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Globalisierung: Eine oder keine Chance für die Entwicklungsländer


25.7.2002
Das Phänomen "Globalisierung" ist inzwischen aus vielen Richtungen beleuchtet und analysiert worden. Vor allem fünf Dimensionen des Globalisierungsprozesses spielen eine herausragende Rolle.

1 Beschreibung und Definition des Globalisierungsprozesses



Das Phänomen "Globalisierung" ist inzwischen aus vielen Richtungen beleuchtet und analysiert worden. Vor allem fünf Dimensionen des Globalisierungsprozesses spielen eine herausragende Rolle: die politische, die ökonomische, die ökologische, die soziale und die kulturelle. Obwohl es unterschiedliche Sichtweisen und Einschätzungen gibt, sind sich die Beobachter in einer Hinsicht einig: Globalisierungsprozesse sind nicht neu. Die Wirtschaftsgeschichte führt genügend Beispiele dafür an, dass es Globalisierungsschübe zur Durchsetzung von Neuerungen schon immer gegeben hat. Sie treten meistens überraschend auf, laufen erratisch ab und hinterlassen grundlegend veränderte Strukturen.

Globalisierung liegt im Kerninteresse der multinationalen Unternehmungen, deren Einfluss und Steuerungsmöglichkeiten allerdings geringer einzuschätzen sind als vielfach angenommen; Richtung und Intensität des Globalisierungsprozesses werden vor allem von den Entscheidungen einflossreicher nationalstaatlicher Regierungen und internationaler Organisationen bestimmt, die durch Massnahmen im ökonomischen (Liberalisierung und Deregolierung) wie auch im sozial-? und umweltpolitischen Bereich (Einhaltung von Mindeststandards) wichtige Rahmenbedingungen vorgeben und die Prozesse zu steuern und zu gestalten versuchen.

Die Liberalisierung der Märkte wird ergänzt durch Fortschritte im Bereich der Mikroelektronik, der Telekommunikation und der Informationsverarbeitung. Werden zu den technologischen Möglichkeiten, der aussenwirtschaftlichen Liberalisierung und der binnenwirtschaftlichen Deregolierung noch die gesunkenen Transportkosten sowie die zunehmende Vereinheitlichung technischer Normen hinzugezogen, dann ist die Liste der Faktoren, die den Prozess der Globalisierung bestimmen und vorantreiben, komplett. Globalisierung ist also ein Prozess der zunehmenden Integration der Märkte für Waren, Dienstleistungen, Kapital und Technologie.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen wie auch die Reaktionen der Betroffenen angesichts dieser Prozesse sind breit gefächert und widersprüchlich. Die einen sehen ungeahnte Chancen auf sich zukommen, die anderen fühlen sich einer Entwicklung ausgeliefert, in der die Vertrautheit der bisherigen Rahmenbedingungen und Abläufe verloren geht.

2 Auswirkungen der Globalisierung auf die Entwicklungsländer



Die fortschreitende Globalisierung erreicht sämtliche Staaten. Die allen zugänglichen Informationsströme tangieren das kulturelle Selbstverständnis, und vor der Diskussion über "Demokratie und Menschenrechte" sowie "good governance" können sich politische Systeme nicht mehr drücken. Die ökonomischen Konsequenzen einer Integration oder Nichtintegration in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung sind unausweichlich, und für die ökologischen wie sozialen Folgewirkungen, die üblicherweise mit raschen Entwicklungsschüben verbunden sind, müssen Ausgleichsmassnahmen gefunden werden. Jeder Staat wird sich Klarheit darüber verschaffen müssen, wie sich in seinem spezifischen Fall Chancen und Risiken der Globalisierung auswirken und wird dementsprechend seinen politischen Handlungs und Entscheidungsspielraum einrichten.

Die Entwicklungsländer als Gruppe haben im statistischen Durchschnitt von der zunehmenden Integration von Handel, Produktion und Kapital bislang kaum profitiert. Seit rund 30 Jahren pendelt ihr Anteil an den weltweiten Güterexporten um rund 30 %. Ganz anders die sogenannten Schwellenländer (newly industrialising countries), die ein weit überdurchschnittliches Exportwachstum realisierten; beispielsweise entfielen von dem knapp 30%igen Anteil der Entwicklungsländer am Weltexport (1998) rund ein Drittel auf nur sechs ost? und südostasiatische Staaten. Ähnlich verhält es sich mit den ausländischen Direktinvestitionen (1990: 25 Mrd. US $, 1998: 155 Mrd. US $), die zu rund 70 % auf nur zwölf Schwellen und Transformationsländer entfielen, und zwar China, Mexiko, Brasilien, Malaysia, Indonesien, Thailand, Argentinien, Indien, Russland, Türkei, Chile und Ungarn.

Zu den bisherigen Gewinnern im Globalisierungsprozess gehören vor allem die Schwellenländer in Asien und Lateinamerika, die ihre vormals durch Importsubstitution abgeschotteten Volkswirtschaften öffneten. Mit ihrer Strategie des export-led growth, d.h. eines Wachstums qua Produktion wettbewerbsfähiger Güter für den Weltmarkt zogen diese Staaten bedeutende Vorteile aus ihrer globalen Orientierung. Ihre Erfolge im Bereich des Exportwachstums, der Armutsbekämpfung, der Lebenserwartung, des Bildungs? und Gesundheitswesens und der Infrastrukturentwicklung, um nur einige wichtige Beispiele zu nennen, sind beeindruckend. Langsam bildet sich auch ein politisch selbstbewusster Mittelstand heraus, so dass die Globalisierungsgewinne nicht nur in den Händen einiger weniger verbleiben. Fortgeschrittene Schwellenländer erreichen inzwischen das Einkommensniveau von Industrieländern. Südkorea, mit dem die Entwicklungszusammenarbeit schon vor Jahren beendet werden konnte, ist ebenso wie Mexiko Mitglied im Club der OECD-Industrieländer.

Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass der teilweise ungezügelte Wachstumsprozess den meisten Schwellenländern schwere ökologische und soziale Folgekosten hinterlassen hat. Die Qualität von Luft, Wasser, Böden und Wäldern hat sich zum Teil dramatisch verschlechtert. Die Asiatische Entwicklungsbank weist darauf hin, dass von den 15 am meisten luftverschmutzten Grossstädten 13 in Asien liegen. Ähnliche Defizite traten auch in anderen Bereichen, die für die nachhaltige Entwicklung von zentraler Bedeutung sind, auf.

Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass vor allem diejenigen Staaten entwicklungspolitisch erfolgreich waren, die ihre Integration in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung vorantrieben. Dies macht gleichzeitig deutlich, wer von der Globalisierung kaum oder gar nicht profitieren konnte. Es sind diejenigen Staaten, die sich der weltwirtschaftlichen Integration verschlossen und eine Politik der Importsubstitution präferierten. Dies betrifft vor allem Länder in Afrika und Südasien. Bis auf wenige Ausnahmen sank deren Anteil am Welthandel; Investitionen und wirtschaftliches Wachstum fielen unterdurchschnittlich aus. Nicht selten kamen ethnisch bedingte Konflikte, Inkompetenz, Korruption, überzogener staatlicher Interventionismus und eine autoritäre Regierungsführung hinzu. Handelspolitische FördermaBnahmen der EU, wie z.B. das Lome?Abkommen oder auch bilaterale Massnahmen der Entwicklungszusammenarbeit, konnten die negativen Folgen einer Politik der weltwirtschaftlichen Abschottung nicht ausgleichen.

Die Hauptursache für die unterschiedliche Performance liegt in der Qualität der jeweiligen Politiken dieser Staaten begründet; hinzu kommt, dass deren Wirkungen durch die Globalisierung noch zusätzlich verstärkt werden. In dem Maß, in dem sich knappe Produktionsfaktoren global orientieren, belohnen sie Länder mit wachstumsfreundlichen Wirtschafts? und Finanzpolitiken durch umfassende Zuflüsse globaler Ressourcen. Bei schlechten Politiken bleiben diese Zuflüsse aus. Gute Politiken sind üblicherweise durch stabile politische und makroökonomische Rahmenbedingungen, offene Märkte und klug dosierte staatliche Ablaufpolitiken gekennzeichnet, wobei dem Gesundheits-, Bildungs- und Infrastrukturbereich hervorragende Bedeutung zukommt.

Die Risiken der Globalisierung (z.B. die Finanzkrise asiatischer Staaten 1998) dürfen natürlich nicht unterschätzt werden, und die Öffnung der eigenen Märkte kann nur Schritt für Schritt erfolgen, um die einheimischen Unternehmen an die internationale Konkurrenz zu gewöhnen. Insofern bleibt kluges staatliches Handeln unerlässlich, um die Auswirkungen der Globalisierungsprozesse zu gestalten und zu steuern. Viele der Entwicklungsländer haben sich im vollen Bewusstsein der mit ihr verbundenen Chancen und Risiken inzwischen auf die fortschreitende Globalisierung eingestellt. Nach der Zeitenwende 1989/90 haben die meisten von ihnen versucht, ihr Wirtschaftssystem marktwirtschaftlich zu organisieren und sich schrittweise in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung einzufädeln. Letztendlich wird es weitere Fortschritte im Globalisierungsprozess wohl nur dann geben, wenn dessen vermutete Ergebnisse und notwendigen Anpassungsleistungen eine hinreichend breite innenpolitische Akzeptanz in den betroffenen Staaten finden werden; sonst wird auch dieser Prozess rasch sein Ende finden. Das Verhältnis von Staat und Privatwirtschaft wird bekanntlich von Land zu Land unterschiedlich definiert; es gibt aber keine Alternative zum Staat als letztendlicher Instanz zur Formulierung und Durchsetzung des ordnungspolitischen Rahmens, innerhalb dessen der private Sektor seine wirtschaftliche Dynamik entfalten muss.

3 Kritische Anmerkungen von UNCTAD und Weltbank



Im Vergleich zu früheren Jahren bezieht die UNCTAD in ihrem Jahresbericht 19992 hinsichtlich der Auswirkungen der Globalisierung auf die Entwicklungsländer eine zunehmend kritische Position. Nachdem sie in den 90er Jahren die südostasiatischen "Tiger"-Länder als Vorbild gepriesen hatte, befürwortet sie nunmehr eine teilweise Abkehr von den liberalen Wirtschaftsprinzipien und eine Annäherung an interventionistische Massnahmen (Regulierung der Finanzmärkte, Kapitalverkehrskontrollen, Wechselkurse mit Bandbreiten). Ihre Hauptargumente sind: Die terrns of trade hätten sich für die Entwicklungsländer vor allem aufgrund sinkender Rohstoffpreise verschlechtert, und die Liberalisierung habe insgesamt zu einem Importboom mit daraus resultierenden Handelsbilanzdefiziten geführt. Ausländische Direktinvestitionen seien zum grossen Teil zu Aufkäufen oder Fusionen von Unternehmen verwendet worden und nicht zu Neninvestitionen auf der "grünen Wiese". Man könne den liberalisierten Märkten die globale ökonomische Integration nicht ausschliesslich überlassen, denn Wettbewerb - besonders zwischen Ungleichen - habe noch nie schnelleres Wachstum und Wohlergehen für alle gebracht. "Besserer Marktzugang und nicht heisses Geld" sei der Schlüssel für zusätzliches Wachstum; insofern sollten die Entwicklungsländer in der nächsten WTO-Runde auf den weiteren Abbau von Handelshemmnissen, vor allem bei Textilien, Schuhen, anderen Massengütern etc. bestehen und in anderen Gremien für einen massiven Schuldenabbau eintreten. Das Grundproblem bestehe in folgendem: Liberalisierung und Globalisierung hätten vor allem jenen Staaten und Unternehmen überproportionale Vorteile verschafft, die aufgrund ihrer überragenden Fähigkeiten in der Lage gewesen seien, die sich ihnen global bietenden Marktchancen unter voller Ausnutzung der modernen technologischen und informativen Möglichkeiten besser als andere in wirtschaftliche Erfolge zu überführen. Dies sei ein der individuellen Ebene durchaus vergleichbarer Vorgang, auf der hochgebildete Eliten bessere Voraussetzungen hätten, ihre Einkommen und ihr persönliches Wohlergehen zu mehren als der schlechter ausgebildete und weniger gut positionierte Rest der Bevölkerung.

Diese grundsätzlichen Einwendungen der UNCTAD sollten nicht zum Anlass genommen werden, die Globalisierung - der ohnehin nicht auszuweichen ist - pauschal abzulehnen, sondern sich um den Entwurf und die Umsetzung von Politiken zu bemühen, die den kritischen Positionen der UNCTAD Rechnung tragen, d.h. vor allem

  • die Festlegung politischer und makroökonomischer Rahmenbedingungen, die frühkapitalistische Auswüchse verhindern,

  • die Umsetzung von Politiken, die eine maßvolle nachträgliche Umverteilung des erzielten ökonomischen Gesamtergebnisses ermöglichen, um die soziale Kohärenz der Gesellschaft zu erhalten sowie

  • die Finanzierung umfassender Bildungsinvestitionen bei Offenhalten der Aufstiegskanäle innerhalb der Gesellschaft.


Neben der Position der UNCTAD sollten auch Uberlegungen der Weltbank beachtet werden, die im neuen World Development Report 1999/20003 entwickelt werden. Hier wird auf den

  • United Nations Conference on Trade and Development, Annual Report 1999, Genf 1999

  • World Bank, World Development Report 1999/2000 ? Entering the 21th Ccntury, Washington 1999
zur Globalisierung gegenläufigen Trend, die sogenannte localizution (Kommunalentwicklung) verwiesen. Beide Begriffe beschreiben das jeweilige Ende des Spektrums: Globalisierung - Regionalisierung - Kommunalentwicklung. Während Globalisierung die Welt zusammenzurücken scheint, eröffnet der Prozess der localizution den Provinzen, Städten, Gemeinden und Gebietskörperschaften neue Möglichkeiten, dem Wunsch nach grösserer Beteiligung und Selbstbestimmung Raum zu geben. Beispiele: Städte wie Shanghai, Singapur, Buenos Aires oder Barcelona sind inzwischen eigenständige Akteure auf der internationalen Bühne; amerikanische Bundesstaaten unterhielten 1980 erst zwei Wirtschaftsförderungsbüros im Ausland, heute sind es über vierzig. Wie die Globalisierung ist aber auch die Kommunalentwicklung gleichermassen mit Chancen und Risiken behaftet. Neben den Vorteilen einer grösseren Autonomie sind Fälle aufgetreten, in denen sich Gebietskörperschaften vollständig überschuldeten und die von ihnen erwarteten Leistungen nicht mehr erbringen konnten.

Die Weltbank präsentiert in ihrem Bericht eine Zwischenbilanz mit fünf grundsätzlichen Erkenntnissen:

  • Makroökonomische Stabilität ist die unerläßliche Voraussetzung für Wachstum und Entwicklung.

  • Da makroökonomisches Wachstum nur sehr langsam bis in die letzten Verästelungen des gesellschaftlichen Systems durchsickert, muss versucht werden, die Grundbedürfnisse (basic needs) vorab und direkt zu befriedigen.

  • Entwicklung beruht nicht ausschliesslich auf einer einzigen Politik; ein sehr viel umfassenderer Ansatz ist erforderlich.

  • Nachhaltige Entwicklung umfaßt auch die soziale und ökologische Dimension und muss flexibel genug sein, sich den verändernden Rahmenbedingungen anzupassen.

Auch in Zeiten von Globalisierung und localization darf nicht vergessen werden, dass das Individuum - seine Gesundheit und sein Wohlergehen, seine Bildung und seine Optionen - im Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses stehen muss.

4 Schlussfolgerungen für die Entwicklungspolitik



Vor dem geschilderten Hintergrund dürfte es einleuchten, dass die deutsche Entwicklungspolitik ihren Partnerländern anbietet, sie bei der Ausformulierung und Festigung des ordnungspolitischen Rahmens und der sich daran anschliessenden Ablaufpolitiken zu unterstützen. Für die bilaterale deutsche Entwicklungszusammenarbeit bedeutet dies im einzelnen:

Die zwingende Voraussetzung von Entwicklungszusammenarbeit ist ein klares entwicklungspolitisches Engagement (development commitment) der Regierung des Partnerlandes; dies muss sich in sinnvollen, stimmigen und verbindlichen Planungs und Haushaltsstrategien niederschlagen. Diese Strategien müssen von nationalem Konsens getragen, also zumindest von der Mehrheit der Bevölkerung aufgeschlossen toleriert werden, weil sonst keine Akzeptanz und Identifikation (ownership) entsteht und die Umsetzbarkeit der aus ihnen abgeleiteten Politiken, Programme und Projekte gefährdet ist. Diesen komplizierten Prozess kann die deutsche Seite aufgrund eigener Erfahrungen bei der Einführung der Sozialen Marktwirtschaft, beim Transformationsprozess in den neuen Bundesländern und auf der Basis ihres langjährigen Erfahrungsaustausches mit erfolgreichen Schwellenländern unterstützen. Deutschland steht mit seinem Angebot der Sozialen Marktwirtschaft allerdings nicht allein; im Verlauf der Diskussion zur Weltbankstudie "Asian Miracle" schälten sich idealtypisch ein japanisches, ein angelsächsisches und eben das deutsche Modell mit ihren jeweils unterschiedlichen Eigenarten heraus.

  • Unterstützung beim Entwurf und der Verankerung der makroökonomischen, sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen; von Fall zu Fall auch der entsprechenden Ablaufpolitiken.

  • Unterstützung bei der Durchführung unverzichtbarer Strukturreformen, denen im Entwicklungsprozess eine Schlüsselfunktion zukommt: Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft (Ernährungssicherung); Landreformen sind zudem die Voraussetzung für eine halbwegs ausgeglichene Einkommens? und Vermögensverteilung.

  • Unterstützung bei der Herstellung eines wachstumsfreundlichen Investitionsklimas, vor allem Offenheit gegenüber ausländischen Direktinvestitionen und Technologien sowie Orientierung der neu aufzubauenden Produktionslinien in Richtung Weltmarkt.

  • Unterstützung beim Auf- und Ausbau eines funktionierenden Banken- und Finanzsystems, einschliesslich der Bankenaufsicht.

  • Unterstützung beim Aufbau einer leistungsfähigen Verwaltung und Sicherung der Entwicklungsorientierung staatlichen Handelns (good governance).

  • Für die ärmsten Entwicklungsländer geht es vorrangig darum, die Risiken der Globalisierung abzuwenden, denn Chancen können sie zu Anfang nur in relativ engen Grenzen nutzen. Die Entwicklungszusammenarbeit mit ihnen wird sich deshalb im wesentlichen darauf richten müssen, sie in ihren Anstrengungen zu unterstützen, sich so zu organisieren, dass die Chancen der Globalisierung umfangreicher als bislang genutzt werden können. Hierzu gehören Massnahmen im Bereich der Konfliktprävention und Konfliktbearbeitung; die Beachtung der Menschenrechte und Rechtssicherheit; die Verankerung der Entwicklungsorientierung staatlichen Handelns; ein umfassendes Paket politischer Massnahmen zur Armutsbekämpfung; die Befriedigung der Grundbedürfnisse; die Einleitung von Strukturanpassungsmassnahmen sowie erste Schritte zur regionalen Kooperation; mittelfristig folgt dann die selektive Beteiligung am weltwirtschaftlichen Austausch mit dem Ziel, sich langfristig in die internationale Arbeitsteilung zu integrieren.


Im Bereich der multilateralen Entwicklungszusammenarbeit bieten sich der deutschen Politik zwei Ansatzpunkte an:

  • Verknüpfung der deutschen Beiträge mit der Umsetzung der Ziele der international beschlossenen Konventionen zur Umwelt (Rio de Janeiro 1992), zu den Menschenrechten (Wien 1993), zur Bevölkerungsentwicklung (Kairo 1994), zur Bekämpfung der Armut (Kopenhagen 1995) und zur Verbesserung der Situation der Frau (Peking 1995). Die im Juni 1999 auf dem Weltwirtschaftsgipfel (G 7) in Köln verabschiedete HIPC-Schuldeninitiative für die ärmsten Entwicklungsländer darf nicht weiter verschleppt werden.

  • Mitwirkung bei der Schaffung eines globalen Ordnungsrahmens (global governance); hier geht es vorerst um die Reform und Weiterentwicklung der WTO, des IWF, der Weltbank und der regionalen Entwicklungsbanken; als nächstes muss eine internationale Wettbewerbsordnung hinzukommen.


Sicherlich sind dies erste Elemente einer weltumspannenden Rechts- und Friedensordnung. Wenn man an den bewährten Prinzipien der Subsidiarität, Komplementarität und des Föderalismus festhalten will, werden aber die meisten Aufgaben bei den nationalen Einzelstaaten verbleiben. Dies wäre eine durchaus angemessene Antwort, denn auch im Zeitalter der Globalisierung spielt sich das Leben der Staatsbürger nach wie vor im nationalen, regionalen und vor allem im kommunalen Kontext ab.

5 Zusammenfassung



Die rasch fortschreitende Globalisierung erreicht sämtliche Staaten; kein Land kann ihr ausweichen.

Neben den OECD-Staaten haben bislang die Schwellenländer am meisten vom Globalisierungsprozess profitiert; dies hängt vor allem mit ihrer aktiven Integration in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung zusammen.

Diejenigen Entwicklungsländer, die sich der weltwirtschaftlichen Integration verschlossen und eine Politik der Importsubstitution vorzogen, haben aus der Globalisierung keinen oder nur sehr geringen Nutzen ziehen können.

Die Risiken der Globalisierung (z.B. die Finanzkrise asiatischer Staaten 1998) betreffen alle; sie sind erheblich und dürfen nicht unterschätzt werden. Insofern sind wohldurchdachte staatliche Politiken unerlässlich, die die Auswirkungen des Globalisierungsprozesses unter politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten zu gestalten versuchen.

Der grundsätzliche Einwand der UNCTAD, die Globalisierung bringe nur den höchstqualifizierten Staaten und Unternehmungen Vorteile, sollte nicht zum Anlass genommen werden, die Globalisierung pauschal abzulehnen, sondern sich um den Entwurf und die Umsetzung von Politiken zu bemühen, die den kritischen Positionen der UNCTAD Rechnung tragen.

Die deutsche Entwicklungspolitik sollte ihren Partnerländern anbieten, sie bei der Ausformulierung und Festigung des ordnungspolitischen Rahmens und der sich anschliessenden Ablaufpolitiken zu unterstützen; dies hilft den betreffenden Ländern, sich rascher in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung einzufädeln und grösseren Nutzen aus der Globalisierung zu ziehen.

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Die bislang sehr heterogene Gruppe der Globalisierungsgegner dürfte sich sortieren und differenzieren; d.h., die im Prinzip konstruktiven Nichtregierungsorganisationen werden sich von den blossen Konferenzstörern distanzieren. Nationalstaaten wie Internationale Organisationen haben aber die Aufgabe, die Asymmetrie im internationalen Handel abzubauen sowie Transparenz und Rechenschaftsbereitschaft zu erhöhen.

6 Weiterführende Literatur



Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Globalisierung - Chancen und Herausforderungen für die Entwicklungszusammenarbeit; Fachkolloquium in Windhagen Rederscheid, 10.11.02.1998 (Dokumentation der Ergebnisse)

Hemmer, Hans-Rimbert, et al.: Entwicklungsländer- Opfer oder Nutzniesser der Globalisierung, Sankt Augustin 2001

Nuscheler, Franz: Entwicklung und Frieden im Zeichen der Globalisierung, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2000

Schmidt, Helmut: Globalisierung -Politische, ökonomische und kulturelle Herausforderungen, Stuttgart 1998

Email des Autors:hans-helmut.taake@die-gdi.de

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