Veranstaltungen: Dokumentation

22.1.2003

Interkulturelle Öffnung der Verwaltung

Zuwanderungsland Deutschland in der Praxis

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Auf Ein- und Zuwanderung stellt sich die Verwaltung in Deutschland neu ein. Was bedeutet interkulturelle Öffnung für Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst? Beiträge einer Fachtagung geben Aufschluss über ein neues Thema.

Die Veranstaltung fand vom 23. bis 24. Mai 2002 in Berlin statt. Verantwortlich zeichnete die Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Modellprojekt "Transfer interkultureller Kompetenz" der iaf-Berlin.

Vorwort der Herausgeber

In vielen kommunalen Fachverwaltungen und hier besonders in den Bereichen, die unmittelbar Kontakt mit der Bevölkerung haben, bemüht man sich in den letzten Jahren verstärkt um den Erwerb "interkultureller Kompetenz". Die bisherigen Erfahrungen haben aber gezeigt, dass eine Fortbildung einzelner Mitarbeiter nicht ausreicht. Vielmehr geht es darum, "interkulturelle Kompetenz" in den internen Strukturen der Verwaltung zu verankern und in das allgemeine Verwaltungshandeln wie Planung, Steuerung, Außendarstellung usw. zu integrieren. Auf eine solche Ausrichtung der Verwaltung zielt "interkulturelle Öffnung". Vor allem aber haben bisherige Erfahrungen gezeigt, dass im Verwaltungshandeln ein großes integrationsstrategisches Potenzial vorhanden ist. Dieses ist in Deutschland noch ungenügend erschlossen. Die in diesem Band dokumentierten Praxisbeispiele aus unterschiedlichen Bereichen kommunaler Verwaltung zeigen Wege zur Erschließung dieses Potenzials auf. Wie können öffentliche Institutionen mit den Herausforderungen einer Einwanderungsgesellschaft, mit einer durch Einwanderung und internationale Vernetzungen veränderten sozialen Umwelt erfolgreich umgehen? Welche Strategien gibt es, die zu einer Erschliessung neuer Ressourcen und einer "interkulturellen Öffnung" führen? Wie kann auf die wachsende Komplexität interkultureller Fragestellungen, auf politische, soziale und kulturelle (religiöse) Dimensionen angemessen reagiert werden?

Antworten auf diese Fragen versuchen die hier dokumentierten Beiträge zu geben. Sie sind Ergebnisse einer Konferenz, die im Mai 2002 gemeinsam von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und dem Modellprojekt "Transfer interkultureller Kompetenz" des Verbandes binationaler Familien- und Partnerschaften organisiert wurde. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat seit vielen Jahren das Thema Migration, Integration und Interkulturalität in wissenschaftlichen Expertisen, Konferenzen, Tagungen und Workshops bearbeitet. 1999 wurde in Berlin eine Arbeitseinheit zum "Interkulturellen Dialog" geschaffen, deren Ziel es ist, die politischen Konsequenzen einer sich ethnisch, kulturell und religiös fortschreitend ausdifferenzierenden Gesellschaft aufzuarbeiten und Wege zum bürgerschaftlichen Engagement und friedlichen Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen und Kulturen aufzuzeigen. Der Verband binationaler Familien und Partnerschaften (iaf) engagiert sich seit 1996 für eine interkulturelle Öffnung der Verwaltung, insbesondere im Bereich Sozialer Dienste. Mit dem Modellprojekt "Transfer interkultureller Kompetenz" (TiK) wurden zwei Jahre lang Prozesse interkultureller Öffnung in zwölf sozialen Einrichtungen in sieben westdeutschen Städten initiiert und begleitet, und zwar durch miteinander verschränkte Module von Weiterbildung und Organisationsberatung.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat in den letzten Jahren begonnen, sich auf neue Zielgruppen und Themen im Umfeld "Migration und Integration" einzustellen. Sie sieht dies, wie Thomas Krüger in seinem Grußwort ausführt, als "ersten Schritt auf einer Reise von 10.000 Meilen" hin zu einer strukturell und systematisch verankerten interkulturellen Öffnung der Bundeszentrale selbst. Mit dieser Konferenz und einer weiteren, die für Oktober 2003 geplant ist, bemühen sich die Veranstalter, das Interesse für die Integrationspotenziale der Verwaltung in der Öffentlichkeit zu verstärken und zu verankern .

In den letzten Jahren hat die Diskussion einer neuen Migrations- und Integrationspolitik in der Bundesrepublik dem Thema "interkulturelle Öffnung der Verwaltung" neue Impulse verliehen. Das Bemühen um ein Zuwanderungsgesetz mit neuen Zuständigkeitsregelungen sowie die Schaffung einer neuen Bundesbehörde für Migration sind Ausdruck eines Paradigmenwechsels im Umgang mit Einwanderung und Integration. Parallel dazu wurde die Sinnhaftigkeit, gar Notwendigkeit einer interkulturellen Ausrichtung – die seit über einem Jahrzehnt zunächst vor allem im Bereich Sozialer Dienste gesehen und entwickelt wurde – für weitere Verwaltungsbereiche erkannt. Das gilt vor allem für die Schlüsselinstitutionen der gesellschaftlichen Integration: Schulen, Arbeitsämter, Polizei- und Justizbehörden müssen sich auf die Anforderungen einer Einwanderungsgesellschaft einstellen. Ein Ziel der Konferenz war es, bundesweit Strategien und Erfahrungen, praktische Anforderungen und Ergebnisse aus diesen unterschiedlichen Bereichen zu vergleichen, um gegenseitige Anregungen zu ermöglichen. Experten aus verschiedenen Praxisfeldern und Städten gaben einen Überblick über den Stand der Diskussion sowie über aktuelle Praxisansätze. Gleichzeitig wurde ein Austausch über gemeinsame integrationspolitische Bezüge und notwendige Rahmenbedingungen interkultureller Öffnungs- und Reformprozesse ermöglicht. Die Konferenz wollte ermutigen und denjenigen Hilfestellungen geben, die in Zukunft eine interkulturelle Ausrichtung ihrer Institutionen anstreben. Die Dokumentation bietet im ersten Teil grundsätzliche Überlegungen zur Bedeutung der Verwaltung für die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft. Es geht etwa darum, mit welchen Mechanismen auf Veränderungen der sozialen und kulturellen Umwelt reagiert wird, oder unter welchen Rahmenbedingungen sich Organisationen überhaupt verändern..

Michael Bommes beleuchtet die Mechanismen, mit denen Verwaltungen als Organisationen auf ein Phänomen wie Migration reagieren, und kann zeigen, dass sich die Reaktionsweisen weniger aus dem Phänomen selber ergeben, sondern abhängig sind von der eigenen strukturellen Verfassung der Organisation sowie ihren Deutungsmustern: daraus entwickelt sich die für die Verwaltung relevante Definition des Phänomens. Konkret berichtet Bommes von Ergebnissen eines Forschungsprojekts, das in zwei mittelgroßen Städten im Norden und Süden der Bundesrepublik vergleichend untersucht hat, wie deren Verwaltungen die drei großen Zuwanderungsströme der Nachkriegszeit in Westdeutschland – die Zuwanderung der Arbeitsmigranten, der Asylbewerber und der Aussiedler – verarbeitet haben.

Warnfried Dettling fragt nach dem Gesellschaftsbild, das wir im Kopfe haben, wenn wir von "Integration" reden. Ist die Vorstellung von einer "Mehrheitsgesellschaft" und ihren Randgruppen für unsere Gesellschaft noch adäquat, oder wäre sie nicht besser als eine "Summe von Minderheiten" anzusehen? Seine These: Die Integration der Zuwanderer kann nur dann gelingen, wenn in Deutschland insgesamt ein neues Denken, eine neue Praxis, ein neues Konzept des Sozialstaates formuliert wird. Ausgehend von Erfahrungen aus verschiedenen Modellprojekten, die Strategien für eine interkulturelle Öffnung entwickelten, geht Tatiana Lima Curvello der Frage nach, welche Kompetenzen Verwaltungen erwerben müssen. Mit Beispielen aus der Praxis beschreibt sie die vielfältigen Ebenen, in denen Einwanderung in einer öffentlichen Verwaltung Relevanz hat und wie ihre Mitarbeiter interkulturelle Kompetenz erwerben können.

Der Referatsleiter für Migrationspolitik beim DGD Bundesvorstand, Volker Roßocha, betrachtet "Interkulturelle Öffnung" unter dem Aspekt von Gleichbehandlungspolitik. Einen Übergang zu den an kommunalen Erfahrungen orientierten Beiträgen bilden die sechs Thesen der Berliner Beauftragten für Migration und Integration, Barbara John, sowie das Statement der Landesbeauftragten für Ausländerfragen in Rheinland-Pfalz, Maria Weber, über interkulturelle Kompetenz als moderne Sozialkompetenz. Ein Ausblick auf die zukünftigen Aufgaben des neuen Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) durch dessen Präsidenten Albert Schmid beschließt den ersten Teil. Der praxisbezogene Schwerpunkt der Dokumentation – Teil 2 und 3 – stellt kommunale Strategien und Erfahrungen bei der Umsetzung interkultureller Öffnungsprozesse vor.

Der zweite Teil beginnt mit einem Blick über den bundesrepublikanischen Tellerrand: Die flächendeckende Einführung interkultureller Orientierung in den Jugendhilfe- Institutionen der Niederlanden ermöglichte reichhaltige Erfahrungen mit verschiedenen Integrationsstrategien und ihren Rahmenbedingungen. Der Beitrag von Hans Bellaart vom Forum-Institut in Utrecht zeigt, was von den Niederlanden zu lernen ist, aber auch, was es – angesichts wachsender Integrationsprobleme auch in Holland – zu vermeiden gilt. Weitere Beiträge verdeutlichen die zentrale Bedeutung von modernen Management-Methoden für kommunale Integrationsbemühungen: Hauke Hartmann von der Bertelsmann-Stiftung berichtet von den langjährigen Erfahrungen der "Cities of Tomorrow", die Instrumente eines strategischen Management für die Umsetzung von kommunalen Integrationsstrategien einzusetzen, Hubertus Schröer betont die Fruchtbarkeit der "Drei-Säulen" (Neue Steuerung, Sozialplanung und Qualitätsmanagement) für die interkulturellen Öffnungsprozesse im Sozialreferat der Stadt München. Noch konkreter auf einzelne Praxisfelder bezogen sind die Impulsreferate aus den Arbeitsgruppen der Konferenz, die im dritten Teil dokumentiert sind. Expertinnen und Experten aus Verwaltung und Wissenschaft erläutern die von ihnen durchgeführten Projekte in den Bereichen: "Soziale Dienste", "Schule und Bildung", "Polizei und Ausländerbehörde" sowie "Arbeitsvermittlung und Berufsberatung".

Wer die weitere Entwicklung der dargestellten Praxismodelle verfolgen möchte, findet im Anhang bei den Angaben zu den Autoren die Internet-Adressen der Institutionen. Für Rückmeldungen und Hinweise stehen selbstverständlich auch die Herausgeber und ihre Institutionen zur Verfügung.

Berlin, den 10. Dezember 2002

Thomas Hartmann


Kontakte

Friedrich-Ebert-Stiftung (FES)
Dr. Johannes Kandel
Hiroshimastr. 17, 10785 Berlin
Fax: 030 - 269 35 952
E-Mail: johannes.kandel@fes.de
Internet: Fes

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
Projektgruppe Migration/EU
Christoph Müller-Hofstede
Willy-Brandt-Str. 1, 50321 Brühl
Fax 02232 - 929 90 20
E-Mail: cmuelhof@fhbund.de

Transfer interkultureller Kompetenz (TiK)
Tatiana Lima Curvello
Oranienstraße 34, 10999 Berlin
Fax: 030 – 616 515 98
E-Mail: info@tik-iaf-berlin.de
Internet: Iaf-Berlin


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