Veranstaltungen: Dokumentation

2.1.2013 | Von:
Marta Kopij-Weiß

Der Einfluss der deutschen Literatur der klassisch-romantischen Wende auf die polnische Literatur der Romantik

Einführung

Die deutsche Literatur der klassisch-romantischen Periode war für die Entstehung und Gestaltung der polnischen Romantik ein äußerst wichtiges Medium und Orientierungsmuster. In der interkulturellen Vermittlung fiel ihr die Rolle der Ausgangskultur und des Auslösers der gesamteuropäischen Bewegung zu. Die polnische Romantik, die sich infolge der romantischen Kulturtransferprozesse herausbildete, war an jener Kulturvermittlung vorwiegend als empfangende Kultur beteiligt. Obwohl sie die nehmende Kultur war, war sie auf keinen Fall ein passiver Empfänger oder gar Kopierer. Die polnischen Romantiker wussten die aus dem Westen gehenden Impulse auf die eigenen Konzepte zu übertragen und die aufgenommenen Ideen kreativ zu verarbeiten und umzusetzen. Der Umgang mit der deutschsprachigen Kultur war also schöpferisch, aufmerksam und dabei gezielt und selektiv. Außerdem war die nehmende, polnische Kultur diejenige Seite im Kulturtransfer, die ihn durch das permanente Interesse an dem deutschsprachigen Gedankengut aktivierte. Die deutsche Kultur war dagegen eine wichtige Inspirationskraft und die Vorbildkultur, aber nicht die Triebkraft der kulturellen Kommunikation. Die polnische Aufnahmekultur war also in den deutsch-polnischen Kulturbeziehungen diejenige Seite, die die "interne Dynamik der Rezeptionsvorgänge zwischen den Kulturräumen" steuerte. [1]

Zu den wichtigsten polnischen Rezipienten der deutschen Literatur der klassisch-romantischen Wende gehörten: Maurycy Mochnacki, Kazimierz Brodziński, Antoni Edward Odyniec, Adam Mickiewicz und seine Freunde aus dem Philomathen-Kreis, darunter Franciszek Malewski. Für diese Autoren, die für die damalige Rezeption repräsentativ waren, waren in erster Linie Johann Gottfried Herder, Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe und der Frühromantiker August Wilhelm Schlegel von großer Bedeutung. In etwas weiterem Abstand kamen die Frühromantiker Friedrich Schlegel, Friedrich Schelling, Novalis und Ludwig Tieck vor.

Wie wir sehen, waren für die polnischen Romantiker sowohl romantische als auch nicht-romantische Autoren gleich wichtig. Also haben wir es hier mit einer simultanen Aufnahme von unterschiedlichen Strömungen der deutschen Literatur und Philosophie der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts zu tun. Es handelt sich um die Sturm- und Drang-Periode, die Aufklärung, die Weimarer Klassik und die Frühromantik. Dies resultierte aus der damaligen Offenheit für mehrere europäische Trends, der Konfrontation mit zahlreichen Informationsquellen und aus einem allgemeinen Nachholsbedarf.

Die polnischen Autoren griffen hauptsächlich auf die romantischen und klassischen Literaturkonzepte des deutschen Kulturraumes zurück, in denen sie entweder nach Anregungen für das eigene Schaffen suchten oder dank der gefundenen gemeinsamen gedanklich-weltanschaulichen Metaebene die polnische Literatur in die Gestaltung der modernen Kulturlandschaft miteinbezogen. Sie sahen nämlich ein, dass sich die französische Sprache und das französische Kulturmodell erschöpft haben und nicht mehr "in" waren.

Das Zeitgemäße bezog sich nun auf den deutschsprachigen Bereich. Hier erschienen nicht nur beachtenswerte Werke, sondern kristallisierten sich auch das moderne komparatistische Bewusstsein, das interkulturelle Interesse und die internationale Aktivität heraus. In diesem Sinne schrieb Mochnacki in seiner Programmschrift O duchu i źródłach poezji w Polszcze [Über Geist und Quellen der Poesie in Polen] folgendes:

"Vom Beispiel der Deutschen sollen wir lernen, dass die Erschütterungen in der literarischen Welt keineswegs schädlich sind. Seit der Zeit nämlich, in der die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts unvergessliche Sache der deutschen Poesie und Literatur vor das Gericht der Kritik und Philosophie ging, als man sich in Deutschland überzeugte, dass die Sklavennachahmung bloß eine gebrechliche Arbeit ist, die eine absolute Untätigkeit des Geistes bedeutet und nach der Verdüsterung dessen inneren Tätigkeit strebt; seit dieser Zeit begann der Ernst in Deutschland nachzulassen, und zwar zu Gunsten des schöpferischen Geistes und seiner Tätigkeiten aller Art." [2]

Oder:

"Falls wir über keine Anlagen zur Originalität verfügen, dann sollen wir lieber die hohe romantische Poesie der Deutschen nachahmen und französische Vorbilder entschieden ablehnen." [3]

Maurycy Mochnacki gilt als einer der Gründer der polnischen Romantik. 1803 oder 1804 in Lemberg geboren hatte er einen deutschen Lehrer Hahn, [4] der Mochnackis Interesse für die deutschsprachige Literatur und Philosophie geweckt hatte. Somit war Mochnacki seit früher Jugendzeit mit der deutschen Sprache und Literatur gut vertraut und konnte Deutsch ausgezeichnet. In seinem Falle ist noch die biographische Verbindung zu Lemberg nicht zu unterschätzen. Die Hauptstadt Galiziens wurde nämlich unter Leitung von Wojciech Bogusławski zu einem wichtigen Theaterzentrum, in dem das deutsche Theater eine langjährige Tradition hatte und die deutsche Kulturorientierung überwog. Mochnacki war ein scharfsinniger und tiefgründiger Beobachter der zeitgenössischen Tendenzen in der europäischen Kultur und sah deutlich die Rückständigkeit der polnischen Geistestradition. Mochnacki wie auch anderen polnischen Intellektuellen wurde immer bewusster, dass der Weg zum damaligen Kanon der europäischen Literatur über die deutsche Sprache und Literatur führt. Bereits 1822 (das offizielle Anfangsdatum der polnischen Romantik) schrieb Adam Mickiewicz in einem Brief an Franciszek Malewski, dass "das Deutsche und Romantische wahnsinnig hoch im Kurs stehen und der bisherige Parnas wegen der Verderbung des Geschmacks schreit". [5]

Adam Mickiewicz gehört zu wichtigen Adepten bzw. Anhängern des deutschen poetologischen Diskurses. Er selbst bezeichnete die erste Phase seines Schaffens als "Germanomanie". Diese Phase umfasste die Jahre 1819-1822. Im Grunde genommen war er von der Bildung her französisch "eingestimmt" und als Student der Universität in Wilna beschäftigte er sich mit klassischen und französisch-klassizistischen Werken, die übrigens einzig zur Verfügung standen. Aber im Rahmen seiner Selbstbildung wandte sich Mickiewicz der deutschen Sprache und Literatur zu und vertiefte sein Wissen auf eigene Faust. Wichtige Vermittlungsinstanzen waren auf diesem Wege seine Lehrer: Leon Borowski und insbesondere Ernst Gottfried Groddeck. Darüber hinaus konnte Mickiewicz dank der Deutschsprachkenntnisse, ohne französische Vermittlung die moderne Literatur lesen. Es ist bekannt, dass Mickiewicz sich seit 1819 die deutsche Sprache anzueignen begann. Im Oktober 1819 wurde er von seinem Freund, Franciszek Malewski, auf die absolute Notwendigkeit der Kenntnisse der deutschen Sprache aufmerksam gemacht. Malewski schrieb:

"Inzwischen möchte ich dich noch fragen, hast du denn irgendein Buch, ein Wörterbuch der deutschen Sprache; du sollst dich jetzt mit Deutsch beschäftigen, sei denn sogar auf Kosten des Griechischen oder Französischen. Das ist nun die richtige Zeit, und alle englischen Werke könntest du dann in den genauen Übersetzungen lesen; außerdem wird die hier geleistete Arbeit den Weg zum Englischen anbahnen."[6]
Und so berichtete Mickiewicz in einem Brief an Jan Czeczot vom Dezember 1819 über seine Fortschritte:
"Seit meiner Ankunft habe ich in der deutschen Sprache Fortschritte gemacht und mit Hilfe eines (fatalen) Wörterbuchs lese ich ziemlich flott (…) Mache auch Du Dich soviel wie nur möglich ans Deutsche; die sicherste Methode: lesen und das Wörterbuch quälen".[7]

Franciszek Malewski spielte eine sehr wichtige Rolle bei der Vermittlung der deutschen Literatur im Philomathenkreis. 1822-1823 studierte er Jura an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Er kannte sehr gut Deutsch, war ausgezeichnet bewandert in der deutschen Literatur, wusste gut Bescheid über die neuesten Tendenzen und Bewegungen dort, sei es künstlerische, literarische oder politische, pflegte auch Beziehungen zu Berlin. Er war nicht nur der eigentliche Initiator der systematischen Beschäftigung mit der deutschen Sprache und Literatur, sondern machte auch einen Deutschkurs für andere Mitglieder der Gesellschaft der Philomathen.

Fußnoten

1.
Thomas Höpel, Deutschlandbilder – Frankreichbilder 1700–1850. Einleitung, in: ders. (Hg.), Deutschlandbilder – Frankreichbilder 1700–1850. Rezeption und Abgrenzung zweier Kulturen, Leipzig 2001, S. 16.
2.
Maurycy Mochnacki, Rozprawy literackie, hrsg. von Mirosław Strzyżewski, Wrocław 2004, S.
3.
Ebenda, S. 59.
4.
Angaben nach: Hildegard Schroeder, Studien über Maurycy Mochnacki, mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Einflusses, Berlin 1953, S. 2.
5.
Adam Mickiewicz, Listy. Część I. Od roku 1817 do roku 1831, in: ders., Dzieła. Wydanie Narodowe, bearb. von Stanisław Pigoń, Bd. 14, Teil 1, Warszawa 1953, S. 167.
6.
Korespondencja filomatów, Wybór, hrsg. von Zbigniew Sudolski, Wrocław – Warszawa – Kraków 1999, S. 38 [Franciszek Malewski an Adam Mickiewicz, Oktober 1819].
7.
Adam Mickiewicz, Listy, S. 59. Die deutsche Übersetzung der zitierten Stelle nach: Witold Kośny, Adam Mickiewicz und Gottfried August Bürger, S. 70.

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