Veranstaltungen: Dokumentation

Muslime im säkularen Rechtsstaat - zur Diskussion in Großbritannien


9.2.2003
Der Muslim Council of Britain (MCB – Muslimischer Rat Großbritanniens) ist eine nationale Dachorganisation, die die britischen Muslime vertritt und betreut. Er ist nicht die einzige Organisation dieser Art, sondern eine von mehreren. Der MCB hat jedoch aus zwei Gründen eine besondere Position.

Der Muslim Council of Britain (MCB – Muslimischer Rat Großbritanniens) ist eine nationale Dachorganisation, die die britischen Muslime vertritt und betreut. Er ist nicht die einzige Organisation dieser Art, sondern eine von mehreren. Der MCB hat jedoch aus zwei Gründen eine besondere Position: Erstens ist er mit seinen über dreihundert Mitgliedsorganisationen die größte Vertretung, und zweitens ist er demokratisch konstituiert. Die führenden Vertreter und die Exekutive des MCB werden gewählt, arbeiten nach festen Regeln und sind den Mitgliedern gegenüber voll rechenschaftspflichtig. Im Ergebnis ist der MCB vermutlich Großbritanniens prominenteste muslimische Vertretung.

Obwohl unser Hauptanliegen das Wohl der in Großbritannien lebenden Muslime ist, glauben wir, dass wir uns für das Erreichen dieses Ziels für die gemeinsamen Werte unserer Gesellschaft als Ganzes einsetzen müssen. Es ist das Wohl aller Briten, das uns angeht, ob sie nun gläubig sind oder nicht. Unser Ansatz kann in dem Begriff "konstruktives Engagement" zusammengefasst werden. Wir glauben, dass wir mehr erreichen können, wenn wir uns in eine offene Gesellschaft einbringen und in ihr eine aktive Rolle als verantwortliche und betroffene Bürger spielen, als wenn wir abseits stehen. Mehr noch, wir betrachten dies als eine religiöse und soziale Pflicht.

Obgleich Muslime seit ungefähr vierhundert Jahren in Großbritannien leben, haben sie sich doch erst in den letzten fünfzig Jahren in großer Zahl und auf Dauer auf dieses Land eingelassen. Heute gibt es anderthalb bis zwei Millionen Muslime in Großbritannien. Genauere Angaben können vor der Veröffentlichung der Ergebnisse der letzten Volkszählung Ende des Jahres nicht gemacht werden. Zwei Drittel der britischen Muslime stammen vom indischen Subkontinent. Der Rest umfasst Menschen afrikanischer, arabischer, türkischer und zunehmend europäischer Herkunft, letztere vor allem aus der Balkanregion. Zu dieser Aufzählung muss natürlich die steigende Zahl Konvertierter hinzugerechnet werden, zu denen Menschen sowohl schwarzer als auch weißer Hautfarbe gehören.

Vor kurzem gab es heftige Pressespekulationen über die Frage, wer der neue Erzbischof von Canterbury, das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche, sein wird. Aus unserer Perspektive heraus ist vielleicht nicht so sehr das Ergebnis selbst, sondern der Prozess interessant. Es liegt in der Kompetenz des Premierministers Tony Blair, den neuen Erzbischof zu ernennen, wobei er sich mit der Queen abspricht, die als Staatsoberhaupt auch den Titel der Obersten Verwalterin (Supreme governor) der Anglikanischen Kirche trägt. Da wir dieses Jahr in Großbritannien das goldene Kronjubiläum der Queen feiern, lohnt es sich, daran zu erinnern, dass der Erzbischof von Canterbury die Krönungszeremonie leitet und damit er eigentlich derjenige ist, der den neuen Monarchen Englands krönt.

All dies zeigt anschaulich, dass Großbritannien kein gänzlich säkularer Staat ist, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Die Anglikanische Kirche ist eine Staatskirche, und ihre Bischöfe sitzen im Oberhaus. Die Schulkinder müssen an religiösen Veranstaltungen teilnehmen. Doch Großbritannien ist natürlich auch kein Religionsstaat. Eine scharfe Trennung zwischen Religiösem und Weltlichem ist für Großbritannien nicht adäquat, und ich nehme an, für so manch anderes westeuropäisches Land auch nicht. In der deutschen Gesellschaft zum Beispiel ist die Religion tief verwurzelt. Die größte Ironie ist vielleicht, dass für die meisten deutschen Muslime, die aus der Türkei stammen, Deutschland in konstitutioneller Hinsicht vielleicht weniger säkular und dabei doch toleranter in der Frage der Religionsausübung ist als die Türkei.

Es ist daher angemessener, Großbritannien als multikonfessionelle und multikulturelle Gesellschaft zu betrachten. In diesem Zusammenhang kann auch die Säkularität als eine Glaubensrichtung für Einige gesehen werden. Die Integration steht in Großbritannien gegenwärtig im Brennpunkt vieler Debatten. Obwohl dies Immigranten und Asylsuchende im Allgemeinen betrifft, liegt das Hauptaugenmerk doch auf den Muslimen. Vieles war auch eine Reaktion auf bestimmte Ereignisse, denn meiner Meinung nach wird die Diskussion um die Integration der Muslime im Vereinigten Königreich von drei kritischen Ereignissen bestimmt: die mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Geschehnisse um die Satanischen Verse, die Unruhen des letzten Sommers in einigen Städten des Nordens – Bradford, Burnley und Oldham – und schließlich der Terroranschlag des 11. September und seine Nachwirkungen. Jede dieser Krisen führte dazu, dass scheinbar gegensätzliche, die Muslime und die breite britische Öffentlichkeit trennende Werte, Glaubensvorstellungen und Praktiken ins Rampenlicht gerückt wurden. Presseberichte über britische Muslime, die an der Seite der Taliban gegen britische Truppen kämpften, erregten dabei besondere Empörung und Bestürzung. Diese Berichte stellten sich später als sehr übertrieben heraus, denn es handelte sich bei diesen Kämpfern um eine kleine Handvoll Extremisten, die auf der Grundlage einer völlig falschen Auslegung des Korans handelten.

In keinem der drei genannten Beispiele ist Integration – oder ihr Fehlen – der eigentliche Grund oder ergibt eine befriedigende Lösung. Die Unruhen des letzten Sommers hatten mehr mit Armut, Diskriminierung und Rassismus zu tun als mit religiöser und kultureller Integration. Wir können jedoch davon ausgehen, dass Integration im Großen und Ganzen ein positives Phänomen ist, welches dem Zusammenhalt der Gesellschaft nützt und aus diesem Grunde unsere Unterstützung verdient.

Es gibt natürlich bedeutende Unterschiede in der Art und Weise, wie Integration in Großbritannien praktiziert wurde. Doch insgesamt gesehen kann man doch sagen, dass der Integrationsprozess in Großbritannien weiter fortgeschritten ist als in anderen Ländern des europäischen Kontinents. Das ist vor allem auf vier Schlüsselelemente zurückzuführen, die alle zusammen die Integration befördert haben.

Großbritannien: Vier integrationsfördernde Schlüsselelemente
Das erste Element betrifft die unabdingbaren Voraussetzungen. Im Großen und Ganzen haben britische Muslime einen angemessenen Zugang zu den lebensnotwendigen Institutionen und Diensten wie z. B. Moscheen und geschächteten Nahrungsmitteln. Es gibt keine prinzipiellen Barrieren gegen die Ausübung ihrer Religion, wozu auch das Recht gehört, den "hijab" zu tragen. Auch in den staatlichen Einrichtungen, von Krankenhäusern bis zu Strafanstalten, ist für die religiösen Belange der Muslime gesorgt. Das zweite Element ist die starke Kultur einer von den Muslimen im Laufe der Jahre entwickelten Zivilgesellschaft. Es gibt muslimische Zeitungen – Muslim News zum Beispiel ist die am meisten gelesene unter ihnen, wobei noch eine ganze Reihe anderer Titel zu nennen wären. Es bestehen muslimische Gesellschaftsklubs, Interessenverbände, Lobbyisten-Gruppen, gemeinnützige Verbände und so weiter, die sich der materiellen und geistigen Bedürfnisse der Muslime annehmen. Außer den Institutionen existieren viele Freiwilligen-Netzwerke, die sich in den Dienst verschiedener Anliegen stellen, ob sie nun Schulkindern bei ihren Hausaufgaben helfen oder junge Menschen beim Eintritt in den Arbeitsmarkt unterstützen. Dieses reiche soziale Netzwerk wird zum größten Teil durch gemeinnützigen Einsatz und Spenden getragen und knüpft an eine Kultur der Selbsthilfe an, die den Aufbau und den Erhalt starker und lebendiger Gemeinschaften fördert und ihre Möglichkeiten vergrößert.

Das dritte Element zielt direkt auf den Hauptunterschied zwischen Großbritannien und Deutschland. Die große Mehrheit der britischen Muslime sind nicht nur Bewohner, sondern Staatsbürger Großbritanniens. Die Auswirkungen dieses Unterschieds gehen über die juristischen und politischen Rechte hinaus, die eine Staatsbürgerschaft mit sich bringt. Sie bewirken, dass diese Muslime zu Großbritannien gehören – Großbritannien ist ihre Heimat. Ihre juristischen und politischen Rechte sind umfangreich, und als Wähler können Muslime mit der Aufmerksamkeit der Politiker rechnen – zumindest in Zeiten von Wahlen. Und auch wenn noch viel zu tun bleibt, gibt es doch in jüngster Zeit einige positive Entwicklungen. Seitdem 1997 die Labourpartei die Regierung gestellt hat, gibt es die ersten muslimischen Abgeordneten - gegenwärtig zwei - im Unterhaus. Außerdem haben die Konservativen auch einen muslimischen Abgeordneten ins Europaparlament entsandt. Und im Unterhaus sitzen mehrere muslimische Peers. Hinzu kommt natürlich, dass die Muslime während der langen Geschichte ihrer Mitarbeit in den verschiedenen lokalen Gremien im ganzen Land Erfahrungen sammeln konnten.

Muslimische Stimmen sind nicht nur in lokalen und nationalen Entscheidungsgremien zu vernehmen, sondern Regierung und Oppositionsparteien stehen ebenfalls in regelmäßigem Kontakt mit muslimischen Organisationen und interessieren sich für ihren Standpunkt zu einem weiten Themenfeld. Im Vorfeld der letzten allgemeinen Wahlen veröffentlichte der MCB unter dem Motto Wählen um gehört zu werden eine politische Schrift, die die für muslimische Wähler wichtigen Fragen hervorhebt. Dieses Papier wurde von allen großen politischen Parteien mit Interesse zur Kenntnis genommen und bildete die Grundlage für die sich kurz danach anschließenden Diskussionsrunden. Dies ist nur ein Fall von vielen, der das Engagement der Muslime mit der Mehrheit der britischen Gesellschaft veranschaulicht.

Schließlich können auch kulturelle Faktoren eine Integration fördern. Es gibt eine ganze Reihe von muslimischen Prominenten, die Einfluss auf die Menschen haben. Denken wir nur an Yusuf Islam, den früheren Popstar Cat Stevens, an Shami Ahmed, Inhaber des bekannten Modelabels Joe Bloggs, und an all die Sportler wie den Boxer Prince Naseem Hamed und Nasser Hussain, den Kapitän der englischen Kricketmannschaft. Auch die Medien überraschen immer wieder mit ihrer fairen und ausgewogenen Berichterstattung. Sowohl die BBC als auch der Guardian (das führende Blatt der gemäßigten Linken) widmeten kürzlich den Muslimen eine Serie, die ein abgerundetes Bild von der muslimischen Gemeinschaft zeichnete und die positiven Seiten des Lebens als Muslim wie auch die vielen Hindernisse darstellten, denen Muslime begegnen und die sie in eine im Vergleich zur restlichen Gesellschaft benachteiligte Lage bringen. Dies ist bei weitem keine erschöpfende Liste, doch sie gibt hoffentlich einen Überblick über die Gründe, warum Integration in Großbritannien relativ erfolgreich war. Dennoch heißt das nicht, dass in Großbritannien alles perfekt ist. Es bestehen nach wie vor große Hindernisse für eine bessere Integration. Lassen Sie mich im Besonderen vier herausheben.

Hindernisse auf dem Weg zu einer besseren Integration
Zunächst fehlt ein wichtiges Recht: das Recht, aus Glaubensgründen nicht diskriminiert zu werden. Die religiöse Diskriminierung ist eine der wichtigsten Fragen, für deren Lösung sich Muslime nun schon seit Jahrzehnten einsetzen. Mein Kollege Abdul Aziz vom "Forum gegen Islamophobie und Rassismus" wird später speziell zu diesem Thema sprechen, so dass ich nicht in die Details gehen will. Ich möchte nur sagen, dass die Diskriminierung aus rassischen Gründen gesetzeswidrig ist, die Diskriminierung aus religiösen Gründen dagegen nicht. Mit dem Ergebnis, dass viele Muslime Opfer von aus Hass auf ihren Glauben begangenen Delikten wurden und muslimischen Frauen z. B. eine Anstellung verwehrt wurde, weil sie den "hijab" trugen. Juden und Sikhs sind durch das Gesetz geschützt, da sie als ethnische Gruppen eingestuft sind, andere Bevölkerungsgruppen wie Moslems und Hindus sind es dagegen nicht. Das zweite Hindernis ist die große Armut und die soziale Ausgrenzung, von denen bestimmte Kreise der muslimischen Gemeinschaft betroffen sind. Pakistanis und Bangladeshis, beide hauptsächlich muslimische Gruppen, gehören zu den am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen in Großbritannien. Drei Viertel aller Kinder dieser Gruppen leben in Haushalten unterhalb der Armutsgrenze, während dieser Anteil für die Bevölkerung insgesamt lediglich ein Drittel beträgt. Die Arbeitslosigkeit unter Pakistanis und Bangladeshis ist fast doppelt so hoch wie die allgemeine Quote. Verbunden mit schlechten Bildungsergebnissen und Wohnverhältnissen sowie einem besorgniserregenden Gesundheitszustand ergibt sich ein Bild der Verelendung. Armut und soziale Ausgrenzung vergeuden Talente und unterdrücken Potenziale. In den schlimmsten Fällen, wenn diese Situation auf die rassistische Agitation durch Faschisten trifft, kann der Unmut in Gewalt münden, wie man am Beispiel der Unruhen des letzten Jahres sehen konnten. Integration bedeutet hier Kampf gegen Armut.

Ich habe soeben die positive Rolle der Medien bei der Förderung der Integration hervorgehoben. Leider ist dies nur allzu oft die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ungeachtet der oben genannten und anderer positiver Beispiele müssen die Medien noch ein ganzes Stück Weg zurücklegen, um Integration eher zu ermöglichen denn zu behindern. Die tägliche Berichterstattung in den Medien über den Islam und die Muslime vermittelt erstaunlicherweise noch immer ein falsches Bild. Ob es Ignoranz ist, aufgrund derer falsche Berichte verfasst werden, Vorurteile die Kommentare färben oder Sensationshascherei und die Jagd nach Schlagzeilen die Gründe dafür sind, dass Extremisten überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, eines ist sicher: Die Medien müssen mehr für eine faire, verantwortliche, genaue und ausgewogene Berichterstattung über den Islam tun. Das letzte Hindernis sind internationale Ereignisse. Obwohl der Hauptschwerpunkt von Organisationen wie dem MCB auf der Inlandsarbeit liegt, haben die Ereignisse der Welt auch lokale Auswirkungen. Die globale Ungerechtigkeit ist ein Thema, das alle Muslime angeht. Die Muslime sind sich des Leids voll bewusst, was ihre Brüder, unschuldige Zivilisten wie sie selbst, in Ländern wie Palästina, Irak, Kaschmir und Tschetschenien ertragen müssen. Bilder von Häusern, die in Djenin, Ramallah und anderswo in Palästina durch israelische Panzer und Kampfflugzeuge zerstört werden, was ein Akt offensichtlicher Ungerechtigkeit ist, schüren die Empörung. Sie verdeutlichen auch schonungslos die Scheinheiligkeit vieler westlicher Staaten, deren selektive Anwendung von UN-Resolutionen das Leid der einfachen Menschen verstärkt. Muslime werden sich in keiner Gesellschaft richtig wohl fühlen, solange dieses Problem besteht. Es muss vorrangig eine gerechte Lösung des Palästina-Problems mit dem Ergebnis der Schaffung eines lebensfähigen palästinensischen Staates gefunden werden. Dies ist nicht nur ein Thema, das die Muslime allein angeht, sondern alle Menschen, die ein Gewissen haben, sollten sich betroffen fühlen.

Wie geht es weiter? Da Muslime und Nichtmuslime in gegenseitiger Abhängigkeit leben, müssen die für einen Fortschritt in der Integration notwendigen Anstrengungen von allen unternommen werden. Doch Muslime und Nichtmuslime haben auch ihre eigenen Verantwortlichkeiten.

Die größte Herausforderung für die muslimische Gemeinschaft ist es, aktiver zu leben und die durch ihren Glauben gesetzten Standards gewissenhafter einzuhalten. Dazu muss man die Bereiche aufzeigen, in denen die muslimische Lebenspraxis nicht ausreichend berücksichtigt wird. Das betrifft zum Beispiel die Fälle, in denen Frauen die ihnen zustehenden Rechte nicht gewährt werden, weil kulturelle Vorbehalte der religiösen Lehre entgegenstehen. Dazu gehört auch, dass man sich Extremisten offen entgegenstellt, die die Botschaft des Islam absichtlich entstellen; es muss mehr getan werden, damit die Imams die westliche Gesellschaft verstehen und aus ihr kommen. Demokratie und Toleranz müssen gestärkt und mehr Initiativen ergriffen werden, um das gegenseitige Verstehen, den Dialog und die Kooperation mit der Gesellschaft insgesamt zu fördern.

Die Herausforderung für nichtmuslimische Gemeinschaften besteht darin, Muslimen das Gefühl zu geben, sich in Großbritannien zu Hause zu fühlen. Das erfordert, dass man sein Verständnis und seine Toleranz gegenüber Unterschieden offen zeigt, die zahlreichen positiven Beiträge, die der Islam und die Muslime in Europa im Allgemeinen und in Großbritannien im Speziellen geleistet haben, anerkennt. Man muss sich darüber klar werden, dass Extremisten nur für sich selbst sprechen und nicht für die große Mehrheit der muslimischen Gemeinschaften, und zur Kenntnis nehmen, dass wir in einer zunehmend engeren Welt mit vielfältigen Identitäten leben, was uns bereichert und uns im Ergebnis zu einem interessanteren Volk macht. Der Integrationsprozess in Großbritannien hat sich zu großen Teilen organisch entwickelt. Wir sind in Großbritannien nicht den Weg gegangen, in einem schriftlichen Dokument eine Erklärung über unsere Loyalität und unsere Werte abzugeben. Unser Ansatz gleicht dem der englischen Verfassung – auch sie ist ungeschrieben. Wir bevorzugen die Flexibilität, die uns dieser Ansatz in einer sich immer wieder verändernden Welt gibt. Auf die Gefahr hin, ein wenig negativ zu klingen, möchte ich drei spezifische Probleme formulieren, die ich mit einer schriftliche Charta habe.

Meine Probleme gegenüber einer schriftlichen Charta
Staatsbürgerschaft und Integration sind nicht nur einfach gesetzlich festgelegte Rechte, sondern sie beinhalten durchaus reale und stark emotionale Komponenten. Staatsbürgerschaft bedeutet Zugehörigkeit, sie bewirkt, dass man sich als Brite oder Deutscher fühlt, unabhängig von der Frage, welches Land den Pass ausstellt. Lassen Sie mich ein Beispiel aus der letzten Fußballweltmeisterschaft erwähnen, um meinen Standpunkt zu verdeutlichen. Einige von Ihnen wissen sicher, dass sowohl die britische Fahne, der "junion jack", als auch die englische Flagge lange mit der extremen Rechten assoziiert wurden. Die Faschisten hatten die Fahnen für sich in Anspruch genommen, so dass bei öffentlichen Anlässen nicht-weißen Briten beim Anblick der Fahnen immer unwohl zumute war. Doch während der Weltmeisterschaft machten die Menschen diese Fahnen spontan zu den ihren und zum Symbol für jedermann. Und während man keinen Pub, kein Taxi und keinen white van mehr ohne eine Vielzahl zur Schau gestellter Fahnen fand, die die Unterstützung für das englische Fußballteam zeigten, war dieses Verhalten nicht länger nur auf die Menschen mit weißer Hautfarbe begrenzt. Briten aller Couleur nahmen die Flagge in beispielloser Art an und jubelten dem englischen Team als eine geschlossene Nation zu. Es gab sogar Muslime, die für die englische Mannschaft in ihrer örtlichen Moschee beteten! Niemand hatte diesen spontanen Ausbruch nationalen Stolzes erwartet und keiner konnte ihn erklären. Die emotionale Verbundenheit mit diesem Land, die im Umgang mit einem seiner grundlegenden Symbol zum Ausdruck kam, lässt sich in keinem geschriebenen Dokument festhalten oder fördern. Sie muss frei entstehen und aus dem Schoß der Gesellschaft kommen. Sie ist ein Produkt des freien menschlichen Geistes.

Ein anderer Grund, weshalb die Charta höchstwahrscheinlich keine Entsprechung in Großbritannien finden wird, liegt in dem Glauben der britische Muslime an ihre Zugehörigkeit zu diesem Land. Wir sind Briten, und wir sehen keinen Grund, unsere Nationalität oder Religion zu erklären oder sie zu rechtfertigen. Ich denke, dass man die Charta zumindest in Teilen als eine Defensivmaßnahme verstehen könnte, die die muslimische Gemeinschaft auf eine Position zurückwirft, von der aus sie den Rest der deutschen Gesellschaft zu beruhigen sucht. Als ob ihre Existenz, ihr Glauben und ihre Handlungen der Rechtfertigung und Akzeptanz bedürften! Natürlich hat der Status als Staatsbürger eine Menge damit zu tun. Schließlich muss man sich fragen, ob die Zeit und die Mühe, die für eine Einigung über die Charta aufgewandt werden, nicht an anderer Stelle besser eingesetzt wären. Es ist ja doch unvermeidlich, dass es sowohl inhaltlich als auch formal unterschiedliche Positionen zu einem solchen Dokument gibt und dass man bestenfalls ein breites Einverständnis, nicht jedoch Übereinstimmung erreichen kann. Leider wird unsere Aufmerksamkeit häufiger auf diese Unterschiede konzentriert anstatt auf die Gemeinsamkeiten. Vielleicht kann all die Zeit, Kraft und kreative Energie besser in Initiativen investiert werden, die der deutschen Öffentlichkeit die Botschaft, die die Charta zu vermitteln sucht, praktisch demonstrieren. Sicherlich gibt es bessere Wege als eine Charta, um unsere Ziele zu erreichen.

Ich habe ihnen die Perspektive eines britischen Muslims vorgestellt. Der deutsche Ansatz ist ein anderer. Vielleicht braucht die deutsche Gesellschaft eine Charta; für Großbritannien ist sie dagegen nicht der richtige Weg. Ich wünsche Ihnen das Allerbeste für dieses ambitionierte Projekt und biete Ihnen alle Hilfe und Unterstützung an, die wir Ihnen auf diesem Weg geben können. Ich danken Ihnen allen.


 

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