Bei strömenden Regen beten Teilnehmer auf einer Straße am Bahnhof Dammtor in Hamburg vor dem Beginn einer Kundgebung des umstrittenen salafistischen Predigers Pierre Vogel. Der islamistische Prediger hatte zu einer Kundgebung aufgerufen, an der nach Polizeiangaben etwa 1100 Teilnehmer teilnahmen.

Salafismus und Arabellion – Potential des Salafismus im arabischen Raum

1.7.2014
Islamwissenschaftler Hazim Fouad im Bonner Collegium Leoninum.Islamwissenschaftler Hazim Fouad spricht im Workshop über das Potential des Salafismus im arabischen Raum. (© Tobias Vollmer/bpb)
Seit dem Ausbruch des Arabischen Frühlings im Januar 2011 stehen die Muslimbrüder in Ägypten, auch Mainstream-Islamisten genannt, und ihre Ableger-Parteien in Libyen, Tunesien und Syrien im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit - insbesondere nach ihren erdrutschartigen Siegen in den ersten demokratischen Wahlen nach der Arabellion.

Doch die Muslimbrüder sind nicht die einzigen Akteure im islamistischen Spektrum im arabischem Raum. "Der Salafismus ist in allen Ländern der arabischen Welt verbreitet; salafistische Strukturen gib es seit 100 Jahren. Und obwohl diese sehr dynamische und heterogene Bewegung von keiner zentralen Organisation gelenkt wird, wächst die Zahl ihrer Anhänger und ihr Einfluss", stellte Hazim Fouad, Islamwissenschaftler und Salafismus-Experte beim Landesamt für Verfassungsschutz Bremen, zu Beginn seines Vortrags über das Potential des Salafismus im arabischen Raum fest.

Unter Ägyptens Langzeitdiktator Mubarak wurden die Salafisten im Vergleich zur Muslimbruderschaft oft als "apolitisch" klassifiziert. Und "sie wurden bis 2011 oftmals durch andere verschiedene Regime als religiöses Gegengewicht zu den populären Muslimbrüdern und ähnlichen Gruppen instrumentalisiert", stellte Hazim Fouad dar. Ihre ablehnende Haltung gegenüber der Teilnahme an parlamentarischen Wahlen änderte sich durch den Massenaufstand gegen das Mubarak-Regime 2011 grundlegend und führte zur bedeutsamsten Entwicklung innerhalb des Salafismus: der Etablierung von salafistischen politischen Parteien und damit der de facto Anerkennung der Gewaltenteilung und des politischen Systems.

Ab sofort vertraten salafistische Prediger die Ansicht, dass "Kritik und gewaltloser Protest gegen den Herrscher erlaubt und sogar zur (demokratischen?) Reform notwendig" sei, so Islamwissenschaftler Fouad. Politisch verfolgten sie das Ziel, "schariakonformere" Politik im Sinne von mehr Partizipations- und Oppositionsmöglicheiten zu ermöglichen. Bei der ersten echten freien Parlamentswahl 2011 in Ägypten bekamen die Salafisten den zweithöchsten Stimmanteil. Dadurch stellten sie unter Beweis, dass sie politisch ernst genommen werden müssen.

Dabei bilden auch Ägyptens Salafisten keinen einheitlichen Block, sondern stellen mittlerweile mit über zehn Parteien und vielen weiteren Bündnissen eine äußerst heterogene Bewegung dar. Grob unterteilen lässt sich die Szene nach Fouads Ansichten in drei Strömungen: "Zunächst gibt es die nach wie vor größte salafistische Partei al-Nur sowie ihr nahestehende Prediger. Daneben agieren die ehemals gewaltsamen Gruppen al-Jama'a al-Islamiyya und al-Jihad und ihre politischen Parteien. Schließlich existiert noch das gewaltbefürwortende Spektrum der Jihadisten um Ahmad Aschusch und Muhammad al-Zawahiri, dem Bruder von Ayman al-Zawahiri".

Veränderungen nach den "Arabellions"



Die gewaltsame Absetzung des islamischen Präsidenten Mursi durch das ägyptische Militär führte zur Teilung der salafistischen Bewegung in ein regimetreues und oppositionelles Lager. Neben der Etablierung von salafistischen politischen Parteien zeigt diese uneinheitliche Haltung zum Militärputsch eindrucksvoll, dass "die verschiedenen Gruppierungen des aktiven politischen Salafismus sich schlecht auf einen Nenner bringen lassen", erläutert Fouad. Während die "Nur-Partei" sich hinter das Vorgehen des Militärs gestellt hat, bleibt die Jama'a al-Islamiyya auf der Seite der Muslimbrüder. Unterdessen bleibt die Befürchtung bestehen, dass sich die Jama'a al-Islamiyya und ihr Parteiableger aufgrund fehlender Einbindung in das politische Geschehen wieder der Gewalt zuwenden könnten.



 

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