Radio Feature
gesendet am 15. Juli 2002 in: Kritisches Tagebuch, WDR 3
15.2.2003
(O-Ton H. Khan): "Because this is a government initiative which is looking at a cross-section of perspectives. In England the goverment interfaithes with the muslim community. In a sense that the muslim community takes the initiative and they sort of go along with it. I mean this is funded by the governent. That would be the main point."
Denn das ist ja eine Initiative der Regierung, die sich einen Querschnitt der Meinungen anguckt. In England verkehrt die Regierung mit der muslimischen Gemeinde. Das bedeutet: Die muslimische Gemeinde ergreift Initiative und die Regierung macht halt mit. Aber das hier wird von der deutschen Regierung finanziert. Das ist der entscheidende Punkt.
Die Bundesregierung – hier in Form der Bundeszentrale für politische Bildung – hat ihre große Not, die richtigen Gesprächspartner für auszuwählen. Wen soll sie für etwa 3 Millionen Muslime sprechen lassen? Wer darf auf dem Podium sitzen?
Zwei islamische Dachorganisationen kommen in Frage: Der Zentralrat der Muslime und der Islamrat.
Der Islamrat wird von der türkischen Milli Görüs dominiert. Milli Görüs wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Dennoch repräsentiert eben dieser Islamrat 30 Verbände und man kann ihn schwer ignorieren, wenn man möglichst viele Muslime erreichen will.
Das Bundesinnenmininisterium hielt alle verfügbaren Daumen nach unten. Das brachte die Bundeszentrale für politische Bildung in Gewissensnot, denn sie hatte sich mittlerweile ein eigenes Urteil erarbeitet und aufgeschlossene Gesprächspartner bei Milli Görüs gefunden. Sie wollte diese Muslime in die Diskussion mit einbinden. Ein richtiges Dilemma: Rechts der Chef in Berlin und links die eigene Überzeugung, nicht einen Teil der Zielgruppe auszuschließen. Schließlich lösten die Bildungspolitiker das Problem so, wie der verantwortliche Mitarbeiter Christoph Müller-Hofstede, beschreibt.
(O-Ton Müller-Hofstede): "Bekanntlich wird der Islamrat von einer Organisation dominiert, die im Verfassungsschutz beobachtet wird, da fällt es einer Institution, die dem Bundesinnenministerium untersteht, sehr schwer, einen offiziellen Dialog mit dieser Organisation zu beginnen. Ich betone gleichwohl, daß in dieser Veranstaltung viele Individuen und Vertreter einzelner Organisationen vertreten sind, bis hin zu Milli Görüs, bis hin zu einem Direktor von Milli Görüs aus den Niederlanden."
Sie saßen im Publikum, aßen auch mal mit der englischen Piratin zu Mittag, aber hielten sich aus der öffentlichen Diskussion heraus. Ihre Dialogbereitschaft stellten sie damit formal dar. Denn die orthodox-ausgerichteten Muslime von Milli Görüs und den Muslimbruderschaften wissen genau, daß die deutsche Regierung dabei ist, Dialogpartner aufzubauen. Gerade durch vertrauensbildende Aktionen wie diese, wollen sie den Geruch Staatsfeinde mit Bart zu sein, loswerden.
Aber die Konkurrenz schläft nicht. Der Zentralrat hatte sich eine kluge Kommunkationsstrategie ausgedacht und ging mit der "Islamischen Charta" an die Öffentlichkeit. In diesem Text erklären die rund 20 Mitgliedsorganisationen, daß sie das Grundgesetz bejahen und nicht auf einen klerikalen Gottesstaat zielen.
Humaya Khan wundert sich über den Zentralrat. Keiner, kritisiert sie, hat von den Muslimen ein solche Stellungnahme gefordert.
(O-Ton H. Khan): "I feel from reading the Charta it´s a bit defensive, We are apologizing, that we are a theocracy, that we have this gender issue. Maybe it is necessary but premature. Maybe there needs to be much more discussion on a governmental level to shape this discussion more. And for the government to put it´s card on the table. "
Wenn ich die Charta lese, kommt sie mir defensiv vor. Wir entschuldigen uns, für diese Theokratiethema und das Frauenthema. Vielleicht ist das nötig, aber zu früh. Vielleicht muß auf Regierungsebene viel mehr diskutiert werden, um der Debatte eine Form zu geben. Die Regierung müßte erst mal ihre Karten auf den Tisch zu legen.
Aber die Regierung hat keine Karten, sie weiß noch nicht einmal welches Spiel sie spielen soll, geschweige denn mit wem. Erst der 11. September hat die Muslime vom Hinterhof in die Amtsstuben katapultiert. Und plötzlich steht man einem komplexen Netzwerk an Organisationen, Verbänden und Figuren, die miteinander verwoben sind wie ein fein geknüpfter Teppich und versucht die richtigen und die weniger richtigen Partner zu sortieren. Und so greift die Bundeszentrale dankbar ein Angebot wie die islamische Charta auf und präsentiert sie mit allen Scheinwerfern auf dieser Tagung. Denn wenigstens hält sie hier einen Minimalkonsens von diversen iranischen, deutschen, arabischen und auch türkischen Organisationen in den Händen, über den sich streiten läßt. Mit irgendetwas und irgendwem muß man ja anfangen. Die Piratin schüttelt den Kopf. Alle oder keiner, fordert sie. Vielleicht hat sie auch recht.
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