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10.3.2003 | Von:
Rafik Schami

Dem Morgen begegnen, heißt Hoffnung haben

7 Bemerkungen eines hoffnungsvollen Pessimisten

Dr. Rafik Schami

Er wurde in Syrien geboren, ist Christ und lebt seit 30 Jahren in Deutschland: Der Schriftsteller Rafik Schami ist eine Schlüsselfigur beim Dialog zwischen islamischer und christlicher Welt. Seine Rede beim Bundeskongress für Politische Bildung hat er als interkulturelle Reise über sieben Stationen angelegt - von der arabischen Depression der Gegenwart bis zur künftigen Weltordnung.

Einleitung

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Am Anfang meiner Rede möchte Frau Dr. Christina Weiß, Staatsministerin für Kultur und Medien, Herrn Domprediger Joachim Hempel, Frau Hanne Wurzel von der Bundeszentrale für politische Bildung, Frau Felicitas Feilhauer vom Carl Hanser Verlag, euch, liebe Freundinnen und Freunde, und Sie, meine Damen und Herren, herzlich begrüßen und Ihnen dafür danken, dass Sie mir wertvolle Zeit Ihres Lebens schenken möchten. Ich werde mich bemühen, Sie Ihren Verlust so wenig wie möglich spüren zu lassen.

Es ist ein Zufall, aber wir sind in diesem Dom Gäste eines Hausherren, der vor rund zweitausend Jahren eine nicht unähnliche Situation wie die in unserer heutigen Welt durchlebt und darauf eine entscheidende Antwort gefunden hat. Damals war das winzige Land Palästina genau wie heute zerfressen von Selbsthass und Unruhen und das Imperium Romanum stand wie ein Gigant dieser ihm ausgelieferten Gesellschaft gegenüber, in der Heuchelei, Mord und Selbstmord an der Tagesordnung waren. Jesus hat eine revolutionäre Antwort darauf gewusst, die damals nicht verstanden wurde. Ich komme am Ende meiner Rede auf diese Antwort zurück. Meine Rede wird sieben Punkte streifen, Ansätze meiner Verzweiflung und zugleich meiner Hoffnung. Ich sage absichtlich streifen, weil jeder dieser Punkte ein weites Feld ist und hier aus Zeitgründen knapp behandelt werden muss. Aber wenn ich Ihnen aus Dankbarkeit für die Ehre, die Sie mir mit Ihrem Zuhören erweisen, ein paar Anregungen zum Weiterdenken schenken kann, bin ich glücklich.

© Der Autor weist daraufhin, dass eine Veröffentlichung nur mit seiner schriftlichen Genehmigung möglich ist.

Erste Bemerkung

Dr. Rafik Schami

Ich möchte mit dem Punkt anfangen, den Sie als Titel Ihres Kongresses gewählt haben und dessen Kern den Inhalt meines Lebens bedeutet: mit dem Dialog der Kulturen. Der Dialog lebt von der Differenz. Die ängstliche Suche nach Harmonie mündet in eine unfruchtbare Gleichmacherei. Seit dem Terroranschlag am 11. September und der dadurch losgetretenen Hasslawine gegen den Islam versuchen Menschen mit gutem Willen, die Religionen des Orients einander gleichzumachen. Das ist verständlich, aber falsch. Nicht die theologische Seite dieser vorhandenen Differenzen wird mich heute beschäftigen, sondern die irdische, diesseitige Differenz. Die drei Religionsstifter sind in ihrer Rolle als Menschen von Grund auf verschieden. Moses war ein Retter seines Volkes aus physischer und psychischer Sklaverei. Der lange zermürbende, aber reinigende Gang durch die Wüste war nötig um das Gelobte Land zu erreichen, in dem man leben kann, ohne täglich von Neuem begründen zu müssen, warum man so ist, wie man ist. Jesus war ein Revolutionär in einem besetzten Land. Er wusste um die qualvolle Geschichte seines Volkes und die anderer versklavter Völker unter den Römern. Er begriff, dass nur wenn die menschliche Verbundenheit die ganze Welt erfasst, sein kleines Volk eine Chance haben würde, zu seiner Menschlichkeit zu finden. Seine Ideen richteten sich an alle Untertanen des Imperiums. Er und seine Jünger waren Missionare einer guten Idee unterwegs. Muhammad war ein genialer Staatsmann. Das Christentum brauchte viele Anpassungen, glückliche Fügungen und dreihundert Jahre, um legalisiert zu werden. Der Islam war eine Staatsreligion vom ersten Augenblick an.

Diese knapp aufgezeichneten Differenzen gestalten bis heute unsere Weltpolitik mit. Der Islam beinhaltet in seinem Grundkonzept einen weltumspannenden Staat. Dieser Gedanke, fundamentalistisch gedacht, bedeutet Krieg. Der zur Zeit mächtigste Herrscher im christlichen Abendland, der Präsident der USA, verkörpert den Missionar allerdings in seiner hässlichsten Art. Das Gute ist sein Spiegelbild, alles andere ist aus dem Reich des Bösen. Auch hier ist Krieg vorprogrammiert. Und der israelische Staat? Verhält er sich nicht so, als wäre jeder seiner Ministerpräsidenten ein Retter und als wären seine Bürger immer noch auf der Flucht? Dies führt zu gefährlichen Projektionen und zum Krieg. Aber Differenzen können auch bereichern. Ein Orient, in dem alle Kulturen der Völker in Freiheit und Demokratie neben- und wenn möglich miteinander wirken, könnten gestützt auf die vorhandenen Reichtümer, den Mittelmeerraum in ein Paradies verwandeln. Die ersten Schritte der Annäherung werden sehr schwer sein und können ohne Hilfe von außen nicht zustande kommen. Sicher grenzt dieser Gedanke heute angesichts der Misere der Weltlage an Träumerei, doch nicht mehr oder weniger als bei jenem Traum im Herzen vieler Deutschen und Franzosen während der Völkerschlachten, die jahrhundertelang junges Leben vernichteten und bis 1945 andauerten. Und heute? Franzosen und Deutsche beweisen immer mehr, dass die Freundschaft ihrer Völker auch in stürmischer Zeit Bestand hat. Viele von Ihnen werden die Übertragung der Hoffnung auf den Orient für eine Utopie halten. Aber es ist gelebte Geschichte. In Spanien hatte diese Synthese von Moslems, Juden und Christen mehrere Jahrhunderte Bestand.

Zweite Bemerkung

Dr. Rafik Schami

Käme ein Besucher von einem fremden Stern auf unsere Erde , würde er sich über eine eigenartige Diskrepanz wundern. Er würde den Wissensstand universell und den Wirtschaftsstand global nennen. Er würde aber lange nach einem geeigneten Begriff für den Stand der Zivilisation suchen. Die Menschheit hat heute die gleichen Probleme wie eh und je. Und den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft erkennt man allein daran, wie sie diese Probleme löst. Sicher ist es eine ungeheuere Errungenschaft der Technik, dass man von jedem Ort der Erde aus jeden anderen erreichen kann, aber das ist nicht Zivilisation, wenn zugleich auf dieser Erde wie zur Steinzeit Kinder vor Hunger sterben, Menschen gequält werden oder Konflikte mit Gewalt geregelt werden.

Information zirkuliert um die Welt, und mit einer Digitalantenne kann man bis zu 1500 Programme empfangen. Aber Wissen allein macht nicht weise. Es braucht die Hefe der Begegnung mit anderen Kulturen, um zu Weisheit zu werden, so wie man Mehl oder Hefe eben nicht getrennt genießen kann. Wir können uns darüber lustig machen oder die Köpfe vor Verzweiflung schütteln, dass ein Präsident der USA trotz hochbezahlter Berater, trotz Geheimdienst und gegen jede Vernunft das Wort Kreuzzug in den Mund nimmt. Für jeden Orientalen bedeutet Kreuzzug schlicht und ergreifend 200 Jahre Mord und Totschlag.

Aber woran liegt das, dass amerikanische Soldaten ihr Leben aufs Spiel setzen wollen, ohne auch nur den Unterschied zwischen dem Iran und dem Irak zu kennen? Oder ein naheliegenderes Beispiel: Ich lebe seit 32 Jahren hier in Deutschland und habe Land und Leute durch Erzähltourneen einigermaßen kennen gelernt. Mögen einige unter Ihnen nun das, was ich jetzt sage für orientalischen Charme halten, aber es handelt sich um ein sehr nüchternes Urteil: Ich finde Deutschland wunderschön und liebe das Land, seine Sprache und Leute, die mir und meiner Literatur eine Heimat geben. Aber sagen Sie das einmal einem Deutschen. Er wird erröten, als hätte man ihm etwas Unanständiges gesagt. Warum? Kann man sein Land, seine Sprache, seine Bevölkerung nicht wunderbar finden, ohne einfältig stolz zu werden oder unsicher nach einem Leithammel zu suchen?

Als könnte man nicht kritisch sein und trotzdem einen See, einen Wald oder Menschen schön finden. Bei all meiner Kritik an der arabischen Gesellschaft, die Sie heute noch hören werden, halte ich Damaskus nach wie vor für die schönste Stadt der Welt. Ich werde sie besingen, solange ich atmen kann. Ich könnte die Liste der Unzulänglichkeiten beliebig fortsetzen. Ihre Ursache liegt im Unwissen über die eigene Kultur und die der anderen. Sicher, Wissen allein genügt nicht, wie ich oben ausführte, aber es stellt die Weichen für die Weisheit. Im Gegensatz dazu hat Unwissen immer verheerende Folgen.

Ich plädiere seit über einem Jahrzehnt dafür, im Lehrplan der Schulen wöchentlich eine Stunde für Kulturen der Welt vorzusehen. Hier könnten Wissen und Begegnung Früchte tragen. In dieser Stunde der "Kultur der Völker" können sich junge Menschen offen und kritisch, aber mit Respekt über andere Kulturen informieren und darüber diskutieren. Aber bitte, ich plädiere nicht für zusätzliche Hausaufgaben, zusätzliche Klausuren und Kosten. Mögen einige dieses Vorgehen für einen langen Weg halten. Ich würde dem nicht einmal widersprechen. Ganz im Gegenteil. Aber ein großes Problem unserer Zeit ist die Eile. Wir fahren schneller und haben immer weniger Zeit.

Eine Folge davon ist das kurzfristige Denken und Planen. Wir planen Veränderungen gewaltigen Ausmaßes, die innerhalb weniger Monate ausgedacht, vorbereitet, ausgeführt und abgeschlossen sein sollen. Das kann nicht gut gehen. Nehmen wir uns also die Zeit für eine weise Erziehung unserer Kinder. Schul- und Erziehungsprogramme sind keine unumstößlichen Naturkonstanten, sondern sie wandeln sich mit der Zeit. Das bessere Wissen um die anderen Kulturen ist ein Wissen über uns selbst. Mathematik, Deutsch, Englisch, Kunst u. a. Fächer sind wichtig, aber damit unsere Kinder ihr Wissen zukünftig gebrauchen können, müssen sie mit den Kindern anderer Völker die Welt bewohnbar machen, zivilisieren. Ich bin sicher, dass ein Kind, das mehrere Jahre in Ruhe die Kulturen, die Sitten, die Religionen anderer Völker kennen gelernt hat, nicht arglos rassistische Witze weitererzählt, die gegen Juden oder Muslime, Inder oder Afrikaner sind. Ganz einfache Dinge sind das und dennoch entscheidend für den Quantensprung zwischen Wissen und Weisheit.

Dritte Bemerkung

Dr. Rafik Schami

Wir haben in Arabien große Probleme. Eine der lebendigsten Kulturen der Welt liegt nun brach. Ihr Beitrag zur zivilisatorischen Entwicklung geht gegen null. Und wenn die Freiheit einer Nation die Summe der Freiheit ihrer Bürger ist, so geht diese Summe in allen arabischen Ländern auch gegen null.

Wir sind große Lieferanten und Verbraucher, aber man beteiligt uns an keiner Entscheidung. Die Ursache ist mannigfaltig, und ebenso vielfältig wird auch die Lösung aussehen müssen, wenn sie etwas Hoffnung und Zuversicht geben soll. Um Ihnen das kurz zu verdeutlichen, muss ich etwas tiefer graben. Vieles, was die Araber und ihre Kultur prägte, wurde zwar nicht ausschließlich, aber doch stark von der Wüste verursacht. Will man also die Araber auch im Jahre 2003 verstehen, muss man immer den Einfluss der Wüste berücksichtigen.

Die unendliche Weite der Wüste, der äußerst langsame Farbwechsel, die tiefe, fast hörbare Stille ließen die Neigung zur Malerei auch vor dem Islam verkümmern und gaben stattdessen der Zunge jene Zauberkraft, die den Arabern weltweit ihren Ruhm als Erzähler einbrachte. Mit der Schönheit des Wortes brachten sie Farben in die Einöde. Ausgehungert und fast verdurstet erfanden sie ein Paradies aus Worten, das man auf Reisen mitnehmen kann. Wer sonst außer einem Hungerenden träumt von einem Paradies, in dem Milch und Honig fließen. Die Wüste ist die Meisterin der Abstraktion. Die Araber waren ihre tüchtigen Schüler. Sie sinnierten mit Worten über die Welt. Alle drei Propheten, Moses, Jesus und Muhammad, ließen die lärmende Schwatzhaftigkeit und Hektik der Städte hinter sich und gingen in die Wüste, bevor sie ihre Ideen verkündeten. Aber nicht nur das. Mich wundert es nicht, dass hier das erste Alphabet der Menschheit entwickelt wurde, die abstrakten Symbole, die dem Klang der Buchstaben Schatten gaben.

Auch die arabischen Ziffern, allen voran die Null, ließen sich so eindeutig im Sand zeichnen wie kein anderes damals bekanntes Zahlensystem. Auch die gerühmte Gastfreundschaft der Araber ist durch die Wüste entstanden. Die Wüste war es auch, die die Geschlechterrollen anders formulierte. Nicht Vater und Sohn kämpften um die Gunst der Mutter und erzeugten zu Freuds Freude den uns heute als Ödipus bekannten Komplex, sondern es entstand ein Wettstreit zwischen Vater und Mutter um die Gunst der Kinder. Wer deren Gunst erwarb, sicherte seine alten Tage in Würde. Die Frau siegte öfter, solange man in der Wüste lebte. Nicht selten bekamen die Kinder den Namen ihrer Mutter, weil sie der sichere, lebenserhaltende Schatten, der Halt in der Wüste war. Die Väter kamen oft von ihren Kämpfen nicht zurück.

Erst in den Städten verbannten die Männer die Frauen in den Harem, aus Angst vor ihrer Macht. Damit war der Kampf in der Öffentlichkeit entschieden, nicht aber in den eigenen vier Wänden. Das enge Band der Familie und Sippe war eine unentbehrliche Voraussetzung, um in der lebensfeindlichen Umgebung der Wüste zu überleben. Die daraus resultierende blinde und bedingungslose Solidarität mit dieser Sippe hat beim Aufstieg der Araber zu einer Weltmacht eine beschleunigende Rolle gespielt. Heute ist sie ein Hemmschuh gegen die Errettung der arabischen Gesellschaft aus ihrer tiefen Misere. Zwei orientalische Produkte überdauerten die Zeit: die Pyramiden und die arabische Sippe. Manchmal scheinen politische Ereignisse, die andere Kontinente und Länder umwälzen, an Arabien nur so vorbeizurauschen und wie Regentropfen auf einem Wachstuch kaum Spuren zu hinterlassen.

Doch der Eindruck täuscht. Die Zeit verändert alles. Heute haben die Pyramiden nicht mehr die Bedeutung einer Wartestation auf dem Weg zum ewigen Leben, sondern sind lediglich Touristenattraktionen. Heute ist die arabische Familie, die sich nicht den Einflüssen der Moderne entziehen kann, genauso gut oder schlecht wie die deutsche, die indonesische oder die amerikanische Familie. Aber die Sippe, der Stamm als System, überlebte als eine Mutation. Die Sippe ist nicht mehr ein Schutzmechanismus gegen die Lebensfeindlichkeit der Wüste, sondern mittlerweile ein kriminelles Instrument, das die Macht eines Diktators zu sichern hat. Die Mutation der Sippe ähnelt sehr der Mutation der Mafia, übrigens auch ein arabisches Produkt. Das Wort bedeutet auf Arabisch so viel wie Schatten geben, verstecken. Die Mafia mutierte von einer Organisation, die sizilianischen Aufständischen und Freiheitskämpfern im 11. Jahrhundert Schutz bot im Kampf gegen die Normanen und im 15. Jahrhundert gegen die Spanier und ihre Inquisition, zu einer kriminellen Vereinigung, die das eigene Volk terrorisiert. So ist auch die Sippe heute in Arabien ein perfektes System, das es Verbrechern wie Saddam Hussein erlaubt, ein wunderbares Kulturvolk zu unterwerfen, seinen Reichtum zu vergeuden, es zu quälen und dem Tod auszuliefern. Mit der Sippenherrschaft wurden nicht nur die reaktionärsten Regime am Golf etabliert, sondern die Ansätze der republikanischen Entwicklung in den anderen aufgeklärteren Ländern zerstört. Parlament, Partei, Armee, Polizei und Justiz wurden marginalisiert, ihrer Funktion enthoben, gedemütigt. Werte wie Qualifikation und Fähigkeit sind nicht gefragt. Loyalität gegenüber dem Diktator und Unmenschlichkeit sind Voraussetzungen für den Aufstieg. Hierin liegt die Dummheit, wenn ein Salonintellektueller in Deutschland einen arabischen Diktator mit Hitler vergleicht. Unter der Sippenherrschaft mutiert die Republik zum Kalifat. Der Sohn erbt die Herrschaft vom Vater. In Syrien ist dieser Wandel bereits vollzogen, im Irak, in Ägypten und Libyen ist er geplant.

Der Diktator kam in allen diesen Ländern aus ärmsten Verhältnissen. Daher neigt bei ihnen einer wie der andere zur Verkleidung und zur krankhaften Gier nach Superlativen in den Titeln, nach Palästen, Geld und nach Autos. Saddam nennt seinen Palast Qasr al Sujud, Palast der Anbetung. Er trägt Titel und Kleider, die folkloristisch anmuten und in keiner Armee und keinem anderen Land bekannt sind. Das Scheitern in Arabien liegt am begrenzten Horizont dieser Herrscher, die immer mehr zu Verwaltern der Erdöl- und Waffengeschäfte werden wollen und jeden als Bedrohung empfinden, der Selbstständigkeit anstrebt. Sie ließen und lassen Schulen bauen und lehren nach dem westlichen System, nicht selten dem System ihrer ehemaligen Kolonialmacht. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, dass Lehrer, Architekten, Mediziner und Politiker nichts als schlechte Kopisten sind, wenn sie nicht die Besonderheit der jeweiligen Region, der Kultur in Betracht ziehen, und so sind unsere Wohnhäuser, Städte, Strände, Kliniken und Universitäten schlechte Kopien europäischen Baustils. Oft sind Mitglieder der Regierung selbst Vertreter westlicher Firmenniederlassungen, Importeure, die jeden bedrohlich finden, der eigene Wege gehen will und ihn deshalb mit allen Mitteln bekämpfen.

Die Herrscher dieser Länder – deformierte, in ihrer Seele kolonialisierte Verwalter und nicht Befreier – haben gar keine Vorstellung davon, wie eine neue Gesellschaft beschaffen sein soll, sondern wollen bloß weitergehen. Sie bilden sich ein, sie gehen einen Weg entlang und quasselen über das leuchtende Ziel, sind aber wie ein Goldfisch im Glas. Sosehr die alten Schichten der Feudalherren und Großbürger von der Oberfläche her europäisches Leben nachahmten, waren sie in den dreißiger und vierziger Jahren dem arabischen Lebensstil doch näher als ihre sogenannten revolutionären Widersacher der sechziger und siebziger Jahre. Die alten Schichten waren selbstbewusst und kannten den Westen mit all seinen Schwächen. Die neuen Schichten waren Analphabeten, sie ließen sich vom Westen blenden. Alle arabischen Regierungen setzen in blinder Nachahmung auf das wirtschaftliche Wachstum, diese westliche Erfindung. Statt die Gesellschaft aus ihrem tiefen Schlaf nach 400–500 Jahren Kolonialismus wachzurütteln, ereifern sich unsere Herrscher über Prokopfeinkommen / Investitionsvolumen / Zahl der Schüler, Studenten und Soldaten. Und weil sie dauernd im Hintertreffen sind, lügen sie und manipulieren die Zahlen unter Aufsicht von Experten aus Osteuropa, um bessere Ergebnisse vorzeigen zu können.

Die moderne Technik und der Reichtum durch das Erdöl ließen die arabischen Gesellschaften viele Tarnmittel importieren und sich einbilden, sie beteiligten sich am Fortschritt, wenn sie auf Sattelitenantenne, Handy und Videokamera verfügen. Dabei können alle diese Länder nicht einmal selbstständig eine Schraube herstellen. Sie importierten alles und werfen dann den politischen Gegnern vor, importierte Gedanken (Afkar Mustawrade),die zur arabischen Gesellschaft angeblich nicht passen wie: Freiheit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit oder die Emanzipation der Frau aus Europa geschmuggelt zu haben. Sie dulden keine Kritik, und Kritik ist die Lunge der Freiheit. Die arabischen Intellektuellen flüchten, werden mundtot gemacht, oder sie werden gekauft. Eine vierte Kategorie gibt es nicht. Die Diktatoren versuchten, mit einem Heer gekaufter Dichter, Denker und Künstler, nicht ohne Erfolg, das Herz ihrer Bevölkerung zu erreichen. Deshalb sind sie für mich als Exilautor die übelsten Schreibtischtäter. Nach 32 Jahren des Exils ekeln mich viele arabische Autoren so an, dass ich mit ihnen niemals ohne Zeugen sprechen würde.

Ich wundere mich über den Grad an Unsensibilität in Europa, weil diese Wortsöldner auch noch übersetzt und empfangen werden. Und wenn einer von den deutschen Grünen Ghaddafis Roman übersetzt, dann soll er sich doch bitte als Dose ohne Pfand abgeben. Ein System, das in seiner Gesamtheit abhängig ist, lehnt sich nicht gegen die Abhängigkeit auf, sondern gegen jene, die darauf zeigen. Die Schergen aber, die Nutznießer, reagieren auf keine fremde Macht so ungeheuer aggressiv wie auf jene Landsleute, die radikale Veränderungen herbeiführen wollen. Es mangelt weder am Willen der Bevölkerung noch an Theorien und Ideen, sondern an Demokratie. Viele Ansätze, philosophisch und politisch zu begründen, warum und wie wir im Stande sind, einen eigenen Weg zu gehen, wurden im Keim erstickt. Geniale Frauen und Männer versuchten, der eigenen Kultur verpflichtet eine Antwort auf die spezifischen Fragen unserer Gesellschaft zu geben und damit einen selbständigen Beitrag zur Zivilisation zu leisten, doch sie waren von vornherein zum Scheitern verurteilt. Drei von ihnen seien hier ehrenhalber erwähnt: die Libanesen Hussein Muruwa und Mehdi Amel sowie der Iraker Hadi al Alawi. Die ersten beiden wurden erschossen. Hadi al Alawi, der große Sufigelehrte flüchtete von Bagdad bis nach China. Er kehrte über Beirut und Zypern schwerkrank zurück und lebte verarmt in Damaskus bis zu seinem viel zu frühen Tod 1998. Wer diesem Mord an Geist und Seele entkommen will, muss ins Exil. Millionen fähiger und hochqualifizierter Araber flüchteten. Die Länder versinken in Dunkelheit. Die Völker, ihres Augenlichts beraubt, leben in Angst, sie überleben den Tag und beten, Gott möge den Diktator zu sich rufen. Doch der Herr der Welten hatte es bei Diktatoren noch nie eilig. Das zeugt von äußerst gutem Geschmack.

Doch Jahrzehnte der Diktatur rächen sich. Die arabischen Diktatoren, die ihre Muskeln vor den eingeschüchterten Landsleuten spielen lassen, wissen, dass weder ihre Armee fähig zum Kampf mit einem äußeren Feind ist, noch dass sie der Bevölkerung trauen können. Sie lassen sich feige und oft geheim auf alles ein, was ihre Macht erhält. Nicht selten bettelten Diktatoren, die offiziell gegen Israel hetzten, hinter dem schweren Vorhang der Diplomatie um Kontakt mit Israel.

Beim Verbrecher Saddam Hussein erleben wir Niedergang und Charakterlosigkeit öffentlich. Das hat Seltenheitswert. Welch eine tiefe Demütigung. Die arabischen Regierungen erlauben den Amerikanern und Engländern, ihre Länder als Startbasis für einen Krieg zu missbrauchen, der den arabischen Völkern millionenfachen Tod und der Umgebung eine ökologische Katastrophe bringen wird, während Deutschland, Österreich, Frankreich, Griechenland und viele andere Staaten dem Krieg ohne Wenn und Aber widerstehen.

Keine arabische Regierung hat offiziell gegen den Aufmarsch der Amerikaner protestiert, geschweige denn gedroht, und sei es auch nur diplomatisch. Das sind genau die Regime, die in ihren Medien von den Europäern Haltung verlangen und von den Palästinensern ein Martyrium. Sich zu schämen, war nie die Tugend einer Diktatur. Diese Sippen überwinden, das können weder Fundamentalisten noch einmarschierende fremde Armeen. Das kann einzig und allein die Demokratie, die bei all ihren Schwächen doch so radikal gegen die Sippe ist, weil sie auf das Individuum zählt und dieses achtet, was so viel wie ein Todesurteil für die Sippe ist.

Vierte Bemerkung

Dr. Rafik Schami

In der allerjüngsten Rede des amerikanischen Präsidenten George W. Bush versprach dieser, mit seinen Truppen eine leuchtende Freiheit in den Irak zu bringen. Ich möchte das Grinsen nicht überbewerten, das bei diesen Worten sein Gesicht überzog. Der Mann hat eine merkwürdig unkontrollierte Mimik, die von großer Unsicherheit zeugt. Nein, ich möchte auch nicht in den Mittelpunkt meiner Betrachtung stellen, dass er mit dieser Rede eigentlich alle bisher aufgezählten Argumente gegen den Irak ad absurdum geführt hat. Es geht nicht mehr um die Beseitigung der Massenvernichtungswaffen, auch nicht um die Einhaltung der Resolution 1441 des Sicherheitsrats, es geht nicht um den angeblichen Kontakt Saddam Husseins mit Usama bin Laden und auch nicht um die Eindämmung einer Weltbedrohung durch ihn. Es geht nicht einmal mehr um das Absetzen der Person Saddam Hussein, sondern nun wird deutlich: Die Amerikaner wollen den Irak besetzen. Präsident Bush führte in diesem Zusammenhang deutlich genug den Vergleich mit Deutschland und Japan ins Feld. Doch der Vergleich ist lahm, er kann nicht einmal aufstehen, um zu hinken. Die Amerikaner kamen damals in der Absicht, als Nachfahren der Europäer , ihr Mutterland von einem üblen, militärisch überlegenen Naziregime zu befreien und es gleichzeitig vor dem Einmarsch eines üblen und nach Stalingrad erstarkten Stalin zu schützen. In Arabien sind die Amerikaner heute Besatzer, und sie marschieren mit düsteren Irakis ein, deren Charakter sehr große Ähnlichkeit mit Saddam Hussein hat. Manche von ihnen waren sogar dessen rechte Hand im Völkermord gegen die eigene und die kurdische Bevölkerung.

Auch grenzt es an Zynismus, dass die US-Regierung mit der Waffe in der Hand Freiheit in einem Land einpflanzen will, in dem sie noch gar nicht drin ist, während sie das nicht tut in Ländern, in denen sie längst mit am Herrschaftstisch sitzt. Wenn die Amerikaner in Saudi-Arabien, Kuwait und allen anderen Vasallen am Golf auch nur eine kleine Probe davon ablegen könnten, wie diese vom Amerikanischen ins Arabische übersetzte Freiheit und Demokratie aussieht, wären sie glaubwürdiger. Doch schon Immanuel Kant erkannte im Gerede über die Freiheit der Völker oder die Menschenliebe, die Großmächte angeblich dazu bringt, kleinere Länder zu überfallen, die Gelüste der Mächtigen und entschied sich im Zweifelsfall für das Völkerrecht.

Viele Kinder und Erwachsene in Damaskus, Kairo und Tunis fragen sich, was die Araber den Amerikanern wohl Böses angetan haben, da diese zwar große Gewinne aus Arabien ziehen, sich jedoch immer mit den Feinden der Araber verbinden. Das Beunruhigende ist, die Politik der USA folgt seit dem 2. Weltkrieg unabhängig vom jeweiligen Präsidenten einer Doktrin, die auf die Unterwerfung des Orients und die Ausbeutung seiner Ressourcen zielt.

Henry Kissinger, der die schwere Verantwortung für einen anderen, auch furchtbaren 11. September trägt, als die demokratisch gewählte Regierung Chiles gestürzt und die Chilenen einer mörderischen Militärjunta unterworfen wurden, brachte die Doktrin in Bezug auf den Orient auf den Punkt: "Das Öl ist viel zu wichtig, um es den Arabern zu überlassen." Heute spricht der Medien-Mogul Rupert Murdoch eine ähnliche Sprache – ohne jegliche kosmetische Zusätze von Freiheit und Menschenrechten. Diese Doktrin führte zum ersten Putsch in der modernen Geschichte der Araber. Die CIA und der französische Geheimdienst ließen in Damaskus Ende März 1949 einen der widerwärtigsten Menschen, Armeechef Husni al Sa´im, gegen die gewählte Regierung putschen. Es war ein Spaziergang. Kein Schuss fiel. Ein einziger Soldat bewachte das Haus des Ministerpräsidenten, ein zweiter den Rundfunk. Das waren noch Zeiten! Der Grund für diesen ersten Putsch war: Das kleine syrische Parlament hatte es gewagt, der amerikanischen Ölfirma Tap-Line Fragen zu stellen und Gebühren für den Transport des saudischen Öls durch Syrien ans Mittelmeer zu verlangen.

Zum zweiten Putsch kam es viereinhalb Monate später. Diesmal waren es die Engländer, die den Einfluss der Franzosen schwächen wollten. George W. Bush und seine Mannschaft aus überzeugten Kriegern und Befürwortern eines allein herrschenden Imperiums bringen jedoch eine neue Stufe in die Doktrin. Es ist die Präventivschlag-Doktrin. Sie beinhaltet die Idee, dass die USA nicht nur ein Land angreifen dürfen, das sie unmittelbar bedroht, sondern auch eines, das sie in der Zukunft bedrohen könnte.

Bushs Maxime lautet: "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns." Wenn Kinder so etwas in Nachahmung eines schlechten Westerns sagen, kann man darüber lachen, aber im politischen Leben bedeutet das die Abschaffung der gleichberechtigten Partnerschaft zugunsten williger Vasallen. In diesem Sinne verpflichten sich die Amerikaner zu immer weniger Maßnahmen und unterschreiben immer weniger bindende Verträge im Hinblick auf Umwelt oder Abrüstung. Ein Imperium verpflichtet sich allein Gott gegenüber und duldet keinen Partner und schon gar keine Konkurrenz. Verwenden Herrscher des Imperiums Begriffe wie "wir" und "uns", haftet ihnen etwas Absolutistisches an. Wie von Gott beauftragt sprechen sie und ein Widerspruch grenzt an Gotteslästerung. Das war bei den Pharaonen schon so, bei den Kalifen, den römischen Kaisern und den russischen Zaren. Aber Freiheit und Demokratie entstanden als Sehnsucht der Menschen und wuchsen immer contra Absolutismus und Despotismus.

Fünfte Bemerkung

Dr. Rafik Schami

In gewisser Hinsicht ist dieser Krieg eine ökologische, materielle, politische und kulturelle Katastrophe für die Araber. Sie zeigt ungeschminkt, dass weder der Ruf nach arabischer Bruderschaft noch der Islam ihnen mehr hilft, ihre Niederlage zu mildern oder zu vertuschen. Sie werden kolonialisiert, als hätten sie fünfzig Jahre lang nichts dagegen gemacht. Sie haben auch nichts gemacht. Geschichte ist kaltblütig und kennt keine Sentamentalität. Wer stehen bleibt, wird niedergewalzt. Auf der anderen Seite ist dieser Krieg eine Strafe auch für Europa. Fünfzig Jahre hat Europa vergeudet, obwohl seine Interessen und seine engmaschigen Beziehungen ein Handeln erforderten. Europa ist nicht Amerika. Unsere Gegenden trennt kein Ozean, sondern eine lange Beziehung verbindet sie.

Statt einen Wandel durch kritische Annäherung zu vollziehen, um im gesamten Mittelmeerraum einen freiheitlichen Geist in demokratischen Ländern mit höchst produktiven multinationalen Projekten zu schaffen, überließ Europa fast beschämt und gelähmt das Feld anderen. Die Europäer stürzten sich auf rein wirtschaftliche, nicht selten bedenklich einseitige Lieferungen von Europa Richtung Mittelmeer. Jeder, der zahlte, bekam, was er bestellt hatte, ohne einmal gefragt zu werden, wofür. Manchmal nahm das kriminelle Ausmaße an. Die Sowjets schickten Juden nach Israel und lieferten den Arabern Waffen. Damit disqualifizierte sich Europa als Partner der Völker. Und weil es an einem humanistischen Angebot der Zusammenarbeit fehlte, das aufklärend und aufrüttelnd auf die Völker hätte wirken können, konnten sich die Herrscher in die Arme der Amerikaner werfen. Dabei hätte es Alternativen gegeben. Osteuropa war hundertmal gefährlicher und gefährdeter in ewiger Abhängigkeit zu verharren. Es gab dort kontinentale Atommächte, die rational organisiert waren mit allen Schikanen einer Staatspartei und gewappnet mit den besten Geheimdiensten der Welt. Die Bevölkerung war gelähmt, doch der Wandel kam, und als die Völker dort erkannten, dass ihre Stunde gekommen war, standen sie auf und ergriffen die Initiative. Damals hat Westeuropa durch eine kritische Annäherung große Hilfe geleistet.

In Bezug auf den Orient heuchelte Europa. Es stellte sich blind gegenüber den berechtigten Forderungen der Palästinenser, der Kurden und der Frauen. Es handelte lieber mit Diktatoren als mit deren Opposition, lieferte harmonisch geeint von Russland bis Spanien sowohl Waffen als auch Elektronik. In vielen Regimen setzten die Folterer in den Kellern der Geheimdienste westliche Technik unter Aufsicht osteuropäischer Offiziere ein. Manchmal war der Gefolterte ein Kommunist oder ein liberaler Mensch, der für die Rechte der Minderheiten eintrat. Während dieser Zeit hatte die demokratische Opposition kein Geld, kein Hinterland, nicht einmal eine mechanische Schreibmaschine. Ihre Anhänger bekamen weder Asyl noch Sender. Ein Diktator stürzt nicht durch ein Embargo, sondern durch die Stärkung der Opposition und durch seine absolute Isolation von allem, was seine Macht stärkt. Also genau durch das 100%ige Gegenteil dessen, was man mit Saddam Hussein gemacht hat. Man stürzt diesen Diktator nicht, indem man die Iraker hungern und eine Million infolge der Unterernährung sterben lässt, während Saddam acht Paläste hat! Seine Mittäter konnten sogar Raketen entwickeln und sich der besten Anzüge, Autos, Zigarren und Parfums erfreuen. Woher kam das Material? Wie konnte all das an den ach so präzise arbeitenden Spionagesatelliten vorbeigeschleust werden? Keine Gruppe der Opposition war für das Embargo, sie litten selbst darunter. Die Europäer und die Völker des Orients müssen, weil es das Leben aller direkt bedroht, gemeinsame Wege suchen, sie müssen die Diktatur und Massenvernichtungswaffen ächten und einem Diktator sofort zeigen, dass niemand mehr mit ihm zusammenarbeitet. Das wäre ein Bund der Menschlichkeit. Die Menschen müssen denen, die unter eine Diktatur geraten, zeigen, dass alle Nachbarn zu ihnen stehen, müssen ihnen Mut machen, Informationen und die Logistik zur Verfügung stellen, bis diese den Diktator aus eigener Kraft vertreiben können. Europa hätte damit im positiven Sinne seiner humanistischen Tradition Rechnung getragen und eine der interessantesten, reichsten und schönsten Gegenden der Welt zu einem zuverlässigen Partner gemacht.

Wer mit einer Diktatur zusammenarbeitet, sollte wissen, dass er sich selbst zum Täter macht. Man muss ihn als solchen behandeln. Es geht nicht an, dass man vorgibt, ein Regime zu bekämpfen, und dessen Propagandisten und wirtschaftliche Stützen empfängt, als wären sie nicht beteiligt. Wir müssen unseren bisherigen Weg kritisch betrachten und überdenken. Wir können nicht Missstände, die seit vierzig Jahren andauern, innerhalb zweier Wochen beheben. Auch das größte Imperium kann die Erde nicht gegen den Willen ihrer Bewohner beherrschen. Deshalb wird der Krieg keine Probleme lösen. Im Gegenteil, er wird neue Probleme schaffen. Deshalb sollten wir heute schon anfangen, geduldig neue Wege der Zusammenarbeit zu suchen. Im Arabischen hat das Wort Geduld nichts mit dulden zu tun. Geduld bedeutet Mut, Durchhalten und Widerstand. Der Begriff hat auch mit der Wüste zu tun – die Geduld und der Kaktus sind sprachlich miteinander eng verwandt.

Diesen Weg müssen wir gemeinsam gehen. Wir werden stolpern und vielleicht manchen Schritt rückgängig machen, weil wir erst lernen müssen, unabhängig zu sein und zu handeln. Die Deutschen sind zurzeit wieder dabei, eine historische Einmaligkeit zu verkennen. Meine geliebten deutschen Landsleute sind Experten im Verkennen ihrer Genies. Willy Brandt war weltweit anerkannt, am wenigsten jedoch in Deutschland. Zum ersten Mal in der Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg widerspricht ein deutscher Politiker der amerikanischen Politik, ohne antiamerikanisch zu sein. Achtung muss man Bundeskanzler Schröder für diese Haltung zollen. Es ist ein Tanz auf dem Hochseil ohne Netz. Die Kritiker seiner Friedenspolitik sind in der Regel Herdenmenschen. Herdenmenschen scheuen den Tritt aus der Reihe. Es ist kalt! Es ist auch gar nicht schön. Das kann ich Ihnen garantieren. Sie stehen da allein, bedroht, einsam, und jeder noch so unwichtige Schreiberling erlaubt sich, auf Sie zu spucken. Wer einmal aus einer Partei ausgetreten ist, versteht das Gefühl am besten: Manès Sperber beschrieb es so wunderbar bewegend in seinem Werk Wie eine Träne im Ozean.

Diese Kritiker verkennen die Aufgabe der Stunde: Europäische Verantwortung tragen, dem Bündnispartner mit Offenheit begegnen und Alternativen aufzeigen, auch wenn sie ein Partner nicht mehr mitträgt. Amerika beginnt und endet nicht bei Bush. Wer um jeden Preis berechenbar bleibt, mit dem ist nicht mehr zu rechnen. Wenn aber die Haltung der Europäer Bestand haben soll, dann darf sie nicht bei der lobenswerten und mutigen Ablehnung des Krieges stehen bleiben. Sie muss Alternativen für den nächsten Schritt, für ein anderes Leben der Völker miteinander zeigen. Konkret in dieser von Krieg und Diktaturen erschütterten Region des Mittelmeers heißt das, eindeutig für das Recht aller Völker auf ein friedliches Leben einzutreten.

Es gibt einen berechtigten Anlaß zur Hoffnung: Weltweite Proteste gegen einen Krieg, der noch nicht stattfand. Millionen demonstrieren entschieden gegen Bush und Blair, ohne auch nur eine Sekunde für Saddam Hussein zu stehen. Das nennt man die vollkommene Kunst der Demokratie. So etwas hat es noch nie gegeben. Diese Demonstrationen zeigen aber auch, dass die Medien der Herrscher ein völliges Desaster erleben. Es zeigt, dass sie, wenn sie mit der Verdummung der Menschen weiterarbeiten, irgendwann ihr eigenes Grab schaufeln. All diese Demonstrationen ermuntern mich, den rassistischen Spruch Henry Kissingers umzudrehen und auszurufen: "Die Freiheit, die Demokratie und das Erdöl sind zu lebensnotwendig, zu wichtig, um sie der CIA zu überlassen." Man muss damit anfangen, die Grundlagen einer kritischen Annäherung zu erarbeiten, deren Kernpunkt der Mensch ist. Diese kann die EU zu Voraussetzung jedweder Zusammenarbeit mit allen Ländern des Orients machen.

Sechste Bemerkung

Dr. Rafik Schami

Einer der gefährlichsten Konfliktherde des Orients ist der israelisch-palästinensische Konflikt. Ich habe sehr oft darüber geschrieben und möchte mich hier nicht wiederholen. Nur so viel: Diese zwei Verwandten sind in die Gewaltspirale geraten, aus der sie allein nicht herauskommen können. Sie sind eher bereit, ihre Jugend zu opfern. Das ist nicht metaphorisch gemeint. Schauen Sie die Gesichter der israelischen Soldaten an und die derer auf der anderen Seite, die Steine oder eine Kalaschnikow in der Hand halten. Es sind Kinder.

Ich bin der Meinung, dass auch dieser Konflikt lösbar ist, wenn wir mit Geduld die Zweistaatenlösung angehen, bei der Israel und Palästina in sicheren Grenzen und in normalen diplomatischen Beziehungen zu allen Nachbarn in Frieden und Freiheit leben und gedeihen. Dieser Frieden ist der Zuckermantel, der eine für beide Seiten bittere Pille umhüllt. Die zwei Länder sind winzig klein. Sie bieten nicht einmal Platz genug für ihre jetzigen Bürgerinnen und Bürger, und dennoch hantieren beide mit dem Recht aller Juden und Palästinenser auf Rückkehr. Das ist eine Zeitbombe, denn außerhalb Israel / Palästina leben weltweit ca. 13 Millionen Juden und 3 Millionen Palästinenser. Es ist nichts gegen die Einbürgerung Einzelner einzuwenden, aber wohl gegen die Ideologie, dieses kleine Land Israel/Palästina solle alle Integrationsprobleme der Umgebung und der Welt lösen.

Siebte Bemerkung

Dr. Rafik Schami

Der Krieg steht vor der Tür. Aber der amerikanische Plan wird scheitern. Die Frage ist also nicht nur, was nach Saddam, sondern auch was nach Bush und Rumsfeld sein wird. Meine Antwort hat mit dem Herrn dieses Doms zu tun. Er rief vor rund 2000 Jahren: "Liebet eure Feinde!"

Die Amerikaner werden seit dem zweiten Weltkrieg geliebt und gehasst, bewundert und belächelt, beneidet und bemitleidet wie kaum ein anderes Volk. Wenn der Krieg ausbricht, werden sie weltweit geächtet und gehasst werden. Ich will sie deshalb in Schutz nehmen und mich vor sie stellen. Ich möchte Ihnen zum Abschluss zeigen, wie man durch die Liebe zu den Amerikanern sich selbst liebt.

Und da es sich nicht um eine Verliebtheit, sondern um Menschenliebe handelt, sollten wir kurz den Gegenstand unserer Liebe näher betrachten. Amerika ist das einzige Imperium unseres Jahrhunderts und ist zugleich eine demokratische Republik, zwar mit vielen sozialen Nachteilen aber mit großer politischer Freiheit. Jeder Amerikaner ist entscheidend beteiligt an der Gestaltung der Erde. Ignacio Ramonet, der Chefredakteur von "Le Monde diplomatique", ein kluger Journalist, sagte in Zürich sinngemäß: Gut, wenn Amerika uns unterwerfen will, dann bitte schön ganz, dann werden die Europäer eben Bürger der USA. Wir haben dann immerhin die Chance, den US-Präsidenten zu wählen.

Das ist Satire. Wahr aber ist, dass die Wahlen in Amerika von entscheidender Bedeutung für den Bestand der Erde sind, von der Mehrheit der Amerikaner aber leider nicht ernst genug genommen werden und von einer Minderheit auch noch manipuliert werden. Wir müssen weltweit das amerikanische Volk dazu bewegen, zur Wahl zu gehen und diese genau zu beobachten.

Erst dann werden die amerikanischen Wahlen keine Farce sein wie die Wahl des jetzigen Präsidenten, der so tut, als wäre er mit 99,9 Prozent dazu auserwählt worden, das amerikanische Volk im Voraus zu erretten. Die wenigsten wissen, dass die Amerikaner so gut wie keine kritischen Berichte über die Außenpolitik ihrer Regierung erhalten. Dan Rather, einer der einflussreichsten Journalisten der USA, rief öffentlich aus: "George Bush ist der Präsident ... Wenn er wünscht, dass ich mich in Reih und Glied stelle, muss er nur sagen, wo." Das ist keine originelle Haltung. Sie klingt in meinen Ohren fast arabisch. Viele, auch schwarze Amerikaner wissen nicht, dass Richard Cheney 1985 gegen die Freilassung des südafrikanischen Freiheitskämpfers Nelson Mandela gestimmt hatte. Sie verhalfen ihm mit ihrer Stimme zum Vizepräsidenten. Mandela genießt eine ungeheuer große Liebe und Achtung nicht nur bei den farbigen US-Bürgern. Und Mandela ist einer der schärfsten Kritiker von Bush und Blair.

Unwissen schützt nicht vor Mitverantwortung. Die Bushs kommen und gehen, aber die Amerikaner als Volk werden am Ende die Zeche zahlen für die kriegerische Politik, die einige wenige in ihrem Namen machen. Wie liebt man aber ein mächtiges und freiheitsliebendes Volk, das in der Faust eines Imperiums gelähmt liegt? Indem man ihm vorlebt, wie vielfältige Freundschaft statt stumpfer Monotonie gelebt werden kann. Die Amerikaner lieben, heißt also an erster Stelle, selbstständig und selbstbewusst ihnen gegenüber aufzutreten, eine Unterwerfung hat noch nie etwas Befreiendes gehabt. Es ist gar nicht gut für die Amerikaner, dass wir ihnen, wo immer sie hinkommen, mit amerikanisierten Verhältnissen begegnen. Wie sollen sie jemals erfahren, dass es auch Alternativen gibt?

Also, wer die Amerikaner liebt, soll anders sein. Kulturredakteure, die lieber den letzten Roman aus den USA breitbeinig besprechen statt eigene Talente hier, geschweige denn in anderen Kontinenten zu suchen, sind keine Freunde der USA, sondern Sklaven des Imperiums. Es ist gar nicht gut für die amerikanische Kultur, dass man ihr jeden Schrott für teures Geld abkauft. Wenn die Programmgestalter unseres Fernsehens die Nachmittage mit Schrott füllen müssen, dann sollen sie lieber indische, brasilianische oder ägyptische Produkte kaufen. Diese sind bunter, preiswerter und genauso hirnlos wie die meisten Serien aus den USA. Wenn wir die Amerikaner lieben, müssen wir in zwei Richtungen wirken, zum einen den Antiamerikanismus bekämpfen, der nichts anderes als feiger Ausländerhass ist, und zum anderen uns in die inneren Angelegenheiten der USA einmischen. Unsere Anliegen sind weder Ölfelder noch Import/ Export-Vorteile, sondern die Menschen der USA, die wir nicht irgendwelchen Kriegern vom Schlage Rumsfelds überlassen dürfen. Die Liebe kann aber Opfer verlangen: Wir alle müssen erkennen, daß Frieden mit Verzicht zu tun hat. Immer mehr haben wollen in einer begrenzten Welt hat von vorne herein mit Benachteiligung anderer zu tun. Und dort, wo das Imperium in Form seines Militärapparats einmarschiert, werden die Völker ihm die Stirn bieten. Sie werden Widerstand leisten, um ihre Würde zu retten. Der Weg ist lange. Wir dürfen nicht zurückschrecken, wenn wir Rückschläge erleiden, In diesem Widerstand für die Menschlichkeit werden wir den Amerikanern sehr nahe sein, brüderlich nahe.

Meine Damen und Herren, vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass die von Liebe und Menschlichkeit geprägten Vorsätze im Umgang mit den Amerikanern fast identisch sind mit denen, die wir uns im Umgang mit den Arabern wünschen. Jesu Christi geniale Idee, die ich eingangs erwähnt habe und keiner vor oder nach ihm so konsequent formuliert hat, lautete: "Liebet eure Feinde." Für diese Liebe starb er vor rund 2000 Jahren, und auch im Sterben am Kreuz war er nicht bereit zu hassen. Aber was heißt, er starb. Er lebt noch in den Gedanken und Herzen vieler Menschen. Wer geliebt wird, stirbt nie. Ich danke Ihnen fürs Zuhören.
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Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

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TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

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Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

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Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

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