Tagung "Opa war in Ordnung!"

Arbeitsgruppe (Do.): Geschichtsrevisionismus und die extreme Rechte


1.6.2015
Eine alternative, gegen die vermeintlich "einseitige" Quelleninterpretation der seriösen Geschichtswissenschaft gerichtete Geschichtsschreibung war stets ein zentrales Anliegen der extremen Rechten – mit dem Ziel einer weitreichenden Revision der jüngeren Geschichte. Ist das auch heute tatsächlich noch von Bedeutung für die extreme Rechte?

Dr. Brigitte Bailer, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien
Christian Mentel, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Moderation: Hans-Peter Killguss, Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Hans-Peter Killguss eröffnete die Arbeitsgruppe zum Thema Revisionismus, der sich – so seine Einschätzung – vor allem als "Angriff auf die Erinnerung" umschreiben ließe. Die historisch-politische Bildung habe dabei die Aufgabe die dunklen Ecken zu erhellen.

Revisionistische Literatur würde nach wie vor stark nachgefragt, in Online-Katalogen fänden sich unzählige Publikationen: Mit dieser aktuellen Einschätzung begann Brigitte Bailer ihre Ausführungen zum Thema. Zwar habe sich seit Ende der 1970er-Jahre thematisch nicht viel geändert, an Aktualität mangele es dem Thema jedoch nicht. Zwei große Themenbereiche der den Nationalsozialismus verharmlosenden Geschichtsverfälschung könnten ausgemacht werden: Zum einen der klassische Bereich der Schuldfrage, der Deutschland als "Opfer fremder Mächte" darstelle und seine Verbrechen leugne. Zum anderen eine Argumentationslinie, die alliierte Verbrechen gegen Deutsche in den Vordergrund rücke.

Letztlich sei es immer das gleiche Schema, so Bailer: Deutschland sei in den Krieg gezwungen worden, da es den anderen europäischen Staaten zu mächtig wurde, Verbrechen habe es nicht oder nur in Ausnahmefällen gegeben. Hinzu käme dann eine drastische Überhöhung deutscher Kriegsopfer – sei es durch die Bombardierung deutscher Städte oder durch Hunger in Gefangenenlagern nach Kriegsende. Die große Gefahr dabei sei, dass nicht nur Neonazis sich solchen Argumentationsmustern bedienten, sondern auch durchaus gebildete, interessierte Bürgerinnen und Bürger ohne Verbindung in die extreme Rechte.

Gegenstand der Diskussion war auch das Internet, das eine der größten Herausforderung in der Präventions- und Bildungsarbeit darstelle. Bailer fasste zusammen: "Schüler googlen!" Schnell lande man dann auf einschlägigen Seiten wie dem rechtsextremen "Online-Lexikon" Metapedia. Solche Angebote richtig einzuordnen müsse gelehrt werden.

Christian Mentel erklärte, dass Revisionismus ungleich Holocaust-Leugnung sei. Es sei sogar gefährlich, Revisionismus nur auf die bloße Leugnung der Shoa zu beziehen. Wichtig sei es jedoch, die verschiedenen Merkmale und Ausprägungen der Holocaust-Leugnung voneinander zu unterscheiden. Die klassische Leugnung der Verbrechen des Nationalsozialismus würde mittlerweile abnehmen, immer häufiger würde die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung Europas jedoch relativiert, dies auch fernab "klassischer" rechtsextremer Kreise: prominent seien Gleichsetzungen des Holocaust mit der Palästinapolitik Israels. Klassische Holocaustleugnung sei heute nicht primär rechtsextrem, sondern primär antisemitisch – so Christian Mentel.

Birgit Bailer kam in diesem Zusammenhang auf das Beispiel Österreich zu sprechen, wo der rechtsextreme FPÖ-Vorsitzende Hans-Christian Strache eine "Anbiederung" an Israel versucht habe, die jedoch bei seinen Wählern auf großen Widerspruch gestoßen sei. Antisemitismus sei äußerst vielseitig und würde auch über Zusammenhänge funktionieren, die zuerst absurd erschienen: Als Beispiel brachte Mentel im Anschluss die politische Linke in Frankreich, bei der aus einer anti-imperialistischen und -kapitalistischen Haltung eine Anti-Haltung gegenüber den USA erwüchse und so auch eine Anti-Haltung gegenüber Israel. In diesem Zusammenhang wurde gleichsam angesprochen, dass die jüdische Auswanderung aus Frankreich in den vergangenen Jahren in erschreckendem Maße zugenommen habe.

Diskutiert wurde auch die Fokussierung der Erinnerungskultur auf den Holocaust, wodurch u.a. die Kriegsschuldfrage oft außer Acht gelassen würde.

Ungeklärt blieb am Ende, welche Schlüsse in der Praxis nun gezogen werden könnten. Mehrere Teilnehmende mahnten an, in Schulen verstärkt Austausch mit Zeitzeugen zu organisieren so lange dies noch möglich sei. Auch Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern brächten oft mehr als viele Stunden Geschichtsunterricht. Große Einigkeit bestand darin, dass in Schulen die größte Gefahr nicht von klassischer Revision, sondern von einer immer öfter bei Schülern anzutreffenden "Schlussstrichmentalität" ausgehe.