Muslime im säkularen Rechtsstaat - Diskussionsbeitrag
11.2.2003
2. Der Aufbau einer islamischen Identität in Europa wird, meiner Meinung nach, nicht ohne öffentliche Kontroversen zu einer Vielzahl der bestehenden "Islam-Experten-Teams" vonstatten gehen. Zur Zeit sehe ich allerdings die Muslime (von wenigen Ausnahmen abgesehen) entweder an Wissen nicht reif genug oder zum Disput nicht begabt genug, so dass diese Kontroverse bis zu ihrer Realisierung wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Die vorliegende Charta und ihr erzeugtes Echo bieten einen Vorgeschmack dieser Kontroverse und gewähren einen Einblick, in welchen Kontexten Selbstverständnisse der Muslime und Fremdurteile über die Muslime weit voneinander entfernt liegen.
3. Festzustellen bleibt, dass sich die in Deutschland lebenden Muslime, die sich durch den "Zentralrat der Muslime in Deutschland" vertreten sehen, nicht länger stillschweigend mit einem fremdbestimmten Religionsverständnis identifizieren lassen wollen – weder oktroyiert von sogenannten "Islam-Experten" noch von "maßgeblichen außereuropäischen Institutionen". Den Dialog mit in Europa lebenden Muslimen sehe ich mit dieser Veranstaltung eröffnet, was ich zunächst positiv betrachte; ob dieser Schritt allerdings der zweite vor einem ersten ist (als erster Schritt sei der Dialog mit in Deutschland lebenden Muslimen genannt, der bisher eher die Ausnahme als eine Regel darstellt), sei dahingestellt und in seiner Auswirkung zu einem späteren Zeitpunkt zu reflektieren.
4. Die Charta lässt keinen Zweifel daran, dass grundlegende religiöse Verständnisse auch unter in Europa lebenden Muslimen einen Konsens darstellen – unbeschadet enormer Flexibilitätsspielräume im Hinblick auf den Aufbau einer eigenen islamischen Identität in Europa. Doch offensichtlich bereitet bereits dieser Minimalkonsens im Kontext des islamischen Glaubensbekenntnisses vielen Charta-Kommentatoren derartiges Unbehagen, dass sie die Loyalität zur Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, sofern von Muslimen geäußert, prinzipiell in Frage stellen.
5. Ernstgemeinte und gelebte Selbstverpflichtung seitens der Muslime hinsichtlich des bestehenden rechtsgültigen Rahmens sollte auf wohlwollende Integrationsabsichten stoßen. Hier sehe ich noch eine starke Diskrepanz des vom Grundgesetz gewährten Rechts auf Gleichberechtigung von Mann und Frau angesichts der großen Benachteiligung Kopftuch tragender Frauen in der Berufswelt.
6. Im Gegenzuge zur Gesetzesloyalität macht die Charta darauf aufmerksam, dass islamische Bekleidungsgewohnheiten in Schule und Behörden auf Akzeptanz stoßen mögen; doch erst jüngst hat das Bundesverwaltungsgericht in Berlin die Neutralitätspflicht einer nicht missionierenden Kopftuch tragenden muslimischen Lehrerin dadurch verletzt gesehen, dass durch den bloßen Anblick seitens der Schüler, bzw. deren Eltern, auf das Kopftuch der Lehrerin "abstrakte Konfliktfälle" denkbar seien, was ausreichend erscheint, die berufliche Betätigung für muslimische Frauen zu verbieten. Selbst wenn es de facto niemals zu Konflikten kommen sollte, so sei den abstrakt denkbaren Konflikten Rechnung zu tragen. Hieran wird deutlich: Nicht dem Recht-Beschneidenden obliegt die Beweislast, die bloße Fiktion berechtigt zum allgemein gültigen Berufsverbot aller Kopftuch tragenden Lehrerinnen.
7. Auf dem Weg der Herausbildung einer islamischen Identität in Europa ist zu erwarten, dass unterschiedliche Interessensgruppen Gestaltungseinfluss und Mitspracherecht geltend zu machen versuchen – aus meiner Sicht gehört es zur Fairness, dass man es den Muslimen eines Landes selbst überlässt, ihr adäquates Religionsverständnis herauszubilden, sofern gewährleistet ist, dass dies im Kontext eines aufrichtig gemeinten "Ja" zur bestehenden Rechtsordnung, Demokratie und Gewaltenteilung geschieht. In diesem Bewusstsein möchten Muslime als ebenbürtige Mitglieder dieser Gesellschaft behandelt werden.
8. Im Zusammenhang der an Muslime häufig herangetragenen Kritik, es bedürfe einer historisch-kritischen Interpretation ihrer Grundlagentexte (Qur´an und Sunna), bleibt festzustellen, dass diese historisch-kritische Herangehensweise seit Anbeginn des Islams praktiziert wurde, und die sich daraus ableitenden enormen Flexibilitätsspielräume in Korrespondenz zu Zeit- und Raumfaktoren (mit großem Respekt für "gewachsene Strukturen") finden Niederschlag in der vorliegenden Charta. Was verbirgt sich nun hinter der Kritik, wenn existente "historisch-kritische" Reflexionen nicht zur Kenntnis genommen werden? Ist das auf Wissensdefizite mangels Sprachentransfers zurückzuführen oder verdienen Reflexionen nur dann den Status der Anerkennung, wenn sie uneingeschränkten Reformwillen zwecks Assimilation bekunden?
Blog
Bundeskongress Politische Bildung
Mehr als 900 Teilnehmer diskutierten auf dem Bundeskongress Politische Bildung (21.-23.5) über das Zeitalter der Partizipation. Impressionen, Interviews und Artikel zu den einzelnen Veranstaltungen finden Sie im Blog zum Bundeskongress. Weiter...
5. Fundraising-Tag der politischen Bildung - 10. Juni 2011, Köln (KOMED)
Für immer mehr Bildungseinrichtungen wird es unausweichlich, ein professionelles Fundraising aufzubauen. Während des Fundraising-Tages organisieren die Beteiligten seit nunmehr fünf Jahren einen Wissenstransfer. Im Rahmen von acht Workshops wurden konkrete Aktionen und Konzepte des Fundraisings für die politische Bildung vorgestellt und diskutiert. Weiter...
Zeitschriftbpb:magazin
Aus drei mach eins! Kannten Sie bisher das Publikationsverzeichnis, den Veranstaltungskalender und den Flyer für die Studienreisen, so bietet das bpb:magazin den Service dieser drei Publikationen und viele weitere interessante Informationen nun aus einer Hand. Weiter...
Themen und MaterialienCompasito
COMPASITO bietet Praxisanregungen für Multiplikatoren, die sich mit Menschenrechtsbildung für sieben- bis dreizehnjährige Kinder befassen wollen. Das Buch macht mit den wichtigsten Begriffen der Menschen- und Kinderrechte vertraut und vermittelt theoretisches Hintergrundwissen zu 13 Menschenrechtsthemen. Weiter...
Themen und MaterialienFreiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit-Werteordnung und Wertevermittlung
Werte gewinnen in der Gesellschaft wieder an Bedeutung, gerade auch im Schulalltag. Dies stellt den Unterricht vor neue Herausforderungen. Für die Schule und die außerschulische Bildung liefern die zwölf Bausteine des Bandes Vorschläge zur Beschäftigung mit Bereichen unserer Werteordnung. Weiter...
SonstigeEuropa - Das Wissensmagazin für Jugendliche - Schülerheft
Wer macht Was in Europa? Was ist die Europäische Union? Mit vielen Aufgaben, Quizfragen und Diskussionsideen im Wissensmagazin können Jugendliche sich das Thema Europa erschließen. Weiter...

