Veranstaltungen: Dokumentation

Politische Bildung – Gegengift gegen politische Apathie?

Politische Bildung und die Herausforderungen der Gegenmoderne


18.12.2002
Als ich Mitte September an einer Buchhandlung vorbei ging, die verlagsneue Bücher zu reduziertem Preis verkauft, fiel mir ein Bücherstapel mit dem Titel "Die globale Bedrohung - Neue Gefahren des Terrorismus" von Walter Laqueur auf (Laqueur 1998). Das Buch ist 1998 erschienen. Es gibt einen leicht verständlichen Überblick über die weltweite Szenerie des heutigen Terrorismus sowie seine historischen Vorläufer und es will auf die Gefahren aufmerksam machen, die modernen Gesellschaften durch den Terrorismus drohen, zumal angesichts relativ leichter Zugänglichkeit von Massenvernichtungswaffen. Die Preisbindung für Bücher im deutschen Buchhandelssystem lässt Preisnachlässe im allgemeinen nur zu, wenn ein Verlag einen Titel aus dem normalen Sortiment nimmt und die Restauflage billig abgibt, "verramscht", wie es im Deutschen so schön heisst. Zumeist ist dies ein Zeichen für ein unerwartet geringes Publikumsinteresse an dem jeweiligen Titel. Ich weiß nicht, ob der Verlag seine Entscheidung, diesen Titel aus dem regulären Programm zu nehmen, nach dem 11. September bereut hat.

Aber der Schock, den die Ereignisse dieses Tages ausgelöst haben, hat dieses Thema, das lange wenig beachtet oder als Angelegenheit anderer Weltgegenden abgetan wurde, auf brutale Weise auf die Agenda der Öffentlichkeit gesetzt. Noch kann niemand sagen, welches die längerfristigen Auswirkungen der Anschläge und der Reaktionen des Westens sein werden. Aber es waren gewiss nicht nur leere Worte, wenn nach den Anschlägen immer wieder gesagt wurde, die Welt sei nach dem 11. September 2001 eine andere als zuvor. Ein zentraler Aspekt dieses "Anderen", das sichtbar geworden ist, ist eine Verletzlichkeit der modernen Gesellschaften, gegenüber der andere Risiken für die Demokratie, die gleichwohl fortbestehen, von einem Tag auf den anderen in den Hintergrund treten. Der "Rückzug ins Private", vor dem unser Tagungsthema warnt, erscheint plötzlich als ein vergleichsweise geringes Übel, ja, auf den ersten Blick jedenfalls, fast als ein Luxus-phänomen von modernen Gesellschaften - hätten wir doch sonst keine Probleme, ist man versucht im Lichte des 11. September zu sagen.

Ich bitte um Ihr Verständnis dafür, dass ich angesichts der Terroranschläge das Thema meines Vortrags kurzfristig verändert habe - verändert im Sinne vor erweitert. Denn tatsächlich sehe ich einen gewissen Zusammenhang zwischen bestimmten - nicht allen - Formen des "Rückzugs ins Private" und jenen Stilen politischen Denkens, die wir im Hintergrund des Terrorismus vermuten dürften. Selbstverständlich ist dies kein kausaler Zusammenhang, das eine ist nicht für das andere verantwortlich. Aber Fundamentalismus und politische Apathie sind verbunden durch ein Unbehagen an der Moderne. Dieses Unbehagen kann Gefühle der Hilflosigkeit und der Ohnmacht erzeugen - die in Resignation, aber auch in Aggression und Hass umschlagen können. So gesehen verkürzt man das Problem, wenn man die Attentate des 11. September allein als Angriffe von außen betrachtet, wenngleich sie dies offenkundig auch sind. Aber schon die Spuren der Attentäter führen auch in unsere Gesellschaften hinein, wo diese Menschen offenbar längere Zeit gelebt haben - und wie wir alle wissen, waren dies zwar die bisher brutalsten und wirkungsvollsten terroristischen Angriffe in den westlichen Demokratien, aber keineswegs die ersten.

Die Moderne ist in dem Prozess ihrer Entwicklung und ihrer weltweiten Verbreitung immer wieder von einer "Nachtseite" (Beck 1993) begleitet worden, auf der sich das Unbehagen an ihren Zumutungen sammelt - das Unbehagen am Verlust an Sicherheit, Gewissheit und Geborgenheit, den die Offenheit moderner Gesellschaften mit sich bringt. Dieses Unbehagen hat in der Geschichte der Moderne höchst vielfältige Ausdrucksformen gefunden: in den harmloseren kleinen Fluchten von der Romantik bis zur Esoterik, im kleinen privaten Fundamentalismus unerschütterlicher religiöser oder politischer Überzeugungen ebenso wie in wirkungsvollen fundamentalistischen Bewegungen, im Terror kleiner Gruppen wie in terroristischen politischen Systemen, die sich nicht nur in der islamischen Welt finden, sondern in einer gar nicht so weit zurück liegenden Vergangenheit mit dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus mitten in Europa. Selbst die religiös motivierte politische Gewalt ist uns näher, als uns lieb sein kann, man denke an den Nordirland-Konflikt und die früheren Terroranschläge der IRA in England oder an Attentate fundamentalistischer Abtreibungsgegner in den USA, auch wenn diese Formen von Gewalt bisher keine den Anschlägen in New York und Washington vergleichbaren spektakulären Formen angenommen haben. Durchaus spektakulär und von einem hohen Bedrohungspotenzial war dagegen der Giftgasangriff der Aum-Sekte auf die Tokioter U-Bahn 1995, wo es nur einer gewissen technischen Unbedarftheit der Attentäter zu verdanken war, dass es bei zwölf Toten und 5500 Verletzten blieb.

Als "Aufstand gegen die Moderne" hat der Politikwissenschaftler Thomas Meyer den Fundamentalismus treffend bezeichnet (Meyer 1989). Aber auch wo sich das Unbehagen an der Moderne nicht politisch organisiert, wo es eher diffus bleibt und z.B. in einem resignativen, von Ressentiments geprägten Rückzug aus der Politik seinen Ausdruck findet, bleibt die Nachtseite der Moderne eine stetes Risiko für Freiheit und Demokratie. Offenbar bleibt die immer neue Integration der nachwachsenden Generationen in eine politische Kultur der Freiheit eine schwierige, mit vielen Gefährdungen konfrontierte Aufgabe.

Spätestens an dieser Stelle muss nach den möglichen Leistungen politischer Bildung gefragt werden. Kann politische Bildung ein "Gegengift" gegen die Bedrohungen der Demokratie durch die verschiedenen Formen der Flucht aus der Moderne, durch politische Apathie, Fundamentalismus und Terrorismus sein, und wenn ja, in welchem Sinn? Gibt es durch die aktuellen Terroranschläge neue Herausforderungen, neue Aufgaben oder zumindest neue Gewichtungen in den Aufgaben der politischen Bildung? Ich möchte diesen Fragen in drei Schritten nachgehen. Zunächst werde ich sehr kurzer Form auf Möglichkeiten und Grenzen der unmittelbaren Reaktion politischer Bildung auf die aktuelle politische Situation eingehen. Zweitens frage ich grundsätzlich nach den Aufgaben und Möglichkeiten politischer Bildung als Gegengift im genannten Sinn. Drittens schließlich möchte ich einige Überlegungen zu möglichen neuen Akzentuierungen für die weitere Entwicklung der politischen Bildung zur Diskussion stellen.

Politische Bildung: keine Feuerwehr, aber eine wichtige Dienstleistung
Zweifellos muss politische Bildung sich mit den Terroranschlägen vom 11. September und den unmittelbaren und mittelbaren Formen direkt auseinandersetzen. Dies ist einer der - meist wenig erfreulichen - Anlässe, aus denen die aktuelle Politik alle Lehrpläne, Schulbücher und schulinternen Absprachen außer Kraft setzt.
Allerdings kann politische Bildung gewiss keinen unmittelbaren Beitrag zur Lösung der aktuellen politischen Probleme leisten. Politische Bildung ist keine Feuerwehr; ihre Handlungsmöglichkeiten im Sinne einer politisch unmittelbar wirksamen Intervention sind marginal. Auch muss politische Bildung sich vor jeder Form von Populismus und Propaganda hüten.

Dennoch kann politische Bildung auch aus der Sicht der Bürgerinnen und Bürger in einer solchen Situation wichtige Leistungen erbringen. In der Bundesrepublik wurde am 14. und 15. September, also wenige Tage nach den Terroranschlägen, eine Stichprobe von rund 1000 Personen danach befragt, welche Informations- und Bildungsangebote sie sich zu den Terroranschlägen in den USA und den Reaktionen der NATO wünschen, die sie auch tatsächlich nutzen würden. Befragt wurden Menschen über 14 Jahre, also Schüler wie auch Erwachsene (Rudolf 2001). Auch wenn man sicher nicht zu schnell von einer geäußerten Teilnahmeabsicht auf eine tatsächliche Teilnahme an entsprechenden Veranstaltungen schließen darf, sind der Bedarf und die Erwartungen die politische Bildung offenbar sehr hoch. Einige Ergebnisse aus der Befragung: Bezogen auf mögliche Veranstaltungsformen äußersten 70% der Befragten, sie würden an Veranstaltungen teilnehmen, "in denen man mit hier lebenden US-Amerikanern zusammenkommt und mit ihnen über ihre Sicht der Entwicklung reden kann" . 48% wünschten sich entsprechende Veranstaltungen mit hier lebenden Menschen islamischen Glaubens. Bezogen auf mögliche Inhalte von Bildungsveranstaltungen wünschten sich 70% der Befragten Analysen zu langfristigen politischen und wirtschaftlichen Folgen der aktuellen Ereignisse, 65% Hintergrundinformationen zum Nahost-Konflikt und jeweils knapp über 60% Tipps für eigenes Engagement und für den kritischen Umgang mit der Medienberichterstattung.

Es gibt also offenbar hohe Erwartungen an die politische Bildung in der Bevölkerung. Die Leistungen, die sie in einer politischen Krise wie der gegenwärtigen erbringen kann, liegen in der Unterstützung der Individuen bei der subjektiven Bewältigung der Krisenerfahrung sowie in der Schaffung von Orten für den gesellschaftlichen Diskurs über die gemeinsamen Angelegenheiten. Indirekt leistet politische Bildung mit solchen Angeboten auch einen Beitrag zur politischen Kultur der Moderne, in der Deutungen und Bedeutungen nicht von einer religiösen oder staatlichen Autorität verbindlich vorgegeben, sondern in der Gesellschaft ausgehandelt werden. Für die Individuen, für die Teilnehmenden an Bildungsangeboten politischer Bildung, bietet sich die Chance, in der Verständigung mit anderen und in der Auseinandersetzung mit Expertenwissen Orientierung und Urteilssicherheit zu gewinnen. Genau dies aber, Orientierungs- und Urteilsfähigkeit auch in unübersichtlichen Situationen, auch in Krisen zu gewinnen und zu bewahren, ist ein Gegengift gegen die Gefühle der Hilflosigkeit und der Ohnmacht, aus denen politische Apathie oder die Suche nach der einfachen Lösung erwachsen können.

Anstiftung zur Freiheit
Dies führt bereits zu meiner zweiten Frage, der nach den prinzipiellen Möglichkeiten politischer Bildung als Gegengift gegen die Bedrohungen, die aus der Nachtseite der Moderne, aus Ängsten und Verunsicherungen erwachsen können. In einem berühmten Buch über den Nationalsozialismus hat Erich Fromm in der "Furcht vor der Freiheit" die wesentliche subjektive Bedingung für die Anfälligkeit von Menschen für antimoderne Bewegungen gesehen (Fromm 1966). Tatsächlich ist die politische Freiheit die Integrationsidee moderner Demokratien und in normativer Hinsicht ihr kleinster gemeinsamer Nenner. Politische Bildung ist dieser Idee verpflichtet. Sie ist dies nicht nur deshalb, weil die Idee der politischen Freiheit eben den Basiskonsens markiert, der für jede Form des Politischen, die mit der Welterfahrung der Moderne verträglich sein soll, unverzichtbar ist. Sie ist es auch deshalb, weil politische Bildung in einem demokratischen Sinn ihre Existenzberechtigung eben aus der politischen Freiheit für alle Bürgerinnen und Bürger erhält. Politische Bildung als ein Lernangebot für alle Menschen - und nicht für Eliten - ist ja letztlich deshalb notwendig, weil in einer freiheitlichen politischen Ordnung alle Menschen das Recht haben, ihren eigenen politischen Urteile zu bilden, diese Urteile zum Ausdruck zu bringen - z.B. in Wahlen - und sich auch darüber hinaus aktiv politisch zu betätigen. Eben dafür, für politisches Urteilen und Handeln, kann man in der politischen Bildung Kompetenzen und Wissen erwerben und verbessern, dies macht ihren praktischen Sinn und Nutzen aus (vgl. Sander 2001).

Politische Bildung ist Anstiftung zur Freiheit. Sie befähigt und sie ermutigt Menschen, politische Freiheit zu leben - denn in der Tat bedarf es für Erfolg versprechendes politisches Handeln in freiheitlichen Gesellschaften nicht nur politischer Urteils- und Handlungskompetenzen, es bedarf auch, wie Immanuel Kant so treffend sagte, des Mutes, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und von seiner Vernunft öffentlichen Gebrauch zu machen.

Scheinbar ist dies in modernen Demokratien, in denen die Menschenrechte garantiert sind, eine leichte Übung, nicht zu vergleichen mit dem Mut, den politischer Widerspruch in diktatorischen Systemen erfordert. Aber schnell macht, wer sein engeres soziales Umfeld verlässt und sich auf die komplexe Struktur der Öffentlichkeit moderner Gesellschaften einlässt, Erfahrungen, die produktiv auszuhalten auch erst gelernt werden muss. Pluralität und kulturelle Differenz konfrontieren das Individuum mit der Relativität seiner eigenen Weltsicht, Instanzen, die verbindliche Wahrheiten festlegen können, gibt es nicht mehr, politische Entscheidungen sind unter Bedingungen unvollständigen und unsicheren Wissens zu treffen. "L.A. - a world of difference" war im vergangenen Jahr auf Plakaten überall in Los Angeles zu lesen. Tatsächlich ist die gesamte moderne Welt eine der Differenz, eine Welt, die aus unzähligen Welten besteht und die diese Pluralität zum Programm macht. Aber Differenz bedeutet auch Unsicherheit, und wo der Mut fehlt, sie zu ertragen, kann die "Gegenmoderne" (Beck 1993) Fuß fassen.

Dies schließt keineswegs die Möglichkeit und Legitimität subjektiver Glaubensüberzeugungen aus. Von Mullah Mutawakkil, dem "Außenminister" der Taliban, wird berichtet, er sehe das irdische Dasein des Menschen als erzwungenen Aufenthalt in der Wüste, als Transit: "Unser Ziel ist das Paradies, alles andere ist für uns ohne Bedeutung." (zit. nach Lüders 2001, 19) Dieses Bild des irdischen Lebens als "Jammertal" ist uns aus der Geschichte des Christentums wohl vertraut. Jeder Mensch hat das Recht, die Welt so zu sehen. Niemand aber kann in der Moderne mehr das Recht für sich an Anspruch nehmen, Konsequenzen aus seinen Gewissheiten für andere zu ziehen. Die schwierige Forderung der Moderne an jeden Menschen ist, seine Suche nach Gewissheit - oder seinen Verzicht auf eine solche Suche - mit der Anerkennung des Rechts aller anderen Menschen auf ihre eigene Sicht der Welt zu verbinden. Davon, dass Menschen diese Fähigkeit entwickeln, hängt auf längere Sicht nicht nur der Fortbestand der Freiheit innerhalb einer modernen Gesellschaft, davon hängt in einer globalisierten Welt auch das Überleben aller menschlichen Gesellschaften ab.

Noch einmal: In welchem Sinn kann die politische Bildung Gegengift gegen die Verführungen der Gegenmoderne sein? Gewiss nicht in dem Sinn, dass sie den geschlossenen fundamentalistischen Weltsichten einer andere geschlossene Weltsicht gegenüber stellt. Auch nicht in dem Sinn, dass sie moralisch appelliert oder Menschen zu belehren versucht. Aber politische Bildung kann Menschen in der Auseinandersetzung mit Politik Lernerfahrungen ermöglichen, die Gefühlen der Ohnmacht und der Hilflosigkeit entgegenwirken.

Solche Lernerfahrungen sind ganz wesentlich Kompetenzerfahrungen. Politische Bildung stellt Politik als Feld menschlichen Lebens vor, zu dem Menschen sich selbstbewusst verhalten können, das sie nicht als bloßes Schicksal hinnehmen müssen. So ermöglicht politische Bildung Komplexitätszuwächse im politischen Urteilen. Hierzu gehört beispielsweise, mittel- und längerfristige Problemlagen hinter aktuellen politischen Ereignissen zu identifizieren und in die eigene Urteilsbildung einzubeziehen, Folgen und Nebenfolgen politischer Entscheidungen zu bedenken, die Perspektiven Andersdenkender einzunehmen, ein Stück weit hinter die Kulissen der medialen Präsentation und Inszenierung von Politik zu schauen. Komplexitätszuwachs im politischen Urteilen kann Formen des Verstehens und der Orientierung ermöglichen, die ohne eine Tabuisierung von unbefragbaren Gewissheiten auskommen, ja die am Ende auch die eigenen Denkvoraussetzungen im politischen Denken, etwa das eigene Menschenbild, der Reflexion zugänglich machen. Zudem findet politische Bildung in aller Regel in Lernsituationen statt, die gewissermaßen durch eine Mikropluralität gekennzeichnet sind, weil die beteiligten Menschen ihre individuellen und zumeist ja verschiedenen Bilder von Politik mitbringen. Darin trainiert sie das Aushalten, ja die produktive Nutzung von Differenz für die eigene Sicht des Politischen.

Weiterhin ermöglicht politische Bildung Kompetenzzuwächse im politischen Handeln. Die vielfältigen Formen des Auftretens in der Öffentlichkeit, die Nutzung und Gestaltung von Medien, die Kooperation mit anderen, aber auch das Aushalten einer Minderheitenposition, Interessen organisieren und vertreten, aber auch Kompromisse schließen zu können - dies sind Beispiele für handlungsbezogene Kompetenzerfahrungen, zu denen politische Bildung verhelfen kann.

In diesem Zusammenhang sind auch die Lernkulturen und die institutionellen Rahmen-bedingungen in der politischen Bildung von erheblicher Bedeutung. Zu den wichtigsten Ergebnissen der in diesem Jahr erschienenen internationalen Vergleichsstudie "Citizenship and Education in Twenty-eight Countries" (Torney-Purta u.a. 2001) gehört, dass es einen deutlich positiven Zusammenhang gibt zwischen der politischen Urteilsfähigkeit und der Engagementbereitschaft von Jugendlichen auf der einen Seite und dem Ausmaß ihrer Erfahrungen mit praktischer Partizipation und einer offenen Lernkultur in der Schule auf der anderen Seite. Es ist offenbar eine wesentliche Bedingung für erfolgreiche politische Bildung, dass die Lernenden in der sozialen Situation des Lernens die Erfahrung machen können, ernst genommen zu werden und Einflusschancen zu haben. Vielleicht hat dieser Zusammenhang ja etwas mit der erwähnten Ermutigung zu tun, von der eigenen Vernunft öffentlich Gebrauch zu machen.

Ein Gegengift gegen die Versuchungen der Gegenmoderne ist politische Bildung also dadurch, dass sie im Wissen um die Unsicherheit allen Wissens Menschen befähigt und ermutigt, ihre politische Freiheit zu leben. Allerdings kann politische Bildung nicht vor-schreiben, auf welche konkrete Weise Menschen dies tun sollen. Ein verbindliches Bürgerleitbild kann es in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht geben. Selbst der Rückzug ins Private ist nicht von vorneherein problematisch, immerhin gehören die Erfindung der Privatsphäre und das Recht auf Privatheit zu den Bedingungen der Freiheit in modernen Gesellschaften. Nicht jeder, vielleicht ja auch nur zeitweilige, Rückzug aus der politischen Öffentlichkeit ist mit politischer Apathie gleichzusetzen. Problematisch für die Demokratie und eine Herausforderung für die politische Bildung sind nur jene Formen des Rückzugs von der Politik, die ihre Wurzeln in Gefühlen der Ohnmacht und der Orientierungslosigkeit, in Ressentiments, Angst und Aggression haben.

Nach dem 11. September 2001: neue Herausforderungen für die politische Bildung
Hat sich an diesen grundlegenden Aufgaben politischer Bildung mit den Terroranschlägen vom 11. September etwas geändert? Mein Antwortvorschlag auf diese Frage wäre: "nein, aber...". Sicher machen uns die Anschläge auch wieder bewusst, dass es in unserem Fach am Ende um Probleme von großem Ernst, um Fragen von grundsätzlicher Bedeutung für Leben und Überleben geht. Es wird wieder deutlicher sichtbar, dass manche Aspekte des politischen Tagesgeschäfts, mit denen wir uns in der politischen Bildung immer wieder auch befassen müssen, weil sie die Schlagzeilen in den Medien und die Zugänge der Menschen zu Politik prägen, eben doch nur Oberflächenphänomene sind. Eine stärkere Konzentration auf das Grundproblem des Politischen, wie wir als Menschen gerade angesichts unserer Unterschiede unser Zusammenleben in Gesellschaften gestalten wollen, dürfte mancherorts angebracht sein. Aber eine neue Theorie politischer Bildung folgt daraus noch nicht.

Dennoch müssen wir über neue Akzentuierungen in den Aufgaben und neue Felder für die Praxis politischer Bildung nachdenken. Politische Bildung ist keine Feuerwehr, hatte ich gesagt, sie kann mit ihren Mitteln aktuelle politische Probleme nicht lösen. Aber ihre Aufgabe ist es doch, einen Beitrag zum vorbeugenden Brandschutz in der Demokratie zu leisten. Kann, so wäre zu fragen, dieser Brandschutz verbessert werden, gibt es möglicherweise Bereiche, in denen ein intensiveres Engagement notwendig ist oder die gar bisher ganz übersehen wurden? Ich möchte vier Aspekte ansprechen, in denen ich solche Notwendigkeiten sehe. Nochmals betone ich, dass dies ganz aus meiner Wahrnehmung der deutschen Situation heraus gesagt wird; ich bin gespannt darauf, in der Diskussion zu erfahren, ob sich diese Fragen aus der Perspektiven der Bildungssysteme in anderen Staaten möglicherweise anders darstellen. Zu keinem dieser Punkte kann ich ein fertiges Konzept anbieten, überall gibt es wohl noch mehr Fragen als Antworten. Wofür ich plädiere ist, diese Fragen als Herausforderungen für unser Fach anzunehmen.

1. Interkulturelles Lernen
Die politische Bildung muss dem Bereich des interkulturellen Lernens quantitativ mehr Gewicht geben und ihn qualitativ schärfer profilieren. Damit es nicht zu einem "Clash of Civilizations" (Huntington 1996) kommen kann, muss der Dialog zwischen den Zivilisationen bzw. Kulturen intensiviert werden. Auf die aktuelle Problematik bezogen ist dies für die politische Bildung zunächst ein Dialog, der innerhalb der modernen Gesellschaft zu organisieren ist, denn der Islam ist in den westlichen Gesellschaften präsent (Leggewie 1993). Interkulturelles Lernen ist ein wichtiges Medium für diesen Dialog. Allerdings müssen wir heute bewusster wahrnehmen, dass sich inmitten westlicher Gesellschaften geschlossene subkulturelle Milieus bilden können, von denen aus eine aggressive Politik gegen die westlichen Demokratien betrieben werden kann. Wir müssen heute Warnungen wie die von Bassam Tibi, der radikale Islamismus versuche, "die Islam-Diaspora im Westen zu hijacken" (Tibi 2001, 43), sehr viel ernster nehmen als bisher. Selbstverständlich sollen damit islamische Minderheiten nicht unter einen Generalverdacht gestellt werden, das wäre völlig unangemessen und kontraproduktiv.

Im Gegenteil muss bei der Konzeption interkultureller Lernangebote stärker als bisher die Zusammenarbeit mit liberalen Gruppen und Führungs-persönlichkeiten in Migrantenkulturen gesucht werden. Auch ist nicht zu erwarten, dass Menschen mit einem geschlossenen fundamentalistischen Weltbild und womöglich bereits ausgeprägter Gewaltbereitschaft von interkulturellen Lernangeboten noch erreicht werden können. Wohl aber muss intensiver daran gearbeitet werden, der Bildung solcher Immigrantenmilieus entgegenzuwirken, in denen gewaltbereite Fundamentalisten Unterstützung erhalten. Unsere Bildungssysteme müssen frühzeitig und intensiv, beginnend im Vorschulalter, dazu beitragen, dass sich keine antidemokratischen Gegengesellschaften inmitten der westlichen Demokratien bilden. Gewiss ist dies keine einseitige Erwartung an Einwanderergruppen, gewiss sind auch ein stärkeres Interesse und eine größere Dialogbereitschaft von Mehrheitskulturen erforderlich. Zugleich aber darf eine dialogisch ausgerichtete interkulturelle Bildung keinen Zweifel daran lassen, dass die Akzeptanz von kultureller Differenz ihre Grenze findet, wo die Freiheit aller berührt wird. Nach meinem Eindruck muss diese Grenze deutlicher als bisher vertreten werden. Die Akzeptanz von kultureller Differenz ist keine Alternative zu einer universalistischen Grundlegung interkultureller Bildung, sie setzt diese im Gegenteil gerade voraus.

2. Interreligiöses Lernen
Moderne Gesellschaften sind auch in religiöser Hinsicht pluralistisch, wie wir alle wissen. Es ist ein Gewinn für die Freiheit aller, dass der moderne Staat religiöse Überzeugungen zur Privatangelegenheit der Bürger gemacht hat. Wenn allerdings aus religiösen Überzeugungen politische Konflikte bis hin zu massiver Gewalt erwachsen, ist dies keine Privatangelegenheit mehr. Auch hier kann das Bildungswesen eher im Bereich des Brandschutzes denn als Feuerwehr wirken. Aber es scheint auch hier, dass dieser Brandschutz ernster genommen werden muss. Es ist notwendig, dass die Bildungseinrichtungen institutionalisierte Orte für interreligiöses Lernen bieten. Ein solches interreligiöses Lernen muss auf der Grundlage wechselseitiger Toleranz, aber der gemeinsamen Akzeptanz der Entscheidungsfreiheit der Individuen basieren. Es kann jungen Menschen helfen, sich über ihre eigenen Einstellungen zu Religion genauere Klarheit zu verschaffen und auch in dieser Hinsicht in Toleranz für andere ihren eigenen Wege gehen zu lernen. Welches der richtige Ort für ein solches Lernen ist, mag in verschiedenen Schulsystemen unterschiedlich sein. Civic education oder social studies können prinzipiell ebenso geeignete Fächer sein wie Philosophie oder Ethik. In jedem Fall aber sollte die Kooperation mit den Fächern der politischen Bildung im engeren Sinn gesucht werden.

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es den Religionsunterricht als konfessionell geprägtes Schulfach unter Mitwirkung der Kirchen. Auch wenn ich keinen Zweifel daran habe, dass in diesem christlich-konfessionell geprägten Unterricht in aller Regel gegenüber anderen religiösen Überzeugungen ein Klima der Toleranz herrscht, scheint mir dieses Modell überprüfungsbedürftig zu sein. In seiner Konsequenz liegt im Zuge der weiteren religiösen Pluralisierung der Gesellschaft die Einführung von eigenem Religionsunterricht an Schulen auch für Angehörige anderer Religionen. Dies wird derzeit in Deutschland für einen islamischen Religionsunterricht diskutiert und es ist nur eine Frage der Zeit, wann eine weitere Differenzierung erfolgt, beispielsweise durch jüdischen Religionsunterricht. Im Blick auf die Notwendigkeit eines interreligiösen Lernens dürfte dies eine kontraproduktive, ja gefährliche Entwicklung sein. Hier sollte über ein neues, interreligiös ausgerichtetes Konzept für den Religionsunterricht nachgedacht werden.

3. Interkulturelle politische Bildung an Universitäten
Mit Entsetzen haben die betroffenen Universitäten in Deutschland wahrnehmen müssen, dass Studierende aus arabischen Ländern an den terroristischen Anschlägen in den USA maßgeblich beteiligt waren. Auch hier muss vor vorschnellen Verallgemeinerungen und von einem Generalverdacht gegen Studierende aus der islamischen Welt gewarnt werden. Auf der anderen Seite wäre es jedoch naiv anzunehmen, es habe sich hier um bloße Einzelfälle gehandelt, die in keiner Weise auf ein entsprechendes subkulturelles Umfeld bezogen waren. Wir dürfen die Weltoffenheit unserer Universitäten nicht aufgeben, sondern müssen sie im Gegenteil weiter fördern. Aber wir müssen auch wahrnehmen, dass es offenbar möglich ist, in einer westlichen Gesellschaft zu studieren, ohne sich im Sinne einer Offenheit für interkulturelles Lernen auf diese Gesellschaft einlassen zu müssen.

Manches spricht für die Vermutung, dass dies besonders in naturwissenschaftlich und technisch ausgerichteten Fächern ein Problem sein kann, da die Studieninhalte selbst hier eine solche Auseinandersetzung nicht nahe legen. Es wäre darüber nachzudenken, ob und in welcher Weise im Rahmen des Studiums für ausländische Studierende Lernangebote etabliert werden können, die zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit der westlichen Zivilisation und den Grundlagen moderner Demokratien anregen. Selbstverständlich muss hier jeder Anschein einer politischen Belehrungsveranstaltung vermieden werden. Nicht nur muss der thematische Zugriff über politische Fragen im engeren Sinne hinaus breiter angelegt sein, auch muss als Service und konkrete Hilfe ein praktischer Nutzen für die Orientierung im Alltag einer modernen Gesellschaft gegeben sein. Aber es scheint mir dringend erforderlich zu sein, dass die Situation des Studierens in einem westlichen Land für ausländische Studierende nicht nur im Sinne des Fachstudiums, sondern auch im Sinne einer persönlichen, produktiven, auch politische Fragen einschließenden interkulturellen Lernerfahrung verstanden und angeboten werden muss.

4. Globalisierung des politischen Denkens und der politischen Bildung
Wissenschaft ist international. Aber man muss wohl feststellen, dass dies für die Politik- und Sozialwissenschaften eher in abgeschwächter Form gilt und für die politische Bildung noch weniger. Vielleicht ist eine internationale Konferenz wie diese gerade der falsche Ort, den nationalen Provinzialismus der politischen Bildung zu beklagen, und ich weiß wohl um das Engagement gerade des Center for Civic Education und der Bundeszentrale für politische Bildung für die Entwicklung eines transnationalen Kooperations- und Diskussionszusammenhang im Fach. Aber täuscht der Eindruck, dass sich Internationalisierung der Wissenschaften von der Politik und von der politischen Bildung bisher im Wesentlichen im Rahmen der westlichen Demokratien bewegt? Jedenfalls scheint mir gerade der Dialog mit der islamisch geprägten Welt in den Feldern des politischen Denkens und der politischen Bildung schwach ausgeprägt zu sein, um es vorsichtig auszudrücken. Es dürfte eine bedeutsame Aufgabe sein, diesen Dialog zu entwickeln. Wir müssen in einen dichteren intellektuellen Diskurs mit der islamischen geprägten Welt eintreten, der auch das Gespräch über die Frage einschließt, wie junge Menschen in verschiedenen Kulturen am besten auf das gemeinsame Leben in einer sich globalisierenden Welt vorbereitet werden können. Hier liegen erhebliche Herausforderungen auch für die auswärtige Kulturpolitik.

Noch können wir bei weitem nicht absehen, was es einmal bedeuten wird, dass sich seit dem 11. September 2001 die Welt verändert hat. Noch stehen wir unter dem Schock dieser Ereignisse. Nicht nur als Bürger, auch als Experten für politische Bildung müssen wir uns mit dieser Herausforderung auseinandersetzen. Ich zitiere abschließend noch einmal Thomas Meyer: "Der fundamentalistische Rückfall kann auch zur Chance für die Moderne werden. Nicht durch das, was er will, und auch nicht durch das, was er tut, sondern durch die Selbstbesinnung der Kräfte der Aufklärung, die er wider Willen mobilisiert." (Meyer 1989, Klappentext) Zu diesen Kräften gehört auch die politische Bildung.

Literatur
Beck, Ulrich: Die Erfindung des Politischen. Frankfurt/M. 1993

Berger, Peter L. / Berger, Brigitte / Kellner, Hansfried: Das Unbehagen in der Modernität. Frankfurt/M./New York 1975

Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit. Frankfurt/M. 1966

Huntington, Samuel P.: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. New York 1996

Laqueur, Walter: Die globale Bedrohung. Neue Gefahren des Terrorismus. Berlin:

Ullstein, 1998 (englische Originalausgabe: Dawn of Armageddon. New York 1998)

Leggewie, Claus: Alhambra - Der Islam im Westen. Reinbek: Rowohlt, 1993

Meyer, Thomas: Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne. Reinbek 1989

Lüders, Michael: Blow out ins Paradies. Warum bin Ladens Gotteskrieger lebende Bomben sind. In: Frankfurter Rundschau vom 25.9.2001

Rudolf, Karsten: Nach den Terroranschlägen: Erwartungen an politische Bildung. Unveröffentlichtes Manuskript, erscheint voraussichtlich in DIE - Zeitschrift für Erwachsenenbildung 1/2002

Sander, Wolfgang: Politik entdecken - Freiheit leben. Neue Lernkulturen in der politischen Bildung. Schwalbach 2001

Tibi, Bassam: Öffnung für andere Kulturen und Aufklärung über Rechtsradikalismus der "Anderen" - Dialog mit dem Islam, Warnung vor dem Islamismus. In: kursiv - Journal für politische Bildung 1/2001

Torney-Purta, Judith / Lehmann, Rainer / Oswald, Hans / Schulz, Wolfram: Citizenship and Education in Twenty-eight Countries. Civic Knowledge and Engagement at Age Fourteen. Amsterdam 2001

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