Veranstaltungen: Dokumentation

Globalisierung: Geschichte und Dimensionen eines Begriffs


25.7.2002
Der Globalisierungsdiskurs wird nicht nur unter normativen Gesichtspunkten sehr kontrovers geführt. Auch unter analytischen Gesichtspunkten herrscht große Unklarheit in der Literatur, was unter Globalisierung zu verstehen ist, wann Globalisierung historisch eingesetzt hat, was die Konsequenzen für Staat, Gesellschaft und Ökonomie sind, ja sogar, ob es Globalisierung überhaupt gibt.

Der Begriff "Globalisierung" ist derzeit einer der am häufigsten verwendeten Begriffe in der sozialwissenschaftlichen Literatur. Für die einen ist er ein Zauberwort, das die Lösung fast aller gesellschaftlichen Probleme annonciert, für die anderen ein Schreckgespenst, das als wesentliche Ursache dieser Probleme angesehen wird. Der Globalisierungsdiskurs wird aber nicht nur unter normativen Gesichtspunkten sehr kontrovers geführt, auch unter analytischen Gesichtspunkten herrscht große Unklarheit in der Literatur, was denn unter Globalisierung zu verstehen ist, wann Globalisierung historisch eingesetzt hat, was die Konsequenzen für Staat, Gesellschaft und Ökonomie sind, ja sogar, ob es Globalisierung überhaupt gibt.

Hier wird unter Globalisierung die Intensivierung und Beschleunigung grenzüberschreitender Transaktionen bei deren gleichzeitiger räumlicher Ausdehnung - oder kürzer die Kompression von Raum und Zeit - verstanden. Grenzüberschreitende Transaktionen sind z.B. Handel, Finanzströme, Nachrichten, Briefe, Telephonate, E-mails, Wanderungsbewegungen (Tourismus, Arbeitsmigration, Armutswanderungen, Flüchtlingsströme), Emissionen in Luft und Wasser. Globalisierung findet in besonderem Maße statt durch internationale Arbeitsteilung und darauf bezogene Auslandsinvestitionen, im Finanzwesen, im Mediensektor, in der populären Kultur (Film, Musik), in der Werbung, im Tourismus, im Sport, im Umweltbereich. Verantwortlich gemacht für Globalisierung werden technische Entwicklungen insbesondere im Bereich von Transportwesen und Telekommunikation, weil diese dazu geführt haben, die Standortgebundenheit von gewerblichen und Dienstleistungstätigkeiten aufzuheben, ferner die seit den 1980er Jahren auftretenden Ungleichgewichte in den Handelsbeziehungen wichtiger weltwirtschaftlicher Akteure mit der Konsequenz, daß große Kapitalströme zum Ausgleich der Ungleichgewichte mobilisiert wurden, und die neoliberale Politik der Deregulierung, die bislang verschlossene oder zugangsbeschränkte Felder wirtschaftlicher Aktivitäten privaten und/oder internationalen Investoren geöffnet haben. Konsequenz von Globalisierung ist die Integration und Konvergenz von Staaten, Kulturen, Gesellschaften und Nationalökonomien zur Weltwirtschaft, Weltgesellschaft und Weltkultur. Auf politischer Ebene lautet die Antwort auf Globalisierung Weltordnungspolitik bzw. global governance.

Gegenläufige Tendenzen zu Globalisierung sind die Regionalisierung von Handel und Investitionen in den drei großen Wirtschaftsräumen Westeuropa, Nordamerika und Ost- und Südostasien, die Verflechtung dieser drei Regionen durch transregionale Beziehungen (Triadisierung) bei gleichzeitiger weltwirtschaftlicher Marginalisierung der übrigen Teile der Welt, die Abschottung der Länder der Triade gegen Migrationsprozesse aus dem Süden, die Fragmentierung der Gesellschaften des Nordens selbst (Zwei-Drittel-Gesellschaft, Neue Armut), der Zerfall vieler postkolonialer und postsozialistischer Gesellschaften als Folge von Krieg und Bürgerkrieg, von ethnonationalistischen Konflikten, Flüchtlingselend, Armutswanderung und Verfall staatlicher Autorität zugunsten von Neonationalismus und Warlord-Systemen. Konsequenz dieser Tendenzen ist nicht die Integration und Konvergenz, sondern die globale Heterogenisierung der Welt, so daß man besser von Globalisierung versus Fragmentierung als den neuen globalen Trends sprechen kann wie sie etwa mit dem Buchtitel Benjamin Barbers "Jihad vs McWorld" zum Ausdruck gebracht wird.

Unter den möglichen Antworten, wann denn Globalisierung einsetzt hat, werden acht besonders häufig genannt.



  1. Globalisierung beginnt, seit der Begriff verwendet wird. Während dieser in der sozialwissenschaftlichen Literatur der 1970er und 1980er Jahre entweder gar nicht oder nur sehr selten auftaucht, erfährt er seit Anfang der 1990er Jahre eine nahezu inflationäre Verwendung mit exponentiellen Steigerungsraten. Zu bedenken ist allerdings, daß alternative Begriffe mit einem verwandten Bedeutungsgehalt wie internationales System, Weltsystem, Weltmarkt, Imperialismus, Kolonialismus etc. bedeutend älter sind.

  2. Globalisierung setzt bereits Mitte der 1980er Jahre ein, erfährt aber erst einige Jahre später ihren begrifflichen Ausdruck. Zumindest das symbolische Auftaktdatum könnte demzufolge das New Yorker Plaza-Abkommen vom September 1985 gewesen sein, als eine Neufestsetzung der Wechselkurse der wichtigsten Volkswirtschaften verabredet wurde. In dessen Folge erfuhren der Yen und die D-Mark gegenüber dem US-Dollar und dem britischen Pfund eine massive Auf-wertung in der Absicht, die Ungleichheiten in den Handelsbilanzen dieser Länder zu korrigieren. Der tatsächliche Effekt war aber die Auslösung gewaltiger weltweiter Finanztransaktionen, der sog. Bildschirmökonomie, die sich in ihrem Volumen mittlerweile von der Warenwelt nahezu vollständig abgelöst haben. Susan Strange hat für diesen Vorgang die Begriffe "Kasino Kapitalismus" bzw. "mad money" geprägt.

  3. Globalisierung beginnt Mitte der 1970er Jahre, als es zum ersten Male in großem Stil zur Verlagerung von Produktionsstandorten kommt, wobei hier nicht natürliche Faktoren (Vorkommen von Bodenschätzen, Böden, Klima) oder der Marktzugang als Folge von Protektionismus, sondern Kostengesichtspunkte (z.B. unterschiedliche Löhne) das Motiv für Auslandsinvestitionen sind. Unter dem Begriff "neue internationale Arbeitsteilung" entstehen weltweit in sog. Billiglohnländern "Freie Produktionszonen", "Weltmarktfabriken" oder "Industrieparks" vornehmlich in sog. Montageindustrien (Bekleidungsindustrie, Unterhal-tungselektronik, Spielwaren, Sportartikel), also Branchen mit hohen Arbeitskosten. Konsequenz ist die Entstehung eines Weltmarkts für Arbeitskräfte und Industriestandorte.

  4. Globalisierung beginnt im Jahre 1945, als mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki die Entwicklung der Waffentechnik an einen Punkt anlangt, an dem die globale Zerstörung der Welt möglich ist. Man kann aber auch argumentieren, daß die amerikanische Besatzung und Truppenstationierung in vielen Ländern Westeuropas und Ostasiens den Beginn der Ausbreitung des american way of life über die ganze Welt markierte, als im Gefolge der amerikanischen Soldaten auch Jazz und Rock, Kaugummi und Nylonstrümpfe, Fastfood und Softdrinks und andere Produkte der amerikanischen Massenkultur ihren Siegeszug über die Welt antraten, wobei der amerikanische Militärrundfunk und der Hollywoodfilm für die mediale Verstärkung sorgten. Man könnte auch argumentieren, daß der rasch nach Kriegsende eskalierende Ost-West-Konflikt mit seinen vernetzten Schauplätzen in Ostasien und Mitteleuropa der erste wirklich globale Konflikt in der Weltgeschichte war, der für den Rest des Jahrhunderts die Welt in Atem hielt.

  5. Globalisierung beginnt im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, als das hölzerne, langsam und unregelmäßig verkehrende Segelschiff durch das eiserne Dampfschiff ersetzt wurde, als der Eisenbahnbau auch außerhalb von Europa und Nordamerika vorangetrieben wurde, als die Gefrierverfahren erfunden wurden und Kühlhäuser und Kühlschiffe gebaut wurden, als der Telegraph Verbreitung fand, die Seekabel verlegt wurden und die Schiffahrtslinien ihren Dienst aufnahmen. Erst seitdem nahm der internationale Handel seinen wirklichen quantitativen Aufschwung, erstreckte sich die internationale Arbeitsteilung nicht nur auf Luxusgüter, sondern auch auf Massenfrachtgüter, weil die sinkenden Transportkosten als Folge der Transportrevolution dieses rentabel werden ließen. Erst jetzt kam es zur Erschließung der Böden und Bodenschätze des Hinterlands in Übersee, waren nicht nur Inseln und Küstensäume in die globale Wirtschaft einbezogen. Jedenfalls, so lautet das Argument, war die relative Bedeutung des Welthandels, aber auch der internationalen Finanztransaktionen, gemessen am jeweiligen Weltaufkommen vor dem Ersten Weltkrieg nicht geringer als heute.

  6. Globalisierung beginnt mit der Industriellen Revolution, als erstmals eine industrielle Massenfertigung auf mechanischer und nicht mehr nur handwerklicher Basis betrieben wurde, die einen wachsenden Rohstoffbedarf (z.B. Baumwolle) erzeugte und die auch für den Export bestimmt war. Insbesondere die französische Kontinentalsperre der Jahre 1807-1814 sorgte dafür, daß englische Baumwolltextilien vom europäischen Kontinent nach Nord- und Südamerika und sogar nach Asien umgelenkt wurden. Was die überlegene Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industriewaren allein nicht schaffte, besorgte anschließend die britische, französische und amerikanische "Kanonenbootdiplomatie" seit Mitte des 19. Jahrhunderts zur Öffnung der noch nicht kolonialisierten Länder Asiens wie z.B. China, Japan und Siam (Thailand).

    Globalisierung beginnt mit der europäischen Welteroberung am Ende des 15. Jahrhundert, als Kolumbus 1492 vermeintlich und Vasco da Gama 1498 tatsächlich den Seeweg nach Indien gefunden haben. Die Folge war der Vertrag von Tordesillas aus dem Jahre 1494, der erste Vertrag der Weltgeschichte mit globaler Reichweite. Die westliche Hemisphäre der "Neuen Welt" wurde den Spaniern und die östliche Hemisphäre und damit der Seeweg nach Indien den Portugiesen zugesprochen. Dieser Vertrag wurde 1529, nachdem die Spanier und Portugiesen als Folge der ersten Weltumsegelung Magellans auch im Pazifik aufeinandergestoßen waren, durch den Vertrag von Zaragossa ergänzt, da man erkannt hatte, daß die für den Atlantik festgelegte Demarkationslinie einer korrespondierenden Demarkationslinie im Pazifik bedurfte. Die Spuren dieser vor etwa 500 Jahren geschlossenen Verträge lassen sich noch heute in Amerika, Afrika und selbst in Asien finden.

  7. Wenn aber, so lautet eine achte Antwort, die Attraktivität Asiens so stark war, daß die Europäer nichts unversucht ließen, den direkten Kontakt mit Indien, China und Japan zu suchen, statt auf den indirekten Kontakt über arabische Zwischenhändler angewiesen zu sein, dann könnte es auch schon vor der Ankunft der ersten Europäer, also etwa seit dem 13. Jahrhundert, in Asien ein florierendes Weltsystem gegeben haben. Globalisierung wäre dann noch viel älter, nur hätte sie ihren Ausgang nicht in Europa, sondern in Asien genommen, wäre die Welt nicht im Sinne des klassischen Eurozentrismus von Westeuropa aus erschlossen worden. Deshalb bedürfe es einer Reorientierung in der Histographie der Globalisierung in dem Sinne, daß die Europäer vor 500 Jahren nur die Teilhabe an einer asienzentrierten globalisierten Welt gesucht haben.


Literatur

Albert, Mathias/ Brock, Lothar/ Hessler, Stephan/ Menzel, Ulrich/ Neyer, Jürgen, Die neue Weltwirtschaft. Entstofflichung und Entgrenzung der Ökonomie. Frankfurt: Suhrkamp 1999.

Barber, Benjamin R., Jihad vs. McWorld. New York: Random House 1995.

Beck, Ulrich, Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus - Antworten auf Globalisierung. Frankfurt: Suhrkamp 1997.

Beck, Ulrich (Hrsg.), Politik der Globalisierung. Frankfurt: Suhrkamp 1998.

Beisheim, Marianne/ Dreher, Sabine/ Walter, Gregor/ Zangl, Bernhard/ Zürn, Michael, Im Zeitalter der Globalisierung? Thesen und Daten zur gesellschaftlichen und politischen Denationalisierung. Ba-den-Baden: Nomos 1999.

Held, David/ McGrew, Anthony/ Goldblatt, David/ Perraton, Jonathan, Global Transformations: Politics, Economics and Culture. Cambridge: Polity Press 1999.

Menzel, Ulrich, Globalisierung versus Fragmentierung. Frankfurt: Suhrkamp 1999. 3. Aufl.

Strange, Susan, Casion Capitalism. Oxford: Basil Blackwell 1986.

Strange, Susan, Mad Money. Manchester: Manchester University Press 1998.

Zürn, Michael, Regieren jenseits des Nationalstaats. Globalisierung und Denationalisierung als Chance. Frankfurt: Suhrkamp 1998.


 

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