Veranstaltungen: Dokumentation

25.7.2002 | Von:
Prof. Dr. Ulrich Menzel

Globalisierung und Entwicklungstheorie

Der entwicklungstheoretische Strang der Globalisierungsdiskussion hat einen langen historischen Vorlauf. Neben der regionalen Ausweitung des Entwicklungsprozesses ist auch dessen Differenzierung im Sinne einer erweiterten ordnungspolitischen Bandbreite zu berücksichtigen. Entwicklung hat nicht nur in "Greater Europe" stattgefunden, auch wenn dieses in der angelsächsischen Variante sehr viel radikaler geschah als in der kontinentaleuropäischen bzw. "rheinischen" Variante des Kapitalismus.

Der entwicklungstheoretische Strang der Globalisierungsdiskussion hat einen langen historischen Vorlauf. Warum die einen Nationen wohlhabend und die anderen arm sind - diese Frage bewegt die Zunft seit dem Jahre 1776, als mit Adam Smiths "Inquiry into the Nature and the Causes of the Wealth of Nations" die erste grundlegende Arbeit zu dieser Thematik erschienen ist. Während für Smith der Bezugsrahmen das zeitgenössische Großbritannien bzw. Westeuropa war, das, so seine entwicklungspolitische Forderung, von den Fesseln des Merkantilismus zu befreien sei, um den wohlstandsfördernden Wirkungen des Marktes, der Konkurrenz, der Arbeitsteilung und der unternehmerischen Initiative freie Bahn zu verschaffen, hat die heutige Diskussion einen geographisch sehr viel weiteren Bezugsrahmen. Entwicklung im Sinne einer breitenwirksamen Wohlstandsvermehrung hat seitdem nicht nur im alten Okzident, also in Westeuropa, stattgefunden, der um Nordamerika, Australien, Neuseeland und weniger eindeutig in anderen europäischen Siedlerkolonien zum "Greater Europe" ausgeweitet wurde, sondern auch in einem Teil des alten Orients, nämlich in Ost- und Südostasien, eine Region, die man großzügig wenn auch etwas unscharf, als "Greater China" bezeichnen könnte, soweit man die Länder Südostasiens mit ihren chinesischen Minderheiten hinzuzählt und diese Minderheiten als "Strategische Gruppen" des dortigen Entwicklungsprozesses betrachtet. Hinzu kommen Japan und Korea, wobei hier trotz aller kulturellen Eigenständigkeit die lange zurückliegenden Einflüsse und Prägungen von seiten Chinas nicht unterschlagen werden dürfen.

Neben der regionalen Ausweitung des Entwicklungsprozesses ist aber auch dessen Differenzierung im Sinne einer erweiterten ordnungspolitischen Bandbreite zu berücksichtigen. Entwicklung hat nicht nur in "Greater Europe" stattgefunden, wo ganz im Sinne des klassischen Liberalismus der absolutistisch/merkantilistische Staat zugunsten der Marktkräfte zurückge-drängt wurde, auch wenn dieses in der angelsächsischen Variante sehr viel radikaler geschah als in der kontinentaleuropäischen bzw. "rheinischen" Variante des Kapitalismus. In "Greater China" und insbesondere in Japan/Korea hat Entwicklung in einer Region stattgefunden, in der der bürokratische Entwicklungsstaat eine dominante Position behauptet hat und die Kräfte des Marktes eher instrumentalisiert wurden, und gleichzeitig in einer Region, in der die grenzüberschreitenden Netzwerke der auslandschinesischen Familienkonzerne als "Lords of the Rim" einen "ethnischen Kapitalismus" jenseits der nationalstaatlich verfaßten Ordnungspolitik praktiziert haben, gleichviel ob diese liberal wie in Hongkong oder staatsinterventionistisch wie in Singapur orientiert ist.

Dieser Befund ist ein wichtiges Thema der sog. Millenniums-Literatur. Darunter werden Arbeiten verstanden, die am Ende des zweiten Jahrtausends eine welthistorische Bilanz zu ziehen suchen. Wenn man von der dort unterstellten Prämisse ausgeht, daß die Prozesse von Entwicklung in Europa und Asien bzw. Unterentwicklung in anderen Teilen der Welt sehr langfristige Ursachen haben und daß die Phasen beschleunigten wirtschaftlichen Wachstums wie etwa in Europa im Anschluß an die Industrielle Revolution oder in Asien seit den 1950er Jahren die lange Vorgeschichte eines strukturellen Wandels von Staat und Gesellschaft, von Wissenschaft und Technik, von kultureller und mentaler Entwicklung voraussetzen, dann ist eine makrohistorische Analyse auch entwicklungstheorisch von allerhöchster Relevanz.

Welche Prozesse haben stattgefunden, die zur Industriellen Revolution geführt haben? Welche Umstände bewirkten eine militärische Überlegenheit Europas gegenüber nichtwestlichen Hochkulturen, so daß die europäische Welteroberung überhaupt möglich war? Was zeichnete Asien schon vor Ende des 15. Jahrhunderts aus, das die Suche des "Seewegs nach Indien" für die Europäer so attraktiv machte? Wieso war gerade Japan und nicht etwa China oder Indien das erste nichtwestliche Land, das sich im modernen Sinne industrialisiert hat? Wieso gibt es eine Häufung des Schwellenländerphänomens gerade in Ost- und Südostasien? Gefragt werden muß umgekehrt aber auch: Warum vermochte Indien und insbesondere China seinen früheren Entwicklungsvorsprung gegenüber Europa, den beide mindestens im europäischen Mittelalter noch besessen haben, nicht zu behaupten? Warum haben diese nicht umgekehrt den Versuch gemacht, den "Seeweg nach Europa" zu suchen und Europa zu kolonisieren? Die chinesischen Kriegsflotten zu Beginn des 15. Jahrhunderts wären dazu zweifellos in der Lage gewesen. Auch gibt es Hinweise, daß arabische Schiffe Afrika in anderer Richtung umsegelt haben, bevor Vasco da Gama in den Indischen Ozean gelangte, diese Route nach Europa aber dann nicht weiter verfolgten. Warum haben sich manche Hochkulturen wie z.B in Amerika oder im Nahen Osten nicht gegenüber dem Eindringen des Westens zu behaupten vermocht, andere wie Japan oder China aber sehr wohl? Warum hat bislang nur in einem Teil des alten Orients, nämlich in Ost- und Südostasien, Entwicklung in einem umfassenden Sinne stattgefunden, nicht aber im indisch/persisch/arabisch/osmanischen Raum?

Damit hat sich der Akzent der entwicklungstheoretischen Überlegungen verschoben. Gefragt wird nicht mehr nur nach den unmittelbaren Ursachen und Konsequenzen von Industrialisierung oder Agrarmodernisierung, sondern nach viel weiter zurückliegenden innergesellschaftlichen Transformationsprozessen bis zurück ins europäische oder asiatische Mittelalter bzw. nach Entwicklungsunterschieden im Vergleich von Großregionen noch vor Beginn der europäischen Welteroberung, weil in diesen Frühphasen die entscheidenden Weichenstellungen vermutet werden.

Dabei lassen sich vier grundsätzliche Positionen unterscheiden - nämlich zwei eurozentrische, eine asianistische und eine globalistische.

Die klassische eurozentrische Position wird z.B. von Eric Lionel Jones, David Landes, Michael Mann oder John A. Hall vertreten und steht in der Tradition der europäischen Aufklärung von Montesquieu und Hegel über Marx, Weber, Polanyi, Wittfogel bis zur amerikanischen Modernisierungstheorie der 1950er/60er Jahre. Sie geht von einer, je nach Autor unterschiedlich gewichteten, einzigartigen Konstellation naturräumlicher, politischer, sozialer und vor allem geistiger Faktoren in Europa aus, die dazu führten, daß wahlweise etwa seit dem Jahre 1000, seit der "Krise des Feudalismus", seit der Renaissance, seit der Reformation oder seit der Aufklärung entweder in Großbritannien zuerst und allein oder in Teilen von Westeuropa ein alle gesellschaftliche Dimensionen erfassender "großer Transformationsprozeß" stattgefunden hat, der nicht nur in einer umfassenden Entwicklung kulminierte, sondern auch zu einem substantiellen Entwick-lungsvorsprung gegenüber allen anderen Weltregionen führte. Dieser hat im Laufe der folgenden Jahrhunderte immer noch weiter zugenommen. Als Europa in direkten Kontakt mit den asiatischen, afrikanischen oder amerikanischen Kulturen kam, war es bereits in jeder Hinsicht überlegen.

Die weitere Entwicklungsgeschichte wird als ein Prozeß der Diffusion des englischen bzw. westeuropäischen Modells auf Nordwesteuropa, auf Nordamerika, auf Südeuropa, evtl. auf Osteuropa und schließlich auf Ost- und Südostasien interpretiert. Die europäische Welteroberung, die europäische Siedlungsauswanderung, die Etablierung einer von Europa ausgehenden internationalen Arbeitsteilung haben trotz aller Kritik am Kolonialismus und Imperialismus letztlich positiv gewirkt, da diese Prozesse auch immer zur freiwilligen oder unfreiwilligen Diffusion der westlichen Ideen, der westlichen Technik, der westlichen ökonomischen Prinzipien, von westlichem Staat und Verwaltung, des westlichen Erziehungswesens, des westlichen Lebensstils, des westlichen Verständnisses von Demokratie und Sozialstaat geführt und damit die systemimmanente Stagnation asiatischer, halbasiatischer (Rußland), afrikanischer oder alt-amerikanischer Produktionsweisen und Despotien aufgebrochen haben.

Gerade im Hinblick auf Asien wird das dort verbreitete System der Treaty Ports oder Hafenkolonien - in vielen Fällen identisch mit den heutigen asiatischen Metropolen - zum geographischen Ort der Diffusionsthese, weil dort der Westen und der Osten aufeinandertrafen, weil die Treaty Ports unternehmerische Talente aus dem ganzen Land anzogen und ihrerseits wieder Ausstrahlungskraft auf das Hinterland ausübten. Übersehen wird dabei allerdings oft, daß es Treaty Ports oder Hafenkolonien auch schon vor Ankunft der ersten Europäer in Asien gegeben hat, die auf Aktivitäten arabischer, indischer oder chinesischer Händler zurückgehen, und daß es im Zuge des europäischen Kolonialismus in den Treaty Ports außerhalb wie innerhalb von China zu einer Art zweiten Kolonisierung von seiten chinesischer Migranten gekommen ist, die seitdem als Kompradoren (Mittelsmänner), ein bis heute erhaltener portugiesischer Begriff, zwischen den einheimischen Produzenten und den westlichen Handelskompanien und später Handelshäusern fungiert haben. Wie bei den europäischen Auswanderern handelt es sich hier um einen bemerkenswerten Selektionsprozeß der mobilsten, wagemutigsten und innovationsfreudigsten Teile einer ansonsten sozial deklassierten oder perspektivlosen Bevölkerung, der erklären hilft, warum so viele Migranten in der Fremde so erfolgreich sind.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Unterschied zwischen dem flächendeckenden und zerstörerisch wirkenden Kolonialismus der Spanier in Amerika und dem eher auf die Errichtung von Handelsstützpunkten ausgerichteten Kolonialismus der Portugiesen und Holländer in Asien. Dahinter stehen die Motive einer eher feudalen Expansion von seiten Spaniens gegenüber handelskapitalistischen Motiven auf seiten Portugals und Hollands.

Die revisionistische eurozentrische Position ist die klassische Weltsystemtheorie, wie sie von der Wallerstein-Schule, von Samir Amin oder dem frühen Andre Gunder Frank ver-treten wird. Die Entstehung des Kapitalismus wird auch hier im Europa des 15. Jahrhun-derts verortet, wobei aber nicht die internen geistigen und sozialen Antriebe, die die große Transformation herbeigeführt haben, sondern die externe ökonomische Rahmensetzung - nämlich der Fernhandel, die Etablierung einer internationalen Arbeitsteilung, die europäi-sche Welteroberung, die anfängliche Plünderung und spätere Ausbeutung der Kolonien und daraus resultierend der Ressourcentransfer nach Westeuropa aus der übrigen Welt als entscheidende Faktoren angesehen werden. Für diese Position ist es grundsätzlich wenig erheblich, ob die frühe Arbeitsteilung zwischen West- und Osteuropa mit der Konsequenz von Entfeudalisierung hier und zweiter Leibeigenschaft dort oder das amerikanische E-delmetall, das die Spanier und Portugiesen in Mexiko, Peru und Brasilien geraubt haben oder die hohen Profite der englischen und niederländischen Handelskompanien aus dem Asienhandel die "ursprüngliche Akkumulation" und damit die Industrialisierung in West-europa finanziert, den Entwicklungsvorsprung beschleunigt und die Unterentwicklung der übrigen Welt bewirkt haben. Der (west)europäische Entwicklungsvorsprung resultierte je-denfalls erst aus dem Kontakt mit Afrika, Amerika und Asien und war nicht schon vorher gegeben. Kolonialismus und internationale Arbeitsteilung sind demzufolge auch die we-sentlichen Ursachen von Entwicklungsblockaden und Unterentwicklung. Das heutige Phänomen der asiatischen Schwellenländer, selbst der Fall Japan, ist aus dieser Sicht ei-gentlich nicht erklärbar. Gemeinsam ist beiden eurozentrischen Positionen aber die Betrachtung der letzten 500 Jahre Weltgeschichte aus einer europäischen Perspektive, wobei das Jahr 1492 (erste Kolumbus-Reise) bzw. das Jahr 1498 (Landung von Vasco da Gama in Calicut) und damit die tatsächliche Entdeckung des Seewegs nach Indien als entscheidende Wendepunkte mit bis heute struktureller Bedeutung für die gesamte Welt angesehen werden. Immerhin führte der Vertrag von Tordesillas zwischen Portugal und Spanien aus dem Jahre 1493 zur ersten Teilung der Welt. Gemeinsam ist beiden Positionen auch das diffusionistische Argument, wenn es auch anders gewendet wird. Während der klassische Eurozentrismus die positiven Ausbreitungseffekte der europäischen Welteroberung betont, stellt der revisionistische Eurozentrismus dessen abträgliche Effekte in den Vordergrund, wenn auch konzediert wird, daß es nicht nur eine Abwärts- sondern auch eine Aufwärtsmobilität im Weltsystem geben kann. So wie sich bei den einen das westliche Modell schrittweise über die Welt ausbreitet, kommt es bei den anderen zu einer schrittweisen Ausbreitung und Konsolidierung des modernen, das heißt des westlich kapitalistischen, Weltsystems und damit der Positionierung seiner Teile nach Maßgabe der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und daraus resultierenden Arbeitsteilung.

Eine asienzentrierte Position wird von Janet Abu-Lughod, K.N. Chaudhuri oder Anthony Reid vertreten. Diese orientieren sich zwar auch an einem weltsystemtheoretischen und damit globalistischen Ansatz, leugnen aber die Einzigartigkeit oder Besonderheit des mo-dernen Weltsystems westlich-kapitalistischer Prägung. Damit leugnen sie auch die These, daß der Beginn der europäischen Welteroberung eine qualitativ neue Phase in der Weltge-schichte markiert, seit der die älteren Weltreiche durch die moderne, über den Weltmarkt konstituierte, Weltwirtschaft abgelöst wurden. Auch schon im alten Orient, also im ara-bisch-indisch-chinesischen Raum gab es demzufolge ein Weltsystem und nicht nur Welt-reiche mit wechselnden despotischen Führungsmächten, das durch Fernhandel und inter-nationale Arbeitsteilung strukturiert wurde. Dessen Aufstieg und Niedergang ist unabhän-gig vom Westen zu sehen. Der geographische Ort dieses Weltsystems war der Indische Ozean mit seinen drei über ein dichtes Handelsnetz verbundenen Subregionen Arabisches Meer, Golf von Bengalen und Südchinesisches Meer mit Ausläufern ins Rote Meer, in den Persischen Golf, entlang der ostafrikanischen Küste bis nach Madagaskar, in die indonesi-sche Inselwelt und in das Japanische Meer. Auch hier vermochten mal die Araber, mal die Inder, mal die Chinesen eine Führungsrolle zu spielen.

Die makrohistorische Analyse der genannten Werke behandelt deshalb einen Zeitraum, der lange vor dem Eindringen der ersten Portugiesen in den Indischen Ozean beginnt und bis etwa 1800 reicht. Die erste Kolumbus-Reise oder die Reise von Vasco da Gama hat aus dieser Sicht gar keine besondere Bedeutung, so wie es aus dieser Perspektive auch keinen Sinn macht, vom "Zeitalter der Entdeckungen" zu sprechen. Für Indien und China wird für diesen Zeitraum durchgängig ein Entwicklungsniveau, gerade auch in wissen-schaftlich-technischer, kommerzieller und (haus)industrieller Hinsicht konstatiert, das dem europäischen zur Zeit der Renaissance weit überlegen war und auch noch lange danach weiter behauptet wurde. Erst die Industrielle Revolution ließ den asiatischen Vorsprung rasch dahinschmelzen. Die Portugiesen hatten nur deshalb leichtes Spiel, weil sie im Indischen Ozean ein militärisches Machtvakuum vorfanden, das die damals eigentlich hochüberlegenen chinesischen Flotten 60 bis 70 Jahre zuvor mit ihrem freiwilligen Rück-zug hinterlassen hatten. Weder die Portugiesen noch später die Holländer oder Engländer vermochten im 16., 17. und selbst im 18. Jahrhundert in Asien eine hegemoniale Rolle zu spielen und nur eine akzidentielle Arbeitsteilung zwischen Europa und Asien zu etablieren. Sie waren nur Juniorpartner eines nach wie vor von arabischen, indischen und chine-sischen Händlern dominierten innerasiatischen Handels. Internationale Arbeitsteilung, Handel, Kapitalismus und wissenschaftlich-technische Entwicklung sind demzufolge auch keine exklusiven westlichen Errungenschaften, die auf eine einzigartige Konstellation in Europa hinweisen, sondern auch in anderen und da-zu noch älteren Kulturkreisen zu finden. Hier liegen auch die Wurzeln des derzeit wie-derbelebten klassischen Asianismus, der die heutigen Erfolge Asiens auf die lange und ungebrochene zivilisatorische und staatliche Tradition zurückführt. Ein revisionistischer Asianismus müßte die damalige oder heutige relative Rückständigkeit der chinesischen Peripherie mit der Hegemonie Chinas, mit dem Tributhandel und ähnlichen externalisti-schen Argumenten begründen.

Warum das asiatisch dominierte Weltsystem im Indik unterging, warum die Pax Sinica, die durch eine überragende militärische Flottenpräsenz von 1405-1433 eindrucksvoll un-termauert wurde, verschwand, das hat aus dieser Sicht innerasiatische Ursachen, da der Niedergang einsetzte, lange bevor der westliche Kolonialismus seine durchschlagende Wirkung erzielen konnte. Hierzu gehört insbesondere die Entscheidung des chinesischen Mandarinats, sich von der maritimen Expansion, der "blauen Kultur", abzuwenden und stattdessen durch den Bau der Großen Mauer die innerasiatische Grenze gegen den An-sturm der zentralasiatischen Völker zu stärken. Hierzu gehören auch die Abwrackung der chinesischen Kriegsflotte, der damit verbundene Verlust maritimer Kompetenz und die in der Ming-Zeit immer wieder verhängten Verbote des Überseehandels, also ein freiwilliger Isolationismus, die Hinwendung zur "gelben Kultur", eine Politik, die in Japan seit Beginn der Tokugawa-Zeit und der Vertreibung der Portugiesen noch radikaler verfolgt wurde.

Die Konsequenz aus dieser Analyse lautet, daß auf ein orientalisch dominiertes Weltsys-tem ein europäisch dominiertes folgte, das wiederum durchaus von einem asiatisch domi-nierten abgelöst werden kann, ohne daß bei diesem Wechsel ein von außen wirksamer unmittelbarer Zusammenhang bestehen muß. Es handelt sich hier also nicht um die positiv oder negativ gewendete Vorstellung eines Diffusionsprozesses globaler Reichweite, der von Westeuropa ausgegangen ist, sondern um eine revisionistische Diffusionsthese (mit eher regionaler Reichweite), insofern solche Prozesse nicht nur von Europa, sondern auch von Asien oder anderen Regionen der Welt ausgegangen sind und in Zukunft auch wieder ausgehen können. Die westliche Überheblichkeit, die in Eurozentrismus und Orientalismus zum Ausdruck kommen, findet ihr arrogantes Gegenstück im Asianismus und der Deklarierung der Eu-ropäer und Amerikaner als Barbaren, Aliens, Weiguoren oder Gaijin, während die Kritik an Kolonialismus und Imperialismus des Westens im Osten ihr paradoxes Gegenstück im asiatischen Okzidentalismus im Sinne einer aufklärerischen Verwestlichung findet, der als Kritik an der asianistischen Selbstisolation gemeint ist.

Die radikal-globalistische Position wird vertreten durch den späten Andre Gunder Frank und Barry Gills, die sich wiederum auf Blaut, aber auch Abu Lughod, Chaudhuri u.a. stüt-zen. Demzufolge soll bereits seit 5000 Jahren ein einziges Weltsystem existieren, dessen Zentrum sich in jahrhundertelangen zyklischen Bewegungen um die Welt bewegt. Die einzelnen Gesellschaften und Großregionen der Welt sind einem ausschließlich extern verursachten, immer wiederkehrenden Auf und Ab verhaftet. Deren Status innerhalb des Weltsystems wird lediglich durch ihre relative internationale Konkurrenzfähigkeit und damit die Positionierung in einer internationalen Arbeitsteilung bestimmt, die wiederum vorrangig durch externe Einflüsse und Zuflüsse bestimmt wird. Wichtiger und durchaus auch quantitativ faßbarer Indikator dieser zirkulationstheoretischen Argumentation zur Positionsbestimmung eines Landes in der internationalen Hierarchie wird damit seine Zahlungsbilanz. Edelmetall- bzw. Devisenzuflüsse indizieren eine zentrale Position, Ab-flüsse eine periphere Randlage. Damit distanziert sich Frank radikal von seinen eigenen früheren Arbeiten, weil er dem Jahre 1492 und damit dem Beginn der europäischen Welteroberung keine besondere Be-deutung mehr beimißt. Nur noch globalen Handelsbeziehungen wird eine entwicklungs-determinierende Funktion zugebilligt, während innergesellschaftliche Transformations-prozesse (fast) völlig ausgeblendet werden. Kapitalismus ist demzufolge weder in West-europa im 15. Jahrhundert noch lange zuvor in Asien wie bei Abu Lughod u.a. entstan-den, sondern ein quasi zeitloses Phänomen, seit es überhaupt Handel und Arbeitsteilung gibt. Der Begriff wird somit zu einer gesellschaftstheoretisch sinnentleerten Kategorie, die ganz fallengelassen werden kann.

Literatur

Abu-Lughod, Janet, Before European Hegemony: The World System A.D. 1250-1350. New York 1989.

Amin, Samir, Die ungleiche Entwicklung. Essay über die Gesellschaftsformationen des peri-pheren Kapitalismus. Hamburg 1975.

Blaut, J.M. (Hrsg.), 1492: The Debate on Colonialism, Eurocentrism and History. Trenton, N.J. 1992.

Blaut, J.M., The Colonizers Model of the World: Geographical Diffusionism and Eurocentric History. New York 1993.

Chaudhuri, K.N., Trade and Civilisation in the Indian Ocean: An Economic History from the Rise of Islam to 1750. Cambridge 1985.

Chaudhuri, K.N., Asia Before Europe: Economy and Civilisation of the Indian Ocean from the Rise of Islam to 1750. Cambridge 1990.

Frank, Andre Gunder, World Accumulation, 1492-1789. London 1978.

Frank, Andre Gunder, Abhängige Akkumulation und Unterentwicklung. Frankfurt 1980.

Frank, Andre Gunder, ReOrient: Global Economy in the Asian Age. Berkeley 1998.

Hall, John A., Powers and Liberties: The Causes and Consequences of the Rise of the West. Oxford 1985.

Jones, Eric Lionel, Das Wunder Europa. Umwelt, Wirtschaft und Geopolitik in der Geschich-te Europas und Asiens. Tübingen 1991; Landes 1999.

Landes, David S., Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die ande-ren arm sind. Berlin 1999.

Mann, Michael, The Sources of Social Power: Vol. 1. A History of Power from the Beginning to A.D. 1760. Cambridge 1986.

Reid, Anthony, Southeast Asia in the Age of Commerce 1450-1680. Vol. 1: The Lands Below the Winds. Vol. 2: Expansion and Crisis. New Haven 1993.

Wallerstein, Immanuel, The Modern World System. 3 Bde. New York 1974, 1980, 1989.


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