Eine frische Brise in der Community
Artikel in der "tageszeitung" (taz) vom 15.7.2002
15.2.2003
Es gibt Sätze, für die würde man in einigen Teilen der islamischen Welt eingekerkert, mit dem Tode bedroht oder zwangsgeschieden. "Man braucht keine Autoritäten, um den Islam zu reformieren. Jeder Muslim kann seine eigene Interpretation bestimmen", ist so ein Satz. "Der Koran kann in verschiedenen Kontexten unterschiedlich interpretiert werden", ein anderer. Als wären dies die selbstverständlichsten Aussagen der Welt, spricht Soheib Bensheikh diese Sätze aus. Unbeeindruckt davon, dass sein Name auf der Todesliste algerischer Islamisten steht, fügt der Mufti von Marseille hinzu: "Es ist ein Glück, in einem säkularen Staat zu leben. Hier gibt es eine Chance, den Islam zu erneuern." Noch so ein Satz, bei dem Islamisten und orthodoxen Muslimen die Galle hochkommt.
Beifall ist dem freundlichen jungen Mufti, der für 48 Marseiller Moscheegemeinden zuständig ist, sicher. Doch uneingeschränkt ist die Zustimmung nicht. Bei der Kopftuchdebatte wird die Bandbreite der hier vertretenen Strömungen denn auch deutlicher: Der Mufti, dessen Frau und Tochter keinen Schleier tragen, empfiehlt auf Nachfrage, im Zweifelsfall nachzugeben und das Kopftuch in der Schule abzulegen. Das sei besser, als eine langjährige Ausbildung zur Lehrerin brachliegen zu lassen. Für die ebenfalls anwesende muslimische Lehrerin Iyman Alzayed, die sich gerade deswegen in einem Rechtsstreit mit dem Land Niedersachsen befindet, und auch für einige andere wird der Mufti damit zum Spielverderber.
Kontroverse Diskussionen auch zur "Islamischen Charta", die der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) im Februar vorlegte. In insgesamt 21 Punkten enthält sie eine Zusammenfassung dessen, was der ZMD als Grundlage der Beziehungen "der Muslime zum Staat und zur Gesellschaft" ansieht. Es sind vor allem muslimische Teilnehmer der Tagung, die ihre Finger an die neuralgischen Punkte in der Charta legen: Warum eine Umschreibung der Gleichberechtigung von Mann und Frau mit den Worten "Der Muslim und die Muslima haben die gleiche Lebensaufgabe" anstelle einer Anerkennung des Gleichberechtigungsartikels aus dem Grundgesetz? Warum die Formulierung "Wir zielen nicht auf die Herstellung eines klerikalen ,Gottesstaates' ab" anstelle einer klaren Ablehnung? Die Rechtsanwältin Kadriye Aydin stört, dass laut Charta bloß "der Kernbestand" der Menschenrechte nicht im Widerspruch zum Islam stünde: "Wieso sollen die Menschenrechte auch noch islamisch begründet werden?"
"Wir haben mit Missverständnissen gerechnet", entgegnet der ZMD-Vorsitzende Nadeem Elyas. Doch alle auszuräumen gelingt ihm nicht. Es scheint, als habe der ZMD den Bedarf an quasi-theologischen Begründungen überschätzt: Der Islam gebiete, sich an die Gesetze des Gastlandes zu halten, steht dort beispielsweise. "Wo ist das Problem?", fragt da die Anwältin Aydin. "Brauche ich diese Begründung, um an einer roten Ampel zu halten?"
Immerhin, als Diskussionsgrundlage findet die Charta allgemeine Unterstützung. Sie sei "eine wichtige Errungenschaft", so der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban. Als deutliches Bekenntnis zur Verfassung habe sie nach dem 11. September die Menschen in Deutschland beruhigt. "Aber wir gehören schon dazu. Wir brauchen uns nicht zu rechtfertigen", sagt Mohibar Rahman vom Muslim Council of Britain. "Wir wollen uns auf keinen Fall assimilieren", ergänzt Dilwar Hussein von der "Islamic Foundation Leicester" und beschreibt so den Minimalkonsens der muslimischen Konferenzteilnehmer.
Immer wieder kreist die Diskussion um die Frage der Identität. Und schnell wird deutlich: Die Gastarbeitergeneration kann kein Vorbild sein. Die europäisch-islamische Identität wird von der gut ausgebildeten und sprachgewandten dritten Generation definiert, die nicht nur integriert sein will, sondern zugleich Wert auf ihre Besonderheit legt und sich mit Diskriminierung nicht abfinden will.
Ein Indiz dieser sich herausbildenden Identität ist auch die heftige Kritik an importierten Imamen in den Moscheen, die mit der Lebenswirklichkeit junger Muslime nicht vertraut sind. Dass bis heute nirgends in Europa Imame ausgebildet werden, betrachten alle als erheblichen Mangel. Nirgendwo äußert sich an diesem Wochenende der Wunsch nach einem zeitgemäßen Islam deutlicher.
Dass junge Muslime indes nicht automatisch modern sein müssen, zeigt sich an anderen Beiträgen. Und vielleicht wurde, bei aller ernsthaften Selbstkritik an der Community, ein bisschen zu wenig über Radikale und Extremisten in den eigenen Reihen gesprochen. Es ist sicher auch kein Zufall, dass sich die Vertreter etwas weniger transparenter Vereine und Organisationen, wie zum Beispiel Milli Görüs, ziemlich bedeckt hielten.
Am Ende aber bleibt der Eindruck, dass in der islamischen Community etwas passiert: Eine neue Schicht europäisch-muslimischer Intellektueller hat sich daran gemacht, sich zu vernetzen und auszutauschen. Während früher allein in Moscheen und politisch-religiösen Vereinen diskutiert wurde, spielen heute daneben auch islamische Forschungsinstitute, Bildungswerke und Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Rolle. Die Gewichte haben sich zweifellos zu verschieben begonnen.
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