Interview
mit Dr. Udo Krüger
bpb: Die Studie hat verschiedene Aspekte der Nahostberichterstattung in den Hauptnachrichtensendungen der vier großen deutschen Sender ARD/Das Erste, ZDF, RTL und SAT.1 im Zeitraum vom Januar 1999 bis einschließlich März 2002 untersucht. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?
Dr. Krüger: Die Berichterstattung über den Nahen Osten zeichnete sich in dieser Langzeitbeobachtung vor allem durch Kontinuität aus. Damit haben die Fernsehnachrichten den Ereignissen Daueraktualität verschafft.
bpb: Welche Faktoren sorgen dafür, dass über das Thema Nahost berichtet wird und welchen Stellenwert hat das Thema in den deutschen Nachrichten?
Dr. Krüger: Drei Faktoren prägen den Inhalt dieser Berichterstattung wesentlich: 1. das Handeln der internationalen Diplomatie im Bemühen um den Friedensprozess, 2. Wahlen und Regierungswechsel in Israel und 3. die eskalierende Gewalt im Zuge der Intifada mit zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und dem israelischen Militär.
bpb: Welche Rolle spielt der Nachrichtenfaktor "Gewalt" bei der Berichterstattung und wie werden die Konfliktparteien dargestellt?
Dr. Krüger: Der Nachrichtenfaktor Konflikt wird zunehmend vom Faktor Gewalt überlagert. Dort, wo Gewalt stattfindet, findet auch ein wesentlicher Teil der Ereignisberichterstattung statt. Damit verlagert sich das Geschehen auf die Brennpunkte der Anschläge in Israel und die Orte der Konfrontation und Vergeltung in den palästinensischen Autonomiegebieten. Die Gewalt als Nachrichtenfaktor wird so stark, dass andere Themen aus der Region Nahost an Gewicht verlieren. Die Visualisierung der gewaltsamen Auseinandersetzungen vermittelt mit steigender Eskalation das Bild einer asymmetrischen Konfliktstruktur. Auf beiden Seiten gibt es Täter, Opfer und Schaden. Die Täter palästinensischer Anschläge bleiben unsichtbar, die Vergeltungsschläge des israelischen Militärs werden sichtbar. Als sichtbare Akteure der Konfliktparteien stehen sich am häufigsten das übermächtige israelische Militär und palästinensische Steinewerfer gegenüber.
bpb: Welche Bilder bzw. Bildsymbole werden besonders oft gezeigt und welchen Einfluss haben diese auf das Nahostbild in den Nachrichten?
Dr. Krüger: Die Bilder der Gewalt zeigen Opfer von Anschlägen, blutige Straßenkämpfe, Panzer und schießende Soldaten, palästinensische Trauerzüge. Sie vermitteln ein Szenario der Angst, des Hasses und der Zerstörung. In dem Maße, wie die Nachrichtenselektion vom Faktor Gewalt bestimmt wird, rückt die Rolle des israelischen Militärs in den palästinensischen Autonomiegebieten immer mehr ins Blickfeld. Die Nachrichten folgen dabei nur ihrer Formatlogik: Ereignisaktualität wird in Bild und Text auf 20 bis 90 Sekundenlänge reduziert. Die journalistischen Aussagen bleiben dabei auf der verbalen Ebene faktisch und wertneutral gegenüber den Konfliktparteien. Die vermittelten Bilder vom Nahostkonflikt spiegeln tatsächlich Ereignisse wider, aber gerade in der Darstellung emotional geladener Ereignisse in Bildern fordert den Betrachter auch zur Stellungnahme heraus.
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