Veranstaltungen: Dokumentation

9.2.2003 | Von:
"Le Monde" vom 20.11.2001

"Entweder geht der Islam mit seiner Zeit, oder er bleibt am Rande der modernen Gesellschaft"

Soheib Bencheikh, Mufti von Marseille

Liegt nicht der Keim des islamischen Terrorismus im Koran, angesichts der zahlreichen Verse mit aggressiver Aussage, die der Text der Offenbarung enthält?

Ich teile diese Meinung nicht, und sie teilt auch kein vernünftiger Muslim. Sicher, der Koran enthält ein Dutzend Verse, die den Muslim bestärken, zu den Waffen zu greifen, um sich zu verteidigen. Ich möchte nur einen als Beispiel zitieren: "Der Lohn derer, die Krieg führen gegen Allah und Seinen Gesandten und Unordnung im Lande zu erregen trachten, wäre der, dass sie getötet oder gekreuzigt werden sollten." (Sure 5) * Es finden sich neben Versen, die zum Respekt der Juden und Christen auffordern, auch Stellen, die unumwunden zur Anwendung von Gewalt gegen Götzenanbeter und "Polytheisten" auffordern. Doch der größte Teil der Texte muss durch die Umstände ihrer Offenbarung relativiert und in ihren historischen Kontext eingebettet werden. Das betrifft vor allem den Text vom Beginn der islamischen Ära in Medina, als die Stammeskoalition die ersten vom Propheten Mohammed geleiteten Gläubigen belagerte und zu eliminieren trachtete.

Ich werde nicht so grausam sein, Sie daran zu erinnern, dass sich im Alten Testament – z. B. im Deuteronomium oder im zweiten Buch Samuel - ebenfalls Verse voller Gewalt finden. Trotzdem maße ich mir nicht an zu sagen, dass die Bibel eine Theologie der Eroberung und der Beherrschung kultiviert. Das heißt mit anderen Worten, dass die Heiligen Schriften immer im Kontext ihrer Offenbarung und Überlieferung gesehen werden müssen. Man muss sie neu lesen, um ihren unvergänglichen, universellen Wert zu erfahren, und sollte sie nicht dazu benutzen, politische und persönliche Aktivitäten zu rechtfertigen.

Trägt nicht das Fehlen einer allgemein gültigen Koraninterpretation zur Entstehung stark fundamentalistischer Lesarten bei, da diese ja eigentlich am stärksten ein Gefühl der Sicherheit geben? Wie erklären Sie sich das Schweigen der religiösen Führer, die doch gegebenenfalls richtig stellen und korrigieren und das Gute und Richtige verbreiten müssten?

Im Islam ist der Gläubige frei in seiner Interpretation. Der Islam ist eine – ich benutze das Wort bewusst - liberale und individuelle Religion. Sie kennt keinen Klerus. Die einzige Autorität liegt im Text. Der Islam besitzt nur einen Koran, er kennt dagegen eine Vielzahl von Interpretationen, die sich je nach Ort, Lebensumständen, Klasse und zivilisatorischem Entwicklungsstand voneinander unterscheiden. Das macht, glaube ich, seinen Reichtum aus, seine Anpassungsfähigkeit und seine ewige Jugend.

Das bedeutet jedoch auf der anderen Seite, dass sich keine Interpretation durch Gewalt behaupten oder durch ein wie auch immer geartetes Mittel der Einschüchterung durchgesetzt werden darf, soll es nicht zu einer Abweichung kommen. Die Gruppen, die heute nur eine einzige, wörtlich genommene und obskurantistische Interpretation des Koran durchsetzen wollen, weichen ganz eindeutig von ihm ab und entfernen sich weit von ihm. Ich meine damit die sogenannten Wahhabiten oder Salafiten, die haargenau das Leben des Propheten Mohammed imitieren wollen. Doch der Prophet ist so stark an sein Jahrhundert gebunden und in der Kultur und im Lebensstil seiner Zeit verankert, dass man unmöglich glauben kann, dass er sein Beispiel den nachfolgenden Jahrhunderten aufzuzwingen gewollt hätte. Seine Art, sich zu kleiden, seinen Geschmack, seine Art, zu essen und sich zu verhalten im 21. Jahrhundert imitieren zu wollen, grenzt an Verrücktheit. Und diese Art der sklavischen Nachahmung ist eine Ursache für die Marginalisierung des Islam in der modernen Welt. Der Prophet hat dagegen niemals von den Muslimen verlangt, als Außenseiter in ihrer Zeit zu leben. Der "Sunna", also der Tradition zu folgen heißt nicht, in das erste Jahrhundert der Hegire zurückzukehren, sondern bedeutet, einen dem heutigen Jahrhundert entsprechenden Weg zu gehen.

Könnte man sich nicht eine Art aus dem Inneren des Islam kommende Revolte vorstellen, um gegen diese dem Geist des Koran nicht entsprechenden Interpretationen anzugehen?

Das ist unmöglich. Die größte Ketzerei der muslimischen Religion im 20. Jahrhundert ist ihre Politisierung. Mit der Unabhängigkeit der muslimischen Länder wurde der sogenannte politische Islam geboren: ein vom Staat bestimmter Islam, der nur dem Staat gehorcht, nichts als ein Organ des Staates ist und ihm als Mittel zur Erhaltung seiner Macht und zur Unterdrückung der Bevölkerung dient. Doch der Staat hat, ebenfalls im Namen des Islam, auf diesem "Markt" seine eigene Infragestellung bewirkt. Da der Staat die Kanzel der Moschee benutzt, um seine Vorschriften zu verbreiten, bedient sich die Opposition ebenfalls der Moscheenkanzel, um ihre fundamentalistische Auslegung des Islam gegen einen suspekten Staat zu verkünden und die Macht wieder an sich zu reißen. Man kennt die Niederlagen und die blutigen Auswirkungen dieses politischen Islam.

In den muslimischen Ländern werden die Imame nach wie vor vom Staat bezahlt. Er ist es, der den Islam verbreitet. Fragt sich nur, welche Version des Islam? Einen Islam, der keine Bürger, sondern nur Untertanen kennt? Einen Islam, der nichts von einem Rechtsstaat weiß, sondern davon ausgeht, dass der Staat von vornherein immer Recht hat? Einen Islam, in dem es keine demokratischen Wahlen und keine freie Meinungsäußerung für das souveräne Volk, sondern nur Unterwürfigkeit und Gehorsam gibt? Ich bin überzeugt davon, dass der muslimische Staat seiner eigenen Negation das Wort redet, wenn er einen Islam verbreitet, der sich nicht reformiert, sondern auf eine durch Stammeszugehörigkeit, Tradition und patriarchalisches Verhalten geprägte Gesellschaft beschränkt bleibt.

Warum ist es so schwer, den Islam zu reformieren, zum Beispiel nach dem Muster dessen, was in den christlichen Kirchen geschah, als die offizielle Auslegung der Heiligen Schrift in Frage gestellt wurde?

Ein Heiliger Text erklärt sich niemals von allein. Er erschließt sich über ein Verständnis, unabhängig davon, ob diese Rezeption intelligent, wortgetreu und rationell ist oder nicht. Nehmen wir das Beispiel der Taliban: Sie wenden nicht den Koran an, sie nehmen nur einige Bruchstücke heraus, um sie umzusetzen, wobei sie das aufgrund einer äußerst archaischen und rückständigen Interpretation tun. Ihr muslimisches Recht ist das Werk von Menschen und nicht etwa von Gott geschaffen, wie sie behaupten. Es entstand zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert und wurde im weiteren Verlauf geheiligt. Und sie wagen es, dieses System "Scharia" zu nennen! "Scharia" ist ein mystisches Wort und bezeichnet den Weg, der zu Gott führt.

Zwischen diesem muslimischen Recht und dem heiligen Originaltext bestehen zahlreiche Widersprüche. Nehmen wir das Beispiel der religiösen Freiheit. Sie wird zwar klar und deutlich im Koran zugesichert, doch das muslimische Recht untersagt dem Gläubigen einen Religionswechsel, wobei es sich auf einige dem Propheten zugesprochene "Hadiths" stützt. Es zwingt auch den Nichtmuslim in eine der drei folgenden Kategorien: Entweder er ist ein "dhimmi", geschützt durch eine Art Ehrenkodex, oder ein "muahid", ein Angehöriger einer Nation, mit dem das betreffende muslimische Land einen Nichtangriffspakt geschlossen hat, oder ein "harbi", ein Fremder aus einem nichtmuslimischen Land. Wie wollen sie ein solches Verständnis auf die Verhältnisse der heutigen Welt übertragen?

Das aus patriarchalischen Gesellschaften stammende muslimische Recht zu einer Art allzeit geltendem Universalrecht zu erheben bezeichne ich als "Beduinisierung" des Islam, als Selbstbeschränkung der Entwicklung der muslimischen Gesellschaften. Was in dem einen Jahrhundert Recht ist, wird zu Unrecht in einem anderen. So wird zum Beispiel in Algerien immer noch das auf der Rechtsschule der Malikiten basierende "fiqh", angewandt, ein Recht, das stark in das private und familiäre Leben eingreift. Wenn ich mich zum Beispiel von meiner Frau scheiden lasse, muss sie das Haus mit den Kindern verlassen. Warum? Weil nach dem malikitischen "fiqh", das aus einer Zeit stammt, als sich das Leben noch in Clans abspielte und nicht in Neubauvierteln, die geschiedene Frau den Clan des Mannes verlassen musste und in den ihres Vater zurückzukehren hatte. Nichts hat sich daran geändert, auch wenn die Strukturen des sozialen Lebens völlig andere geworden sind.

Alle Versuche, den Islam - und im Besonderen das islamische Recht - zu reformieren, laufen also auf eine Entsakralisierung und eine neue Lesart des Textes im Licht des modernen Denkens sowie auf die Suche nach einer Orientierung, einer Kurve, wie der Mathematiker sagen würde, hinaus, die es dem heutigen Muslim erlaubt, gut mit seinem Islam zu leben. Findet diese Entsakralisierung nicht statt, kommt es zur Säkularisierung und Laizisierung unter den schlimmsten Bedingungen. Die Säkularisierung der Gesellschaft im christlichen Europa hat auch nicht auf das Zweite Vatikanische Konzil gewartet. Der Islam ist in dieser Hinsicht nicht anders. Entweder geht er mit seiner Zeit, oder er bleibt am Rand der modernen Gesellschaft. Ich bleibe optimistisch. Ich glaube, dass die im Namen des Islam begangenen Akte der Barbarei - die Massaker in Algerien, die Versklavung eines ganzen Volkes im Afghanistan der Taliban, der Terrorismus, der die Vereinigten Staaten so dramatisch getroffen hat - das internationale Bewusstsein endgültig geweckt haben. Es ist von nun an klar, dass der Islam nicht mehr das Eigentum einer muslimischen Gruppe oder einer Nation sein kann, die die Interpretation des Koran an sich reißen will. Der Islam ist dazu berufen, universell zu sein, was heißt, dass er sich der Kritik stellen, einige aus dem universellen Recht entstehende Werte akzeptieren muss und andere ablehnen darf.

Es fällt schwer, diesen Optimismus zu verstehen angesichts des wachsenden Einflusses der Wahhabiten und der Vereinnahmung des Islam durch die staatlichen Behörden, wie sie es soeben beschrieben haben.

Sie haben den Finger auf die beiden tiefsten Wunden gelegt: Den aufkommenden Wahhabismus muss man natürlich mit aller Kraft anprangern, selbst wenn ich ihn ebenso wie auch Olivier Roy und Gilles Kepel in zahlreichen Ländern im Rückgang begriffen sehe. Der militante Islamist ist nicht mehr der Held, der er gestern noch war, und das bis in einige französische Vororte hinein. Er ist sozusagen zum Buchhalter des Unheils geworden, das er selbst heraufbeschworen hat. Sogar Saudi-Arabien leidet unter dem Wahhabismus, obwohl dieser seine offizielle Doktrin ist. Die Elite seiner jungen Entscheidungsträger, die reisen und im Ausland studieren, spüren mehr und mehr die Hindernisse, die durch diese juristische, emotionslose, rückständige und mörderische Sichtweise des Islam errichtet werden. Was den offiziellen Islam angeht, so möchte ich noch einmal betonen, dass er gegen seine eigenen Interessen handelt. Er sagt, dass der Islam Brüderlichkeit, Toleranz, Frieden und Zivilisation bedeutet, doch diese Worte haben keinerlei Sinn im muslimischen Recht, so wie es heute noch angewendet wird.

Kann die Entwicklung eines französischen Islam, an der sie teilhaben, zukünftig ein nachzuahmendes Beispiel geben?

Ja, doch das wird durch einzelne Menschen entstehen, die nur von ihren Überzeugungen getrieben werden und keine Angst haben, auch gegen den Strom zu schwimmen. Leider sind die französischen Behörden, die einzig und allein von Sicherheits- und parteipolitischen Interessen getrieben werden, diesen Pionieren nicht immer eine Hilfe, von einigen Ausnahmen abgesehen. Ich möchte hier die Verdienste von Herrn Pasqua, der einen "französischen Islam" und nicht einen "Islam in Frankreich" schaffen wollte, und von Herrn Chevènement hervorheben, der versucht hat, den Islam in die laizistische französische Religionslandschaft einzuführen. Seit Herr Chevènement nicht mehr Minister ist, fürchte ich, dass sich das Ministerium des Inneren den vom Islamismus geprägten Gruppen gegenüber in der Frage einer zukünftigen Vertretung der muslimischen Gemeinde zu nachgiebig verhält. Sie haben keinerlei Freiheiten in den muslimischen Herkunftsländern, während sie bei uns frei walten und schalten können. Ich möchte der Regierung sagen, dass sie mit ihrem Projekt Gefahr läuft, den Islamismus unfreiwillig zu banalisieren bzw. den religiösen Obskurantismus in Frankreich zu legitimieren.

Das Gespräch führte Henri Tincq,
Übersetzung: Barbara Hahn


Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

Mehr lesen

Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

Mehr lesen

TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

Mehr lesen

Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

Mehr lesen

bpb:magazin 2/2017
bpb:magazin

bpb:magazin 2/2017

"Stadt, Land, Fluss" sind Kategorien, die zentrale politische Themen aufgreifen. Die Reise über Städte, Land und Flüsse in diesem zwölften bpb:magazin führt, wie gewohnt, durch das breit gefächerte Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung.

Mehr lesen