Auf dem Weg zu einem neuen Selbstverständnis?
15.2.2003
Seit den Terroranschlägen vom 11. September hat die Frage nach der Integration von Muslimen in westlichen Gesellschaften eine neue Brisanz erhalten. Dies gilt auch für Westeuropa, wo infolge der Einwanderung seit den 60er Jahren heute nach Schätzungen weit über 11 Millionen Muslime leben - aus unterschiedlichen Herkunftsländern wie Algerien, Pakistan, Irak, Iran und Türkei. Inwieweit gelingt es den Muslimen, sich in das gesellschaftliche Leben der europäischen Staaten einzufügen? Und wie hat sich der 11. September auf Bemühungen um Entwicklung eines spezifischen Selbstverständnisses der europäischen Muslime ausgewirkt? Solche Fragen waren Thema einer europäischen Islam-Konferenz des Ost-West-Kollegs bei Köln, einer Einrichtung der Bundeszentrale für politische Bildung. Rainer Sollich hat mit Muslimen und Islam-Wissenschaftlern gesprochen.
Ob in Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien oder Deutschland: Für viele Muslime in Europa war der 11. September ein tiefer Einschnitt. Sie sahen sich plötzlich pauschalen Verdächtigungen ausgesetzt. Denn die Attentäter von Washington und New York - das waren doch Muslime! Dabei sympathisierten nur wenige der zumeist eingewanderten Muslime und ihrer Nachkommen in Europa offen mit Osama Bin Laden. Doch diese wenigen trugen dazu bei, die Mehrheit unter Generalverdacht zu stellen. Plötzlich gab es auf den Straßen wieder misstrauische Blicke. In manchen Gegenden trauten sich muslimische Frauen nicht mehr auf die Straße. Und in mehreren europäischen Ländern kam es zu Übergriffen auf Muslime und Moscheen.
Beispiel Niederlande - ein Land mit über 500.000 Muslimen. Am Abend der Anschläge in New York und Washington fuhren marokkanische Jugendliche jubilierend mit Motorrollern durch eine Kleinstadt. Kurze Zeit später ergab eine Umfrage, dass angeblich fast die Hälfte aller niederländischen Muslime Verständnis für die Anschläge hatte. Das war gesellschaftlicher Zündstoff - und die Reaktion folgte promt: Die niederländische Polizei registrierte in den kommenden Wochen mehr als 500 Vorfälle, die sich gegen Muslime richteten - darunter Brandstiftungen in sechs Moscheen. Der 11. September warf plötzlich Fragen auf: Fragen, die nach Ansicht des niederländischen Islamwissenschaftlers Nico Landman allerdings wenig hilfreich für das tägliche Zusammenleben sind - und die in den liberalen Niederlanden rechte Politiker wie Pim Fortuyn erstarken ließen:
(O-Ton Landman): "Vorher hatten die Niederlande eine entspanntere und pragmatischere Einstellung zum Islam. Da gab es nicht diese Grundsatzdiskussionen wie: 'Kann der Islam überhaupt in einer säkularen Gesellschaft funktionieren?', oder: 'Lässt sich der Koran mit europäischen Verfassungsgedanken vereinbaren?'. Diese Art von breit angelegten Diskussionen hatten wir hier einfach nicht."
Ähnliche Erfahrungen machten nach dem 11. September die rund zwei Millionen Muslime in Großbritannien. Humera Khan, Muslimin pakistanischer Abstammung und Kolumnistin des in London erscheinenden Muslim-Magazins "Q-News", erinnert sich:
(O-Ton Khan): "Die Muslime wurden nach dem 11. September gedrängt zu bekennen: Okay, erklär' mal Deine Religion! Sagt sie wirklich dieses oder jenes? Und wenn sie es nicht sagt, was sagt sie dann? Und wenn Deine Religion dieses oder jenes nicht sagt, warum sind Muslime dann so?"
Dass solche Fragen plötzlich gestellt wurden, kann man allerdings auch positiv sehen. Sie führten nämlich dazu, dass Muslime in Europa ihr bisheriges Selbstverständnis überdachten. In Deutschland zum Beispiel bewog der 11. September den Zentralrat der Muslime (ZMD) dazu, sich erstmals in Form einer Grundsatzerklärung ausdrücklich zum deutschen Grundgesetz und zu den europäischen Werten zu bekennen. ZMD-Vorsitzender Nadeem Elyas erklärte öffentlich:
(O-Ton Elyas): "Wir im Zentralrat der Muslime und die meisten in Deutschland lebenden Muslime zielen nicht auf die Herstellung eines klerikalen Gottesstaates ab. Der Islam stellt keinen Widerspruch zu den Menschenrechten dar. Zwischen den im Koran verankerten und von Gott gewährten Individualrechten und dem Kernbestand der westlichen Menschenrechtserklärung besteht kein Widerspruch."
Der ZMD spricht zwar allenfalls für ein Viertel der drei Millionen Muslime in Deutschland; zudem bezweifeln einige Islamwissenschaftler seine Glaubwürdigkeit. Dennoch hat die Erklärung des Verbandes ein Thema auf die Agenda gebracht, das sich seit dem 11. September in den europäischen Einwanderungsgesellschaften immer drängender stellt: die Frage nach der gesellschaftlichen Integration der Muslime - und damit verbunden die Frage nach einem spezifisch europäischen Islam. Es geht darum, welchen Werten Muslime sich in nicht-islamischen Gesellschaften verpflichtet fühlen, wie weit sich ihre Glaubenspraxis den äußeren Umständen anpassen muss und wie sie in den europäischen Ländern ihre persönliche Identität definieren. Für Muslime wie Dilwar Hussein sind solche Fragen längst beantwortet:
(O-Ton Hussein): "Ich komme aus Großbritannien, meine Eltern kamen aus Bangladesch. Ich bin ein Muslim der zweiten Einwanderer-Generation. Ich fühle, dass ich britisch bin. Und wenn jemand fragt, was ist Deine Identität, dann sage ich: Ich bin ein britischer Muslim. Ich bin britisch."
Dilwar Hussein ist Abteilungsleiter bei der britischen "Islamic Foundation" - ein Institut zur Erforschung der Integration von Muslimen in Großbritannien und Europa. Ein Muslim, der Integration geschafft hat und lebt - aber auch einer, der nicht repräsentativ ist für die Mehrzahl der Muslime in Europa. Im Zuge der Einwanderungsbewegung in den 60er und 70er Jahren kamen überwiegend besitzlose Menschen mit niedrigem Bildungsniveau nach Europa und verstärkten dort die unteren Gesellschaftsschichten. Das ändert sich mittlerweile - aber nur sehr langsam. Auch viele Muslime der zweiten und dritten Generation in Europa haben noch eine hohe soziale Kluft zu überwinden. In vielen europäischen Großstädten sind Ghetto-Milieus entstanden, in denen extremistische Muslim-Gruppen immer wieder erfolgreich Anhänger rekrutieren können. Die Menschen, die dort leben, fühlen sich gesellschaftlich außen vor gelassen.
Patriotische Bekenntnisse zu ihren Aufenthaltsländern hört man von europäischen Muslimen wohl auch deshalb eher selten. In Deutschland allerdings noch seltener als in Großbritannien - so die Beobachtung von Dilwar Hussein. Er führt dies auf das unterschiedliche Staatsangehörigkeitsrecht zurück, das in Deutschland erst kürzlich ein wenig gelockert worden ist. Dadurch werde den Muslimen in Deutschland die Identifikation mit ihrer neuen Heimat erschwert:
(O-Ton Hussein): "Wenn man sich den deutschen historischen Kontext anschaut, dann sieht man, dass Zugehörigkeit dort bisher immer durch Blut definiert wurde. Also dadurch, dass eine Person deutscher Abstammung ist. In Großbritannien dagegen bedeutete Zugehörigkeit immer, ein Untertan der Queen zu sein und sich ihr gegenüber zur Loyalität zu verpflichten. Und so eine Person kann dann ganz anders sein. Früher, als Großbritannien verschiedene Teile der Welt kolonialisierte, wurden die Leute dort ja alle automatisch Untertanen der Queen."
Und heute sind Muslime, die in Großbritannien leben, meist britische Staatsbürger - ähnlich wie in Frankreich, wo die Staatsangehörigkeit vom Geburtsort abhängt. In Deutschland dagegen erschwert nicht nur das Staatsangehörigkeitsrecht die Integration, sondern auch der nach wie vor starke Einfluss des türkischen Staates auf die einst von ihm entsendeten Gastarbeiter und ihre Nachkommen. Die meisten Muslime in Deutschland sind türkischer Abstammung. Und die Türkei entsendet bis heute regelmäßig Imame, finanziert Moscheegemeinden und organisiert praktisch einen Großteil des islamischen Lebens in Deutschland. Dilwar Hussein hält dies für ein großes Integrationshindernis:
(O-Ton Hussein): "Ich denke, die europäischen Muslime müssen sich einer sehr ernsthaften Frage stellen - nämlich der Frage, wie sie sich von ihren Herkunftsländern abkoppeln können. Ich meine damit nicht, dass sie ihre Herkunft verleugnen und alle Verbindungen abbrechen sollen. Aber sie sollten realisieren: Dies hier ist ihr Zuhause."
Kadriye Aydin hat dies bereits verinnerlicht. Die junge Frau ist türkischer Abstammung, aber geboren und aufgewachsen in Deutschland. Erst kürzlich hat sie hier ihr Studium beendet, jetzt will sie als Rechtsanwältin Karriere machen: in Deutschland - und ganz bewusst mit Kopftuch. Auch sie ist eine der wenigen, die es geschafft haben: Kadriye Aydin steht für eine neue Generation von gläubigen Muslimen in Europa, die ihre Religion zwar strenger praktizieren als viele ihrer Altersgenossen, die aber deswgen nicht als Fundamentalisten abgestempelt werden wollen. Kadriye Aydin fühlt sich in Deutschland zu Hause. Sie will aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben - und sie hält auch Islam und Demokratie für miteinander vereinbar:
(O-Ton Aydin): "Ich bin doch durch mein Umfeld geprägt! Ich bin im Westen aufgewachsen, und der Westen ist auch ein Teil meiner Kultur. Ob ich nun will oder nicht: Ich bin von ihm beeinflusst. Wäre ich beispielsweise in einem arabischen Land aufgewachsen oder in der Türkei, dann wäre das Produkt, das Ergebnis sicher ein völlig anderes. Ich werde hier auch zu Toleranz und zum Respekt erzogen - durch mein Umfeld."
Toleranz und Respekt füreinander - auf diesen Prinzipien beruht auch das Ideal von einem europäischen Islam: Ein Islam, der nicht im Widerspruch zur Demokratie und Moderne steht, sondern sich aktiv in das gesellschaftliche Leben in Europa einbringt. Eine schöne Vision - doch die eigentlichen Probleme lauern im Alltag. Der Bau von größeren Moscheen zum Beispiel stößt in fast allen europäischen Ländern auf Vorbehalte in der Bevölkerung. Strittig ist auch die Frage eines Religionsunterrichtes für muslimische Kinder. Da gibt es in Europa verschiedene Modelle: In Österreich zum Beispiel bietet die anerkannte islamische Glaubensgemeinschaft einen einheitlichen, staatlich geförderten Religionsunterricht an. In den Niederlanden und in Großbritannien haben sich in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von islamischen Privatschulen etabliert. Und in Deutschland experimentieren einige Bundesländer mit verschiedenen Modellen. Kadriye Aydin ist überzeugt: Ein allgemeinverbindlicher staatlicher Religionsunterricht würde die Integration von Muslimen erleichtern:
(O-Ton Aydin): "Damit beispielsweise - ganz banal gesagt - ein muslimischer Mann nicht seine Frau schlägt und dann sagt 'Das ist aber im Islam so' und 'Die Frau hat eben keine Rechte' oder 'wird unterdrückt'. Damit solche Klischees abgebaut werden, ist es notwendig in die Quellen zu gehen und die Religion von der Geschichte her näher kennenzulernen. Da ist ein großes Wissensdefizit vorhanden. Und ich denke, Islam-Unterricht ist ein Weg, um dieses Wissensdefizit aufzuarbeiten - auch um bestimmten Strömungen innerhalb der Religion entgegenzuwirken."
Die praktische Umsetzung ist jedoch schwierig. Denn die Muslime in Europa stammen nicht nur aus einer Vielzahl unterschiedlicher Länder. Sie gehören auch einer Vielzahl unterschiedlicher Strömungen innerhalb des Islam an. Auch deshalb tun sich die Europäer schwer damit, in ihren Ländern islamischen Religionsunterricht anzubieten.
Schon die Auswahl der Ansprechpartner fällt schwer. Wegen der inner-islamischen Vielfalt gibt es in fast allen europäischen Ländern mehrere, miteinander konkurrierende islamische Dachverbände. Und einige davon geben sich nach außen hin dialogbereit, vertreten oder dulden aber intern auch politisch extremistische Positionen.
Allerdings: In einem Land wie Deutschland sind insgesamt überhaupt nur 15 Prozent aller Muslime in einer islamischen Vereinigung organisiert. Zum muslimischen Leben in Europa gehört deshalb neben dem strenggläubigen Muslim aus Saudi-Arabien auch die türkische Teenagerin, die kein Kopftuch trägt, sondern samstags in die Disco geht. Für viele Europäer ist es nicht einfach, hier den Durchblick zu behalten. Ob eine Muslimin ihr Kopftuch demonstrativ als politisches Symbol trägt, aus tiefer religiöser Überzeugung oder nur aus traditionellen Gründen - das können sie kaum abschätzen.
Umgekehrt können viele Muslime in Europa nicht verstehen, warum in gesellschaftlichen Debatten über die Integrationsfähigkeit des Islam immer wieder Symbole in den Vordergrund gerückt werden. Kopftuch gleich Frauenunterdrückung: Diese von vielen Europäern empfundene Gleichsetzung mag zwar im Einzelfall stimmen, sagt die britische Muslim-Aktivistin Humera Khan. Sie sei aber nicht verallgemeinerbar. Deswegen ärgert sie sich, wenn solche Klischees immer wieder von europäischen Medien oder Frauenrechtlerinnen verwendet werden:
(O-Ton Khan): "Ich persönlich verstehe durchaus die Wurzeln des westlichen Feminismus. Ich weiß, diese Bewegung hatte bestimmte Themen und fühlt sich stark durch ihre Erfahrungen. Es ist ein Teil ihrer Befreiung, dass westliche Frauen sich heute so anziehen können, wie sie wollen. Aber diese Erfahrungen kann man nicht einfach auf andere Menschen projizieren."
Der Weg bis zur Herausbildung eines modernen, demokratischen und aufgeklärten europäischen Islam ist offenbar noch weit. Zudem sind die Bedingungen dafür in den einzelnen Ländern auch höchst unterschiedlich: Im laizistischen Frankreich unterliegen Muslime einem starken Assimilationsdruck. In Großbritannien verfolgt der Staat das Ideal einer toleranten multikulturellen Gesellschaft. Und Deutschland hat im Prinzip gerade erst erkannt, dass es seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland ist - gerade für Menschen aus islamischen Ländern. Der Bonner Islam-Wissenschaftler Stefan Wild glaubt trotzdem: Die Integration der Muslime in Europa ist ein unaufhaltsamer Prozess. Und im Idealfall, so glaubt er, könnte von Europa aus sogar eine Art islamische Reformbewegung ausgehen - die dann auch Rückwirkungen auf die muslimischen Herkunftsländer hätte:
(O-Ton Wild): "Ich glaube, dass sich die Hoffnung auch muslimischer Theologen auf die Diaspora richtet. Vielerorts wird gesagt: Das was neu ist, kommt nicht aus Mekka und Medina. Sondern das kommt aus Paris oder aus New York. Oder eben vielleicht auch aus Berlin."
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