Straßenszene am Brandenburger Tor

21.1.2015

Identität im Wandel? Eindrücke vom Deutschland-Café

Was ist "deutsch"? Keine leichte Frage für die Teilnehmenden der Diskussionrunden im Deutschland-Café. Einfache Antworten gab es keine, stattdessen eine Vielfalt an Vorstellungen und Facetten, was alles "deutsch" sein kann.

Diskussionsrunde "Was ist "deutsch"? Identität(en) und gesellschaftliche Gestaltungskraft"Diskussionsrunde "Was ist "deutsch"? Identität(en) und gesellschaftliche Gestaltungskraft" (© bpb)

14:15 Uhr: das Läuten einer kleinen Glocke eröffnet die erste von drei Gesprächsrunden im Deutschland-Café. Nach der Methode eines World-Cafés soll in den nächsten 90 Minuten an runden Tischen zu der Frage "Was ist deutsch?" diskutiert werden. In allen Ecken des Raumes beginnen die Gespräche. Gemurmel liegt in der Luft. Eine Zeichnerin zückt ihren Stift und beginnt mit ersten Skizzen - sie wird die Veranstaltung auf ihre Art dokumentieren.

Was ist (alles) "deutsch"?

An den Tischen wird eifrig über die Frage "Was macht mich als Deutsche/r, in Deutschland Lebende/r aus?" diskutiert. An einem Tisch sitzen Deutsche mit polnischer Herkunft, ein Deutsch-Engländer mit zwei Pässen, Griechen ohne deutschen Pass, dafür mit 30 Jahren Erfahrung in Deutschland, junge deutsche Frauen mit türkischen, iranischen und afrikanischen Wurzeln sowie Deutsche, mit deutschem Pass und deutscher Familiengeschichte. Auch die anderen Tische mischen sich hinsichtlich Alter, Geschlecht und Herkunft.

Die Sprache wird an einigen Tischen zuerst als Merkmal der Identität genannt, "denn die Muttersprache ist einmalig, so gut beherrscht man keine zweite", sagt ein Mann. Widerspruch: bei einigen am Tisch haben die Eltern unterschiedliche Muttersprachen und die Kinder sprechen beide gut. Die Tradition "zum Beispiel an Weihnachten", damit nähert sich ein anderer Tisch der Frage. Eine gemeinsame Tradition und Kultur als verbindendes Element, das die Menschen in unterschiedlichen Regionen als "Deutsche" eint - ob in Bayern, Baden oder Brandenburg.

Ist meine Identität ortsgebunden oder nehme ich sie immer überall mit hin? fragt sich gerade ein anderer Tisch. Keine einfache Frage. Später, in der Podiumsdiskussion, wird diese Frage durch den Begriff der sozialen Identität wieder aufgegriffen: Zu einem gewissen Grad passt man sich seiner Umgebung an und füllt die Rolle vorrangig aus, in der man angesprochen wird.

Für viele an den Tischen scheint eine gemeinsame Geschichte, eine Historie auf die sich berufen wird, elementarer Bestandteil der deutschen Identität zu sein. "Doch gerade das hat Deutschland erst seit 25 Jahren wieder gemeinsam", sagt eine Lehrerin an einem anderen Tisch.

Übereinstimmend wird zudem an verschiedenen Tischen formuliert, dass Identität ein dynamischer Prozess ist und sich die Definition von Identität über die vergangenen Jahrzehnte immer wieder gewandelt hat und perspektivisch auch weiter wandeln wird.

Die Glocke klingelt - das Ende der ersten Diskussionsrunde ist erreicht. Die Gäste wechseln die Plätze und suchen sich neue Tischpartner. Was bedeutet das alles für Deutschland? ist die Frage der nächsten Runde und wieder beginnt das Gemurmel.

Was bedeutet das für unser Land?

Einige Tische haben mit der Diskussion über ethnische Vielfalt in Deutschland aufgehört zu diskutieren und knüpfen in neuer Zusammensetzung direkt an. Die Einwanderung nach Deutschland, die unterschiedlichen Herkünfte und damit verbunden die Vielfalt der heutigen Gesellschaft, müssten doch Auswirkungen haben. Wenn die Identität sich in Abhängigkeit des hier und heute definieren lässt, warum ist es dann so schwer, in die deutsche Identität die vielen Menschen mit Migrationshintergrund aufzunehmen? "Warum fühlen wir uns ausgeschlossen, genauso, wie sich die Pegida-Anhänger aus der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen", fragt ein junger Mann in die Runde.

Eine mögliche Antwort dazu wird das nachfolgende Podiumsgespräch bringen: Zugehörigkeit entstehe, wenn man sich gebraucht fühlt, heißt es dann. Solange diskutiert die Tischrunde weiter, was dazu beitragen kann, sich deutsch zu fühlen.

Parallel sind sich viele Tische einig, dass es für die Deutschen schwer ist, sich als Deutsche/r zu identifizieren. Das liegt zum großen Teil an den Geschehnissen im Nationalsozialismus, soweit wird schnell ein Konsens erzielt. Manche hadern mit der deutschen Identität und so bleibt die Frage stehen: Dürfen wir stolz sein?

Dennoch gibt es auch "positive Erlebnisse in der jüngeren deutschen Geschichte, mit denen ich mich sehr gut als Deutsche identifizieren kann", sagt eine junge Frau und nennt die Fußballweltmeisterschaft, in der sie ein positives Deutschlandgefühl hatte. Die Wende durch die Friedliche Revolution gehört für einige am Tisch ebenso dazu.

Auch an anderen Tischen gibt es zum Teil Gespräche über einen Wandel der deutschen Identifikation weg von der rein negativen Sichtweise auf den Nationalsozialismus, hin zu einem positiven Erinnern, zum Beispiel an die deutsche Wiedervereinigung.

An der gemeinsamen Memo-Wand klingen die Begriffe zu diesen emotional geführten Gesprächen ein wenig abstrakt: man wolle weiterhin in einer gemeinsamen Werte- und Rechtegemeinschaft leben, Vielfalt als erhaltens- und wünschenswerter Zustand, Partizipation und Bürgerbeteiligung möglichst Vieler, steht z.B. dort geschrieben.

Die Glocke läutet zum letzten Mal den Beginn einer neuen Gesprächsrunde ein und die Teilnehmenden diskutieren in wiederum neuer Zusammensetzung die Frage, welche Bedeutung die gewonnenen Erkenntnisse für unsere Zukunft haben.

Welche Rolle spielt unsere Erinnerung für die Zukunft?

Einige Tische haben über das positive Deutschlandgefühl gesprochen und fragen sich nun, was die sich wandelnde Erinnerungskultur für Veränderung in der Gesellschaft mit sich bringen wird. Überlagert mittlerweile die Erinnerung an die deutsche Wiedervereinigung die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust? Und kann dieses gemeinsame positive Erinnern zu einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl beitragen? In jedem Fall sei die Friedliche Revolution ein wichtiger Moment für die deutsche Identität, heißt es an den Tischen. In der auf das Deutschland-Café folgenden Podiumsdiskussion wird diese Sicht später bestätigt werden.

Gleichzeitig kommt an den Tischen, ebenso wie später in der Podiumsdiskussion das Gespräch auf die Europäische Union. Was ist denn mit dieser Identität? Drei Jungen sitzen an einem Tisch und nicken: "Stimmt, die spielt für mich aber keine große Rolle - für Dich?" Das nachfolgende Podium setzt das Phänomen in den Kontext der Wiedervereinigung. Aufgrund der deutschen Teilung sei bis 1989 die nationale Identität der europäischen unterstellt gewesen. Quasi als Ersatzdefinition. Heute stehe die nationale Identität wieder stärker im Vordergrund, so die Analyse eines Podiumsgastes.

Die Veranstaltung endet, wie sie an den Tischen begonnen hat: mit intensiven Gesprächen und gleichmäßigem Gemurmel bei einem kleinen Empfang.

Die Gespräche des Tages haben erwartungsgemäß gezeigt, dass es nicht eine Antwort oder Definition auf die Frage "Was ist deutsch?" gibt. Vielmehr hat ein wichtiger Dialog über die Facetten des deutsch Seins und die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen stattgefunden.

Den Text der Dokumentation können Sie PDF-Icon hier herunterladen (PDF, 252 KB).