Veranstaltungen: Dokumentation

Eröffnungsrede

Thomas Krüger, Präsident der bpb

6.12.2002
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Frau Dr. Blaes, sehr geehrter Herr Dr. Krüger, sehr geehrter Herr Dr. Stüber.

Kurz nach dem 11. September des vergangenen Jahres sprach uns die Israelische Botschaft in der Bundesrepublik auf das - ihrer Ansicht nach - ungünstige Bild Israels an, das deutsche Fernsehsender in ihrer Berichterstattung über den Nahostkonflikt zeichnen würden.

Wir haben die Sorgen der israelischen Seite durchaus verstanden und sie ernst genommen. Die Frage nach dem Charakter der Fernsehberichterstattung über den Nahost-Konflikt, und generell über Kriegs- und Krisenregionen in der Welt, ist in unserer von medialen Wirklichkeiten geprägten Welt von großer Bedeutung. Gleichwohl konnten und wollten wir uns der pauschalen Einschätzung der deutschen Berichterstattung durch unsere israelischen Partner nicht umstandslos anschließen, sondern der Frage einmal empirisch und diskursiv nachgehen.

Die Bundeszentrale für politische Bildung ist seit ihrer Gründung vor 50 Jahren der Überparteilichkeit und Objektivität verpflichtet. Nur so können wir unsere zentrale Aufgabe wahrnehmen, politische Orientierung in der gesellschaftlichen und politischen Realität zu ermöglichen. Wir verlören auch an Akzeptanz in der Bevölkerung und bei den Medien, die uns das Institut für Demoskopie Allensbach in einer repräsentativen Studie erst kürzlich noch bescheinigt hat.

Aber wir sind auch, nicht zuletzt aus historischen Gründen, Freunde und Unterstützer der Annäherung zwischen Juden und Christen – dies zeigen u.a. die von meinem Haus durchgeführten Studienreisen nach Israel mit den unterschiedlichsten Zielgruppen. Im kommenden Jahr feiern wir deren 40jähriges Jubiläum.

Glaubhaft aber können wir in dem schwierigen Feld, das heute und morgen unser Thema ist: der Fernseh-Berichterstattung über den Nahost-Konflikt, nur agieren, wenn wir den Regeln der aufklärerischen politischen Pädagogik verpflichtet bleiben: Überprüfte Information und Offenlegung ihrer Quellen als Voraussetzung für eine eigenverantwortete politische Meinungs- und Willensbildung freier Bürgerinnen und Bürger.

Die Anforderungen an die Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung sind dabei durchaus mit denen vergleichbar, die an die Medien und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestellt werden: Sie berichten über Ereignisse, ihre Zusammenhänge, über Ursachen, Wirkungen und Hintergründe und sind dabei dem Postulat der Wahrheitssuche und Neutralität unterworfen.

Ende vergangenen Jahres haben wir uns deshalb entschlossen, die Nahostberichterstattung im Fernsehen empirisch untersuchen zu lassen. Unser Interesse galt und gilt Befunden, die eine kritische Analyse der Fernsehberichterstattung erlauben.

Um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen, haben wir uns entschlossen, die Hauptnachrichten-sendungen der vier großen Fernsehsysteme ARD, ZDF - beide öffentlich-rechtlich - sowie RTL und SAT 1 - beide privat-rechtlich organisiert - in diese Analyse einzubeziehen. Der Untersuchungszeitraum reichte vom 1. Quartal 1999 bis zum 1. Quartal des Jahres 2002, erstreckte sich also über mehr als drei Jahre.

Es geht um drei Themenkreise:
  • Die Produktion und Ausstrahlung von Fernsehnachrichten - insbesondere unter den Bedingungen eines kriegerischen Konfliktes,
  • Kriterien und Beurteilungsmaßstäbe für deren kritische Analyse,
  • Die möglichen Wirkungen auf politisch relevante Einstellungen der Zuschauer.
Das Bundesverfassungsgericht hat in einem seiner Grundsatzurteile zum Ausdruck gebracht, das Fernsehen sei "Medium und Faktor" der politischen Meinungs- und Willensbildung. Es transportiert Informationen, aber es generiert sie auch selbst - durch die spezifische Art und Weise der Auswahl, Bearbeitung, Vertonung und Ausstrahlung seiner Produkte.

Mit dieser doppelten Rollenzuweisung weist das Bundesverfassungsgericht Journalisten ebenso die Schärfung der eigenen Verantwortlichkeit und der Beachtung medienethischer Anforderungen zu.

Wir haben uns auf das Nachrichtengenre konzentriert. Es ist sicher nicht die einzige, möglicherweise nicht einmal die wichtigste Quelle für Zuschauer, sich politische Orientierung zu sichern.

Aber die Hauptausgaben der Nachrichtensendungen, feste Größen im Tagesablauf der meisten Menschen, beeindrucken durch ihre serielle Konstanz und ihren quasi amtlichen Charakter.

Dass wir Zuschauer bei der über Jahre hinweg beinahe täglichen Berichterstattung über Krisen und Konflikte im Nahen Osten "hautnah im Wohnzimmer" Augenzeugen geworden sind, wirft darüber hinaus auch Fragen zum Verantwortungsgefühl und zur Ethik der Programm-machenden auf. Denn auch das könnte ein Teil der medialen Wirklichkeitskonstruktion sein: dass die Berichterstattung die handelnden Akteure im Nahen Osten erst zu ihren Aktionen veranlasst, dass die Medien für Zwecke der psychologischen Kriegsführung missbraucht werden könnten.

Und ein weiterer Aspekt ist zu beleuchten: So wichtig und wahr es ist, dass die globale Berichterstattung einen wichtigen Beitrag zur Information und Aufklärung über lokale, regionale und kontinentale Ereignisse liefert - und damit auch ihren Beitrag zur globalen Demokratisierung leistet -, so wahr ist andererseits aber auch, dass die Journalisten, welche die täglichen Bilder liefern, ihren Auftraggebern, Redaktionen und Agenturen dienen, die ihrerseits mehr oder weniger von Auflagen und Quoten abhängig sind.

Gilt dies alles auch für die Fernseh-Berichterstattung über den Nahost-Konflikt? Wenn, wie es McLuhan formuliert, das Medium die Botschaft ist, unterscheiden sich die vier Sender, die wir in die Analyse einbezogen haben? Gibt es eine "ARD"- und eine "RTL-Wirklichkeit" des Nahostkonfliktes?

Am 27. Mai dieses Jahres hat Hanoch Marmari, Chefredakteur der israelischen "Ha´aretz", beim 9. Forum für Redakteure aus aller Welt in Belgien gesagt:

"Die letzten zwanzig Monate des israelisch-palästinensischen Konfliktes haben eine Wertekrise für Journalisten geschaffen." Marmari konstatiert "vier Vergehen": Besessenheit, Vorurteile, herablassende Haltung und Unwissenheit. Er weist auf die Schwierigkeit hin, neutral über den Konflikt zu berichten, indem er z.B. die "Unterscheidung zwischen friedlichen Zivilisten und dem militanten Untergrund, zwischen einem anständigen Politiker und einem aktiven Terroristen, oder zwischen Märtyrer und Selbstmordattentäter" aufwirft.

Wie sich dies in den untersuchten Beiträgen von ARD, ZDF, RTL und SAT.1 darstellt, wird Ihnen Dr. Krüger, Leiter des Instituts für empirische Medienforschung in Köln, das die Analyse durchgeführt hat, erläutern. Wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse, die heute erstmals veröffentlicht werden, und auf Ihre Reaktion und Diskussion bei unserer Veranstaltung. Bei Dr. Krüger möchte ich mich sehr herzlich für die Arbeit an dieser Studie bedanken.

Erlauben Sie mir noch eine letzte, gleichwohl für diese Tagung wichtige Anmerkung: Unser Thema ist die Fernseh-Berichterstattung über den Nahostkonflikt, nicht der Konflikt selbst. Unser Erkenntnisinteresse bezieht sich auf die mediale Vermittlungsleistung, nicht auf die Frage nach Schuld und Verantwortung in diesem schwierigen Konflikt. Ich weiß, dies ist nicht leicht auseinanderzuhalten. Dennoch möchte ich an alle Beteiligten appellieren, beide Themen sorgfältig zu trennen.

Damit dies für Sie alle etwas leichter wird, haben wir Herrn Dr. Werner Stüber von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf gebeten, einen historischen Überblick über die Geschichte und die wesentlichen Entwicklungsphasen des Nahost-Konfliktes voranzustellen.

Ich möchte Ihnen eine interessante, lebhafte und ergiebige Veranstaltung wünschen.


 

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