Veranstaltungen: Dokumentation

Eröffnungsrede


12.12.2002
Sehr geehrter Herr Dr. Krüger, sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Referenten und Referentinnen.

Ich möchte in meiner Begrüßung den Faden aufgreifen, den Herr Dr. Krüger zur Orientierung dieser Veranstaltung aufgewickelt hat. Es geht nicht um den Nahostkonflikt als solchen, sondern darum, welches Bild wir uns hier davon machen können - in Anlehnung an die Überschrift der Tagung.

Das betrifft einerseits diejenigen, die den Konflikt vor Ort mitverfolgen und übermitteln: die Berichterstatter. Anderseits auch die Zuschauer, die Angebote der Berichterstattung wahrnehmen oder auch nicht - denn die meisten Menschen neigen dazu, das für wahr zu halten, woran sie gerne glauben wollen – im Guten wie im Schlechten. Es gibt eine Art Berichterstattung, die gerade das bedient. Informationen in Bildberichten dargeboten, die dem Zuschauer bieten, was er für wahr halten möchte.

Das Bild selbst ist dabei noch am unschuldigsten, ein Bild kann mehr sagen als 1.000 Worte, es verändert seine Aussage je nach dem Zusammenhang des "Glaubenwollens", in den es gestellt wird, sowohl von Journalisten als auch vom Zuschauer – z. B. in die Wertung, "die einen sind die Guten und die anderen die Bösen - oder die einen sind schlecht, die anderen noch schlechter". Die Terroraktionen und der Nahostkonflikt bieten dafür viele Variationsmöglichkeiten.

Wichtig ist, dass man Täter und Opfer unterscheiden, Schuldige benennen kann. Sonst könnten Fragen aufkommen, die schwer zu beantworten sind – und dann können wir nicht mehr so leicht glauben, was wir glauben möchten. Soll man die Zuschauer derart irritieren, sie in Verwirrung stürzen?

Ein Kollege erzählte mir – als ich ihm von der Veranstaltung berichtete - wie er als junger Journalist vor seiner Einstellung zum Reporter vom Chefredakteur des Fernsehens befragt wurde: Das war 1973, zur Zeit des Yom-Kipphur-Krieges. Das Problem ist, wie wir wissen, alt.

Chefredakteur: Wenn Sie einen Kommentar zu machen hätten, was würden Sie tun? Reporter: Ich würde über die Tauben auf beiden Seiten berichten. Chefredakteur: Wieso Tauben? Was meinen Sie damit? Reporter: Ich kann Ihnen das jetzt auch noch nicht genau sagen, aber wo es Falken gibt, muss es auch Tauben geben, ich würde das recherchieren. Ich bin sicher, dass es auf beiden Seiten Menschen gibt, die gegen diesen Krieg sind, über die würde ich schreiben. Chefredakteur: Da bin ich ganz anderer Ansicht, das geht so nicht. Der Reporter erhielt seinen Platz im "Regionalen".

Journalisten argumentieren in diesem Zusammenhang gerne, indem sie sich auf die Information, die Informationspflicht als solche zurückziehen, und sei es, dass die vermeintlichen Fakten aus parteiischer Quelle stammen oder Propaganda sind, wie bereits geschehen durch die Krisen- und Kriegsberichterstattung vom Golfkrieg und dem Kosovo-Konflikt. Eine solche Form der Informationsvermittlung ist die einfachste, schnellste, oft billigste Lösung. Sie - die Journalisten - sehen dabei das Fernsehen in der primären Rolle als Medium, sich selbst als neutrale objektive Vermittler der Realität und übersehen ihre Rolle als Faktor.

Die Entwicklung des Nahostkonflikts, der mit seinen schrecklichen Ereignissen fast täglich präsent ist, verdeutlicht, dass Informationsvermittlung in den Nachrichten anscheinend an ihre Grenzen gelangt. Wir sehen gleiche Fakten, gleiche Bilder, hören gleiche Formulierungen Tag für Tag, die sich so oder austauschbar ähnlich Tag für Tag abspielen. Israelischer Angriff oder palästinensische Bombe, Vergeltung, wieder Vergeltung, brennender Bus, zerbombtes Haus; in der nächsten Sendung: israelische Panzer rücken in diesen Ort, jenen Ort ein, in einer späteren Sendung: Wohnhäuser von Verdächtigen oder Angehörigen werden gesprengt, in einer späteren Sendung: Jugendliche werfen Steine und Geschosse, stereotype Bilder, die zur Visualisierung des Konflikts verwendet werden. Aktion und Reaktion sind nicht mehr unterscheidbar: Ein sich drehender Kreis von schrecklichen Ereignissen, die von Menschen ausgeführt werden. Wir sehen Opfer und Täter – oder umgekehrt?

Die schwierigen komplexen Probleme verbergen sich hinter symbolisch aufgeladenen Bildern und hinter Schlagworten. Jede optische Aussage – wie jedes Wort muss letztlich auf die Goldwaage gelegt werden, um den Beteiligten nicht Unrecht zu tun und um nicht unbeabsichtigte Reaktionen auszulösen. Die Kürze eines Nachrichtenbeitrages erschwert die Auffächerung und Dimensionierung von Informationen. Kann sich der Zuschauer zu Hause - meist sitzend beim Abendessen - noch ein eigens Bild machen – verstehen, was in diesem Teufelskreis vor sich geht?

Das Geschehen, das sich in Sekundensequenzen in den Nachrichten abspielt und dessen komplexe Zusammenhänge nicht begreifbar gemacht werden können, hinterlässt Rat- und Hilflosigkeit. Die Gleichheit und Austauschbarkeit der Bilder verweist darauf, dass Denken und Handeln gefangen, befangen ritualisiert sind – und sind sie damit ein Spiegelbild des Konfliktes?

Für den Außenstehenden, den Zuschauer vor dem Bildschirm ist es nicht erkennbar, ob die Leute, die diese Bilder zusammenstellen, die dann als Informationen und Meinungen in die Wohnzimmer geschickt werden, selbst daran glauben – oder nicht, ob sie nicht über andere Bilder verfügen können, weil die Arbeitsbedingungen eingeschränkt oder zu gefährlich sind, ob nur zensiertes Material vorhanden ist – oder ob sie sich keine anderen Bilder vorstellen können oder wollen. Vielleicht glauben sie, dass durch Zahlen – Daten - Fakten die Realität objektiv abgebildet werden kann.

Wenn dem so wäre, dann müssten die Zuschauer lernen, den Bildern zu misstrauen. Natürlich gibt es Journalisten, die dieses Misstrauen haben und es artikulieren. Die Bilder von der Erschießung des palästinensischen Jungen wurden in vielen Nachrichtensendungen rund um die Welt ausgestrahlt mit einer (vermeintlich) eindeutigen Zuordnung der Täter. Eine Journalistin hat in einer Dokumentation über den Tathergang gezeigt, wie Offensichtliches trügerisch ist und wie schnell wir Urteile fällen aus vermeintlich objektiver Sicht.

Es stellt sich die Frage, ob die Bilder, die wir in Nachrichten sehen, eine objektive Realität suggerieren, die es so nicht gibt, ob die subjektive Erfahrung nicht glaubwürdiger und vertrauenswürdiger ist: von Journalisten, die die Geschichte eines Konfliktes erforschen, die sich von Experten die religiösen und ökonomischen Hintergründe erläutern lassen und damit die Tagesnachrichten dimensionieren - wie es zum Extremismus kommt, wer die Nutznießer sind, wer die Verlierer, wer die Drahtzieher sind, wer die Konflikte schürt, und vor allem warum?

Geschichte lässt sich nicht nur durch Fakten und Daten vermitteln – sie ist verständlich durch die verschiedenen Blickwinkel und die Geschichten aus diesen persönlichen Perspektiven. Nur so kann man sich ein Bild vom Geschehen machen. Journalisten – Auslandskorrespondenten brauchen dazu auch Zivilcourage, die komplexe Palette zu zeigen und gegen formatabhängige Vorstellungen und Regeln der Nachrichtengestaltung ihrer Redaktionen anzukämpfen. Es werden Probleme deutlich am Beispiel des Nahostkonflikts, die die inhaltliche und gestalterische Form der Informationsvermittlung betreffen, die medienethische Fragen aufwerfen und die der Verantwortung von Journalisten, insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, deren Erörterung zu den Aufgaben der ZFP (Zentrale Fortbildung der Programm-Mitarbeiter Gemeinschaftseinrichtung ARD/ZDF) gehört.

Wir alle – Zuschauer und Journalisten – müssen Bildern misstrauen, die flach sind und keine Tiefe haben, die kein Nachdenken mehr brauchen und keine Fragen zulassen, die man runterschluckt wie das Wurstbrot.

Dazu braucht es Mut. Mut - die Gegenmeinung zu hören, Mut - die gängige Meinung in Frage zu stellen, Mut die eigene Meinung in Frage zu stellen, Mut also zu einem Konflikt, den wir zunächst auch mit uns selbst austragen müssen. Deshalb sind wir gespannt auf die Ergebnisse der Studie und die gemeinsame Erörterung und wünsche eine anregende und Erkenntnis bringende Diskussion.


 

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