Tagung "Opa war in Ordnung!"

1.6.2015 | Von:
Gereon Schloßmacher

Eröffnung

Am 8. Mai 2015 jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zum 70. Mal. Anlass für die Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln sich der anderen Seite der Erinnerung an Krieg und Nationalsozialismus zuzuwenden.

Begrüßung durch Hanne Wurzel, Leiterin des Fachbereiches "Extremismus", Bundeszentrale für politische Bildung/bpbBegrüßung durch Hanne Wurzel, Leiterin des Fachbereiches "Extremismus", Bundeszentrale für politische Bildung/bpb (© NS-DOK/Jörn Neumann)

"Opa war in Ordnung!" – Erinnerungspolitik der extremen Rechten. So lauteten Anlass und Titel der ausgebuchten Tagung, zu der sich rund 130 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie verschiedene Akteure aus Forschung und Bildungsarbeit genau 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Kölner NS-Dokumentationszentrum trafen. Wie aktuell das Thema auch nach diesen sieben Jahrzehnten geworden ist, belegten zahlreiche Beispiele aus der Praxis, welche die über 20 Referentinnen und Referenten in Köln vorstellten und mit den Teilnehmenden diskutierten.

Den Auftakt machten Hanne Wurzel (Leiterin des Fachbereichs Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung) und der Gastgeber und Direktor des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Dr. Werner Jung. Bereits die Eröffnungsreden zeigten, wie breitgefächert das Thema der Tagung war und boten genügend Diskussionsstoff für wohl mehrere Tage: Wurzel sprach zu Beginn die sogenannte "Wehrmachtsausstellung", die mit Unterbrechungen ab Mitte der 1990er-Jahre in Deutschland zu sehen war, an und zeigte an dem Beispiel auf, dass die gesellschaftliche Debatte sich seit dieser Zeit durchaus weiterentwickelt habe. Diskussionen über die "saubere" Wehrmacht, wie sie noch 1995 geführt wurden, seien in dieser Form heute nicht mehr Gegenstand der wissenschaftlichen Auseinandersetzung.

Und dennoch gäbe es auch heute eine extreme Rechte in Deutschland, die sich selbst zur Aufgabe gemacht habe, die "Ehre der Großeltern" zu verteidigen, indem die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiert oder geleugnet würden. Angegriffen würde damit die Aufarbeitung und Beschäftigung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus im Allgemeinen.

Auch der aktuell in Lüneburg verhandelte Prozess gegen Oskar Gröning wurde angesprochen. Wurzel nannte in diesem Zusammenhang auch die demographische Problematik, dass infolge des Ablebens der letzten Zeitzeugen fortan nur noch Bücher und Quellen Auskunft über das Erlebte werden geben können. Auf Dauer würde sich daraus ein Wandel in der Erinnerungskultur ergeben. Manche Überlebende des Holocaust befürchteten daher, Leugner der Verbrechen des Nationalsozialismus könnten die Überhand in der Auseinandersetzung gewinnen. Auch wenn es schwer fiele, müssten auch solche Unbelehrbaren ernst genommen werden, schließlich suchten sie bewusst die Öffentlichkeit, um den Nationalsozialismus zu verherrlichen oder wenigstens in einem positiven Licht darzustellen.

Als das Anliegen der Tagung nannte Hanne Wurzel schließlich den erinnerungspolitischen Bezug auf den Nationalsozialismus durch die extreme Rechte. Diskutiert werden solle dabei auch besonders die Frage, welchen unterschiedlichen Zeitabschnitten sich die extreme Rechte, neben der Jahre 1933 bis 1945, widme.

Begrüßung durch Dr. Werner Jung, Direktor des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln (© NS-DOK/Jörn Neumann)
Dr. Werner Jung pflichtete Hanne Wurzel in seiner Ansprache bei und bestätigte ihre Einschätzung bezüglich der "Wehrmachtsausstellung". Eine vergleichbare Debatte sei heute in Deutschland erfreulicherweise nicht mehr denkbar. Auch sei das Wort des zu Jahresbeginn verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten Richard v. Weizsäcker vom 8. Mai als "Tag der Befreiung" anerkannt und verankert. Hier warf Jung jedoch einige Fragen auf: Wer wurde eigentlich befreit? Wir alle? Und von was?

Als Beispiel sprach er die Stadt Köln an und brachte damit die wichtige lokalgeschichtliche Perspektive ein: der linksrheinische Teil der Stadt habe "seinen" Tag der Befreiung nämlich bereits am 6. März erlebt und so sei die Erinnerung an das Kriegsende überall in Europa mit ganz unterschiedlichen Tagen und Ereignissen verknüpft. In Osteuropa seien die Tage der Befreiung zwar Tage der Befreiung vom Krieg gewesen, nicht aber Tage der Befreiung vom Unrechtsregime. Und für weite Teile der deutschen Bevölkerung habe die Befreiung in Form einer "großangelegten Selbstbefreiung" nach dem 8. Mai begonnen, eben durch die eigene Rehabilitation. Und da alle Geschichte lokal ist, bemühte Jung erneut das Beispiel Köln: Konrad Adenauer, der bis 1933 und erneut nach Ende des Krieges Oberbürgermeister der Stadt war, zitierte er mit den Worten: "keine große Stadt ist vom Krieg so schwer getroffen wie Köln. Und dabei hatte sie von allen deutschen Großstädten es am wenigsten verdient". Jung ergänzte dazu, Adenauer habe es sicher besser gewusst, aber eben auch gewusst, was seine Wähler hören wollten. Bis heute würde sich in der Domstadt dieser "Mythos Köln" von der eigenen Opferrolle im Nationalsozialismus rigoros halten. Vergessen würde, wie sehr man sich in Köln und auch überall anders mit dem Nationalsozialismus arrangiert habe, deshalb habe es auch der militärischen Niederlage Deutschlands unbedingt bedurft.

Eine wirkliche Befreiung – im wahrsten Sinne des Wortes – sei der 8. Mai hingegen für die vielen Tausend Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter, versteckte Judinnen und Juden sowie Deserteure gewesen, die Tage zuvor noch in weiten Teilen Deutschlands um ihr Leben fürchten mussten.

Abschließend stellte Jung fest, dass für weite Teile der Bevölkerung der Terminus eben nicht passe. Eine differenzierte Verwendung des Begriffes vom "Tag der Befreiung" sei daher unbedingt notwendig.


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