Tagung "Opa war in Ordnung!"

1.6.2015 | Von:
Gereon Schloßmacher

Arbeitsgruppe (Do.): Rechtsextreme Heldengeschichten als Gegenerzählungen

Der Nationalsozialismus liefert der extremen Rechten einen Fundus an Erzählungen von Soldaten, Funktionären oder Angehörigen der NS-Bewegung, die die politische Idee personifizieren. Weithin werden Täter zu Helden umgedeutet, mit deren Charaktereigenschaften sich Neonazis identifizieren. Welche Funktionen haben diese Heldenepen?

Dr. Karsten Wilke, Universität Bielefeld
Dr. Christoph Kopke, Moses Mendelssohn Zentrum – Universität Potsdam
Moderation: Dr. Sebastian Winter, Universität Bielefeld

Christoph Kopke vom Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum machte den Aufschlag in der zweiten AG und umriss die Problematik. Er stieg mit dem Hinweis ein, dass ein zentrales Kernnarrativ im Rechtsextremismus existiere: der "Opfergang des deutschen Volkes", der sich in Texten der extremen Nachkriegsrechten mit den "ewigen Wahrheiten" von "Volk" und "Reich" verbinde. Diese Verbindung konkretisiere sich an einer Reihe "spezifischer, mythologisch aufgeladener Erinnerungsorte", wie beispielsweise den Themen Luftkrieg und Bombardierung (u.a Dresden, Magdeburg oder Pforzheim), Flucht und Vertreibung sowie der Roten Armee auf deutschem Boden.

Dabei fände immer eine Entkontextualisierung tatsächlicher historischer Ereignisse statt, die uminterpretiert würden. Es entstehe so eine "historisch-fiktionale Gegenerzählung", wie Gideon Botsch am Morgen bereits ausgeführt hatte. Wenn es dabei um "deutsche Opfer" gehe, würden diese in der Regel gleichgesetzt mit anderen Opfergruppen, vor allem der jüdischen Bevölkerung sowie den Sinti und Roma. Als relativ erfolgreiches Konzept (aus Perspektive der extremen Rechten) hätten sich Kampagnen erwiesen, wie beispielsweise gegen die sogenannte Wehrmachtsausstellung oder gegen die Wahrnehmung des 8. Mai als "Tag der Befreiung".

Betrachte man konkret den Heldenmythos zu den entsprechenden Narrativen, seien die Heldenerzählungen unterschiedlich gerichtet: nach innen etwa bezogen auf die "Blutzeugen der Bewegung" – darunter Horst Wessel oder Rudolf Hess – nach außen bezogen auf das deutsche Volk oder die Soldaten der Wehrmacht.

Im Anschluss stellte Karsten Wilke das Quellenmaterial vor. Anhand der Publikationen (sowohl aus der Zeit des Nationalsozialismus als auch jüngere Erscheinungen, oft Berichte ehemaliger SS-Angehöriger) sollte nun untersucht werden, wie Heldentum in den Dokumenten konstruiert würde. In der anschließenden Diskussion wurden die Ergebnisse von den Teilnehmenden vorgestellt und diskutiert:
  • Darstellung der SS als "Elite" und erster europäischer Freiwilligenarmee
  • Moral, Ehre und Treue als Leitbilder des Soldaten, durchdrungen vom Auftrag, für das Vaterland zu kämpfen
  • Darstellung des Krieges als Wettbewerb und entbehrungsreiches Abenteuer
  • Kameradschaft wird wiederkehrend betont oder in Bildern inszeniert
  • Tod wird nicht ausgespart, wobei in seinen Darstellungen der Tod als "ein Teil des Spiels" erscheint
Insgesamt seien die handelnden Personen in den Erzählungen zu positiven Rollenspielern stilisiert worden, gerade weil sie aus Idealismus und Sorge um das Vaterland handelten, Verfehlungen seien nicht wirklich vorgekommen. Festgehalten wurde in diesem Zusammenhang, das solche Selbstbilder nur bedingt anschlussfähig seien, eben nur dort, wo Menschen (i.d.R. Männer) für solche auch empfänglich sind.

Abschließend wurde festgehalten, dass zu derartiger Literatur bisher kaum kritisch gearbeitet wurde. Die Inszenierungspraxen müssten systematisch herausgearbeitet und auf ihre Anschlussfähigkeit auf Seite der Rezipienten untersucht werden.