Veranstaltungen: Dokumentation

Das zeitlose Gesicht des einen Islam und die vielen Muslime in der Geschichte


8.2.2003
1. "Der Islam" war nie und ist nicht eine handelnde Figur in der Weltgeschichte. Die Unterscheidung zwischen den Referenztexten des Islam, hauptsächlich dem Koran und den Überlieferungen über Handeln und Reden des Propheten Mohammed einerseits und den historisch handelnden Musliminnen und Muslimen andrerseits ist ebenso selbstverständlich wie unbeliebt. Dass die Muslime in Medina zu Zeiten des Propheten unter grundsätzlich anderen historischen, sozialen und kulturellen Umständen lebten als es die heutigen Black Muslims in Chicago tun, wird kaum jemand bestreiten. Aber selbst gefeierte Publikationen erwecken immer noch den Eindruck, dass man über "die Muslime" zu allen Zeiten und an allen Orten Aussagen machen kann, die mit den Worten "Der Islam ..." beginnen. Das Gegenteil ist wahr: Sätze, die mit den Worten "Der Islam ist ..." beginnen, sind in der Regel trivial oder falsch. Das gilt für positive Aussagen nach dem Muster "Der Islam ist eine Religion der Barmherzigkeit" ebenso wie für negative wie "Der Islam kennt keine Demokratie". Natürlich gilt diese Unterscheidung nicht nur für Muslime und Islam, sondern auch für alle anderen Religionen und weltanschaulichen Systeme.

2. Muslimische Gelehrte und Intellektuelle haben seit dem Tod des Propheten (11 Hidschra , 632 n. Chr.) die Spannung zwischen der Zeitlosigkeit und ewigen Gültigkeit der Offenbarung einerseits und der Zeit- und Ortsgebundenheit der Praxis von Muslimen und Musliminnen andrerseits in immer neuen Anläufen aufgehoben.

Der rechte Weg zu leben wird für Muslime durch die Scharia gewiesen. Auseinandersetzungen um die rechte Lebensführung des Menschen gegenüber Gott und des Menschen gegenüber seinem Mitmenschen sind im islamischen Recht im Grundsatz durch die heiligen Referenztexte, Koran und Sunna, geregelt. Die Auslegung im Einzelnen und die Kriterien der Auslegung haben im Lauf der Geschichte jedoch erstaunliche Wandlungen erfahren. Eine der vom Anfang der islamischen Jurisprudenz an wichtigen Unterscheidungen war die zwischen zwei verschiedenen Arten von Neuerungen - die einen waren die eigenmächtigen Abweichungen vom heiligen Gesetz - dies waren die verbotenen Irrlichtereien und schädlichen Neuerungen. Auf der anderen Seite gab es aber die notwendigen Neuerungen, die im Lauf der Geschichte zwangsläufig wurden. Wenn sie dem Geist des Koran und der Sunna des Propheten entsprachen, dann waren dies gute, empfehlenswerte, eben notwendige Neuerungen. Mit welcher Begrifflichkeit war beides unterscheidbar? Ich kann hier nur andeuten, in welche Richtung die gelehrten Diskussionen gingen: konnte man davon ausgehen, dass nicht nur der Koran unfehlbar war, das persönliche Handeln des Propheten sündlos war, sondern auch davon, dass die islamische Gemeinde sich niemals auf einen Irrtum einigen würde? War in diesem Fall die ganze islamische Gemeinde gemeint oder nur bestimmte Gelehrte? War es dem Muslim möglich, ohne Rückgriff auf eine gelehrte Tradition allein gestützt auf Koran und Sunna eine Entscheidung über derartige Fragen zu fällen? Gudrun Krämer hat in ihre Studie "Gottes Staat als Republik" (Baden-Baden 1999) die Reflexionen zeitgenössischer Muslime über Islam, Menschenrechte und Demokratie die Spannweite moderner inner-muslimischer Diskussionen dargestellt. Heute wird diese Problematik von vielen Muslimen in der Weise diskutiert, dass eine Unterscheidung zwischen dem Kern der islamischen Religion einerseits und sekundären, weniger wichtigen Randerscheinungen andrerseits gemacht wird. Die letzteren sind verhandelbar, die ersteren nicht. Es kann nicht verwundern, dass auch unter Muslimen nicht immer Einigkeit darüber hergestellt werden kann, was nun präzis zum islamischen Kern gehört und was nicht.

Ein Beispiel: 1924 schaffte Atatürk und seine türkische Nationalversammlung das Kalifat ab. Seitdem gibt es keinen Kalifen mehr - wenn man von chancenlosen Außenseitern wie dem "Kalif von Köln" absieht. Muslime - ich klammere hier für einen Augenblick die Schiiten aus - waren sich nicht einig, ob eine Wiederherstellung des Kalifats unbedingt notwendig sei, ob Muslime zum Leben ihrer Religion unbedingt einen Kalif brauchen, ob das Kalifat ein zentral wichtiger Bestandteil des muslimischen Glaubens sei oder nicht. Das ist eine Frage des Dogmas und des islamischen Rechts. Aber es ist auch eine Frage, bei deren Lösung die Zeitumstände eine große Rolle spielen. Seit fast 80 Jahren gibt es kein Kalifat mehr. Es gibt heute mehr muslimische Intellektuelle und Gelehrte, die glauben, auch ohne einen Kalifen gute Muslime sein zu können als unmittelbar nach 1924. Vielleicht, so sagen heute nicht wenige, könnten die Aufgaben des früheren Kalifen heute besser durch einen Kongress, eine Art islamisches Parlament gelöst werden. So fragen jedenfalls manche muslimische Intellektuelle. Vielleicht sind auch andere Fragen im Moment viel wichtiger als ein wie auch immer aussehendes Kalifat..

3. Die heutige Zeit, gekennzeichnet durch Schübe von Globalisierung und Regionalisierung, hat aus der islamischen Religion eine weltumspannende Religion gemacht und stellt damit die weltweit ca. 1,3 Milliarden Muslime vor ganz neue Herausforderungen. Heute sind in vielen Ländern Europas nach den Christen die Muslime die zweitgrößte religiöse Gruppe. Wie mir scheint, sind wir damit Zeugen von wichtigen Veränderungen. Das lässt sich, wie ich meine, schon anhand der gelehrten Buchproduktion von Muslimen zu islamischen Themen zeigen. Die heiligen Stätten in Mekka und Medina werden ihre zentrale Stellung im Ritus der Pilgerfahrt nicht verlieren, natürlich nicht - schließlich ist der Hajj eine der fünf Säulen des Islam. Aber die kulturelle Bedeutung eines arabisch-sprachigen Zentrums im Nahen Osten verschiebt sich: ca. 80 Prozent der Muslime sprechen heute nicht mehr Arabisch als Muttersprache. Die gelehrte Produktion von Büchern über islamische Themen auf Türkisch, Persisch, Urdu, Indonesisch, aber auch auf Französisch, Deutsch und vor allem auf Englisch wird nicht nur der Zahl, sondern auch der Wichtigkeit nach zunehmen. Es macht kaum noch Sinn von einem islamischen Zentrum, etwa abgesteckt durch die vier Städte Kairo - Istanbul - Bagdad - Medina, und einer islamischen Peripherie (alles andere) zu sprechen. Muslime in Südafrika sind nicht "peripherer" als Muslime in Syrien. Diese historische Herausforderung für die Weltreligion Islam aufgrund der Globalisierung scheint mir wichtiger und einschneidender zu sein als selbst der Untergang des Kalifats 1924. Diese Herausforderung enthält die Anerkennung der Existenz von Muslimen in der Diaspora als Dauerzustand einer Minderheit. Ein großer Teil der Vorträge und Diskussionen dieses Kongresses werden sich mit diesem Thema beschäftigen. Z.B. heute morgen der Entwurf einer "Islamischen Charta", der die Beziehungen zwischen den in Deutschland lebenden Muslimen und dem deutschen Staat und der deutschen Gesellschaft klären will. Z.B. die Frage, ob es einen "europäischen Islam" gibt oder geben soll.

4. Es gibt trotz und neben aller Differenzierung und tiefgreifender Verschiedenheit heutiger Muslime auch eine, wie ich meine, neue gesamt-muslimische Solidarität, die ein Aspekt der Globalisierung ist. Das ist nicht primär eine Sache militanter Demonstrationen und der Verbrennung amerikanischer Flaggen. Das gibt es auch, solche Demonstrationen sind oft in einem engen Sinn politisch. Aber es gibt daneben auch eine wachsende Solidarität immer da, wo Muslime den Eindruck haben, an einem bestimmten Ort würden Muslime wegen ihrer Religion unterdrückt oder verfolgt. Das beste Beispiel war vielleicht die islamische Solidarisierungsbewegung mit den bosnischen Muslimen. Johannes Reissner hat allerdings unlängst darauf hingewiesen, dass diese Solidarisierung im Allgemeinen die Grenze des Nationalstaats nicht sprengt. Eine soziale Solidarisierung unterhalb der staatlichen Ebene findet dort statt, wo gemäßigte und radikale muslimische Gruppierungen ein korruptes politisches System oder ungerechte soziale Verhältnisse anklagen. Oft sind islamische oder islamistische Organisationen gerade den einfachen Gläubigen näher, und deren soziale Aktivitäten wirksamer als die staatlichen (Reetz 101), was den Zulauf zu solchen Organisationen erhöht. Ein letzter Aspekt sind die offiziellen Organisationen eines islamischen Internationalismus wie die Islamische Weltliga in Mekka.


 

Blog

Bundeskongress Politische Bildung, Eröffnung

Bundeskongress Politische Bildung

Mehr als 900 Teilnehmer diskutierten auf dem Bundeskongress Politische Bildung (21.-23.5) über das Zeitalter der Partizipation. Impressionen, Interviews und Artikel zu den einzelnen Veranstaltungen finden Sie im Blog zum Bundeskongress. Weiter... 

Veranstaltungsdokumentation (Juni 2011)

5. Fundraising-Tag der politischen Bildung - 10. Juni 2011, Köln (KOMED)

Für immer mehr Bildungseinrichtungen wird es unausweichlich, ein professionelles Fundraising aufzubauen. Während des Fundraising-Tages organisieren die Beteiligten seit nunmehr fünf Jahren einen Wissenstransfer. Im Rahmen von acht Workshops wurden konkrete Aktionen und Konzepte des Fundraisings für die politische Bildung vorgestellt und diskutiert. Weiter... 

Coverbild bpb: magazin HQZeitschrift

bpb:magazin

Aus drei mach eins! Kannten Sie bisher das Publikationsverzeichnis, den Veranstaltungskalender und den Flyer für die Studienreisen, so bietet das bpb:magazin den Service dieser drei Publikationen und viele weitere interessante Informationen nun aus einer Hand. Weiter... 

Themen und Materialien

Compasito

COMPASITO bietet Praxisanregungen für Multiplikatoren, die sich mit Menschenrechtsbildung für sieben- bis dreizehnjährige Kinder befassen wollen. Das Buch macht mit den wichtigsten Begriffen der Menschen- und Kinderrechte vertraut und vermittelt theoretisches Hintergrundwissen zu 13 Menschenrechtsthemen. Weiter... 

Themen und Materialien

Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit-Werteordnung und Wertevermittlung

Werte gewinnen in der Gesellschaft wieder an Bedeutung, gerade auch im Schulalltag. Dies stellt den Unterricht vor neue Herausforderungen. Für die Schule und die außerschulische Bildung liefern die zwölf Bausteine des Bandes Vorschläge zur Beschäftigung mit Bereichen unserer Werteordnung. Weiter... 

Sonstige

Europa - Das Wissensmagazin für Jugendliche - Schülerheft

Wer macht Was in Europa? Was ist die Europäische Union? Mit vielen Aufgaben, Quizfragen und Diskussionsideen im Wissensmagazin können Jugendliche sich das Thema Europa erschließen. Weiter...