker Perthes (Stiftung Wissenschaft und Politik) sah in seinem Vortrag "Die Konfliktlinien im Nahen Osten" im Nahost-Konflikt weder einen religiösen noch einen kulturellen, sondern einen - lösbaren - territorialen Konflikt.

Dies zeige die Geschichte des Nahost-Konflikts, in dessen Verlauf beide Seiten immer wieder territorial und national argumentiert hätten. Den Krieg von 1948 etwa bezeichneten die Israelis als "Unabhängigkeitskrieg". In die palästinensische Geschichtsschreibung sei er als Durchsetzung eines kolonialen Projekts eingegangen.

Darüber, wie die aktuelle Dynamik der Gewalt begonnen habe, gebe es verschiedene Legenden. Die israelische Legende laute, dass Barak in Camp David II ein sehr großzügiges Angebot gemacht habe, das die Palästinenser abgelehnt hätten. Die palästinensische Legende laute, dass Barak die Palästineser nur habe vorführen wollen und dass Scharons Besuch auf dem Tempelberg die Ursache für den Ausbruch der Gewalt gewesen sei. Die Realität sei komplizierter: Zum einen sei Baraks Angebot nicht so großzügig gewesen, wie viele Israelis glaubten. Zum anderen sei Scharons Besuch auf dem Tempelberg nur der Auslöser, nicht die Ursache der Gewalt gewesen.

Das Paradoxe sei, dass eine große Mehrheit von Israelis und Palästinensern zu einem friedlichen Zusammenleben bereit sei und es gleichzeitig eine Mehrheit für die Hardliner auf beiden Seiten gebe. Gewalt werde auf beiden Seiten befürwortet - aus Hass und aus dem Gefühl heraus, dass die anderen auch leiden sollen.

Die Protagonisten im Nahost-Konflikt scheinen Perthes nicht in der Lage zu sein, diesen selbst zu lösen. Deshalb müsse die internationale Gemeinschaft bei der Lösung des Konflikts helfen. Besonders Europa sah Perthes in der Pflicht, eine aktivere Rolle zu übernehmen. Den jüngsten Plan von US-Präsident George Bush, nach dem ein Krieg im Irak die Chancen einer Demokratisierung in Palästina erhöhe, beurteilte Perthes skeptisch. Scharon wäre in einer Situation, in der die arabische Welt geschwächt sei, kaum zu Zugeständnissen bereit. Zu befürchten sei, dass im Schatten eines Irak-Krieges die Gewalt im Nahen Osten weiter eskalieren werde.

In der aktuellen Debatte in den USA und Israel werde immer wieder die Auffassung vertreten, dass es im Nahost-Konflikt gar nicht um Territorium gehe. Das eigentliche Problem sei das Fehlen von Demokratie in den arabischen Staaten. Richtig daran sei, dass autoritäre Strukturen nur bedingt entwicklungsfähig seien, was etwa Bildung und Wirtschaft betreffe. Eine Ursache für den Fortbestand der autoritären Regime sei aber eben der israelisch-arabische Konflikt. Er stärke das Militär in den arabischen Ländern und halte den Zorn auf Israel und die westliche Welt aufrecht. Umgekehrt würde die Perspektive einer Friedenslösung im Nahen Osten Reformen in den arabischen Staaten bewirken. Dies zeige das Beispiel der Osloer Verträge von 1993, die Reformdruck auf die arabischen Staaten ausgelöst hätten.

Die Diskussion beleuchtete nochmals die unterschiedliche Beurteilung des Nahost-Konflikts. Für Zimmermann geht es dabei nicht um Territorium, sondern um religiöse Beziehungen, die man über Territorium herstellt. Jeder Versuch, einen Kompromiss zu finden, sei zum Scheitern verurteilt. Für Perthes handelt es sich dagegen um einen rein territorialen Konflikt. Man müsse unterscheiden zwischen einem Konfliktgegenstand und seiner Umsetzung in Symbole. Diejenigen, die einen Konflikt nicht lösen wollten, versuchten, ihn in etwas Religiöses umzudeuten. Der Konflikt sei daher nur lösbar, wenn man an die Frage des Territoriums glaube.

Nicole Alexander


 

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