25 Jahre Mauerfall - Geschichte erinnern, Gegenwart gestalten

23.1.2015

Das Gedächtnis des Widerstands

Einer der Preisträger in der Kategorie "Organisation" ist die Robert-Havemann-Gesellschaft. Sie verfügt über die bedeutendste öffentlich zugängliche Sammlung und Dokumentation von Zeugnissen des Protests gegen die SED-Diktatur.

Olaf Weissbach, Geschäftsführer der Havemann-GesellschaftOlaf Weissbach, Geschäftsführer der Havemann-Gesellschaft (© bpb, Olivier Feist)

Berlin, Prenzlauer Berg. Im Hinterhof der Schliemannstraße 23 sitzt die Robert-Havemann-Gesellschaft, die auf drei Etagen das Archiv der DDR-Opposition beherbergt. Der Bestand umfasst rund 500 laufende Meter Schriftgut, z.B. Briefe, Flugblätter und Erinnerungen in Form von ca. 80.000 Fotos, 5.000 Videofilmen, 400 Audiokassetten, originale Transparente und Objekte aus der Zeit von 1945 bis 1990. Es ist das Gedächtnis des Widerstands in der DDR und erinnert somit auch an die friedliche Revolution und an den Mauerfall im Jahr 1989.

Aufgrund der enormen Anzahl an Dokumenten ist Olaf Weissbach, Geschäftsführer der Havemann-Gesellschaft, in der Lage, die Entwicklung der deutschen Einheit auch heute noch genau zu rekonstruieren. Die neuerlich bekannt gewordene Aussage des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl hält er daher auch für partiell unwahr. Kohl sagte laut seines Biografen Heribert Schwan, es sei falsch so zu tun, als sei die Einheit von der Bürgerrechtsbewegung herbeigeführt worden. Weissbach hält dagegen: "Eine Revolution wird immer durch Subjekte gemacht." Natürlich seien die desolaten wirtschaftlichen Verhältnisse in der DDR und in der Sowjetunion ein Faktor für die Wende gewesen. "Aber eben nur ein Teilaspekt, der die Leute in Ostdeutschland auf die Straße getrieben hat", betont Weissbach. "Denn in diesen wirtschaftlichen – nicht nur politischen Verhältnissen - wollten sie nicht mehr leben."

Die Robert-Havemann-Gesellschaft wurde am 19. November 1990, kurz nach Vollzug der Deutschen Einheit, als politischer Bildungsverein gegründet. Knapp zwei Jahre später, im Mai 1992, eröffnete sie bereits ihr Archiv. Die Gesellschaft ist nach dem Kommunisten und DDR-Regimekritiker Robert Havemann benannt, der 1951 der SED beitrat und bis 1963 Mitglied der Volkskammer in der DDR war. Ein Jahr später wurde er jedoch im Zuge einer Vorlesungsreihe an der Humboldt-Universität und eines kritischen Interviews in der Zeitung "Hamburger Echo" aus der SED ausgeschlossen. In den Jahren danach veröffentlichte er zahlreiche Publikationen, in denen er die SED erneut kritisierte. Seit 1976 überwachte ihn die Stasi. Schließlich wurde er unter Hausarrest gestellt, der allerdings nach drei Jahren aufgehoben wurde.

Eine zentrale Aufgabe der Havemann-Gesellschaft sieht Geschäftsführer Weissbach darin, die einzelnen Personen des Widerstands in Ostdeutschland ausreichend zu würdigen und wertzuschätzen. . Um dies zu gewährleisten, organisiert die Robert-Havemann-Gesellschaft regelmäßig entsprechende Veranstaltungen und Ausstellungen, dazu illustriert und visualisiert sie die Geschichte der Opposition mit zahlreichen Publikationen und Online-Projekten. So wird das Archiv für Schüler und Studierende zu einem aktiven Lernort. Auch Wissenschaftler aus ganz Europa und anderen Kontinenten nutzen das Archiv für ihre Forschungen. Hunderte Forschungsarbeiten, Radio- und TV-Beiträge, Filme und Ausstellungen zu Opposition und Widerstand in der DDR sowie zur Friedlichen Revolution stützen sich auf Quellen aus dieser Sammlung. Die Bedeutung des Archivs als Informationsdienstleister für Kulturschaffende, Presse- und Medienvertreter wächst von Jahr zu Jahr.

Somit leistet das Archiv der DDR-Opposition einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung über die kommunistische Diktatur und unterstützt das Zusammenwachsen von Ost und West. Für Weissbach ist dies das Hauptziel des Vereins, der aus sieben hauptamtlichen und einem ehrenamtlichen Mitglied besteht. "Wir wollen ja gerade vermitteln, dass das keine Regionalgeschichte von Leipzig oder Ost-Berlin ist, auch nicht von Ostdeutschland", sagt der Geschäftsführer, "sondern dass 1989 gesamtdeutsche Geschichte geschrieben wurde." Auch die Menschen in Westdeutschland sollten laut Weissbach stolz darauf sein und sich darüber freuen, dass ein Teil ihres Volkes etwas erreicht hat, was zum Vorteil aller Deutschen ist – nämlich die Wiedervereinigung und perspektivisch ein vereintes Europa.

Sowohl die Wissenschaft als auch die Politik bewertet die Bestände im Archiv als nationales Kulturgut. Immer noch erreichen jährlich bis zu 800 Anfragen aus dem In- und Ausland die Mitarbeiter des Archivs. Gelobt wird vor allem die Professionalität der Archivierung und der Nutzerbetreuung.

Heutzutage bildet das Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft einen enorm wichtigen Gegenpol zur staatlichen Überlieferung der 40-jährigen DDR-Geschichte, die durch die Ideologie des SED-Regimes, insbesondere durch die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit, verblendet ist. Das Archiv belegt eindrucksvoll, dass es Widerspruch und Widerstand in der DDR zu allen Zeiten gegeben hat.

Das Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft wird auch weiterhin beständig aktualisiert und erweitert, zum Beispiel um Dokumente des frühen Widerstands in der SBZ und der jungen DDR. Die notwendigen finanziellen Mittel, um den jährlichen Betrieb des Archivs zu gewährleisten, stammen ausschließlich aus Projektmitteln. Zu den wichtigsten Förderern gehören der Berliner Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Bundeszentrale für politische Bildung.


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