Veranstaltungen: Dokumentation

2.1.2013 | Von:
Hans-Christian Trepte

"west-ost-west-passagen" – Migration und Kulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert. Das Beispiel Polen – Sachsen

"westostpassagen" nennt sich eine Reihe, die beim Olms Verlag, Hildesheim – Zürich – New York von den (West)Slawisten Danuta Rytel-Schwarz, Wolfgang Schwarz, Hans-Christian Trepte (Leipzig) und Alicja Nagórko (Berlin) herausgegeben wird. Ihre Zielstellung ist Durchgänge zwischen den kulturellen Kontexten Ostmittel-, West- und Osteuropas aus wechselnden Perspektiven zu erkunden. Dabei liegt der Schwerpunkt u.a. auf der interkulturellen Perspektive, auf grenzüberschreitender Literatur und transkultureller Lektüre. Der Kulturtransfer erfolgt nicht nur in eine Richtung, aus diesem Grund auch der gewählte Titel "west-ost-west-passagen", der sich auf die besonderen Beziehungen und den spezifischen Kulturtransfer zwischen Sachsen und Polen sowie Polen und Sachsen bezieht. Das gewählte Beispiel eignet sich besonders gut, da wichtige Vermittlungen in beide Richtungen verfolgt werden können, die weit über die eigentliche Zeit der Sächsisch-Polnischen Union hinausreichen. Dabei sind es gerade die weit über den staatlichen Rahmen hinausgehenden "Langzeitwirkungen", die von besonderer Bedeutung sind.

Eine wichtige Voraussetzung für die Erforschung der sächsisch-polnischen Beziehungen war die Voraussetzung einseitige, dezidiert negative Bewertungen und Urteile auf deutscher wie auf polnischer Seite einer Revision zu unterziehen. Eine Neubewertung der besonderen Beziehung gerade auf dem Gebiet der Kultur, wurde in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von namhaften Historikern in Polen und in der DDR begonnen. Dabei konnten sie sich u.a. auf die Aussagen eines wichtigen polnischen Zeitzeugen stützen. Der Historiker Jędrzej Kitowicz (1728-1804) berichtete in seinen Büchern "Memoiren oder die Geschichte Polens 1743-1795" (Pamiętniki czyli Historia Polski 1743-1795) und "Beschreibung der Sitten zur Herrschaftszeit von August III." (Opis obyczajów za opanowania Augusta III.) wohlwollend über die Union und die Kultur, das Alltagsleben, die Sitten und Bräuche jener Zeit. Lobend hob er die ehrgeizigen Versuche des sächsischen Königs hervor, die auf eine grundlegende Reformierung der Polnisch-litauische Adelsrepublik abzielten. Die Historiker Józef Andrzej Gierowski (Krakau), Jacek Staszewski (Thorn), Karl Czok (Leipzig) und Johannes Kalisch (Rostock) hatten bereits vor dem 300. Jubiläum der Besteigung des polnischen Thrones durch August den Starken begonnen, die polnisch-sächsische Epoche einer umfassenden Revision zu unterziehen, in dem 1962 veröffentlichten Sammelband "Um die polnische Krone" gelangten sie zu erstaunlichen Neubewertungen.

In diesem Zusammenhang gewann auch die nach dem Erwerb der reichsexternen Königswürde 1697 verfasste Denkschrift des sächsischen Kurfürst Friedrich August I an Bedeutung, war doch "Umb Pohlen in Flohr und in Ansehung gegen seine Nachtbaren zu setzen", so ihre offizielle Bezeichnung, eine Regierungserklärung, die eine "glückliche" Konföderation von Weichsel und Elbe, "Confoederatio(n) Vistulae et Albis" anstrebte. Im Lichte neuer Forschungsergebnisse, die 1997 auf zwei wissenschaftlichen Konferenzen in Warschau, "Pod jedną koroną" (Unter einer Krone) und in Dresden, "Sachsen und Polen zwischen 1697 und 1763", vorgestellt wurden, begann die Herrschaftszeit der Wettiner auf dem polnischen Thron zunehmend ihr negativ geprägtes Bild zu verlieren. Von nun an wurden nicht mehr allein Geschichte und Politik, sondern auch Kunst und Kultur in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Das demonstrierte auf besonders eindrucksvolle Weise die polnisch-sächsische Gemeinschaftsausstellung "Unter einer Krone – Kultur und Kunst während der sächsisch-polnischen Union 1697-1763". Dabei handelt es sich um jene Krone, die seit dem Wiederaufbau erneut das Eingangsthor des Dresdner Zwingers ziert.

Die Polnisch-Sächsische Personalunion, die nach Plänen der Wettiner in eine Realunion umgewandelt werden sollte, verband Sachsen und Polen zwar nur 66 Jahre, sie war allerdings in ihrer Wirkung, vor allem auf dem Gebiet von Kultur und Kunst, von nachhaltiger Bedeutung. Es war eine für beide Seiten durchaus fruchtbare Zeit. In jener Zeit waren Deutsch und Polnisch die beiden Sprachen des "öffentlichen Lebens", Französisch die Sprache des Hofes und der Diplomatie. Seit 1719 wurden Schüler aus Polen in die Dresdner Ritterakademie aufgenommen, Eheschließungen zwischen Polen und Sachsen wurden vom Königshof gefördert. Die besonderen polnisch-sächsischen Beziehungen reichen historisch weit zurück. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Vermählung des sächsischen Herzogs, Georg dem Bärtigen, mit Barbara, der Tochter des polnischen Königs Kazimierz Jagiełło (Jagello) IV. Die Hochzeit wurde 1496 überaus prunkvoll in Leipzig gefeiert. Nach seinem Ableben wurde das Ehepaar in einer eigens für sie erbauten Begräbniskapelle im Dom zu Meißen bestattet.

Die Herrschaft der Wettiner auf dem polnischen Thron brachte der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik eine relativ lange Friedensperiode, die Modernisierung des Staatswesens und der Infrastruktur; das Großfürstentum Litauen erhielt ebenso wie das polnische Kronland seine administrative Selbständigkeit. Zwischen Polen und Sachsen entwickelten sich vielfältige Kultur- und Handelsbeziehungen, Kunst, Kultur und Musik erlebten eine bis dahin nicht gekannte Blüte. Ohne die polnische Krone, so die Meinung von Historikern, hätte Sachsen keine bedeutende Rolle im Machtgefüge des Deutschen Reich spielen können, hätte die Barockkultur in ihrer sächsischen wie polnisch-sarmatischen Ausprägung nicht ein solch bis heute beeindruckendes Niveau erreichen können. Auch die Leipziger Messe hätte ihre internationale Bedeutung nicht ohne die Öffnung der Handelsweg ins östliche wie südöstliche Europa erreichen können. Der Aufstieg Dresdens und Warschaus zu Kunst- und Kulturmetropolen von europäischem Rang wäre ohne die Union so nicht möglich gewesen. Polnische und deutsche Wissenschaftler verweisen auch auf die "europäische Dimension" der Polnisch-Sächsischen Union, auf die nicht mehr verwirklichte Chance, diese in eine "europäische Union" (Jacek Staszewski) zu verwandeln, waren doch die heutigen Staaten Polen, Litauen, Weißrussland (Belarus), die Ukraine und das deutsche Bundesland Sachsen in einem gemeinsamen Staatswesen vereint. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte eine solche "organische Union" die weitere Entwicklung Ostmitteleuropas positiv beeinflussen können, die Vorherrschaft der Teilungsmächte Polens zurückgedrängt und Sachsen innerhalb Deutschlands dem nach Einfluss und Macht strebenden Preußen gegenüber eine bedeutendere Stellung verschafft. Doch es sind eher spektakuläre Überlegungen, die oft Wunschdenken artikulieren. Anlässlich der Ausstellungseröffnung "Polens Erbe – Eine Republik vieler Kulturen", die im Februar 2009 in Wien stattfand, würdigte allerdings der britische Historiker Norman Davies die "Polnisch-Litauisch-Sächsische Union" als ein Vorbild für den "kulturellen Integrationsprozesses in Europa", als ein "Modell für eine fruchtbare Zusammenarbeit in der Europäischen Union".

Architektur

Am deutlichsten zeigten sich die intensiven Kontakte zwischen Sachsen und Polen in der Architektur. Die von Italien (Florenz) kommende Barockarchitektur kam zunächst nach Dresden und verbreitete sich rasch über das gesamte Gebiet der Adelsrepublik. Hier erhielt sie ihre eigene nationale Ausprägung. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg prägt die Barockarchitektur erneut die berühmten Stadtgesichter von Dresden und Warschau. Als in Folge des Siebenjährigen Krieges der sächsische Hof dauerhaft von Dresden nach Warschau verlegt wurde, gewann Warschau den Ruf einer europäischen Kulturhauptstadt, in die renommierte Architekten, Künstler, Musiker, Maler und Theatertruppen aus Süd- und Westeuropa reisten. Um den Wiederaufbau des Landes, vor allem aber der polnischen Hauptstadt, nach den Verwüstungen in den Schwedenkriegen zu koordinieren, gründete August II. im Jahre 1715 das königlich sächsische Bauamt zu Warschau. Aus zahlreichen Ländern Europas wurden Architekten nach Dresden und Warschau gerufen. Zu ihnen zählten u.a. Daniel Pöppelmann, Joachim Daniel Jauch, Zacharias Longuelune und Gaetano Chiaveri. Zu einem Projekt von europäischer Bedeutung wurde die 1715 in Angriff genommene Warschauer Prachtstraße, Sächsische Achse genannt (Oś Saska), die von der Krakauer Vorstadt (Krakowskie Przedmieście) bis zum Stadtteil Wola reichte. Sie bestimmte die städtebauliche Entwicklung der polnischen Hauptstadt entscheidend mit. Zu den ersten modernen städtebaulichen Projekten in Warschau gehörte der Umbau des Warschauer Königsschlosses mit seiner prachtvollen Schauseite zur Weichsel. Die ehrgeizigen Pläne wurden vom Erbauer des Dresdner Zwingers, Matthäus Daniel Pöppelmann, ausgearbeitet, das Konzept stammte allerdings vom sächsisch-polnischen König. Es entstanden weitere prachtvolle Gebäude wie das Blaue Palais (Błękitny Pałac), für Augusts uneheliche Tochter Anna Orzelska errichtet, die Prachtstraße Aleje Ujazdowskie und der Kalvarienweg mit 27 Kapellen. Der avisierte Umbau von Schloss Ujazdów konnte allerdings nicht mehr realisiert werden. Auch August III. war ein Architektur, Kunst- und Theaterliebhaber. Für ihn arbeitete u.a. der Sohn von Matthäus Pöppelmann, Carl Friedrich, der sich in erster Linie an der französischen Architektur orientierte und die neuen Flügel und Höfe des Sächsischen Palais wie auch der umliegenden Gebäude: Orangerie, Opernhaus, Amphitheater und Schützenhaus, nach dem Vorbild von Versailles entwarf. Letztendlich konnte sich auch der Stil und Geist des Rokoko in Polen verbreiten. Zugleich wurde am Warschauer Königsschloss ein neuer Flügel, der de facto eine eigene Residenz darstellte, angebaut (1737-1746), dessen erster Entwurf von Gaetano Chiaveri, dem Erbauer der Dresdner Hofkirche (der heutigen Kathedrale), deutlich in der Tradition des italienischen Barocks stand und von Pöppelmann junior bzw. Zacharias Longuelune im Stil des Rokoko verändert wurde. Minister Graf Heinrich Brühl ließ sich in Warschau, in der Nähe des Sächsischen Palais, eine beeindruckende Residenz (1756-1759) erbauen, das Brühlsche Palais, das im Dezember 1944 von der Deutschen Wehrmacht gesprengt wurde.

Musik

Am Rande des "Sächsischen Gartens" ließ August III. ein der Warschauer Öffentlichkeit zugängliches Königlich-Polnisches Opernhaus anstelle des unter August dem Starken von Carl Friedrich Pöppelmann erbauten Königlichen Hoftheaters errichten. In der "Operalnia" traten die bekanntesten Künstler jener Zeit auf. 1765 wurde das Gebäude vom neuen polnischen König Stanisław August Poniatowski (1764-1795) in das erste Polnische Nationaltheater umgewidmet. Zumeist wurden das Repertoire zwischen Dresden und Warschau abgestimmt, die Auftritte berühmter Musiker, Sänger und Schauspieler, die vornehmlich aus Italien und Frankreich kamen, koordiniert. Bis heute sind sich die Warschauer und die Dresdner Musikwelt dieser Tradition bewusst. So fand in Dresden am 23. September 2012 eine öffentliche Führung statt: "Auf polnischen Spuren in der Semperoper. Künstler aus Polen in Dresden", während der an große Künstler erinnert wurde. Zu den polnischen Weltstars, die in beiden Häusern auftraten, gehörte z.B. die Koloratursopranistin Marcelina Sembrich-Kochańska, die von Polen nach Dresden und schließlich nach New York ging. Zu den großen Künstlern gehört aber auch der polnische Paganini, Karol Lipiński, der tatsächlich mit den legendären Paganini aufgetreten war und unter Richard Wagner für mehr als 20 Jahre zum ersten Geiger der Dresdner Oper avancierte.

Theater und Musik spielten in den sächsisch-deutsch-polnischen Beziehungen wie generell im gesamteuropäischen Kontext eine wichtige Rolle. So schrieb Johann Sebastian Bach seine berühmte h-Moll-Messe für König August III. Anders als Johann Adolph Hasse, der ein wichtiges Bindeglied zwischen Italien, Sachsen und Polen darstellte, war Bach allerdings nicht mit dem polnischen Hof verbunden. Einige Werke von Hasse wurden in Polen uraufgeführt wie z.B. "Il sogna di Scipione" oder "Zenobia". Andererseits nahmen zahlreiche europäische Musiker die "Polonaise" in ihre Werke auf, die auch als solche so bezeichnet wurde oder aber sich im typischen Rhythmus zeigten wie beispielsweise in Bachs "Brandenburgischem Konzert" (hier als "Polacca"), in der 2. Suite h-Moll und in der 6. Französischen Suite E-Dur (hier "Polonaise" genannt). Auch Georg Philipp Telemanns, der u.a. in Sohrau/Żary eine polnisch-deutsche-böhmische Kapelle leitete, liebte polnische Musik. Das zeigt u.a. eine erhalten gebliebene Sammlung von 31 polnischen Tänzen sowie ein Kommentar, der sich auf die "barbarische Schönheit" des Spiels der polnischen Dudelsackpfeifer und Geiger bezieht. Telemann stellte das Niveau des polnischen Musikstils auf eine Stufe mit dem italienischen, französischen und deutschen. Die Polonaise-Mode hielt übrigens mehrere Jahrhunderte an, sie ist in der Musik von Amadeus Mozart, Franz Schubert, Carl Maria von Weber, Ludwig Beethoven, Richard Wagner und Petr Tschaikowski zu finden. Auch die am 29. Mai 1901 in der Dresdner Oper uraufgeführte Oper von Ignacy Jan Paderewski, "Manru", gehört zum verpflichtenden musikalischen Erbe.

Bildende Kunst

Neben der Architektur kommt der Figuralplastik, von sächsischen und polnischen Künstlern zumeist französischer Herkunft geschaffen, eine besondere Bedeutung zu. So gestaltete Jean-Joseph Vinache den Sächsischen Garten um und schuf zahlreiche Grabmale, u.a. für die adligen Familien Radziwiłł, Jabłonowski und Bieliński. Erwähnung finden sollte auch die Maler François und Pierre Coudray, der aus Italien über Wien kommende Meister aus Vincenza, die alle in Polen Meisterwerke von europäischem Rangs schufen. Einen wichtigen Beitrag zur Kunst in Polen leistete der aus Deutschland kommende, an die Prager Bildhauerkunst anknüpfende Johann Georg Plersch, der als der beste Warschauer Bildhauer des 18. Jahrhunderts gilt. Er schuf u.a. allein für das Warschauer Königsschloss 20 Steinskulpturen. Vergleichsweise wenig erforscht ist die Malerei, vertreten durch sächsische, französische, vor allem aber italienische Maler. Während des Siebenjährigen Krieges war der römische Maler Marcello Bacchiarelli über Dresden nach Warschau gekommen, wo er bis zu seinem Tode lebte. Nach dem Ende der Sächsisch-polnischen Union stand er im Dienst von König Stanisław August Poniatowski.


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