Veranstaltungen: Dokumentation

2.1.2013 | Von:
Krzysztof Zarski

Der II. Weltkrieg und sein Einfluß auf den deutsch-polnischen Kulturdialog im 20. Jahrhundert

Wir können mit der Erinnerung an eine blitzschnelle Autofahrt beginnen. Es handelt sich um eine damals denkbar moderne Rundfahrt durch Westdeutschland (NRF), die Leopold Tyrmand [1], Autor des berühmten Romans "Zły" [2] 1957 unternahm. Das enfant terrible der polnischen Literatur erlaubte sich bei der Berichterstattung über seine Reise einige Verstöße gegen die herrschende "politische Korrektheit" – erwähnte beispielsweise Deutschland und nicht die Abkürzung "NRF", beging aber gleichzeitig die "Hauptsünde" – attestierte dem besuchten Staat und seinen Einwohnern Normalität. Mit anderen Worten relativierte er die in der Volksrepublik Polen gültigen Interpretationsmodelle des Zweiten Weltkrieges und seiner Konsequenzen, indem er sich von der Funktion eines Politikers oder Historikers distanzierte. Tyrmand beschwor die Poetik des betonten Realismus – seine Aufgabe erblickte er in der getreuen Widergabe des Gesehenen, ohne fertige Schlussfolgerungen zu liefern. Hinter dieser geschickten Strategie verbarg sich jedoch eine klare Botschaft, die von den Lesern seines Artikels "O quae mutatio rerum" in "Tygodnik Powszechny" [3] leicht zu entschlüsseln war: die westdeutsche Jugend und ein Großteil der Gesellschaft war nicht mehr bereit in einen neuen Krieg zu ziehen. Zwölf Jahre nach dem Desaster des Weltkonfliktes sehnten sich junge Erwachsene am Rhein nach den Reizen des Zivillebens- ihre Domäne bildete die aufkeimende Konsumption beziehungsweise unendliche philosophische Debatten. Darüber hinaus konstatierte Leopold Tyrmand anschwellende Schuldgefühle der heranwachsenden Generation für die Untaten ihrer Väter. Als einem Sohn des Auschwitzopfers konnte man dem Schriftsteller nur schwer mangelnde Sensibilität für diese Fragestellungen vorwerfen.

Der erwähnte Beitrag und die anschließende Diskussion im Internationalen Presseklub in Warschau unter dem Titel "Deutschland und wir" brachten einen jungen Journalisten in Rage, der dreißig Jahre später letzter Premierminister der Volksrepublik Polens werden sollte. Zu dem Zeitpunkt leitete er eine der wichtigsten meinungsbildenden Zeitschriften des Landes – "Polityka". Sein Name lautete Mieczyslaw F. Rakowski (1926-2008), sein Presseorgan war infolge des polnischen "Tauwetters" des Jahres 1956 gegründet; der Redakteur galt als liberale Figur in der PVAP [Polnische Vereinigte Arbeiterpartei] – ein Hoffnungsträger für den Aufbau des polnischen Sozialismus. Nur die vernichtende Kritik der Ausführungen Tyrmands, die fast zeitgleich im Band "NRF z bliska" [4] erschien, passte nicht in das vorgezeichnete Bild eines linken aufstrebenden Intelektuellen. Den wichtigsten Vorwurf seitens Rakowskis bildete dabei die Suggestion einer Verletzung der unantastbaren Linie des Politischen – in diesen tabuisierten Bereich gehörte das deutsch-polnische Verhältnis, das ausschließlich vor dem Hintergrund der Jahre 1939-1945 und im Sinne eines lauernden Gefahrpotentials öffentlich erörtert werden durfte. Der Redakteur strebte eine umfassende Disziplinierung an – gleichzeitig sollten mehrere Subjekte in die Schranken gewiesen werden – der leichtsinnige polnische Intelektuelle (Tyrmand), Londoner Exilpolitiker (Grazynski [5]), die Tyrmands Aussagen mit Wohlwollen aufnahmen und westdeutsche Journalisten, die sich für die vorübergehende Liberalisierung Polens begeisterten. Gewiss war Rakowski weder der wichtigste noch der einflussreichste Akteur im komplexen Netz der mutmaßlichen Deutschlandexperten und Kommentatoren dieser Zeit. Dennoch spiegelt sein Konflikt mit Tyrmand wichtige Regelmäßigkeiten im Prozess der Instrumentalisierung der Erinnerung an den 2. Weltkrieg wieder- verstanden (von der damals gültigen Perspektive) als der wichtigste Bezugspunkt der deutsch-polnischen Beziehungen.

Die besagte publizistische Auseinandersetzung ist ohne einen Klärungsversuch des Begriffes "kleine Stabilisierung" unmöglich, mittels dessen die Forschungsliteratur zumeist die sogenannte "Gomulkaära" apostrophiert. "Die Posener Unruhen" des Jahres 1956 bedeuteten zweifelsohne ein Ende der Stalinisierungsepoche mit ihrem direkten Terror gegen die politischen Gegner, beispielslosen Abschottung Polens vom Ausland und unmittelbaren Abhängigkeit von der Sowjetunion. Allmählich verschwand aber das selbstverständliche Schutzschild des großen Bruders im Osten als eines sicheren Garanten der Nachkriegsordnung. Kchruschtschow begann ein kompliziertes Spiel mit der DDR-Führung, welches indirekt die Möglichkeit einer Korrektur der Oder-Neisse Linie andeutete. Spätestens in dem Augenblick stellte es sich heraus, dass das komplizierte Erbe des 2. Weltkrieges in erster Linie in ihrem nachhaltig fehlenden formellen Abschluss gipfelte. Kein Ereignis des langen und heterogenen Geschehens sorgte für so viel Unruhe wie das bereits nach ihrem faktischen Ende am 2. August 1945 unterschriebene Potsdamer Abkommen. Alle dramatischen Episoden des sechsjährigen Ringens rückten in den Hintergrund –praktische Bedeutung erlangte die Sicherung der neuen territorialen Ordnung in Ostmitteleuropa. Es erübrigt sich fast zu sagen, dass die Rechnung auf dauerhafte Schwächung Deutschlands nicht aufging. Die kleine Stabilisierung konnte nur eine innerpolnische sein- die internationale Lage Polens gerade in der Perspektive des 2. Weltkrieges verschlechterte sich dramatisch. Vom Rang eines Mitgliedes der Antihitlerkoalition rückte es in den Status eines Satelitenstaates des östlichen Imperiums. Das Drama spielte sich mehr auf der wirtschaftlichen als auf der politischen Ebene – das Modernisierungspotential des Kommunismus war gerade in den sechziger Jahren endgültig ausgeschöpft. Das westdeutsche Wirtschaftswunder mit ihrer immensen Anziehungskraft für Millionen von Arbeitnehmern machte die Suche nach einem neuen internationalen Gleichgewicht erforderlich, das logischerweise die Gestalt einer längst fälligen Friedenskonferenz annehmen konnte. Man muss ganz deutlich zum Ausdruck bringen, dass der deutsch –polnische Dialog maßgeblich von der Vision der besagten Konferenz und nicht vom Schatten des Kriegsgeschehens an sich beeinflusst war.

Spätestens in dem Augenblick muss ich mich dem eventuellen Vorwurf stellen, dass wir die Ebene des Kulturdialogs verlassen. Im Gegenteil! Ein Paradebeispiel dafür brachte der bereits herangezogene glänzende Beitrag von Leopold Tyrmand in Tygodnik Powszechny. Die Attraktivität Westdeutschlands für einen Teil der polnischen Intelligenz, die sich dem direkten Zugriff parteistaatlichen Propaganda zu entziehen vermochte, bestand offensichtlich in der Fähigkeit zahlreicher Einwohner der jungen Bundesrepublik einen Neuanfang zu wagen. "Das Wirtschaftswunder" bedeutete in dem Sinne nicht nur einen rapiden Anstieg des Produktionsquoten, sondern eine gelungene Modernisierung des Landes. Mit erstaunlicher Konsequenz bejahte Tyrmand die Veränderung der wahrgenommenen Landschaft – das heutige Nürnberg war für ihn "ein Kulturkind von Picasso, Niemeyer und Aalto, dagegen nicht von Veit Stoß, Peter Vischer und Hans Sachs".[6] Der Besucher aus Polen wollte nicht in die Fußstapfen eines Andrzej Bobkowski oder Jerzy Stempowski treten und die Amerikanisierung des europäischen Kontinentes beklagen, beziehungsweise den "Weltstil" wiederaufgebauter Metropolen in Frage stellen. Tyrmand waren diese Zusammenhänge durchaus bewusst, was er mit dem Begriff "Schwund" deutlich signalisierte. Seine Sorge galt allzu leichter Geste polnischer Machthaber die Rückständigkeit des eigenen Landes mit dem Kriegsbezug zu rechtfertigen. Offen prangerte er die Kurzsichtigkeit der polnischen Deutschlandkorrespondenten an, die die prosperity am Rhein lediglich auf die Wirkung der amerikanischen Kredite zurückführten.

Selbstverständlich vermochte die beißende Ironie von Tyrmands Fragen nach einem eventuellen Interesse junger Deutschen nach erneutem Kriegszug in Richtung Stettin oder Breslau nicht alle Sparten der westdeutschen Realität berücksichtigen. Ende der fünfziger Jahre erlebte man im deutsch-polnischen Kulturdialog eine radikale Zuspitzung der Debatte über die Fähigkeit polnischen Staates und polnischer Gesellschaft die in Potsdam 1945 als Folge des Zweiten Weltkrieges unter polnische Verwaltung gestellten Gebiete effektiv einzugliedern. Im engeren Sinne kann man in der Hinsicht von keinem Dialog sprechen, sondern einer Reihe von symmetrisch in beiden Ländern unternommenen Initiativen, die einander bedingten, ohne eine direkte Kommunikation anzustreben. Es sei nur an den breiten Konsens der westdeutschen politischen Szene hingewiesen, die die sog. Oder-Neiße Linie ablehnte und mit dem endgültigen Verlust der ehemaligen Ostgebiete nicht einverstanden war.

Bezeichnenderweise deckten sich die Feststellungen der Vertriebenenfunktionäre mit den kurz zuvor formulierten Beobachtungen Leopold Tyrmands. Das Problematische lag in der fehlenden Bereitschaft insbesondere der jungen Generation der Deutschen die Ansprüche an die Revision der Nachkriegsordnung aufrechtzuerhalten. Das Interesse an den Belangen des deutschen Ostens, das in der deutschen Vergangenheit zumeist kein breites Echo erfuhr, war längst erloschen und es galt dieses zu reanimieren. Ein wirksames Instrument dazu bot die Initiative "Dokumentation der Vertreibung" an, deren ideologische Verwicklung der deutsche Historiker Matthias Beer überzeugend darstellte. [7] Neben polemischer Ausrichtung verfügte die besagte Initiative über breite mediale Resonanz, die klaren Zielsetzungen folgte. 11.000 Beispiele der Berichterstattung von Zeugen der "Flucht und Vertreibung" verbanden abstrakte Erörterungen über den deutschen Osten mit den Schicksalen konkreter Menschen und insbesondere konkreter Orte. Somit war das Material fernsehtauglich und den Erwartungen der Massenkommunikation gewachsen. Ein Paradebeispiel dieser Tendenz bietet der Beststeller "Das ostpreußische Tagebuch" von Hans Lehndorff an, der anstelle trockener Statistiken einen attraktiven Lesestoff anzubieten wusste.

Fußnoten

1.
Leopold Tyrmand (1920-1985), polnischer Schriftsteller jüdischer Herkunft, einer der Symbolfiguren des polnischen Oktobers 1956
2.
Der Roman erschien im Dezember 1955 und ist enthusiastisch aufgenommen worden. Die Handlung spielt sich im Milieu der Warschauer Kleinverbrecher ab. Es erlebte bis heute mehrere Auflagen.
3.
26. Januar 1958
4.
Mieczyslaw F. Rakowski, NRF z bliska, Warszawa 1958
5.
Michal Grazynski (1890-1965), langjähriger Wojewode der polnischen Wojewodztwo Slaskie, seit 1940 in Großbritanien
6.
Leopold Tyrmand, 26.1. 1958
7.
Matthias Beer, Das Großforschungsprojekt Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa im Spannungsfeld von Politik und Zeitgeschichte, VfZ 46, 1998, S. 345-389.

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