Veranstaltungen: Dokumentation

15.10.2013

Abschlussbericht: Wer bezahlt den Journalismus von morgen?

Und wer bezahlt mich als Journalist?

03. und 04. September 2013

dbb forum, Friedrichstraße 169/170, Berlin

PDF-Icon Abschlussbericht

Das Interesse war groß, der Diskussionsbedarf ebenso: Mehr als 50 Journalistinnen und Journalisten lauschten an zwei Tagen dem Input von 22 Referentinnen und Referenten zur Zukunft des Journalismus. Die Referierenden kamen aus den unterschiedlichsten Bereichen von Medien, Politik und Wissenschaft: Journalistik-Professoren waren ebenso dabei wie Vertreter der Medienpolitik sowie erfolgreiche freie Journalisten und Chefredakteure.
Die meisten Teilnehmer waren zwischen 20 und 40 Jahren alt und überwiegend freie Journalisten. Viele sind aber auch als Redakteurinnen oder Redakteure in unterschiedlichen Medien tätig. Etwa ein Drittel der Teilnehmer arbeitet für Onlinemedien, ein Drittel für Printmedien und ein Drittel für das Radio. Eine Teilnehmerin ist Fernsehjournalistin.
Besonders erfreulich ist, dass sich die Teilnehmer aktiv an Diskussionen mit den Referenten beteiligten, so stark, dass viele Diskussionen nur in den Pausen fortgeführt werden konnten. Bis zuletzt war der Saal gut gefüllt, sodass man davon sprechen kann, dass das Seminarprogramm für die Teilnehmer bis zur letzten Minute interessant war.
In diesem Abschlussbericht sollen die wesentlichen Erkenntnisse des Seminars festgehalten werden. Dabei wird chronologisch vorgegangen, da die einzelnen Programmpunkte unterschiedliche Aspekte zur zukünftigen Finanzierung des Journalismus beinhalteten und nicht unmittelbar aufeinander aufbauten.

Dienstag, 3. September 2013, 10:15 Uhr

Einführung: Warum sich Journalisten mit Geld beschäftigen sollten
Peter Littger, Innovation Media Consulting

Nach einer Begrüßung durch Christoph Müller-Hofstede von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Verantwortlichen für die inhaltliche Gestaltung des Seminars, dem freien Journalisten Demian von Osten, begann Peter Littger von Innovation Media Consulting mit seinem Einführungsvortrag.
Peter Littger ging in seinen Ausführungen davon aus, dass Verleger zwei Irrtümern unterliegen: Dem eingebildeten Auftrag und dem Irrtum, dass Text ein Konsumprodukt sei. In Bezug auf den eingebildeten Auftrag zeigte er anhand von Beispielen, dass Verleger eine Art öffentlich-rechtliche Grundhaltung einnehmen und ihr Handeln in die Nähe von Verfassungsmäßigkeit rücken. Was ihnen fehle, so Littger, sei betriebswirtschaftliches Handeln. Aus diesem Grund würden Journalisten von der Generalisten- bzw. der General Interest-Falle bedroht. Das Ziel von Journalisten sei es, an allen Tagen alle Themen für alle Menschen aufzubereiten. Littger legte aber dar, dass es diesen General Interest schon zur Genüge gebe: gebührenfinanziert, steuerfinanziert, ehrenamtlich, gesponsert oder auch banalen General Interest in Privatgesprächen.

Als zweiten Irrtum sieht Peter Littger, dass Texte eben nicht – wie von Journalisten angenommen – Konsumprodukte seien. Tatsächlich würden die Menschen weniger lesen und stattdessen mehr Musik und Filme gucken.
Den Umbruch der Verlage sieht man laut Peter Littger darin, dass viele Standards der Verlage heute überholt sind, weil sich im Zuge des Internets neue technische Möglichkeiten ergeben, die Menschen ihre Gewohnheiten verändern und der Wettbewerb zunimmt. In dieser Situation wirft Littger Journalisten vor, keine wertvollen Güter mehr zu bieten. Alle Medien müssten sich verstärkt fragen, was ihren Journalismus exklusiv und mobilisierend macht.
Auf diese veränderten Bedingungen können Verlage laut Littger nur mit Hilfe von drei Strategien reagieren: Entweder, sie versuchen die Kosten effizienter zu gestalten, oder sie passen die Verkaufspreise an oder sie diversifizieren. Letzteres werde wohl der Weg für die Verlage in der Zukunft sein. Dabei glaubt Littger aber, dass nur Journalisten und Manager gemeinsam in der Lage sind, neue Modelle zu entwickeln.

Dienstag, 3. September 2013, 11:30 Uhr

Die Geschäftsmodelle der Verlage funktionieren nicht mehr – was nun?
Über die Zukunft der Geschäftsmodelle von Zeitungsverlagen in Deutschland diskutierte anschließend ein kontrovers besetztes Podium:
  • Stefanie Hauer, Verlagsleiterin beim ZEIT-Verlag
  • Thomas Knüwer, Unternehmensberater und vehementer Kritiker der deutschen Zeitungsverlage
  • Dr. Kurt Sabathil, Geschäftsführer Schwäbisch Media (Schwäbische Zeitung)
Zu Beginn der Diskussion stellte Kurt Sabathil die generelle These der Podiumsdiskussion, dass die Geschäftsmodelle der Verlage nicht mehr funktionieren würden, in Frage. Sabathil glaubt nicht, dass es generell bei allen Zeitungen eine Krise gibt. Vielmehr sieht er Schwierigkeiten bei einigen Tageszeitungsverlagen, verwies aber auf seine verlagseigene Schwäbische Zeitung als Gegenbeispiel mit dem Argument, dass sie steigende Erlöse habe. Er ist davon überzeugt, dass es die Schwäbische Zeitung in der heutigen Form auch noch in zehn Jahren geben wird. Sabathil glaubt ferner an die Zukunft von Paid Content-Modellen für Zeitungen und verwies darauf, dass die Schwäbische Zeitung schon erfolgreich Digital-Abos verkaufen würde. Zukünftige Rückgänge bei den Anzeigenerlösen will er durch höhere Einnahmen von den Abonnenten ausgleichen. Thomas Knüwer entgegnete, dass auch die Schwäbische Zeitung sinkende Auflagenzahlen habe, und vertrat die These, dass es keinen Bedarf mehr für Tageszeitungen in der Zukunft gebe. Darüber hinaus ist er von den bisherigen Paid Content-Modellen der Tageszeitungen nicht überzeugt.

Stefanie Hauer vom ZEIT-Verlag sieht die ZEIT als Wochenzeitung in einer besonderen Situation und gab sich überzeugt, dass die ZEIT weiter existieren wird. Aus ihrer Sicht als Managerin sagt sie, dass man als Verlag „dahin gehen müsse, wo das Geld ist“ – denn das Luxussegment in Deutschland sei in einer starken Wachstumsphase. Sie glaubt, dass Printprodukte in Zukunft für Menschen mit höherer Bildung und größerem Einkommen attraktiv sein werden. Fernsehen und Online seien dagegen die Medien für die breite Masse.

Jungen Journalistinnen und Journalisten riet Stefanie Hauer, angesichts der Veränderungen, die sich auf dem „bedrohlichen“ Arbeitsmarkt der Journalisten anbahnen, flexibel zu bleiben. Für viele Verlage sieht sie das Problem, dass die Verlage junge Leute nicht einstellen und deshalb ein Verjüngungsprozess nicht einsetzen kann. Sie empfahl jungen Journalisten, sich Verlage herauszusuchen, die zukunftsorientiert handeln. Gleichzeitig sagte sie, dass sich Redakteure wesentlich mehr anstrengen und stärker in den Leser einfühlen müssten.
Thomas Knüwer empfiehlt den jungen Journalisten, am Aufbau einer eigenen Marke zu arbeiten. In Zeiten von Social Media und Blogs sei das nicht schwer und verspreche mehr Erfolg, als sich allein auf die Kreativität der Verlage zu verlassen.

Dienstag, 3. September 2013, 13:30 Uhr

Zwischen Qualität und Quote: Der öffentlich-rechtliche Kampf um Legitimation
Nachdem der öffentlich-rechtliche Rundfunk schon in den ersten beiden Veranstaltungen des Seminars zur Sprache kam, war er dann Thema einer eigenen Podiumsdiskussion mit:
  • Andreas Cichowicz, Chefredakteur des NDR Fernsehens
  • Dr. Hans-Peter Siebenhaar, Medienjournalist Handelsblatt
  • Dr. Johannes Beermann, Chef der Staatskanzlei Sachsen
  • Dr. Carsten Brosda, Amtsleiter Medien Stadt Hamburg
Zu Beginn der Diskussion stellte Andreas Cichowicz den Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medien klar: „Wir brauchen Geld, um Programm zu machen. Die anderen machen Programm, um Geld zu verdienen“, sagte Cichowicz. Angesprochen auf den hohen Altersschnitt der Programme von ARD und ZDF nahm Dr. Johannes Beermann die öffentlich-rechtlichen Programme in Schutz: Der Altersschnitt sei nicht so schlimm, wenn man sich die Demografie in Deutschland anschaue, da wir eine durchschnittlich sehr alte Bevölkerung in Deutschland hätten.

Im folgenden ging es darum, wie den öffentlich-rechtlichen Medien der Spagat zwischen Qualität und Quote gelingen soll. Beermann vertrat die Auffassung, dass „Qualität und Quote kein Gegensatz“ seien. Ohne Qualität gebe es keine Quote, aber man dürfe auch nicht Quote um jeden Preis machen. Ihm widersprach der Medienjournalist Dr. Hans-Peter Siebenhaar. Aus seiner Sicht müsse sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk weniger über Quantität (Dutzende Radiosender, über 20 Fernsehsender und zahllose öffentlich-rechtliche Internetangebote), als vielmehr über Qualität legitimieren. Gleichzeitig ist er der Ansicht, dass der Rundfunkbeitrag, den seit Anfang des Jahres jeder Haushalt zahlen muss, sinken sollte. Ferner forderte er mehr Rechte für die Gebührenzahler, denn praktisch funktioniere der Rundfunkbeitrag jetzt wie eine Art Steuer.

Ein weiterer Teil der Diskussion beschäftigte sich mit der Frage, ob die Politik Einfluss auf die öffentlich-rechtlichen Medien nimmt. Die Moderatorin Marion Kraske erwähnte als Beispiel eine Sendung von Günther Jauch, in der Jauch angeblich zu kuschelig mit Verteidigungsminister Thomas de Maizière umgegangen sei. Der zuständige NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz entgegnet, dass er noch nie einen Anruf von einem Politiker bekommen habe, der Einfluss auf eine Sendung habe ausüben wollen. In einem Atemzug sagte er allerdings auch, dass er nur für den Norden sprechen könne. Dass auf Journalisten natürlich immer ein gewisser Druck ausgeübt werde, sagte Dr. Carsten Brosda. Schließlich finde Journalismus ja nicht entkoppelt von der Gesellschaft statt.
Bezüglich der Empfangbarkeit von Programmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erzählte Cichowicz von der sich abzeichnenden veränderten Mediennutzung: Seine Kinder hätten keinen Fernseher mehr, er selbst übrigens auch nicht. Dennoch sehe das auf dem Land in Deutschland anders aus, wo wegen langsamer Internetverbindungen Livestreams nur sehr schlecht zu empfangen seien. Angesprochen auf späte Sendezeiten von Dokumentationen entgegnete Cichowicz, dass Sendezeiten in Zeiten von Mediatheken nicht mehr das Problem seien.

Dienstag, 3. September 2013, 14:45 Uhr

Crowdfunding – Praxisbeispiele, wie man Journalismus selbst finanzieren kann
  • Pauline Tillmann, freie Korrespondentin in St. Petersburg
  • Tilo Jung, Gründer von jung & naiv
  • Marcus Pfeil, Gründer von Follow the money
Nach zwei großen Podiumsdiskussionen stellten in etwas lockererer Atmosphäre eine Journalistin und zwei Journalisten ihre erfolgreichen Crowdfunding-Kampagnen vor. Alle drei hatten ein journalistisches Projekt mit Hilfe von freiwilligen Spendern auf der Plattform „krautreporter.de“ finanziert.
Zugeschaltet aus St. Petersburg berichtete die freie Auslandskorrespondentin Pauline Tillmann davon, wie sie ihr Projekt „Der flammende Tibeter“ über Selbstverbrennungen von Menschen in Tibet finanziert hat. Ihrer Ansicht nach kommt es auf die richtige Werbung für ein solches Projekt an, um genügend freiwillige Spender zu finden. Sie wies ebenfalls darauf hin, dass ihr Projekt ohne Freunde und Bekannte als Spender nicht zustande gekommen wäre. Dennoch ist die Finanzierung geglückt und so werde sie einige Tage später zu ihrer Reise aufbrechen. Für Pauline Tillmann ist Crowdfunding „nicht die Rettung des Journalismus, aber eine kleine Insel.“ Anschließend berichtete Tilo Jung von seinen Erfahrungen mit Crowdfunding. Er hat es eingesetzt, um die Technik für seine Interviewreihe „Jung & Naiv“ anschaffen zu können. Eine wesentliche Erfahrung für ihn war, dass die letzten Tage vor Ende der Finanzierungsphase am wichtigsten seien. Weiterhin empfiehlt Jung, die Prämien für Unterstützer nicht zu unterschätzen, was er anfangs getan habe. Und schließlich weist Jung darauf hin, dass Crowdfunding „immer auch Eigen-PR ist“.

Wie wichtig Freunde und Bekannte als Spender für ein Crowdfunding-Projekt sind, stellte anschließend auch Marcus Pfeil fest, der für das wirtschaftsjournalistische Projekt „Follow the money“ gemeinsam mit einigen Kollegen erfolgreich Spenden über krautreporter.de gesammelt hat. Marcus Pfeil wies auch darauf hin, wie wichtig der Kontakt zu den Spendern ist. Aus diesem Grund veranstalten die Macher von „Follow the money“ eine Party, die sich exklusiv an die Unterstützer des Projekts richtet. So hoffen sie, mehr über die Motivation der Unterstützer zu erfahren und Anregungen und Ideen für den weiteren Verlauf der Recherche zu generieren. Alle drei sehen Crowdfunding nicht als die Rettung des Journalismus, sondern vor allem als Weg, Aufmerksamkeit und eine gewisse Anfangsfinanzierung für ein Projekt zu generieren. Sie weisen aber auch darauf hin, dass eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne eine Menge Arbeit bedeutet.

Dienstag, 3. September 2013, 16 Uhr

Journalistische Unternehmer: Neue journalistische Formen im Netz
Welche Wege es sonst noch gibt, mit Journalismus im Netz Geld zu verdienen, zeigten zum Abschluss des ersten Tages drei Referenten, die im Netz unterschiedliche journalistische Projekte betreiben:
  • Thomas Wiegold, der das verteidigungspolitische Blog „Augen geradeaus!“ betreibt
  • Philipp Schwörbel, der die hyperlokale Web-Zeitung „Prenzlauer Berg Nachrichten“ gegründet hat
  • Tim Pritlove, der seinen Lebensunterhalt vor allem mit Podcasts verdient
Thomas Wiegold betreibt ein Blog mit einem klaren Profil: „Augen geradeaus!“ berichtet über Außen- und Sicherheitspolitik und über alles, was mit der Bundeswehr zu tun hat. Die Einträge stehen ohne Paywall zur Verfügung. Durch Spenden nimmt Wiegold nach eigenen Angaben ca. 500-600 Euro pro Monat ein, Flattr (ein Mikrofinanzierungsmodell) spielt für ihn kaum eine Rolle. Zeitweise habe Wiegold auch darüber nachgedacht, Werbung auf sein Blog zu schalten, erzählt er. Das Problem für ihn: Die Werbung, die er bekommen könnte, will er nicht. Und die Werbung, die er will, bekommt er nicht. Beispiel: Firmen aus der Rüstungsindustrie würden sicherlich gerne bei ihm werben – aufgrund von Interessenskonflikten möchte er diese Firmen aber nicht als Werbekunden. Umgekehrt seien Outdoor-Ausrüster attraktiv für die Zielgruppe, die sein Blog besucht. Allerdings möchten Outdoor-Ausrüster nicht auf Seiten werben, die in Zusammenhang mit Krieg und Militär stehen, berichtete Wiegold.

Philipp Schwörbel erzählte anschließend von den „Prenzlauer Berg Nachrichten“. Der Betriebswirt möchte mit dieser Online-Zeitung eine Nische füllen, weil sich die großen Berliner Zeitungen aus der lokalen Berichterstattung auf Bezirksebene komplett zurückgezogen hätten. Dafür gebe es aber eine Nachfrage auf Leserseite. Einnahmequellen für die Prenzlauer Berg Nachrichten sind lokale Werbebanner, die seiner Ansicht nach eine erstklassige Werbeplattform für die lokale Wirtschaft darstellen. Schwörbel berichtete aber auch, dass er sich einem hohen Druck durch die Unternehmen ausgesetzt sieht, Werbung mit redaktionellen Inhalten zu verbinden. Um sich die Unabhängigkeit zu bewahren, haben die Prenzlauer Berg Nachrichten daher einen Freundeskreis, der zusätzliche Einnahmen generiert.

Abschließend erzählte der Podcaster Tim Pritlove davon, wie er sich selbst durch Podcasts finanziert. 3000 bis 4000 Euro pro Monat ließen sich damit verdienen, erzählte Pritlove und fügte hinzu, dass vor allem Flattr für ihn eine gute Einnahmequelle darstelle. Ein wichtiger Faktor ist der Communitygedanke, denn Pritlove richtet sich an ein Nischenpublikum, z.B. an Menschen, die auf langen Autofahrten gerne ausführliche Podcasts hören oder Soldaten im Ausland. „Es gibt mehr Nischen als Mainstream“, sagte Pritlove. Ganz wichtig sei, dass man kontinuierlich dabei bleibe, sagte Pritlove, und verschwieg auch den Personality-Faktor bei den Podcasts nicht. 20.000 bis 30.000 Menschen hören seine Podcasts.

Mittwoch, 4. September 2013, 10 Uhr

Streitgespräch: Stiftungsfinanzierter Journalismus – ein Modell für Deutschland?
  • Prof. Dr. Stephan Weichert, Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation Hamburg
  • Prof. Dr. Frank Lobigs, Technische Universität Dortmund
Auf der Suche nach zukünftigen Finanzierungsmodellen für den Journalismus beschäftigte sich dieses Streitgespräch zwischen Stephan Weichert und Frank Lobigs mit der Idee journalistischer Stiftungen in Deutschland. Als Vorbild wird exemplarisch immer wieder die Stiftung „Pro Publica“ in den USA genannt, deren journalistischen Arbeiten bereits zwei Pulitzer-Preise gewonnen haben.
Für Frank Lobigs ist ein solches Stiftungsmodell nicht zielführend. Er argumentierte, dass Stiftungen maximal ein Prozent dessen, was den Zeitungen durch Anzeigenrückgänge verloren gegangen sei, auffangen könnten. Darüber hinaus seien Stiftungen aber auch hinderlich für Verlage, die auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen sind. Er sieht den Medienmarkt in einer Konsolidierungsphase, in der aus ökonomischer Sicht ein Aufbau von marktfernen Strukturen schädlich wäre.

Stephan Weichert ist da anderer Ansicht: Er sagte, man solle nicht warten, „bis das System an die Wand fährt.“ Für ihn ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Versuche in Bezug auf die zukünftige Finanzierung von Journalismus zu unternehmen, da es Verlagen jetzt noch nicht ganz schlecht gehe. Für ihn ist das Nachdenken über neue Finanzierungsmodelle aber nicht nur die Aufgabe der Verleger, sondern auch die Aufgabe der Politik – denn bei Journalismus gehe es immer auch um die Demokratie.
Laut Weichert stehen freien Journalisten goldene Zeiten bevor, da die Innovationen nur außerhalb von Verlagen und Sendern entstehen könnten. Frank Lobigs sieht ein großes Problem auf dem journalistischen Arbeitsmarkt entstehen, weil es ein Überangebot an freien Journalisten gebe. Er empfiehlt daher, sich zu spezialisieren und sich zur Marke machen. „Journalisten sind top ausgebildet, verdienen aber nicht gut“, sagte Lobigs. Es bringe nichts, nur noch schlecht bezahlte Aufträge anzunehmen.

Mittwoch, 4. September 2013, 11:30 Uhr

Zwischen fest und frei: Wie finde ich meinen Weg heute im Journalismus?
Soll man sich als freier Journalist oder freie Journalistin auf ein Themengebiet spezialisieren oder als festangestellter Redakteur oder festangestellte Redakteurin ganz auf eine Zeitung oder Zeitschrift setzen? Um diese Frage ging es im Gespräch mit
  • Birgit Svensson, freie Journalistin, Kairo/Bagdad und
  • Catrin Boldebuck, Chefin vom Dienst, stern
Diese beiden Frauen sind im Journalismus unterschiedliche Wege gegangen. Birgit Svensson hat irgendwann ihre festangestellte Tätigkeit bei einer Regionalzeitung aufgegeben, um im Nahen Osten als freie Reporterin und Korrespondentin zu arbeiten. Catrin Boldebuck dagegen war nie freie Journalistin, sondern hat irgendwann festgestellt, dass sie gerne Blattmacherin werden möchte – und das gehe nur als Festangestellte. Boldebuck empfahl den jungen Journalistinnen und Journalisten, unbedingt als junger Mensch erst mal fest zu arbeiten, um zu sehen, welche Themen Redaktionen benötigen. „Viele Freie bieten uns irrelevante Dinge an, oder Themen, die wir schon hatten“, sagte Boldebuck.

Auch Birgit Svensson riet Freien, den Kontakt zu Redaktionen nicht zu verlieren. Sie selbst mache immer wieder Urlaubsvertretungen in der Redaktion, um bei den redaktionellen Abläufen auf dem neuesten Stand zu bleiben. Birgit Svensson ist freie Journalistin mit Leidenschaft – woran sie auch nichts ändern möchte. Wovor sie Befürchtungen hat, ist, dass Journalisten immer mehr technische Kompetenz abverlangt werde. Außerdem habe sie gelernt, dass es gefährlich ist, für nur ein Medium zu arbeiten, denn: „unsere Branche ist gnadenlos!“ Svensson geht außerdem davon aus, dass man in zehn Jahren nicht mehr vom Journalismus leben kann, da immer weniger Kosten (z.B. Reisekosten) bezahlt würden. Eine große Hilfe ist ihr das Netzwerk „Weltreporter“, in dem sich freie Auslandskorrespondenten zusammengeschlossen haben.

Mittwoch, 4. September 2013, 13:30 Uhr

Große Verdienste, kaum Verdienst: Prekäre Arbeitsverhältnisse von Journalisten Um die immer prekäreren Arbeitsverhältnisse von Journalistinnen und Journalisten ging es anschließend auf einer Podiumsdiskussion, die von der freien Journalistin Sandra Stalinski moderiert wurde. Daran nahmen teil:
  • Maximiliane Rüggeberg, die auf ihrem Blog über prekäre Arbeitsverhältnisse klagte
  • Joachim Braun, Chefredakteur des Nordbayerischen Kuriers, Bayreuth
  • Michael Konken, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands
Maximiliane Rüggeberg berichtete von ihrer Suche nach einem Volontariatsplatz im vergangenen Jahr. Für sie kamen einige Angebote nicht in Frage, weil sie die Arbeitsbedingungen nicht akzeptabel fand. Zum Teil seien in den Verträgen Überstunden ohne Honorar eingefügt gewesen. Maximiliane Rüggeberg findet, dass man „von einem Volontariatsgehalt leben können“ muss. Darüber habe sie im vergangenen Jahr den Blogeintrag geschrieben, der ihr letztendlich zu einem Job verholfen hat.

Joachim Braun, Chefredakteur des Nordbayerischen Kuriers, ist über das Blog auf Maximliane Rüggeberg aufmerksam geworden und hat sie nach einem Vorstellungsgespräch eingestellt. Er sucht geeignete Redakteure mittlerweile über Facebook und nicht auf klassischem Wege. Für ihn braucht der Journalismus Typen. Leider würden aber junge Journalisten alle zum Fernsehen oder zur „Süddeutschen Zeitung“ wollen.
Darüber hinaus glaubt Braun, dass sich Regionalzeitungen verändern müssen. So hat er beispielsweise die komplette Berichterstattung über Vereine in eine Beilage ausgelagert. „Unser Job ist es, den Finger in die Wunde zu legen“, sagte Braun. Deshalb wünscht er sich lieber eine dünne, qualitativ hochwertige Zeitung mit gut bezahlten Mitarbeitern als eine dicke, schlechte mit schlecht bezahlten.
Michael Konken vom Deutschen Journalisten-Verband findet die Vergütung von freien Mitarbeitern oft nicht akzeptabel. Manche Verlage würden vergessen, dass die Redaktionen das Kerngeschäft sein sollten, meinte Konken. Wer die Berufung zum Journalismus habe, der schaffe es auch. Aber zwei Drittel gingen in die PR, sagte Konken. Er forderte auch, dass Politiker verstärkt über zukünftige Finanzierungsmöglichkeiten von Journalismus diskutieren sollten. Das sei auch für die Demokratie wichtig. „Der Journalismus muss finanziert werden, nicht der Verlag“, so Konken.

15 Uhr

Abschlussvortrag: Die Zukunft selber in die Hand nehmen
  • Marcus Engert, Gründer und Redaktionsleiter von detektor.fm
Zum Abschluss des Seminars hielt Marcus Engert einen Vortrag darüber, warum man als junger Journalist die Zukunft selber in die Hand nehmen sollte. Marcus Engert ist Gründer und Redaktionsleiter von detektor.fm, einem Webradio aus Leipzig. Neben Sponsoren finanziert sich das Webradio darüber, dass es Audios für große Auftraggeber produziert und Wissenstransfer leistet.
Marcus Engert analysierte in seinem beeindruckenden Vortrag zunächst die Veränderungen des Medienwandels. Seine Grundannahme ist, dass „online immer“ sein wird. Das Radio (für das er arbeitet) und alle anderen Medien müssten sich daher die Frage stellen, was dieses „immer online“ für die Nutzung in der Zukunft bedeuten wird. Engert geht davon aus, dass das Problem der Radioanbieter nicht im Heute liegt, sondern im Morgen, und dass die großen Veränderungen nicht an den neuen Technologien liegen würden, sondern am neuen Verhalten der Hörer und Nutzer. Darauf müssten sich Medienunternehmen vorbereiten, so Engert.
Eine Krise wie die aktuelle in der Medienbranche bedeutet für ihn Bewegung und damit immer auch eine Chance für Außenseiter, die oft die einzigen sind, die Innovationen anstoßen können. Ideen kommen seiner Ansicht nach immer aus der Peripherie. Engert ist der Überzeugung, dass die junge Generation den derzeitigen Medienwandel gestalten müsse. Er wirbt dafür, Gründer zu werden, und letztlich seinem Bauch zu folgen. „Wer als Journalist thematisch gut ist und auffindbar, wird von Auftraggebern angerufen werden.“

Mediale Begleitung
Die Veranstaltung „Wer bezahlt den Journalismus von morgen?“ war bewusst als Seminar in kleinerem Rahmen gestaltet (50 Teilnehmer), weshalb keine große Medienberichterstattung gewünscht war. Allerdings entspann sich auf Twitter unter dem Hashtag #bpb_jvm eine rege Diskussion, die als Anlage zu diesem Abschlussbericht beigefügt ist.

Fazit
Dieses Seminar hat alle relevanten Fragestellungen im Zusammenhang mit der zukünftigen Finanzierung des Journalismus aufgeworfen: Wie schlimm geht es den Tageszeitungsverlagen? Werden sie auch in Zukunft weiter so wirtschaften können wie bisher? Welche Zukunft hat der öffentlich-rechtliche Journalismus? Welche Chancen haben andere Finanzierungsformen wie Crowdfunding, neue journalistische Darstellungsformen im Internet und stiftungsfinanzierter Journalismus? Und was bedeutet das alles für die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten? Sollen sie frei oder fest arbeiten und unter welchen Bedingungen oder sollten sie am besten gleich ihre eigene Firma gründen?

Eine vollständige Antwort auf die Frage, wer den Journalismus von morgen finanziert, konnte das Seminar naturgemäß nicht liefern. Schließlich zerbrechen sich Manager schon seit Jahren darüber den Kopf. Es wäre vermessen, zu erwarten, dass 50 Teilnehmer mit 22 Referenten innerhalb von zwei Tagen eine Lösung finden. Das war aber auch nicht das Ziel des Seminars. Vielmehr ging es darum, die Teilnehmer zum Nachdenken über ihre eigene Zukunft anzuregen und ihnen mögliche Wege aufzuzeigen, wie die Finanzierung von Journalismus zukünftig gelingen könnte. In diesem Sinne hat das Seminar mit Sicherheit einen entscheidenden Beitrag leisten können. Oder, um es mit dem Tweet eines Teilnehmers zu sagen:

Julian Heck @julianheck
Mal ein fettes Lob an die @bpb_de für #bpb_jvm, eine grandiose Veranstaltung für Journalisten – kostenlos, aber nicht umsonst!

Da das Thema der zukünftigen Finanzierung des Journalismus nach wie vor brandaktuell ist und sich in den nächsten Monaten und Jahren auf dem Markt eine Menge tun wird, wäre es sicherlich spannend, diese Entwicklungen auch weiterhin durch Konferenzen, Tagungen und Seminare der Bundeszentrale für politische Bildung zu begleiten. Eine Fortsetzung dieses Medienseminars könnte sich zum Beispiel verstärkt mit neuen journalistischen Onlinemodellen beschäftigen und die Frage erarbeiten, wie die Menschen in Zukunft Nachrichten aufnehmen werden.

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