Veranstaltungen: Dokumentation

10.3.2003 | Von:
Rafik Schami

Dem Morgen begegnen, heißt Hoffnung haben

7 Bemerkungen eines hoffnungsvollen Pessimisten

Dr. Rafik Schami

Dritte Bemerkung

Dr. Rafik Schami

Wir haben in Arabien große Probleme. Eine der lebendigsten Kulturen der Welt liegt nun brach. Ihr Beitrag zur zivilisatorischen Entwicklung geht gegen null. Und wenn die Freiheit einer Nation die Summe der Freiheit ihrer Bürger ist, so geht diese Summe in allen arabischen Ländern auch gegen null.

Wir sind große Lieferanten und Verbraucher, aber man beteiligt uns an keiner Entscheidung. Die Ursache ist mannigfaltig, und ebenso vielfältig wird auch die Lösung aussehen müssen, wenn sie etwas Hoffnung und Zuversicht geben soll. Um Ihnen das kurz zu verdeutlichen, muss ich etwas tiefer graben. Vieles, was die Araber und ihre Kultur prägte, wurde zwar nicht ausschließlich, aber doch stark von der Wüste verursacht. Will man also die Araber auch im Jahre 2003 verstehen, muss man immer den Einfluss der Wüste berücksichtigen.

Die unendliche Weite der Wüste, der äußerst langsame Farbwechsel, die tiefe, fast hörbare Stille ließen die Neigung zur Malerei auch vor dem Islam verkümmern und gaben stattdessen der Zunge jene Zauberkraft, die den Arabern weltweit ihren Ruhm als Erzähler einbrachte. Mit der Schönheit des Wortes brachten sie Farben in die Einöde. Ausgehungert und fast verdurstet erfanden sie ein Paradies aus Worten, das man auf Reisen mitnehmen kann. Wer sonst außer einem Hungerenden träumt von einem Paradies, in dem Milch und Honig fließen. Die Wüste ist die Meisterin der Abstraktion. Die Araber waren ihre tüchtigen Schüler. Sie sinnierten mit Worten über die Welt. Alle drei Propheten, Moses, Jesus und Muhammad, ließen die lärmende Schwatzhaftigkeit und Hektik der Städte hinter sich und gingen in die Wüste, bevor sie ihre Ideen verkündeten. Aber nicht nur das. Mich wundert es nicht, dass hier das erste Alphabet der Menschheit entwickelt wurde, die abstrakten Symbole, die dem Klang der Buchstaben Schatten gaben.

Auch die arabischen Ziffern, allen voran die Null, ließen sich so eindeutig im Sand zeichnen wie kein anderes damals bekanntes Zahlensystem. Auch die gerühmte Gastfreundschaft der Araber ist durch die Wüste entstanden. Die Wüste war es auch, die die Geschlechterrollen anders formulierte. Nicht Vater und Sohn kämpften um die Gunst der Mutter und erzeugten zu Freuds Freude den uns heute als Ödipus bekannten Komplex, sondern es entstand ein Wettstreit zwischen Vater und Mutter um die Gunst der Kinder. Wer deren Gunst erwarb, sicherte seine alten Tage in Würde. Die Frau siegte öfter, solange man in der Wüste lebte. Nicht selten bekamen die Kinder den Namen ihrer Mutter, weil sie der sichere, lebenserhaltende Schatten, der Halt in der Wüste war. Die Väter kamen oft von ihren Kämpfen nicht zurück.

Erst in den Städten verbannten die Männer die Frauen in den Harem, aus Angst vor ihrer Macht. Damit war der Kampf in der Öffentlichkeit entschieden, nicht aber in den eigenen vier Wänden. Das enge Band der Familie und Sippe war eine unentbehrliche Voraussetzung, um in der lebensfeindlichen Umgebung der Wüste zu überleben. Die daraus resultierende blinde und bedingungslose Solidarität mit dieser Sippe hat beim Aufstieg der Araber zu einer Weltmacht eine beschleunigende Rolle gespielt. Heute ist sie ein Hemmschuh gegen die Errettung der arabischen Gesellschaft aus ihrer tiefen Misere. Zwei orientalische Produkte überdauerten die Zeit: die Pyramiden und die arabische Sippe. Manchmal scheinen politische Ereignisse, die andere Kontinente und Länder umwälzen, an Arabien nur so vorbeizurauschen und wie Regentropfen auf einem Wachstuch kaum Spuren zu hinterlassen.

Doch der Eindruck täuscht. Die Zeit verändert alles. Heute haben die Pyramiden nicht mehr die Bedeutung einer Wartestation auf dem Weg zum ewigen Leben, sondern sind lediglich Touristenattraktionen. Heute ist die arabische Familie, die sich nicht den Einflüssen der Moderne entziehen kann, genauso gut oder schlecht wie die deutsche, die indonesische oder die amerikanische Familie. Aber die Sippe, der Stamm als System, überlebte als eine Mutation. Die Sippe ist nicht mehr ein Schutzmechanismus gegen die Lebensfeindlichkeit der Wüste, sondern mittlerweile ein kriminelles Instrument, das die Macht eines Diktators zu sichern hat. Die Mutation der Sippe ähnelt sehr der Mutation der Mafia, übrigens auch ein arabisches Produkt. Das Wort bedeutet auf Arabisch so viel wie Schatten geben, verstecken. Die Mafia mutierte von einer Organisation, die sizilianischen Aufständischen und Freiheitskämpfern im 11. Jahrhundert Schutz bot im Kampf gegen die Normanen und im 15. Jahrhundert gegen die Spanier und ihre Inquisition, zu einer kriminellen Vereinigung, die das eigene Volk terrorisiert. So ist auch die Sippe heute in Arabien ein perfektes System, das es Verbrechern wie Saddam Hussein erlaubt, ein wunderbares Kulturvolk zu unterwerfen, seinen Reichtum zu vergeuden, es zu quälen und dem Tod auszuliefern. Mit der Sippenherrschaft wurden nicht nur die reaktionärsten Regime am Golf etabliert, sondern die Ansätze der republikanischen Entwicklung in den anderen aufgeklärteren Ländern zerstört. Parlament, Partei, Armee, Polizei und Justiz wurden marginalisiert, ihrer Funktion enthoben, gedemütigt. Werte wie Qualifikation und Fähigkeit sind nicht gefragt. Loyalität gegenüber dem Diktator und Unmenschlichkeit sind Voraussetzungen für den Aufstieg. Hierin liegt die Dummheit, wenn ein Salonintellektueller in Deutschland einen arabischen Diktator mit Hitler vergleicht. Unter der Sippenherrschaft mutiert die Republik zum Kalifat. Der Sohn erbt die Herrschaft vom Vater. In Syrien ist dieser Wandel bereits vollzogen, im Irak, in Ägypten und Libyen ist er geplant.

Der Diktator kam in allen diesen Ländern aus ärmsten Verhältnissen. Daher neigt bei ihnen einer wie der andere zur Verkleidung und zur krankhaften Gier nach Superlativen in den Titeln, nach Palästen, Geld und nach Autos. Saddam nennt seinen Palast Qasr al Sujud, Palast der Anbetung. Er trägt Titel und Kleider, die folkloristisch anmuten und in keiner Armee und keinem anderen Land bekannt sind. Das Scheitern in Arabien liegt am begrenzten Horizont dieser Herrscher, die immer mehr zu Verwaltern der Erdöl- und Waffengeschäfte werden wollen und jeden als Bedrohung empfinden, der Selbstständigkeit anstrebt. Sie ließen und lassen Schulen bauen und lehren nach dem westlichen System, nicht selten dem System ihrer ehemaligen Kolonialmacht. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, dass Lehrer, Architekten, Mediziner und Politiker nichts als schlechte Kopisten sind, wenn sie nicht die Besonderheit der jeweiligen Region, der Kultur in Betracht ziehen, und so sind unsere Wohnhäuser, Städte, Strände, Kliniken und Universitäten schlechte Kopien europäischen Baustils. Oft sind Mitglieder der Regierung selbst Vertreter westlicher Firmenniederlassungen, Importeure, die jeden bedrohlich finden, der eigene Wege gehen will und ihn deshalb mit allen Mitteln bekämpfen.

Die Herrscher dieser Länder – deformierte, in ihrer Seele kolonialisierte Verwalter und nicht Befreier – haben gar keine Vorstellung davon, wie eine neue Gesellschaft beschaffen sein soll, sondern wollen bloß weitergehen. Sie bilden sich ein, sie gehen einen Weg entlang und quasselen über das leuchtende Ziel, sind aber wie ein Goldfisch im Glas. Sosehr die alten Schichten der Feudalherren und Großbürger von der Oberfläche her europäisches Leben nachahmten, waren sie in den dreißiger und vierziger Jahren dem arabischen Lebensstil doch näher als ihre sogenannten revolutionären Widersacher der sechziger und siebziger Jahre. Die alten Schichten waren selbstbewusst und kannten den Westen mit all seinen Schwächen. Die neuen Schichten waren Analphabeten, sie ließen sich vom Westen blenden. Alle arabischen Regierungen setzen in blinder Nachahmung auf das wirtschaftliche Wachstum, diese westliche Erfindung. Statt die Gesellschaft aus ihrem tiefen Schlaf nach 400–500 Jahren Kolonialismus wachzurütteln, ereifern sich unsere Herrscher über Prokopfeinkommen / Investitionsvolumen / Zahl der Schüler, Studenten und Soldaten. Und weil sie dauernd im Hintertreffen sind, lügen sie und manipulieren die Zahlen unter Aufsicht von Experten aus Osteuropa, um bessere Ergebnisse vorzeigen zu können.

Die moderne Technik und der Reichtum durch das Erdöl ließen die arabischen Gesellschaften viele Tarnmittel importieren und sich einbilden, sie beteiligten sich am Fortschritt, wenn sie auf Sattelitenantenne, Handy und Videokamera verfügen. Dabei können alle diese Länder nicht einmal selbstständig eine Schraube herstellen. Sie importierten alles und werfen dann den politischen Gegnern vor, importierte Gedanken (Afkar Mustawrade),die zur arabischen Gesellschaft angeblich nicht passen wie: Freiheit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit oder die Emanzipation der Frau aus Europa geschmuggelt zu haben. Sie dulden keine Kritik, und Kritik ist die Lunge der Freiheit. Die arabischen Intellektuellen flüchten, werden mundtot gemacht, oder sie werden gekauft. Eine vierte Kategorie gibt es nicht. Die Diktatoren versuchten, mit einem Heer gekaufter Dichter, Denker und Künstler, nicht ohne Erfolg, das Herz ihrer Bevölkerung zu erreichen. Deshalb sind sie für mich als Exilautor die übelsten Schreibtischtäter. Nach 32 Jahren des Exils ekeln mich viele arabische Autoren so an, dass ich mit ihnen niemals ohne Zeugen sprechen würde.

Ich wundere mich über den Grad an Unsensibilität in Europa, weil diese Wortsöldner auch noch übersetzt und empfangen werden. Und wenn einer von den deutschen Grünen Ghaddafis Roman übersetzt, dann soll er sich doch bitte als Dose ohne Pfand abgeben. Ein System, das in seiner Gesamtheit abhängig ist, lehnt sich nicht gegen die Abhängigkeit auf, sondern gegen jene, die darauf zeigen. Die Schergen aber, die Nutznießer, reagieren auf keine fremde Macht so ungeheuer aggressiv wie auf jene Landsleute, die radikale Veränderungen herbeiführen wollen. Es mangelt weder am Willen der Bevölkerung noch an Theorien und Ideen, sondern an Demokratie. Viele Ansätze, philosophisch und politisch zu begründen, warum und wie wir im Stande sind, einen eigenen Weg zu gehen, wurden im Keim erstickt. Geniale Frauen und Männer versuchten, der eigenen Kultur verpflichtet eine Antwort auf die spezifischen Fragen unserer Gesellschaft zu geben und damit einen selbständigen Beitrag zur Zivilisation zu leisten, doch sie waren von vornherein zum Scheitern verurteilt. Drei von ihnen seien hier ehrenhalber erwähnt: die Libanesen Hussein Muruwa und Mehdi Amel sowie der Iraker Hadi al Alawi. Die ersten beiden wurden erschossen. Hadi al Alawi, der große Sufigelehrte flüchtete von Bagdad bis nach China. Er kehrte über Beirut und Zypern schwerkrank zurück und lebte verarmt in Damaskus bis zu seinem viel zu frühen Tod 1998. Wer diesem Mord an Geist und Seele entkommen will, muss ins Exil. Millionen fähiger und hochqualifizierter Araber flüchteten. Die Länder versinken in Dunkelheit. Die Völker, ihres Augenlichts beraubt, leben in Angst, sie überleben den Tag und beten, Gott möge den Diktator zu sich rufen. Doch der Herr der Welten hatte es bei Diktatoren noch nie eilig. Das zeugt von äußerst gutem Geschmack.

Doch Jahrzehnte der Diktatur rächen sich. Die arabischen Diktatoren, die ihre Muskeln vor den eingeschüchterten Landsleuten spielen lassen, wissen, dass weder ihre Armee fähig zum Kampf mit einem äußeren Feind ist, noch dass sie der Bevölkerung trauen können. Sie lassen sich feige und oft geheim auf alles ein, was ihre Macht erhält. Nicht selten bettelten Diktatoren, die offiziell gegen Israel hetzten, hinter dem schweren Vorhang der Diplomatie um Kontakt mit Israel.

Beim Verbrecher Saddam Hussein erleben wir Niedergang und Charakterlosigkeit öffentlich. Das hat Seltenheitswert. Welch eine tiefe Demütigung. Die arabischen Regierungen erlauben den Amerikanern und Engländern, ihre Länder als Startbasis für einen Krieg zu missbrauchen, der den arabischen Völkern millionenfachen Tod und der Umgebung eine ökologische Katastrophe bringen wird, während Deutschland, Österreich, Frankreich, Griechenland und viele andere Staaten dem Krieg ohne Wenn und Aber widerstehen.

Keine arabische Regierung hat offiziell gegen den Aufmarsch der Amerikaner protestiert, geschweige denn gedroht, und sei es auch nur diplomatisch. Das sind genau die Regime, die in ihren Medien von den Europäern Haltung verlangen und von den Palästinensern ein Martyrium. Sich zu schämen, war nie die Tugend einer Diktatur. Diese Sippen überwinden, das können weder Fundamentalisten noch einmarschierende fremde Armeen. Das kann einzig und allein die Demokratie, die bei all ihren Schwächen doch so radikal gegen die Sippe ist, weil sie auf das Individuum zählt und dieses achtet, was so viel wie ein Todesurteil für die Sippe ist.


Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

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Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

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TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

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Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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Veranstaltungsreihe

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Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

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Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

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