Tagung "Opa war in Ordnung!"

1.6.2015 | Von:
Gereon Schloßmacher

Arbeitsgruppe (Do.): Die extreme Rechte und der Germanenmythos

Mit der Rezeption des Germanenmythos knüpft die extreme Rechte an den Nationalsozialismus an. Konstruiert wird eine biologistische Kontinuität von einer möglichst weit zurückreichenden, mythischen Vergangenheit bis zur Gegenwart. Ur- und frühgeschichtliche Fundorte und Bodendenkmäler dienen ihr dabei vielfach als Projektionsfläche und als völkisch aufgeladene Identifikationsräume.

Karl Banghard, Archäologisches Freilichtmuseum Oerlinghausen
Jan Raabe, Argumente & Kultur e. V., Bielefeld
Moderation: Doreen Mölders, Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz

Zum Einstieg in die Arbeitsgruppe zur "extremen Rechten und Germanenmythos" stellten die Referenten zwei Beispiele vor – ein qualitatives und ein quantitatives – die verdeutlichen sollten, dass es bei dem Rückgriff auf die Germanenerzählung nicht nur um Mythen und Männerkult gehe.

Qualitatives Beispiel:
In einem Zeitungsbericht lautete es "Krankem Kind Insulin verweigert". Dabei ging es um ein Gerichtsurteil des Landesgerichts Hannover, bei dem Eltern eines Kindes verurteilt wurden, nachdem sie ihrem Kind das Insulin verweigert hatten. Sie hatten die moderne Schulmedizin abgelehnt und stattdessen auf die Natur "zurückgriffen" (Honig und Sonne), um das Insulin zu substituieren. Das Kind trug den Namen Sighild und wurde an einem Berghügel beerdigt. Das Beispiel zeige, welchen existentiellen Bezug die extreme Rechte zum Germanenmythos haben könne.

Quantitatives Beispiel:
In der ersten Ausgabe der Zeitschrift "Blood & Honour" (die im Jahr 2000 verboten wurde) hatte ein Drittel aller Seiten einen Bezug zum Germanischen (Runen, Götterwelt, Kultstätten). Insbesondere die rechtsextreme Jugendkultur enthalte zahlreiche Bezüge zum Germanenmythos.

Im Anschluss wurden die acht Einstellungsformen der extremen Rechten (nach Richard Stöss) vorgestellt und ihre Ausprägung hinsichtlich des Germanenmythos.

Einstellungsdimensionen Germanisierte Ausprägung
Nationalismus Germanisches Blut & Boden/ Lebensraum
Rassismus Blond, blauäugig, aufrechte Germanen
Antisemitismus Germanische Natur vs. Jüdische Wüste, konkret vs. verkopft
Autoritarismus Das germanische Führerprinzip
Sozialdarwinismus Survival of the fittest, ewiger Kampf
Sexismus Germanen kämpfen, Germaninnen kochen
Ethnozentrismus "Das kommt aus dem Norden", kulturschaffende Völker aus dem Norden
Pro-Nazismus Germanische Divisionen und germanisches Hakenkreuz

Die Referenten zeigten so auf, dass sich alle Elemente der extremen Rechten germanisieren ließen. Es gäbe auch eine feministische Interpretation des Germanentums und das Frauenbild sei ohnehin ambivalent: Frauen würden zwar sehr selbstbewusst gezeigt, gleichzeitig seien aber die Rollenmodelle traditionell. Die Relevanz des Germanischen sei unterschiedlich wichtig, je nach Ausrichtung der rechten Strömung.

Anschließend wurde diskutiert, was die zentralen Kategorien seien, beziehungsweise was im Germanenmythos der extremen Rechten transportiert würde. Unterschieden wurden dabei die Themen Rasse, Kampf und "Überzeitlichkeit" – also die Existenz einer Kontinuität von den Germanen bis zu heute lebenden Generationen.

Im Rahmen einer Gruppenarbeitsphase wurde ein Video der NPD Osnabrück aus dem Jahr 2009 zum Thema "2000 Jahre germanischer Freiheitskampf" gezeigt. Die Teilnehmenden diskutierten anschließend, welche ideologischen Elemente des Germanentums in der extremen Rechten anzutreffen seien und welche ideologischen Aussagen zum Germanentum das Video enthalte. Ähnlich wie bei den anschließend beispielhaft vorgestellten CD-Covern – mit denen Bezug auf die Jugendkultur in der extremen Rechten genommen wurde – waren die wiederkehrenden Elemente: der Kampf, die Bedeutung des Volkes, der Führerkult, "Blut und Boden", der Ahnenkult, Bedrohungsszenarien, Männlichkeit, Gewalt und heidnische bzw. antichristliche Symbolik.

Diskutiert wurde abschließend, wo die Grenze zwischen rechtsextremer Einstellung mit Germanenbezug und einem allgemeinen Interesse an Germanen, Mythen, Erzählungen und Fantasy läge. Schließlich sei nicht jeder, der sich für Germanen interessiere, auch rechtsextrem eingestellt. Die Herausforderung sei hier, einen Mittelweg zwischen Trivialisierung und Skandalisierung zu finden. Als ein weiteres Problem aus Sicht der politischen Bildung könne sich auch das vielerorts kommerzielle Interesse von Städten und Tourismusverbänden darstellen, die historischen Stätten vermarkten wollten, jedoch kein Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung hätten.

Offen blieb die Frage, wie germanische Mythen zu entlarven seien. Als problematisch wurde dargestellt, dass die allgemeine Erzählung zu Germanen in der breiten Bevölkerung nah an den Bildern sei, die auch die extreme Rechte über die Germanen verbreite: mal als Barbaren, mal als ein Kulturvolk. Die Gefahr bestünde hier darin, dass diese Diskrepanz von extremen Rechten und ihrer Interpretation und Ideologie von Germanentum leicht gefüllt werden könnte.