Veranstaltungen: Dokumentation

2.1.2013 | Von:
Andrzej Stach

Die polnische Kulturlobby in Deutschland und die polnische Kulturlobby in Polen. Ein Überblick

Der hier gebrauchte Begriff der deutschen bzw. polnischen "Kulturlobby" bezieht sich hauptsächlich auf eigenständig wirkende Personen aber auch Einrichtungen und Institutionen, deren Aktivitäten der gezielten Vermittlung von kulturellen und geistigen Inhalten - auch publizistisch-politischer Natur - in das jeweilige Nachbarland dienen. Mit ihrem Handeln tragen sie nämlich nicht nur mittelbar zum gegenseitigen Kulturaustausch bei. Ihrer Entscheidung über die Wahl der zu vermittelnden Werke, Ideen oder Anschauungen liegt oftmals eine beabsichtigte nachhaltige Beeinflussung von Rezipienten in Deutschland bzw. Polen zugrunde. Denn im Unterschied beispielsweise zu Verlagen oder Zeitungen aus dem Wirtschaftsbereich, die mitunter Bücher oder kulturelle Beiträge veröffentlichen und damit kein weiteres Ziel als die Verbesserung ihrer Bilanzen anstreben, bedeutet der kulturelle Lobbyismus ein zur Erreichung bestimmter geistiger Ziele konzipiertes und auf Nachhaltigkeit angelegtes Wirken. Dazu gehören u.a. ein besseres Verständnis der Kultur, Gesellschaft, Geschichte und Politik des jeweiligen Nachbarlandes sowie die gegenseitige Annäherung und Verständigung.

Die gegenseitige Beeinflussung im Kulturbereich während der langen deutsch-polnischen Nachbarschaft weist zweifellos einen größeren Beitrag Deutschlands im Vergleich zu Polen aus. Dies kann allerdings nicht weiter verwundern, wenn man sich schon allein die Richtung der Kulturströme in der neuzeitigen Geschichte Europas anschaut, die meistens zuerst Deutschland und erst später - zum Teil vermittelt durch Deutschland - auch Polen erreichten. Aber auch Deutschland profitierte beispielsweise mehr der italienischen Renaissance als Italien von der damaligen deutschen Kultur. Von Bedeutung war in dieser Hinsicht gleichfalls die größere wirtschaftliche Stärke Deutschlands im Vergleich zu Polen, was mit mehr Fördermitteln für den allgemeinen Kulturbetrieb zusammen hing.

Vor dem Hintergrund der dunkleren Kapitel der deutsch-polnischen Geschichte ist der Begriff der kulturellen Beeinflussung Polens durch Deutschland allerdings auch kritisch anzusehen. Denn was heute in Polen aus eigenem Antrieb stattfindet, wie z.B. das Erlernen der deutschen Sprache, versuchte man in den vergangenen Jahrhunderten auch zwangsweise zu erreichen. Beispielsweise gingen die Ende des 18. Jahrhunderts stattgefundenen Aufteilungen und Annexionen polnischer Gebiete durch die Nachbarn mit einer antipolnischen Politik einher. Ziemlich rigoros versuchte Preußen die Entfaltungsmöglichkeiten für die polnische Kultur einzuschränken und die deutsche Sprache und Kultur anstelle der polnischen zu etablieren. Auch dies wirkte sich negativ für die Stellung Polens als Partner Deutschlands im Kulturaustausch aus.

Trotz der Fremdherrschaft und des rigiden Okkupationsregimes verstanden es führende polnische Denker und Dichter schon damals, die Bedeutung der deutschen Kultur, allen voran der Literatur und Philosophie zu schätzen und sahen in ihnen gar ein nachzuahmendes Beispiel für die polnische Dichtung und Philosophie. Dies bewiesen sie in ihren eigenen poetischen Werken oder literaturtheoretischen bzw. philosophischen Schriften. Auf dem deutschen Boden fanden in der betreffenden Periode dagegen vor allem politische Ereignisse im besetzen Polen Anklang, wie z.B. der immer wieder aufflammende Kampf um die Befreiung des Landes, von dem namhafte deutsche Dichter in ihren "Polenliedern" schwärmten und ihn als Beispiel für deutsche Patrioten bzw. Revolutionäre priesen. Nichtsdestoweniger wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert aber auch diverse Werke polnischer Schriftsteller ins Deutsche übersetzt, wie z.B. Gedichte von Adam Mickiewicz oder Romane von Jozef Ignacy Kraszewski.

Die nur zwei Jahrzehnte lang währende Souveränität Polens nach seiner staatlichen Wiedergeburt im Jahre 1918 brachte weitere Beispiele eines unvoreingenommenen Kulturaustausches zwischen Deutschland und Polen. Polnische und deutsche Literaturübersetzer sowie Slawisten bzw. Germanisten und Literaturkritiker leisteten einen großen Beitrag zur Etablierung der wichtigsten polnisch- bzw. deutschsprachigen Werke in dem jeweiligen Nachbarland. Mit der Machtergreifung durch die Nazis verschlechterten sich die gegenseitigen Beziehungen und beeinflussten negativ auch den deutsch-polnischen Kulturaustausch. Die für politische Zwecke auf beiden Seiten reaktivierten alten Feindbilder, Ressentiments und Klischees drängten die meisten Propagatoren von Kultur des jeweiligen Nachbarlandes in den Hintergrund oder ließen sie ganz verstummen. Nach dem Überfall Nazideutschlands auf Polen 1939 und während der fast sechsjährigen Okkupation des Landes gingen die Nazis noch rigoroser gegen alles Polnische vor. Zigtausende polnische Wissenschaftler, Intellektuelle, Publizisten und Schriftsteller wurden ermordet und man versuchte, aus den Polen ein ungebildetes Volk ohne eigene Kultur zu schaffen.

Eine besondere Zäsur im deutsch-polnischen Kulturaustausch und der kulturellen Lobbyarbeit bildete die Zeit der Koexistenz der Bundesrepublik Deutschland und der DDR einerseits und der Volksrepublik Polen andererseits. Aus ideologischen Gründen versuchten beispielsweise die ostdeutschen Machthaber ausschließlich systemkonforme Werke von Künstlern des sozialistischen "Bruderlandes" zu propagieren. Da es in der DDR keine privaten Verlage, Theaterbühnen oder wirklich frei schaffende Übersetzer gab, bekamen es die Leser oder Theaterbesucher in Ostdeutschland nur selten mit den besten polnischen Werken zu tun. Das meist gespielte Theaterstück aus der Volksrepublik Polen waren beispielsweise "Die Sonnenbruchs" von Leon Kruczkowski, ein Drama über eine vom Autor als Beispiel für alle Deutschen dargestellte deutsche Familie in der Nazizeit. Ähnlich ging es im Musikbereich zu. Während polnische Jazzmusiker sehr oft in Westdeutschland gastierten, traten auf den ostdeutschen Bühnen weniger anspruchsvolle Künstler auf, zumal die Jazzmusik von den DDR-Machthabern als politisch suspekt angesehen wurde.

Indessen beschäftigten sich Kulturtheoretiker, Literaturübersetzer und Polonisten bzw. Slawisten an Hochschulen und Universitäten in Westdeutschland mit der polnischen Kultur und Literatur in ihrer Ganzheit und popularisierten die wertvollsten Werke unabhängig von der politischen Orientierung ihrer Schöpfer. Beispielsweise wurden in Westdeutschland Bücher von namhaften polnischen Exilschriftstellern wie Witold Gombrowicz, Marek Hlasko aber auch Romane des Warschauer Schriftstellers Andrzej Szczypiorski ins Deutsche übersetzt und herausgegeben. Gleiches galt für die Gedichte von Czeslaw Milosz aber auch die des in Breslau lebenden Dichters Tadeusz Rozewicz. Auf den Theaterbühnen erfreuten sich vor allem die Werke von Slawomir Mrozek und Witold Gombrowicz einer großen Popularität. Westdeutsche Philosophie- und Politikinteressierte bekamen außerdem philosophische Schriften von Leszek Kolakowski oder politische Bücher und publizistische Aufsätze Adam Michnik bzw. Wladyslaw Bartoszewski zu lesen.

Eine besondere Rolle bei der Verbreitung der polnischen Literatur in Westdeutschland spielten neben universitären Einrichtungen auch diverse private Stiftungen und Institute, allen voran das Deutsche Poleninstitut in Darmstadt. Dessen Mitbegründer und langjähriger Leiter Karl Dedecius war zugleich der bedeutendste deutsche Übersetzer der polnischen Literatur im 20. Jahrhundert. Eine auf ein breiteres Publikum hin orientierte Vermittlung der polnischen Kultur betrieben nach 1945 zuerst in West- und nach 1989 in wieder vereinigtem Deutschland verschiedene deutsch-polnische Initiativen und Organisationen. Den größten Beitrag in diesem Bereich leisteten die im Bundesverband organisierten regionalen Deutsch-Polnischen Gesellschaften, deren Aktivitäten von okkasionellen Kulturfesten bis zu anspruchsvolleren Autorenabenden, Ausstellungen bzw. Aufführungen und Konzerten reichen.

Auf die Arbeit der deutschen Kulturlobby in Polen wirkte sich die Koexistenz der Bundesrepublik Deutschland und der DDR zweierlei aus. Abgesehen von der Zeit der Stalinära, in der eine rigorose Zensur herrschte, wurden in der Volksrepublik Polen vor allen ab den 70er Jahren fast alle bedeutenden Kulturwerke aus den beiden deutschen Staaten wahrgenommen. Polnische Literaturübersetzer übertrugen ins Polnische sowohl Bücher von DDR-Schriftstellern wie Anna Seghers und Hermann Kant, Gedichte von Volker Braun und Theaterstücke von Ullrich Plenzdorf als auch westdeutsche Romane von Martin Walser und Heinrich Böll, Theaterstücke von Rolf Hochhuth sowie Gedichte namhafter westdeutscher Autoren. Dazu kamen deutschsprachige Werke österreichischer oder schweizerischer Verfasser. Zwar unterlagen sowohl die Literaturübersetzer als auch die Verlage in Polen weiterhin der staatlichen Zensur bzw. Aufsicht. Nichtsdestotrotz nutzten sie maximal die vorhandenen Freiräume und versuchten, wo es nur möglich war, die staatlichen Auflagen zu umgehen. Ähnlich entwickelte es sich im Film- und Musikbereich. Auch dadurch hatten die polnischen Kulturkonsumenten mehr Einblick in die deutschsprachige Kultur im Westen als die Ostdeutschen in der DDR, die nicht einmal die Werke von Franz Kafka lesen durften. Die fielen der SED-Zensur zum Opfer.


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