Tagung "Opa war in Ordnung!"

1.6.2015 | Von:
Gereon Schloßmacher

Dr. Gideon Botsch: Erinnerungspolitik der extremen Rechten

Für die extreme Rechte ist der Rückblick auf die Geschichte Auftrag und Verpflichtung für das Hier und Heute. Basierend auf biologistischen und kulturalistischen Konzepten wird eine Linie des eigenen Volkes von der Vergangenheit in die Gegenwart und die Zukunft gezogen. Diese Erzählungen propagieren mit der Glorifizierung des Nationalsozialismus nicht nur ein bestimmtes Gesellschaftsmodell, sie dienen der Binnenintegration und Stabilisierung des extrem rechten Milieus und tragen zur Selbstvergewisserung der Szene bei.

Dr. Gideon Botsch, Moses Mendelssohn Zentrum, Universität PotsdamDr. Gideon Botsch, Moses Mendelssohn Zentrum, Universität Potsdam (© NS-DOK/Jörn Neumann)

PD Dr. Gideon Botsch, vom Moses Mendelssohn Zentrum der Universität Potsdam, der im Anschluss das Podium betrat, widersprach seinem Vorredner direkt zu Beginn seines Vortrags. Zum einen seien 89 Prozent der Deutschen heute - laut einer aktuellen Studie der Körber Stiftung – der Meinung, der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung, nicht ein Tag der Niederlage gewesen – nur zehn Jahre zuvor hätten dies nur 35 Prozent der Befragten so empfunden. Und zum anderen sei der 8. Mai auch allgemein als Tag der Befreiung zu bezeichnen, stünde doch schließlich die Befreiung ganz Europas von einer auf Gewalt begründeten Diktatur mit diesem Datum in Verbindung. Dies sei erst einmal entscheidend, auch unabhängig von den sich später in den einzelnen Ländern etablierenden politischen Systemen.

"Erinnerungspolitik der extremen Rechten" war nicht nur der Name der Tagung, auch für seinen Vortrag hatte Gideon Botsch diesen Titel gewählt, der jedoch ein großes Problem bürge: Denn den Zugriff des radikalnationalistischen Milieus auf Geschichte sei mit dem Begriff der "Erinnerungspolitik" nicht angemessen zu charakterisieren. Vielmehr ginge es dabei um einen "Angriff auf die Erinnerung". Auch die Beschäftigung der extremen Rechten mit der Geschichte der Germanen sei in diesem Zusammenhang vor allem eine Beschäftigung mit Mythen und Fiktion. Ausführlich erläuterte Botsch seine Bedenken gegenüber einer undifferenzierten Nutzung des Begriffes. Anstatt von "Erinnerungspolitik" sollte besser von einer "historisch-fiktionalen Gegenerzählung" der extremen Rechten der Gegenwart gesprochen werden. Denn wo sich historische Erfahrungen nicht mehr im gewünschten Sinne interpretieren ließen, würden sie geleugnet und ihnen eine Geschichtsfiktion entgegen gesetzt – eine fiktive, eine "erfundene" Geschichte.

Große Bedeutung maß Botsch in diesem Zusammenhang dem weitgehenden Ausschluss des rechtsextremen Milieus von der politischen Macht in der Bundesrepublik bei. Dieser Ausschluss von Macht und politischer Verantwortung erlaube es den Akteuren, Tatsachenwahrheiten zu leugnen, ohne sich mit den Konsequenzen befassen zu müssen.

Botsch zitierte im Anschluss den Historiker Fabian Virchow, der die entscheidenden Elemente der "historisch-fiktionalen Gegenerzählung" der extremen Rechten bereits 2006 paraphrasierend zusammengefasst hatte: "Der Aufstieg Hitlers zur Macht sei Ergebnis einer gegen Deutschland gerichteten Politik. In den Zweiten Weltkrieg sei Deutschland getrieben worden. Der Angriff auf die Sowjetunion sei eine notwendige Präventivmaßnahme gewesen. Eine systematische Ermordung der europäischen Juden habe nicht statt gefunden. Die positiven Leistungen des Nationalsozialismus dürften nicht übersehen werden. Nach dem Krieg sei das deutsche Volk systematisch umerzogen worden, verbunden mit einer gezielten Einwanderungspolitik. Die kleine nationale, dies durchschauende Minderheit in Deutschland würde sich jedoch davon nicht aufhalten lassen." An dieser Erzählweise, führte Botsch aus, habe sich zwar nicht viel geändert, die extreme Rechte stünde mit ihrer Gegenerzählung jedoch weitgehend alleine dar. Noch bis weit in die 1980er-Jahre hätten sich zumindest Teile dieser durch Überzeichnung, das Auslassen von Tatsachen und die Verbreitung von offensichtlichen Unwahrheiten zu charakterisierenden Gegenerzählung mit gesellschaftlich verbreiteten und gängigen Sichtweisen gedeckt und sogar auch mit dem, was in Schule und Universität gelehrt wurde.

Botsch skizzierte die Veränderungen chronologisch entlang der Geschichte der Bundesrepublik, erinnerte an die so genannte Hakenkreuz-Schmierwelle im Jahr 1960 und das zähe Ringen um die Deutungshoheit in den folgenden Jahrzehnten – beispielweise in den Debatten um die Umbenennung einschlägig benannter Straßen, Schulen und Plätze.

1978 sei dann die letzte "wissenschaftliche" nationalsozialistische Gegenerzählung erschienen. Dies sei heute nicht mehr möglich, die Forschung eindeutig. Die extreme Rechte habe sich seitdem und bis heute vollständig aus der wissenschaftlichen Debatte zurückgezogen und betreibe nun eine Fundamentalopposition. Gerade ihre wissenschaftliche Chancen- und politische Machtlosigkeit verliehen ihr jedoch große Attraktivität, da keine Behauptung, keine noch so absurde These verantwortet oder belegt werden müsse. Die "historisch-fiktionalen Gegenerzählung" – angereichert mit Mythen und Verschwörungstheorien – strahle so auch weit über den Raum der extremen Rechten hinaus.

Die historisch-politische Bildung sei hier umso mehr gefordert: Zu ihren Aufgaben würde weiterhin zählen, historische Faktenwahrheit zu verteidigen und ihre Empfänger zu eigenständiger Meinungsbildung zu befähigen.


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