Veranstaltungen: Dokumentation

10.3.2003 | Von:
Rafik Schami

Dem Morgen begegnen, heißt Hoffnung haben

7 Bemerkungen eines hoffnungsvollen Pessimisten

Dr. Rafik Schami

Siebte Bemerkung

Dr. Rafik Schami

Der Krieg steht vor der Tür. Aber der amerikanische Plan wird scheitern. Die Frage ist also nicht nur, was nach Saddam, sondern auch was nach Bush und Rumsfeld sein wird. Meine Antwort hat mit dem Herrn dieses Doms zu tun. Er rief vor rund 2000 Jahren: "Liebet eure Feinde!"

Die Amerikaner werden seit dem zweiten Weltkrieg geliebt und gehasst, bewundert und belächelt, beneidet und bemitleidet wie kaum ein anderes Volk. Wenn der Krieg ausbricht, werden sie weltweit geächtet und gehasst werden. Ich will sie deshalb in Schutz nehmen und mich vor sie stellen. Ich möchte Ihnen zum Abschluss zeigen, wie man durch die Liebe zu den Amerikanern sich selbst liebt.

Und da es sich nicht um eine Verliebtheit, sondern um Menschenliebe handelt, sollten wir kurz den Gegenstand unserer Liebe näher betrachten. Amerika ist das einzige Imperium unseres Jahrhunderts und ist zugleich eine demokratische Republik, zwar mit vielen sozialen Nachteilen aber mit großer politischer Freiheit. Jeder Amerikaner ist entscheidend beteiligt an der Gestaltung der Erde. Ignacio Ramonet, der Chefredakteur von "Le Monde diplomatique", ein kluger Journalist, sagte in Zürich sinngemäß: Gut, wenn Amerika uns unterwerfen will, dann bitte schön ganz, dann werden die Europäer eben Bürger der USA. Wir haben dann immerhin die Chance, den US-Präsidenten zu wählen.

Das ist Satire. Wahr aber ist, dass die Wahlen in Amerika von entscheidender Bedeutung für den Bestand der Erde sind, von der Mehrheit der Amerikaner aber leider nicht ernst genug genommen werden und von einer Minderheit auch noch manipuliert werden. Wir müssen weltweit das amerikanische Volk dazu bewegen, zur Wahl zu gehen und diese genau zu beobachten.

Erst dann werden die amerikanischen Wahlen keine Farce sein wie die Wahl des jetzigen Präsidenten, der so tut, als wäre er mit 99,9 Prozent dazu auserwählt worden, das amerikanische Volk im Voraus zu erretten. Die wenigsten wissen, dass die Amerikaner so gut wie keine kritischen Berichte über die Außenpolitik ihrer Regierung erhalten. Dan Rather, einer der einflussreichsten Journalisten der USA, rief öffentlich aus: "George Bush ist der Präsident ... Wenn er wünscht, dass ich mich in Reih und Glied stelle, muss er nur sagen, wo." Das ist keine originelle Haltung. Sie klingt in meinen Ohren fast arabisch. Viele, auch schwarze Amerikaner wissen nicht, dass Richard Cheney 1985 gegen die Freilassung des südafrikanischen Freiheitskämpfers Nelson Mandela gestimmt hatte. Sie verhalfen ihm mit ihrer Stimme zum Vizepräsidenten. Mandela genießt eine ungeheuer große Liebe und Achtung nicht nur bei den farbigen US-Bürgern. Und Mandela ist einer der schärfsten Kritiker von Bush und Blair.

Unwissen schützt nicht vor Mitverantwortung. Die Bushs kommen und gehen, aber die Amerikaner als Volk werden am Ende die Zeche zahlen für die kriegerische Politik, die einige wenige in ihrem Namen machen. Wie liebt man aber ein mächtiges und freiheitsliebendes Volk, das in der Faust eines Imperiums gelähmt liegt? Indem man ihm vorlebt, wie vielfältige Freundschaft statt stumpfer Monotonie gelebt werden kann. Die Amerikaner lieben, heißt also an erster Stelle, selbstständig und selbstbewusst ihnen gegenüber aufzutreten, eine Unterwerfung hat noch nie etwas Befreiendes gehabt. Es ist gar nicht gut für die Amerikaner, dass wir ihnen, wo immer sie hinkommen, mit amerikanisierten Verhältnissen begegnen. Wie sollen sie jemals erfahren, dass es auch Alternativen gibt?

Also, wer die Amerikaner liebt, soll anders sein. Kulturredakteure, die lieber den letzten Roman aus den USA breitbeinig besprechen statt eigene Talente hier, geschweige denn in anderen Kontinenten zu suchen, sind keine Freunde der USA, sondern Sklaven des Imperiums. Es ist gar nicht gut für die amerikanische Kultur, dass man ihr jeden Schrott für teures Geld abkauft. Wenn die Programmgestalter unseres Fernsehens die Nachmittage mit Schrott füllen müssen, dann sollen sie lieber indische, brasilianische oder ägyptische Produkte kaufen. Diese sind bunter, preiswerter und genauso hirnlos wie die meisten Serien aus den USA. Wenn wir die Amerikaner lieben, müssen wir in zwei Richtungen wirken, zum einen den Antiamerikanismus bekämpfen, der nichts anderes als feiger Ausländerhass ist, und zum anderen uns in die inneren Angelegenheiten der USA einmischen. Unsere Anliegen sind weder Ölfelder noch Import/ Export-Vorteile, sondern die Menschen der USA, die wir nicht irgendwelchen Kriegern vom Schlage Rumsfelds überlassen dürfen. Die Liebe kann aber Opfer verlangen: Wir alle müssen erkennen, daß Frieden mit Verzicht zu tun hat. Immer mehr haben wollen in einer begrenzten Welt hat von vorne herein mit Benachteiligung anderer zu tun. Und dort, wo das Imperium in Form seines Militärapparats einmarschiert, werden die Völker ihm die Stirn bieten. Sie werden Widerstand leisten, um ihre Würde zu retten. Der Weg ist lange. Wir dürfen nicht zurückschrecken, wenn wir Rückschläge erleiden, In diesem Widerstand für die Menschlichkeit werden wir den Amerikanern sehr nahe sein, brüderlich nahe.

Meine Damen und Herren, vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass die von Liebe und Menschlichkeit geprägten Vorsätze im Umgang mit den Amerikanern fast identisch sind mit denen, die wir uns im Umgang mit den Arabern wünschen. Jesu Christi geniale Idee, die ich eingangs erwähnt habe und keiner vor oder nach ihm so konsequent formuliert hat, lautete: "Liebet eure Feinde." Für diese Liebe starb er vor rund 2000 Jahren, und auch im Sterben am Kreuz war er nicht bereit zu hassen. Aber was heißt, er starb. Er lebt noch in den Gedanken und Herzen vieler Menschen. Wer geliebt wird, stirbt nie. Ich danke Ihnen fürs Zuhören.


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