Veranstaltungen: Dokumentation

2.1.2013 | Von:
Wojciech Kunicki

Die aktuelle Entwicklung im deutsch-polnischen Kulturdialog - immer noch Tabuzonen?

Ein Tabu ist, nach Sigmund Freud, mit der Ambivalenz der Gefühle verbunden: es wird etwas unberührbar gemacht, was abstößt und gleichzeitig fasziniert. Solche Tabus gibt es in den kulturellen Systemen dort, wo man mit einer geschlossenen Gesellschaftsform zu tun hat. Die sogenannten "Sprachregelungen", die Absicht, die Sprache, also die Gedanken der anderen zu kontrollieren (gleichgültig unter welchem Vorwand) führt zu einer Tabubildung im sprachlichen Bereich, das allerdings auch den Tabu-Bruch in sich einschließt. Die bekannten Totalitarismen und vor allem Autoritarismen liefern hier unzählige Beispiele für die Versuche, neue Tabus zu bilden, mit oder ohne Erfolg. Die Lektüre von 1984 Orwells kann hier gute Beispiele liefern.

Auch im deutsch-polnischen Kulturbereich gab es solche Tabus, die bekanntlich mit diverser Intensität gepflogen wurden. Über den Bundeskanzler Konrad Adenauer musste man, insbesondere in der Zeit von 1949 bis 1956 nur in negativen Kontexten eines "Dranges nach Osten" reden. Aber auch später war zum Beispiel das polnische Interesse an Deutschland, an Schlesien, an den Deutschen in Schlesien mit einem Tabu belegt: man musste nur negativ von einer "Germanisierung" reden, dann von einer "Befreiung der urpolnischen Gebiete", deren polnische Integrität nur durch den Sozialismus und die entsprechenden Allianzen mit der Sowjetunion sowie mit den sozialistischen Brüderländern gewährleistet werden konnte. Jegliche Aufbegehren (in Berlin 1953 oder in Posen 1956, ganz zu schweigen von Budapest 1956) bezeichnete man als "Gegenrevolution", das Wort etwa "von einer Befreiung vom stalinistischen Joch" war mit Tabu belegt. Die Geschichte der kulturellen Tabus ist also die Geschichte der Sprachregelungen, und die Tabuverletzungen erfolgen in den modernen Gesellschaften gerade in der Sphäre der verbalen Kommunikation.

Die Tabuverletzer wurden in den sprachgeregelten Gesellschaften selber Tabus, wovon die Listen der Zensur ein Zeugnis ablegen (das sog. Zapis). Ihre Namen durften nicht mehr erwähnt werden. Die Tabus funktionierten sehr unterschiedlich: tabuisiert konnten zum Beispiel die Gesamtheit oder die Teile eines schriftstellerischen Werkes. So durften in der Volksrepublik keine Bücher von Uwe Johnson erscheinen. Von Günter Grass kannte man Katz und Maus, aber nicht die Blechtrommel: Argumente für die Ablehnung, also für die Tabuisierung lassen sich seitens einer kommunistisch sein wollenden Partei aufhorchen. Erstens ginge es darum, dass die siegreiche sowjetische Armee im falschen Licht dargestellt würde, und zweitens, dass mit dem Buch der Marienkultus in Polen einen Abbruch erlitte. Von der heutigen Perspektive aus sind die beiden Tabuisierungen der sich als kommunistisch verstehenden Partei mehr als verständlich.

Die hier angedeuteten Tabubildungsmechanismen sind bei weitem nicht ausgestorben. Es ist falsch zu meinen, die Tabubildung in der Sprache könne nur als Eigenschaft der totalitären Systeme gelten. Gerade in der heutigen Situation in Polen, also in den Verhältnissen einer starken politischen Auseinandersetzung mangelt es nicht an Versuchen, manche Formulierungen, Bezeichnungen oder Sprachfiguren zu tabuisieren. D.h. in der Situation, wo alle Tabus religiöser oder sittlicher Natur eigentlich gefallen sind, wo der sogenannte Anstand als eine komische Haltung der Ewig-Gestrigen angesehen wird, nimmt merkwürdigerweise eine nicht zu leugnende Sensibilität auf manche Formulierungen und Denkbilder zu. Ich versuche im Folgenden diese Denkbilder zu ordnen und zu sichten. Aus der breiten Palette der Tabubildungen (wie zum Beispiel Versuche sich mit der sog. "Sprache des Hasses” auseinanderzusetzen, d.h. die Deutungshoheit im Sprachgebrauch an sich zu reißen) wähle ich einige, die sich im deutsch-polnischen Kulturbereich eingenistet haben.

Als absolutes Tabu gilt nur eine Tatsache, die juristisch, sittlich, religiös gefestigt wird: Tabu des Shoah. Man darf über die Shoah diskutieren, man darf aber nicht, sie in Frage zu stellen. Mit Recht gehört die Shoah zum europäischen Gedächtnisfond und bildet eine der bedeutendsten Grundlagen des europäischen Konsensuses und somit des europäischen Gedächtnisses. Auf Grund dieses Tabus sollen nur in Polen, aber auch in Deutschland weitere Tabus entstehen, die aber, in der globalen Perspektive nach Opferkonkurrenz schmecken und deshalb nicht ohne weiteres respektiert werden. Dazu gehört die Formulierung von den "polnischen Konzentrationslagern".

Auf den ersten Blick scheint es, dass mit der Bekämpfung dieser Phrase alle Parteien einverstanden sind: es würde sich also um eine der wenigen gemeinsamen Grundlagen für den politischen Konsensus in Polen handeln. Das polnische Außenministerium wird durch die öffentliche Meinung geradezu gezwungen, zu solcher Formulierung, insbesondere, wenn sie an prominenter Stelle erscheint, sofort Stellung zu nehmen. Als Beispiel kann man eine Rede Obamas nehmen:"Obama hat sich bei der Ehrung eines Widerstandskämpfers einen Fauxpas geleistet. In einer Rede ordnete er die Konzentrationslager der NS-Zeit und somit indirekt auch den Holocaust Polen zu. Das Land sah daraufhin rot" ("Focus”). Abgesehen von den saloppen Formulierungen, die sich ein seriöser deutscher Magazin im Falle des wirklichen Tabubruches (siehe oben) nie leisten könnte, wird die Tatsache als "Versprechen" Obamas sofort interpretiert, was zur Lächerlichkeitmachung der zimperlichen Polen überleiten kann. So wird das alte deutsche Stereotyp von den übersensibel reagierenden Polen befestigt. Von einer Tabuisierung der unglücklichen Phrase innerhalb der eigenen Öffentlichkeit kann somit überhaupt nicht die Rede sein.

Nun soll man dasselbe Problem von der anderen Seite angehen, nämlich indem man diejenigen Meinungsträger in Polen berücksichtigt, die mit der Bekämpfung der Phrase gleichzeitig ein Komplott der "deutschen Seite" vermuten, die Greueln des Shoah auf "die Polen" abzuwälzen und sich reinzuwaschen. Abgesehen von der sachlichen Absurdität solcher Meinungen soll die Festigung der Phrase von den polnischen Konzentrationslagern zu einem doppelten Tabu führen: tabuisert werden damit nicht nur die wirklich nichtexistierenden "polnischen Konzentrationslager" während des Krieges, aber auch die tatsächlich existierenden "polnischen Konzentrationslager" in erster Linie für die deutsche Bevölkerung nach dem II Weltkrieg, vor allem in Bromberg und in Schwientochlowitz. Ich weiß nicht, ob sich die Bekämpfer der Phrase von den "polnischen Konzentrationslagern" dieser Zweischneidigkeit bewusst sind.

Werfen wir nun einen Blick auf die deutsche Seite und nehmen ein anderes Beispiel, das genauso unbequem ist, und zwar Smolensk. Man weiß ja, dass diese Katastrophe die polnische öffentliche, politische, kulturelle Meinung spaltet. Mit den Konsequenzen dieser Tragödie werden sich die Polen offensichtlich noch jahrzehntelang herumschlagen. Der Erfolg der offiziellen russischen MAK-Kommission war in erster Linie in Deutschland sichtbar, wo man die These von dem ungeduldigen Präsidenten Kaczynski, dem besoffenen General im Cocpit, den vier Landungsversuchen deshalb so glatt schluckte, weil sie auch glatt zu den historisch nicht überwundenen deutschen Stereotypen von dem polnischen Leichtsinn gepaart mit unmäßigem Wodkatrinken passte. Fast drei Jahre lang waren die Feststellungen der MAK-Kommission in Deutschland tabu.

Nun zeigen sich aber auch die ersten Zweifel, insbesondere nach einem in Polen vielzitierten Aufsatz von Gerhard Gnauck in der Zeitung "Die Welt": "Gab es ein russisches Interesse an Kaczynskis Tod?" Dieser Aufsatz, der im Grunde genommen das Bild der in Sachen Smolensk polnischen zerstrittenen Öffentlichkeit skizziert, wurde deshalb mit so großem Interesse in Polen aufgenommen, weil man darin den Bruch mit dem bisher in der Öffentlichkeit Deutschlands offiziösen MAK-Bild wahrzunehmen glaubte. Ob mit recht? Ich glaube kaum. Das Dementi dieses Bildes bedeutete ja zugleich das Dementi der hintergründig bestehenden "deutschen" Stereotype über Polen.

Etwas ähnliches lässt sich von dem Verhältnis der deutschen Presse (und der öffentlichen Meinung?) zu der "Lustracja" in Polen feststellen. Wurde eine Durchleuchtung in Deutschland durchgeführt, so spricht man in demselben Deutschland, den Polen das Recht ab, im eigenen Lande dasselbe zu tun. Ich wurde einmal von einem älteren Herrn angesprochen, der beim Kongress der Breslauer Germanistik sich den Vortrag eines älteren Kollegen anhörte, der sich mit den "Lustratoren" auseinandersetzte: "Ich dachte so etwas sei in Deutschland normal, aber für Polen hätte ich das nie vermutet". Der ältere Freund aus Deutschland musste also ein Tabu revidieren, und dieses Tabu lautet: in Polen herrschen andere ethischen Vorstellungen als in Deutschland. Ich empfand diese Revision als Kompliment. Was sind nun die Ursachen für die "deutsche" Weigerung, "den Polen" das Recht auf eine Durchleuchtung, also auf eine Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit zuzuerkennen? Sie sind bestimmt vielfältig.

Als unberührbares Tabu gilt noch für viele die Überzeugung, "der polnische Raum" sei das Gebiet der Rechtlosigkeit, ein quasi "wilder Osten", in dem alles erlaubt ist: vom zu schnellen Fahren bis hin zur Mafiabildung. In diesem "Raum" gelten also ganz andere ethischen Vorstellungen als in Deutschland. Die zweite Ursache ist mit der Abneigung zu Kaczynski verbunden. Es ist durchaus wahr, dass dieser umstrittene Politiker mit der "deutschen Karte" zu spielen versuchte: dass er aber dabei eine stattliche Abfuhr erhielt, wurde in Deutschland nur schwach registriert. Man kann den Eindruck gewinnen, dass der herrschende, meistens linksliberal geprägte mainstream solche Figuren wie Kaczynski und Orban braucht, nicht so sehr um vor einer "rechtsradikalen Bedrohung" (dieses sprachliche Bild wird auch mit Vorliebe in der deutschen Presse breitgetreten) zu warnen, sondern um sich selbst weltanschaulich und institutionell zu begründen. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass der umstrittene "Ärpel" doch letzten Endes eine große Wählergruppe vertritt, zu der nicht nur die Ewiggestrigen oder alte Menschen gehören. Auch in dieser Hinsicht darf man von der deutschen Öffentlichkeit, die mit demokratischen Institutionen länger umgeht, mehr Sensibilität erwarten. Nun gehen wir weiter und versuchen wir den uralten deutsch-polnischen Klassiker zu reflektieren, und zwar "Die Vertreibungen". Die sogenannten Heimatvertriebenen sind in der "offiziösen" Öffentlichkeit der Bundesrepublik absolute Randerscheinung.

Die letzten zwanzig Jahre einer ruhigen Entwicklung der deutsch-polnischen kulturellen, wirtschaftlichen und sonstigen Beziehungen haben gezeigt, dass es viel mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen gibt, auch in Sachen der ehemals von den polnischen Kommunisten "wiedergewonnenen Gebiete". Die offizielle Bundesrepublik und das offizielle Polen haben damit keine Probleme mehr, was auch dadurch veranschaulicht wird, dass sich junge Polen gerade in den Westgebieten als Betreuer und Erneuerer des deutschen kulturellen Erbes des ehemaligen deutschen Ostens verstehen. Wo liegt also das Problem oder vielleicht heißen die beiden Probleme Jaroslaw Kaczynski und Erika Steinbach?

Im Zusammenhang mit der in Polen herrschenden Tendenz wird auch durch manche Polenkorrespondenten der deutschen Presse die Meinung geäußert, Kaczynski sei an der Popularität von Frau Steinbach in Deutschland schuld. Andererseits könnte auch Frau Steinbach feststellen, dank ihren provokativen Äußerungen würde der Mythos vom Ärpel als böser Witzfigur nur befestigt. Abgesehen nun von den beiden Politikern und ihrem Anhang muss man eins sagen: sie artikulieren das, was sich als Tabu erweisen möchte, nämlich den Mythos vom guten oder hervorragenden deutsch-polnischen Einvernehmen in dieser Hinsicht. Sie bringen ins Bewusstsein die nach wie vor bestehenden deutsch-polnischen mentalen "Konfliktzonen" und zwingen insbesondere die polnischen Intellektuellen, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen.

Gerade an dieser deutsch-polnischen Schnittstelle entstehen die lächerlichsten Konstellationen: unsere Rechte versucht entweder zu den volksrepublikanischen (lies: realsozialistischen ) Mustern der antideutschen Propaganda zu greifen oder aber auch, Verbündete auf der linken Seite der deutschen politischen Szene zu finden (weil die Linke bekanntlich ein kritisches Verhältnis zur eigenen, in diesem Falle deutschen Nation habe). Von der Lächerlichkeit der beiden Tendenzen braucht man niemanden zu überzeugen. Andererseits werden die distanzlosen, innenpolitisch motivierten Aussagen unseres Außenministers über den "deutschen Bruder" zu Recht mit einer gewissen Missgunst aufgenommen. Irgendwie muss sich also Polen mit dem größeren und schwergewichtigen Gott sei Dank nicht Bruder, sondern Nachbar auseinandersetzen. Und diese Auseinandersetzung ist im Gange, vorwiegend auf der rechten Seite, die, wenn man von den exotischen Ideen (siehe oben) absieht, sich die Fragen nach dem Ungleichgewicht, der zwischen Polen und Deutschland besteht und bestehen wird, fragt. Dieses Fragen hat noch eine andere positive Seite: dass wir nicht im Sumpf der Tabus und sprachgeregelten Freundschaftsbezeugungen bleiben und somit unser spannungsvolles und deshalb so interessantes Verhältnis zueinander pflegen werden.


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