Tagung "Opa war in Ordnung!"

1.6.2015 | Von:
Gereon Schloßmacher

Prof. Dr. Lena Inowlocki und Dr. Michael Kohlstruck: Vom Nutzen der Erinnerung und Erinnerungslücken

Die Erinnerungspolitik der extremen Rechten kann häufig auf familiäre Überlieferungen zurückgreifen. Gerne beziehen sich Neonazis auf die "Heldentaten" ihrer (Ur-)Großeltern im Nationalsozialismus. Und dort, wo deren Rolle beschwiegen wird, werden die Leerstellen mit eigenen Vorstellungen gefüllt – auch vom "Opa" als "Sturmführer bei der SS".

Prof. Dr. Lena Inowlocki, Frankfurt University of Applied Sciences, Frankfurt am MainProf. Dr. Lena Inowlocki, Frankfurt University of Applied Sciences, Frankfurt am Main (© NS-DOK/Jörn Neumann)

Prof. Dr. Lena Inowlocki von der Frankfurt University of Applied Sciences sprach im Anschluss über die Rhetorik der Rechtfertigung im Generationenverhältnis. Die Soziologin machte gleich zu Beginn ihrer Ausführungen deutlich, welch große Bedeutung familiengeschichtliches Erinnern in der Erinnerungspolitik der extremen Rechten habe, und dass dies in der Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in Deutschland zu selten berücksichtigt würde.

In der Tat würde Geschichte für rechtsextreme Jugendliche durch die Heroisierung der mit dem Nationalsozialismus verwobenen Familiengeschichte jedoch greifbar. Bereits hier ließ sich eine Verbindung zu den Thesen Gideon Botschs ziehen, der zuvor über die Attraktivität "historisch-fiktionaler Gegenerzählung" sprach: rechtsextreme Rekrutierung und Involvierung ließe sich nur verstehen, wenn die verlockende Wirkung von Behauptungen erkannt würde, die eigene Familiengeschichte zu heroisieren und greifbar zu machen. Eben weil sich rechtsextreme Gruppen auf reales Geschehen und damit auf reale Familien bezögen, sei ihre Erzählung so wirkungsvoll. Von immenser Bedeutung sei dabei die hermetische Verbindung, die rechtsextreme Rhetorik in Familien und Gruppen zwischen Älteren und Jüngeren stiftet. In ihrer Feldforschung sei die Professorin auf keinen Fall gestoßen, in dem es ein solches transgenerationales Verhältnis nicht gegeben hätte.

Tandemvortrag: Vom Nutzen der Erinnerung und Erinnerungslücken: Dr. Michael Kohlstruck, Zentrum für Antisemitismusforschung, Berlin (rechts)
Prof. Dr. Lena Inowlocki, Frankfurt University of Applied Sciences, Frankfurt am Main (rechts)
Moderation: Hanne Wurzel, Leiterin des Fachbereiches "Extremismus", Bundeszentrale für politische Bildung/bpb (Mitte) (© NS-DOK/Jörn Neumann)
Um die Wirkung der Erzählweise von einer primären Opferrolle der Deutschen im Nationalsozialismus zu verstehen, sei es zudem notwendig zu begreifen, dass diese bis in heute lebende junge Generationen fortwirke. Durch die von jungen Rechtsextremen als Marginalisierung deutscher und damit auch ihrer Geschichte begriffene Negierung einer primären Opferrolle der Deutschen im Nationalsozialismus verstehe sich auch die heute lebende Generation als Opfer. Dadurch würde schließlich die direkte Verbindung von der Eltern- bzw. Großelterngeneration auf die junge geschlossen. Diese Argumentationsmuster hätten sich bei rechtsextremen Gruppierungen, wie beispielsweise der Bewegung der "Identitären", etablieren können - auch wenn diese Gruppen sich nicht explizit auf den Nationalsozialismus bezögen.

Inowlocki schloss damit, dass dieser Aspekt in den verbreiteten Erklärungsansätzen zum Rechtsextremismus oft fehle. Insbesondere handele es sich um einen alltagstheoretischen Begründungs- und Rechtfertigungsdiskurs, gerade bei den gebildeteren Schichten.

Auf die große Bedeutung der "Opferrolle" in der extremen Rechten kam auch der Politikwissenschaftler Michael Kohlstruck vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin zu sprechen. Unkommentiert begann er seinen Vortrag mit einem Erlebnisbericht von einer Feierstunde des rechtsextremen "Altmärkischen Kreises der Bismarckfreunde", der u.a. der bekannte Revisionist Wolfgang Juchem, der heutige EU-Abgeordnete Udo Voigt (NPD) sowie der rechtsradikale Liedermacher Frank Rennicke beiwohnten. Juchem habe einen mit viel Pathos angereicherten "Geschichtsvortrag" gehalten und dabei sowohl den "ewigen Aggressor Frankreich" als auch den "Schandvertrag von Versailles" angesprochen, Voigt ein Grußwort an das Publikum gerichtet und Rennicke das ganze musikalisch begleitet – danach habe es Bratwurst und Hüpfburg gegeben.

Dr. Michael Kohlstruck, Zentrum für Antisemitismusforschung, Berlin (© NS-DOK/Jörn Neumann)
Kohlstruck nannte die Veranstaltung beispielhaft für verschiedene Beobachtungen, die er im Folgenden ausführte. So ließe sich an der Struktur der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Charakter der rechtsextremen als exklusiver, sozialer Bewegung und am Vortrag Juchems deutlich der Umgang bzw. die Instrumentalisierung der deutschen Geschichte mit dem Volk als zentralem Leitwert erkennen: "Einst habe der Hass anderer Völker auf eben dieses deutsche Volk das zweite Deutsche Reich in den Krieg getrieben und schließlich zerstört, der Vertrag von Versailles dann alle späteren Konflikte unvermeidbar gemacht." Durch diese Konstruktion der Unvermeidbarkeit von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg aufgrund äußerer Ursachen sei jede Schuldfrage obsolet. Zwar ignoriere der Rechtsextremismus in Deutschland damit die Geschichtswissenschaft völlig, intern folge er jedoch einer Logik, nämlich der Verklärung des eigenen Volkes als Opfer. Dieses "Täter-Opfer-Schema" bürge eine enorm starke Polarisierungswirkung der extremen Rechten als sozialer Bewegung und lade die notwendige "Wir-Sie-Unterscheidung" moralisch auf: Die extreme Rechte als die wirklichen, die wahren Deutschen stilisierte sich selbst zum Opfer, machtlos, jedoch im Recht gegenüber den Mächtigen.

In der folgenden Diskussion kam Kohlstruck erneut auf die Opferrhetorik der extremen Rechten zu sprechen. Sie gehe bewusst in die Welt der Gefühle und schaffe ein konkretes Gerechtigkeitsgefühl und -empfinden. Deutschland und die Deutschen – also die eigenen Nation – würden als Opfer dargestellt. Dies sei insbesondere bei den jungen Generation, konkret den 17- und 18-Jährigen, ein wichtiges Gefühl.

Prof. Inowlocki fügte dem noch hinzu, dass aus ihrer Sicht besser von einem Rechtfertigungsimpuls anstatt von Gerechtigkeitsempfinden gesprochen werden sollte. Wichtig sei – darin waren sich Kohlstruck und Inowlocki einig – den emotionalen Nutzen von Geschichtsvorstellung zu verstehen, da dies die Bedeutung von Geschichtspolitik begreifbar mache.

Auch wurde die Frage aufgeworfen, welche Bedeutung das Ableben der "Erlebnisgeneration" eigentlich auf Seiten der extremen Rechten habe, ob diesen Gruppen dadurch mit der Zeit sogar Argumente entzogen würden. Inowlocki widersprach. Zwar würden zum Beispiel Veteranenverbände natürlicherweise aufhören zu existieren, allerdings bildeten sich Nachfolgeorganisationen. Diese seien oftmals noch wesentlich radikaler eingestellt sowie auch gefährlicher: In der Erlebnisgeneration sei die eigene Schuld oft ausgeblendet worden, intern wussten aber alle von der eigenen Schuld. Dies sei bei nachfolgenden Generationen nicht der Fall.


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