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Veranstaltungen: Dokumentation

10.3.2003

Säkularisierte Gesellschaften und religiös fundierte Staaten

Berichterstattung für Sektion 3

In den westlichen Gesellschaften nähmen die religiösen Praktiken ab, stellte Michael Minkenberg von der Viadrina Universität Frankfurt/Oder fest. Die organisierte Religion habe sich zunehmend in den nichtpolitischen Raum zurückgezogen, so der Politologe. Dies habe die Kruzifix-Debatte in Bayern oder der so genannte Kopftuch-Streit gezeigt. Gleichzeitig sei jedoch von einer Beharrlichkeit der Religion in der Öffentlichkeit auszugehen, die der Theorie einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft in der Moderne widerspreche.

Je stärker sich die Politik verschließe und je größer zugleich die sozialen Erwartungen und Orientierungsbedürfnisse der Menschen seien, desto mehr werde sich die Religion politisieren, betonte Minkenberg. In den USA bemühe sich die Regierung von George W. Bush darum, dem Land nach dem Ende des Kalten Krieges eine neue Rolle und Legitimität zuzuweisen – unter Rückgriff auf religiöse Deutungen. Allerdings lasse sich hier nicht von einer neuen Zivilreligion in dem Sinne sprechen, dass Bush und seine Anhänger stellvertretend für die gesamte Nation stünden. Sie verträten vielmehr eine Minderheitenmeinung.

Die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger warnte jedoch vor der Politik der Bush-Administration. Diese knüpfe an eine partikularreligiöse Fassung der Menschenrechte an. Eine Entwicklung, welche die allgemeine und universelle Geltung der Grund- und Menschenrechte infrage stelle.

Der Konflikt zwischen religiösen Wertvorstellungen und den vom Staat gesetzten Rechten sei nicht neu: Die katholische Kirche habe noch bis ins 19. Jahrhundert versucht, die Grund- und Menschenrechten zu bekämpfen, so Leutheusser-Schnarrenberger. Aus religiöser Sicht seien diese gotteslästerlich, da sie ohne Rückgriff auf Gott aufgestellt wurden. Einen Umschwung in der Kirchenmeinung habe es erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1963/5 und der Anerkennung der allgemeinen Menschenrechte gegeben.

Die radikal gewandelte Haltung der Kirchen zu den Menschenrechten zeige sich heute auch in der vehementen Ablehnung eines Irakkriegs durch den Papst, betonte die FDP-Politikerin. Allein, nach christlichem Verständnis könnten die Menschenrechte nur göttlichen Ursprungs sein. Damit würden sie aber partikularreligiös gedeutet.

Heute sei es vor allem die islamische Religion, die in einem unversöhnlichen Gegensatz zu den normativen Grundlagen des Staates stehe. So verweigerten Vertreter islamischer Staaten im UN-Rahmen den Dialog - unter Verweis auf die christliche Fundierung der Menschenrechte und das Gebot der Nichteinmischung.

Doch auch US-Präsident George W. Bush und seine Gefolgsleute spielten ein gefährliches Spiel. Sie orientierten sich am Kommunitarismus, der ethisch-moralische Normen grundsätzlich nicht als universelle Normen deute, sondern als von spezifischen kulturellen Gegebenheiten geprägte.

Die Auswirkungen dieser Ideologie auf die Menschenrechte seien verheerend, so die FDP-Politikerin. Sie ermögliche es letztlich der am eigenen Machterhalt interessierten Politik, die normativen Grundlagen der Weltgemeinschaft – das Völkerrecht - zu untergraben. Die Menschen- und Völkerrechte, so Leutheusser-Schnarrenberger, unterlägen aber keiner Relativität. Es seien also vor allem nationale Politiken und nicht so sehr Religionen, welche die Menschenrechte beschädigen. Notwendig sei eine starke politische Opposition. Nur so ließe sich verhindern, dass sich künftig jeder Staat seine eigene "Achse des Bösen" bastelt.

Ein interreligiöser Dialog dürfe sich nicht auf die Weltebene beschränken, betonte Wolfgang Gern vom Diakonischen Werk Hessen und Nassau. Vielmehr gelte es, mit Neugier und Lebensinteresse an die Menschen heranzugehen – "dort, wo ich gerade bin". Alle Menschen müssten zum Austausch zwischen den Kulturen beitragen, jeder in seiner Gemeinschaft. Die Kirchengemeinde sei der genuine Ort für den interreligiösen Dialog.

Nicole Maschler


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